Zwei Sätze bei Jordanes, mehr gibt es nicht: Die Vidivarier sitzen dort, wo die Weichsel in drei Armen ins Meer fließt, und sie sind, so der Gote, „aus verschiedenen Völkern“ zusammengekommen. Kein anderer antiker Autor nennt sie. Dieser Beitrag liest beide Stellen im lateinischen Wortlaut, stellt die Forschung zu Namen, Wielbark-Kultur und Elbląg-Gruppe daneben und markiert genau, wo aus einer Beobachtung eine Deutung wird.
Manche Völker des Altertums kennt man aus Dutzenden Stellen, aus Inschriften, Gräbern und Münzen. Die Vidivarier (lateinisch Vidivarii, in der zweiten Stelle Vividarii, deutsch auch Widiwarier) gehören nicht dazu. Ihr Name steht, soweit die Forschung das überblickt, ausschließlich bei Jordanes, und zwar an genau zwei Stellen seiner Getica. Wer über sie schreibt, schreibt deshalb immer auch über den Autor, über seine Vorlage und über die Frage, wie viel man aus so wenig Text herausziehen darf.
Das Briefing zu diesem Artikel sprach von „Getica 36 und 17“ und von Ostgermanen im Weichselraum. Die Zählung ist missverständlich, und die Zuordnung ist weniger eindeutig, als sie klingt. Gemeint sind das Kapitel 5, Abschnitt 36, und das Kapitel 17, Abschnitt 96; manche Ausgaben und Darstellungen zählen das zweite Kapitel als XVI. Dass Jordanes die Vidivarier „germanisch“ nennt, steht nirgends; er nennt sie ein zusammengesetztes Volk. Beides wird unten genauer behandelt.
Jordanes, ein Mann gotischer Abkunft, der im Umfeld des oströmischen Reiches lebte, schrieb die Getica nach den Angaben der Forschung um das Jahr 551 in Konstantinopel; Peter Heather rechnet mit 552, Walter Goffart mit 554. Er selbst sagt, er habe das zwölfbändige Werk des Cassiodor über die Goten nur für wenige Tage in die Hand bekommen und müsse sich auf sein Gedächtnis und andere Stützen verlassen. Cassiodors Werk ist verloren. Die Getica sind damit eine Zusammenfassung aus zweiter Hand, und was sie über das Weichselland sagen, geht auf Vorlagen zurück, die wir nicht mehr prüfen können.
Die Forschung geht mit dem Text uneinheitlich um. Manche, etwa Arne Søby Christensen und Michael Kulikowski, halten große Teile der frühen gotischen Geschichte bei Jordanes für erfunden oder stark zurechtgebogen; Goffart bezweifelt die Herkunftserzählung von der Insel Scandza. Andere nehmen sie ernster. Für die Vidivarier ist das wichtig, weil beide Stellen im ersten, am stärksten umstrittenen Teil des Werkes stehen. Mehr zum Hintergrund der Goten steht im Beitrag über die Goten.
Die erste Stelle steht in Jordanes' Beschreibung der Welt nördlich des Schwarzen Meeres und der Donau. Er schildert zuerst Dakien, dann die Venether (Veneti), die er „von der Quelle der Weichsel“ her siedeln lässt, und geht anschließend an die Ostseeküste. Dort heißt es, am Ufer des Ozeans, „wo die Wasser des Flusses Vistula durch drei Mündungen verschwinden“, säßen die Vidivarier. Der lateinische Satz lautet in den Ausschnitten, die ich über The Latin Library lesen konnte: „Ad litus autem Oceani, ubi tribus faucibus fluenta Vistulae fluminis ebibuntur, Vidivarii resident, ex diversis nationibus adgregati“. Die Schreibung adgregati statt aggregati ist die der benutzten Ausgabe; gemeint ist dasselbe.
Darauf folgt: „post quos ripam Oceani item Aesti tenent, pacatum hominum genus omnino“, also: nach ihnen halten die Aesti das Ufer des Ozeans, ein durch und durch friedfertiges Volk. Südlich davon nennt Jordanes die Akatziren, die keinen Ackerbau kennen und von Herden und Jagd leben. Die Aesti (lateinisch Aesti, in der Forschung meist als Vorfahren baltischer Gruppen verstanden) behandelt der Beitrag über die Aestier ausführlich.
Der Ort ist klar umrissen: eine Küste mit mehrarmiger Flussmündung. Die Weichsel (polnisch Wisła) hat dort heute ein Delta mit mehreren Armen, