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Die Salfranken: Ein Name aus Römermund, ein Gesetz mit Folgen

Geschichte & Funde Die Salfranken: Ein Name aus Römermund, ein Gesetz mit Folgen

Kaum ein Name der Frühgeschichte ist so berühmt und zugleich so schlecht gesichert wie der der Salier. Ein römischer Offizier schreibt ihn 358 nieder, ein Rechtsbuch trägt ihn bis heute im Titel, und die Königsfamilie, die das Frankenreich begründete, wird ihm meist zugerechnet. Ob dahinter ein Volk, ein Verband oder nur ein Sprachgebrauch der Römer steht, ist seit einem Vierteljahrhundert Gegenstand der Forschung. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, trennt Beleg von Deutung und sagt offen, was ich selbst gelesen habe und was nur über Zusammenfassungen.

Einordnung: Wer sind die „Salier“ der Frühzeit?

Mit „Salfranken“, „salischen Franken“ oder „Saliern“ (lateinisch Franci Salii oder kurz Salii) bezeichnet man einen Teil der Franken, der im 4. Jahrhundert am Niederrhein und in den heutigen Niederlanden und Belgien greifbar wird und aus dessen Umfeld das Königshaus der Merowinger hervorging. So steht es in den üblichen Handbüchern. Schon dieser Satz enthält drei Annahmen, die man einzeln prüfen muss: dass es einen Teilstamm gab, dass er Salier hieß, weil er sich so nannte, und dass die Merowinger zu ihm gehörten.

Eine Abgrenzung vorweg, weil sie ständig Verwirrung stiftet. Die Salier, die im Hochmittelalter als Könige und Kaiser regierten (1024 bis 1125), sind eine andere Geschichte und gehören nicht hierher. Beide führen denselben Namen, aber die deutsche Wikipedia betont für die Franken ausdrücklich, dass sie mit dem hochmittelalterlichen Herrschergeschlecht wenig zu tun haben. Eine belegte Abstammungslinie vom 4. ins 11. Jahrhundert gibt es nicht. Wer in diesem Beitrag „Salier“ liest, liest die Franken.

Auf dieser Seite gibt es bereits Texte zu den Franken insgesamt, zu den Toxandrern (dort stehen Julians Feldzug und das Land im Mittelpunkt), Chamaven, Chattuariern und Batavern. Hier geht es um die Salier-spezifische Frage: Was wissen wir über diesen einen Namen, und wie weit trägt er?

Der Name: Was bedeutet „Salii“?

Die ehrliche Antwort lautet: Es ist ungeklärt. Die englische Wikipedia, die sich auf die Forschungsliteratur stützt, führt mehrere Vorschläge an, und keiner hat sich durchgesetzt.

Der älteste Gedanke sucht den Namen im Gelände. Das Salland, eine Landschaft an der IJssel in den heutigen Niederlanden, trägt einen verwandten Namen, und die deutsche Wikipedia nennt es als möglichen Ursprungsraum. Ob der Landschaftsname vom Volk stammt oder das Volk vom Landschaftsnamen, ist damit nicht gesagt. Andere dachten an „Inselbewohner“, an das Wort für Salz (dagegen spricht, dass im Siedlungsgebiet kein Salzwasser lag) oder an lateinisch salire, „springen“; keine dieser Deutungen gilt als tragfähig.

Interessanter ist die jüngere Deutung. Der Sprachforscher Matthias Springer hat 1997 unter dem Titel „Gab es ein Volk der Salier?“ vorgeschlagen, das Wort sei germanisch und gehe auf ein Wort für „Genosse“ oder „Gefährte“ zurück, verwandt mit dem Wort Saal: Die Salier wären dann die „Saalgenossen“, Angehörige einer Gefolgschaft, und kein Volk im Sinne gemeinsamer Abstammung. Die englische Wikipedia nennt neben Springer einen Forscher Wagner; Springers weitergehende These, Salii sei ein germanisches Wort für alle Franken gewesen, bezeichnet sie als wenig akzeptiert. Springers Aufsatz selbst habe ich nicht gelesen; ich kenne die Deutung nur aus diesen Zusammenfassungen und aus einer Darstellung von Patrick Périn und Alain Dierkens, die ihm folgen.

Périn und Dierkens gehen noch einen Schritt weiter. Sie lassen die Bezeichnung „Salier“ für die westlichen Franken in ihrer Studie zu Belgica II im 5. Jahrhundert ganz fallen. Springer nach, so referieren sie, habe der Name keine ethnische und keine geographische Grundlage: Er sei in der Umgebung Julians entstanden, Ammianus habe ihn als Synonym für Franci übernommen, und das Adjektiv salicus bedeute so viel wie „nach salischem Recht lebend“ und sei auf alle Franken anwendbar gewesen. Das ist eine Positionsbestimmung, kein Konsens. Die deutsche Wikipedia hält ebenfalls für möglich, dass der Begriff „Anhänger fränkischer Gefolgschaften“ meinte und ethnisch fehlgedeutet wurde. Wer sich auf eine Seite schlägt, schlägt sich auf eine Hypothese.

Quellenlage: Was wir haben und wie nah wir ihm sind

Das gesamte Material zu den Saliern lässt sich in wenigen Gruppen ordnen. Dabei trenne ich, wie bei allen Beiträgen, was ich im Wortlaut gesehen habe, von dem, was ich nur über Zusammenfassungen kenne.

Ammianus Marcellinus (Res gestae, Buch 17, Kapitel 8) ist die zeitnaheste Quelle. Er schrieb gegen Ende des 4. Jahrhunderts, etwa drei Jahrzehnte nach den Ereignissen von 358, und er schrieb dem Caesar Julian wohlwollend zu. Die englische Loeb-Übersetzung von John C. Rolfe habe ich zu Kapitel 17,8,3 bis 5 eingesehen, aber keinen lateinischen Text. Die Stelle sagt ausdrücklich, Julian habe sich zuerst gegen die Franken gewandt, „those namely whom custom calls the Salii“, also die, „die der Sprachgebrauch Salier nennt“ (meine Übertragung). Dieses „der Sprachgebrauch nennt“ ist für die Namensfrage wichtig: Ammianus benutzt den Namen als etwas, das man so sagt, nicht als etwas, das die Betroffenen sich selbst gaben.

Zosimos (um 500) erzählt dieselbe Geschichte mit Zusätzen: Die Salier seien von Sachsen vertrieben worden und nach Batavia gezogen, ein Bericht, der sich nicht gegenprüfen lässt. Libanios, Redner am Hof und Zeitgenosse Julians, beschreibt laut Zusammenfassung der englischen Wikipedia denselben Blitzangriff und sagt, die Salier hätten um Land gebeten und es bekommen. Beide habe ich nicht im Wortlaut gelesen.

Die Panegyrici Latini, Lobreden auf Kaiser, gehören in die Vorgeschichte: Sie sprechen von Franken, die in den 290er Jahren auf römischen Boden umgesiedelt wurden, ohne den Namen „Salier“ zu verwenden. Manche Forscher halten diese Gruppen für die Vorfahren der späteren Salier; die Verbindung ist erschlossen, nicht ausdrücklich belegt. Die Notitia dignitatum, ein Verzeichnis römischer Ämter und Truppen, das nach der englischen Wikipedia in der heutigen Form wohl im frühen 5. Jahrhundert zusammengestellt wurde, nennt nach einer weiteren Zusammenfassung Einheiten Salii seniores, Salii iuniores Gallicani und einen numerus Saliorum. Vom Namen einer Einheit auf ihre Zusammensetzung zu schließen, ist riskant: Die Soldaten müssen keine Salier gewesen sein.

Claudian (um 400) und Sidonius Apollinaris (456 und 458) erwähnen Salier, wie die englische Wikipedia sagt, nur als rhetorische Figur in Lobgedichten und erzählen nichts über sie. Gregor von Tours, Bischof und Geschichtsschreiber, schrieb seine Historiae gegen 590, also über ein Jahrhundert nach Childerich; ich habe Gregors zweites Buch in Auszügen eingesehen (Satzabschnitte der Kapitel 9, 12, 27, 30 und 31 auf thelatinlibrary.com). In den abgefragten Teilen kam das Wort Salii nicht vor, doch die Seite brach mitten in Kapitel 37 ab, sodass ich nicht behaupte, Gregor kenne es überhaupt nicht. Das Pactus legis Salicae, das Rechtsbuch, ist die einzige Quelle, die den Namen im Titel führt, und gleichzeitig die jüngste der genannten Gruppen in ihrer erhaltenen Form: Eine merowingische Handschrift ist nicht überliefert, die ältesten stammen aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, so die Darstellung auf merovingianworld.com. Archäologisch sind das Childerich-Grab von Tournai und die Reihengräberfelder (Bestattungen in Reihen, mit Beigaben) wichtig; dazu unten mehr.

Ein einziger zeitgenössischer Text (Ammianus) benutzt den Namen für ein Ereignis; alles übrige sind Rückblicke, Lobreden und Rechtstexte.

Chronologie des Gesicherten

Gesichert heißt hier: durch einen Text oder einen Fund so belegt, dass die Fachliteratur nicht ernsthaft widerspricht. Die Jahreszahlen tragen unterschiedliche Fehlerbalken, und das ist unten jeweils vermerkt.

357/358. Julian zieht gegen die Salier, die sich nach Ammianus auf römischem Boden bei Toxandrien niedergelassen hatten, empfängt in Tongeren ihre Gesandtschaft, lässt sie durch den General Severus überfallen und nimmt ihre Unterwerfung samt Besitz und Kindern an. Das ist der einzige Moment der Frühzeit, in dem die Salier als handelnde Gruppe mit Namen auftreten. Das Land, die Quellen und die Frage, ob man von „Föderaten“ sprechen darf, behandelt der Beitrag zu den Toxandrern ausführlich.

Etwa 359 bis 440. Hier liegt ein Loch von fast hundert Jahren. Der Name „Salier“ erscheint nur noch in der Notitia und in Lobgedichten; der sagenhafte König Faramund, den die deutsche Wikipedia für diese Zeit nennt, ist nicht historisch gesichert.

Um 445 bis 450. Ein König Chlodio (Gregor schreibt Chlogio) greift von einem Ort namens Dispargum aus Cambrai an und dehnt sein Gebiet bis zur Somme aus (Gregor II,9). Lanting und van der Plicht setzen diese Vorstöße in die Jahre 445 bis 450. Sidonius schildert in seinem Lobgedicht auf Kaiser Majorian von 458 einen Überfall auf Franken bei einem Ort Vicus Helena, bei dem Aetius führte und Majorian die Reiter; die Schlacht wird um 448 angesetzt, der Ort ist unsicher (Hélesmes ist ein Vorschlag, daneben stehen mindestens vier weitere). Sidonius sagt „Franken“, nicht „Salier“. Chlodio heißt in den Quellen nie ausdrücklich Salier, wie die englische Wikipedia betont. Wo Dispargum lag, ist ungeklärt: Genannt werden Duisburg am Rhein, Duisburg bei Tervuren in Brabant und Diest.

463. Childerich erscheint in einem Kampf gegen die Westgoten bei Orléans, nach der deutschen Wikipedia wohl der erste sichere Beleg für ihn. Um 469/470 folgt Angers. 481 oder 482 stirbt er und wird in Tournai bestattet; das Datum ist errechnet, nicht überliefert.

486/487. Chlodwig besiegt Syagrius, den Sohn des Aegidius, der in Soissons einen römischen Restbereich hielt. 507 schlägt er die Westgoten bei Vouillé. Die Eingliederung der Rheinfranken fällt nach der gängigen Darstellung in die Jahre danach. Die Bischöfe tagten im Juli 511 in Orléans, und das ist das letzte Dokument, das Chlodwig lebend nennt.

Gregors Chlodwig-Chronologie sei, so die englische Wikipedia deutlich, „almost certainly fabricated“, also weitgehend konstruiert. Das betrifft vor allem Taufe und Tolbiacum, mit denen Gregor den Weg zum Katholizismus erzählt. Die Taufe in Reims wird traditionell auf Weihnachten 496 gelegt; vorgeschlagen wurden auch Jahre zwischen 498 und 506 und, mit Blick auf die Briefe an Avitus von Vienne, 508.

Tournai 1653: Das Grab Childerichs

Am 27. Mai 1653 stieß man bei Bauarbeiten nahe der Kirche Saint-Brice in Tournai auf ein Grab, das nach heutiger Zählung zu den berühmtesten des frühen Mittelalters gehört. Nach der deutschen Wikipedia enthielt es eine Spatha (ein zweischneidiges Langschwert) mit Goldgriff, einen Sax (das einschneidige Kurzschwert), eine Lanze, eine Wurfaxt, einen Schildbuckel, eine goldene Zwiebelknopffibel, einen Goldarmring, Gold- und Silbermünzen und etwa dreihundert goldene Bienenanhänger, die zu einem Gewand gehört haben sollen. Der Siegelring trug die Umschrift CHILDIRICI REGIS, „des Königs Childerich“, und gibt dem Fund seinen Namen. Die jüngsten Münzen stammen aus der Zeit Kaiser Zenons (474 bis 491); sie liefern einen frühesten möglichen Zeitpunkt der Bestattung, passend zu 481/482.

Der Schatz ist nicht mehr vollständig: In der Nacht vom 5. auf den 6. November 1831 wurde er aus der Pariser Bibliothèque nationale gestohlen, die Diebe schmolzen einen Teil ein, und nur ein Bruchteil blieb, darunter zwei Bienen. Wir kennen den Fund daher großenteils aus den Zeichnungen und Beschreibungen von Jean-Jacques Chifflet (Anastasis Childerici, 1655). Später fanden Ausgräber nach der deutschen Wikipedia 21 geopferte Pferde in einiger Entfernung vom Grab; Pferdeopfer gelten als nichtchristlich, was aber nur vorsichtig zu deuten ist. Ob alle Funde zu einer einzigen Bestattung gehören, ist umstritten.

Wichtiger als jeder Gegenstand ist, was das Grab nicht beantwortet. Es nennt keinen Stamm: Der Ring sagt „König“, nicht „Salier“. Kein Text, den ich gesehen habe, nennt Childerich ausdrücklich einen Salier; Gregor spricht von einem König der Franken. Dass die Handbücher die Merowinger den Saliern zurechnen, ist eine Konvention. Ob Childerich ein dynastisch legitimierter König oder ein gewählter Heerführer mit römischer Rückendeckung war und ob er als „Stadtkönig“ von Tournai nur lokal wirkte, ist laut deutscher Wikipedia offen. Einen Hinweis auf seine römische Seite gibt ein Brief des Bischofs Remigius von Reims an Chlodwig: Er habe gehört, dass Chlodwig die Verwaltung der Belgica secunda übernommen habe, der römischen Provinz mit Reims als Hauptort. Das lässt auf eine Doppelrolle des Vaters als römischer Amtsträger und fränkischer Anführer schließen.

Über die Reihengräber, also die in Reihen angelegten Gräberfelder des 5. bis 7. Jahrhunderts mit Waffen bei Männern und Schmuck bei Frauen, liest man gelegentlich, sie zeigten die Landnahme der Salier. Das ist zu viel gesagt. Périn und Dierkens betonen, dass sie nicht „Salier“ identifizieren, sondern Verbreitungen von Gegenständen nutzen, um fränkische Bewegungen zu verfolgen; dieselben Schwerttypen finden sich auch bei Alamannen. Ein Grab verrät Rang, Mode und Bestattungssitte, keinen Verbandsnamen.

Lex Salica: Das Rechtsbuch des Namens

Die Lex Salica, in ihrer ältesten Form Pactus legis Salicae („Vertrag des salischen Gesetzes“), ist das wichtigste schriftliche Erbe, das den Namen trägt. Die übliche Datierung setzt die Aufzeichnung in die Zeit Chlodwigs, 507 bis 511. Karl Ubl hält dagegen, so die deutsche Wikipedia, den Kern schon für Mitte des 5. Jahrhunderts, als die Franken noch Föderaten des Reiches waren; einzelne Titel gehören nach demselben Artikel erst ins späte 6. Jahrhundert. Eine merowingische Handschrift fehlt, die ältesten Abschriften sind karolingerzeitlich oder stammen vom späten 8. Jahrhundert. Die frühesten Schreiber, heißt es weiter, waren romanischsprachig und verstanden die eingestreuten germanischen Wörter nicht mehr. Diese Wörter, die Malberg-Glossen (nach mallobergo, grob „Gerichtsstätte“), zeigen frühes Niederländisch in lateinischer Umgebung und sind für die Sprachforschung wertvoll, weil sie sonst fast nichts überliefern.

Inhaltlich ist die Lex Salica kein Gesetzbuch im heutigen Sinn, sondern ein Katalog von Bußen. Nach der deutschen Zusammenfassung richtet sich die Höhe nach Stand und Opfer: ein getöteter Galloromane mit 100 Solidi (Goldmünzen), ein freier Franke mit 200, ein Tischgenosse des Königs mit 300 und ein Krieger der königlichen Gefolgschaft mit 600. Hinzu kommen Beleidigungen, die ebenfalls Geld kosteten, und Strafen für Unfreie, die nur selten mit dem Tod endeten. Der Geldwert eines Menschen heißt Wergeld; er sollte Blutrache durch Ausgleich ersetzen. Ein Drittel der Bußen ging an den Grafen. Ob solche Sätze praktisch galten oder eher einen Maßstab für das Verhältnis der Taten zueinander lieferten, ist selbst Gegenstand der Forschung, und Hermann Nehlsen sah nach der Darstellung auf merovingianworld.com eine Kluft zwischen praktischem und aufgeschriebenem Recht. Den ersten Überblick zu den Rechtsvorstellungen der Frühzeit findet man in unserem Beitrag zu den germanischen Stammesrechten.

Berühmt wurde ein Halbsatz zum Erbrecht. Er lautet nach der deutschen Wikipedia: De terra autem Salica nulla in muliere hereditas est, „vom salischen Land soll keine Erbschaft an eine Frau fallen“. Gemeint ist ein bestimmtes Land, wahrscheinlich Besitz im Zusammenhang mit der königlichen Verwaltung, nicht der Thron. Um 570 schwächte Chilperich I. die Regel ab. Als es 1316/17 in Frankreich um die Nachfolge Ludwigs X. ging, wurde die Lex Salica nach der englischen Wikipedia noch nicht ausdrücklich angeführt; erst 1358 berief sich Richard Lescot auf sie. Das „Salische Gesetz“ der Thronfolge ist also eine späte Auslegung einer Klausel über Ackerland.

Schließlich ein Nachsatz für den Raum Aachen: Die Lex Salica wurde unter Karl dem Großen überarbeitet. Die englische Wikipedia führt die Lex Salica Emendata unter dem Jahr 798, mit Zusätzen aus den Rechten der Ribuarier, Alamannen und Sueben. Ob sie in Aachen entstand, steht in den gelesenen Zusammenfassungen nicht.

Gesellschaft, Gefolgschaft und Kriegführung

Von den Kriegern der Frühzeit lässt sich wenig mit Namen verbinden. Römische Quellen zeigen sie als Teil eines Systems: Rom brauchte Soldaten, die Salier brauchten Land. Nach der englischen Wikipedia verlangte Julian von Saliern und Chamaven Soldaten, und die Notitia nennt Einheiten mit dem Namen der Salier. Das zeigt Römer, die fränkische Gruppen als Kontingente behandeln; wie die Salier selbst kämpften, ist daraus nicht zu lesen.

Etwas konkreter wird es mit Waffen: In Childerichs Grab lagen Spatha, Sax, Lanze, Wurfaxt und Schild. Ein einzelnes Königsgrab ist als Muster für „die“ fränkische Ausrüstung aber eine schmale Grundlage. Die Lex Salica kennt antrustiones, Männer der königlichen Gefolgschaft, deren Tötung mit 600 Solidi gebüßt wird: Das spricht für eine Kriegerschicht, die eng an den König gebunden war. Wie groß sie war, steht nicht in den Texten, die ich gesehen habe. Gregor erzählt, nach Chlodwigs Taufe hätten sich „mehr als dreitausend“ aus seinem Heer taufen lassen (II,31: „amplius tria milia“); über die Heeresgröße sagt das nichts. Grundlagen zur Kriegführung bieten Germanische Kriegsführung und für die Karolingerzeit Karolingisches Heerwesen.

Zur Gesellschaft gehört die Religion. Die englische Wikipedia nimmt an, dass vorchristliche Vorstellungen bis zu Chlodwigs Übertritt um 500 weiterbestanden; die Quellenlage dafür ist dünn. Gregor erzählt die Taufe in Reims als Schlüsselszene mit dem Ruf des Remigius „Mitis depone colla, Sigamber“ („Beuge sanft deinen Nacken, Sigamber“, II,31, mein Deutsch): eine literarische Szene eines Bischofs, der ein Jahrhundert später schrieb.

Regionaler Bezug: Toxandrien, Tongeren, Tournai, Köln, Aachen

Für das Rheinland und den Raum Aachen sind die Salier ein Nachbarschaftsthema. Das Land, in dem Ammianus sie fasst, Toxiandria, liegt in den Kempen zwischen Maas und Schelde. Tongeren, wo Julian die Gesandten empfing, liegt in Belgisch-Limburg, gut vierzig Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt. Mehr als diese Nähe lässt sich nicht behaupten; die Begegnung fand nicht in Aachen statt.

Tournai (Turnacum) im heutigen Wallonien ist der erste Ort, an dem sich eine fränkische Herrscherfamilie festmachen lässt, weil dort Childerich begraben liegt. Für Chlodwigs Weg nach Osten ist Köln wichtig, wo ein eigener Teilkönig saß, den die englische Wikipedia nach Gregor Sigibert „den Hinkenden“ nennt: Er soll bei Tolbiacum verwundet worden sein und wurde um 509 durch Mörder im Auftrag seines Sohnes Chloderich getötet; Chlodwig ließ danach auch Chloderich töten und sich von den Kölnern zum König erheben. Das kenne ich nur aus Zusammenfassungen. Ob Tolbiacum mit Zülpich gleichzusetzen ist, bleibt umstritten; mehr im Beitrag Zülpich.

Aachen gehört erst später in die Geschichte. Die Karolinger, die ihre Macht aus dem Maas-Mosel-Raum aufbauten, waren keine Merowinger; Karl der Große baute Aachen zur Pfalz aus, drei Jahrhunderte nach Childerich. Wie die Wikinger später diesen Raum erreichten, steht bei Wikinger in Aachen, zu den Völkern vor Ort bei Germanen im Rheinland.

Salier und Ripuarier: Eine Trennung, die wackelt

Lange galt es als ausgemacht, dass die Franken in zwei Stämme zerfielen: die Salier im Westen, zwischen Loire und Kohlenwald, und die Ripuarier am Rhein, ungefähr von Mainz bis Duisburg, mit Köln als Zentrum. Das Fundament dieser Ansicht waren zwei Rechtsbücher, die Lex Salica und die Lex Ribuaria. Die englische Wikipedia nennt dieses Teilungsbild heute weitgehend aufgegeben. Die Lex Ribuaria wird nach dieser Darstellung zumeist als Recht für den Kölner Rheinraum gesehen und in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts datiert; der Vorschlag, sie sogar erst im frühen 8. Jahrhundert anzusetzen, stammt von Springer. Auch der Name Ripuarii gilt seit den 1950er Jahren nicht mehr als Stammesname; als Herleitung kommen das lateinische ripa („Ufer“), eine romanische Wurzel oder eine römische Grenzeinheit in Betracht, und die erste klare Erzählstelle mit ribuarius für die Leute um Köln steht im Liber Historiae Francorum von etwa 726/27.

Beide Namen gehören ins Recht, beide wurden von Historikern zu Stämmen gemacht. Wer „der westfränkische“ und „der Rhein-Stamm“ sagt, liest zu viel in zwei Buchtitel hinein.

Nachleben und Legende: Troja, Pannonien und ein Meerestier

Die Franken suchten früh nach einer Herkunftsgeschichte, und die Salier bekamen einen Platz darin. Gregor von Tours berichtet in II,9, viele erzählten, die Franken seien aus Pannonien gekommen, hätten den Rhein überschritten und sich, so die Stelle in Segmenten, „nach Gauen oder Städten“ langhaarige Könige gewählt (regis crinitos; ich habe nur diese Satzteile gesehen, den Zusammenhang nicht). Gregor gibt das als Hörensagen weiter; die englische Wikipedia vermutet, er habe der Geschichte nicht recht getraut.

„De huius stirpe quidam Merovechum regem fuisse adserunt, cuius fuit filius Childericus.“
„Aus seinem Geschlecht, so behaupten manche, sei König Merowech gewesen, dessen Sohn Childerich war.“Gregor von Tours, Historiae II,9; lateinischer Satz nach thelatinlibrary.com, in einer Auszugsabfrage gelesen. Die deutsche Fassung ist meine eigene Übersetzung. „Huius“ bezieht sich auf Chlodio.

Der Satz ist klein und trägt viel. Er ist die einzige Stelle bei Gregor, die Merowech erwähnt, und er hängt an einem „quidam adserunt“: Manche behaupten es. Die englische Wikipedia hält offen, ob Merowech ein Sohn Chlodios und überhaupt eine historische Gestalt war. Im 7. Jahrhundert kam die Sage dazu: Die Chronik des Fredegar (III,9) erzählt, Chlodios Frau sei beim Baden einem Meerestier begegnet, und es sei unklar, wer der Vater sei, das Tier oder der König. Die Abstammung der Merowinger von einem Meeresungeheuer ist damit kein Wissen über die Salier, sondern eine Familienlegende.

Fredegar kennt auch die trojanische Herkunft: Die Franken stammten von geflohenen Trojanern ab, und eine Stadt am Rhein heiße Troja, vermutlich Xanten. Der Liber Historiae Francorum baut das etwa ein Jahrhundert später aus. Beides sind gelehrte Gründungserzählungen; die Salier tauchen darin nicht als eigene Gruppe auf, sondern die Franken insgesamt.

In der Neuzeit wurde die Klausel zum Ackerland zum „Salischen Gesetz“ der Thronfolge; die deutsche Wikipedia führt sie noch bei der Trennung Großbritanniens von Hannover 1837 und der Niederlande von Luxemburg 1890 an. Das zeigt, wie weit ein Name tragen kann.

Was offen bleibt

Gab es ein Volk der Salier? Springer und die ihm folgenden Archäologen sagen nein, die Handbücher sagen ja. Eine Entscheidung ist nicht in Sicht.

Herkunft. Ob die Salier aus Batavia kamen, wie Zosimos erzählt, aus dem Salland oder aus Gruppen, die Rom um 293/294 ansiedelte, lässt sich nicht entscheiden.

Die Merowinger. Dass sie Salier waren, ist eine Konvention. Kein Text, den ich eingesehen habe, nennt Childerich oder Chlodwig so.

Chlodios Lage. Dispargum, die Rolle Tournais und der Vicus Helena sind ungeklärt, ebenso, ob die Beteiligten Salier waren.

Das Recht. Die Datierung der Lex Salica reicht je nach Forscher von der Mitte des 5. Jahrhunderts bis ins späte 6.; die Bedeutung des Namens im Titel ist offen.

Was bleibt, ist wenig und doch viel: ein Satz bei Ammianus, ein Grab in Tournai, ein Rechtsbuch mit einem Namen, der von Römern oder von den Betroffenen selbst stammen kann.

Was gesichert ist

  • Ammianus Marcellinus (17,8,3) nennt für 358 die Franken, „die der Sprachgebrauch Salier nennt“, auf römischem Boden bei Toxandrien; Julian unterwirft sie.
  • Die Merowinger Childerich (gestorben 481/482, Grab in Tournai 1653 entdeckt) und Chlodwig (gestorben 511) sind historische Gestalten, Childerichs Siegelring nennt ihn „König“.
  • Die Lex Salica ist das Rechtsbuch der Franken zwischen Loire und Kohlenwald; eine Handschrift aus merowingischer Zeit fehlt, und die Datierung ist umstritten.
  • Die Trennung in zwei Stämme, Salier und Ripuarier, gilt heute weitgehend als überholt.
  • Die Salier des Hochmittelalters (Kaiserhaus 1024 bis 1125) sind nicht die Salfranken.

Mythos-Check

  • „Die Salier waren ein germanischer Stamm mit eigener Geschichte.“ Das ist Handbuchwissen; ob der Name ein Volk meint, ist umstritten (Springer 1997).
  • „Julian siedelte die Salier als Föderaten an.“ Ammianus spricht von Unterwerfung; das Wort „Föderaten“ ist eine moderne Verdichtung (siehe Toxandrer).
  • „Chlodio war der erste salische König.“ Die Quellen nennen ihn Frankenkönig, nicht Salier.
  • „Die Merowinger stammten von einem Meeresungeheuer ab.“ Das ist Fredegars Legende (7. Jahrhundert), keine Quelle für das 5.
  • „Die Franken stammen von den Trojanern ab.“ Eine gelehrte Gründungsgeschichte des 7. und 8. Jahrhunderts.
  • „Das Salische Gesetz schloss Frauen vom Thron aus.“ Die Klausel betrifft Land; als Thronregel wurde sie erst im Frankreich des 14. Jahrhunderts ausgelegt.
  • „Die Salier sind die Kaiserfamilie des 11. Jahrhunderts.“ Gleicher Name, keine belegte Abstammung.

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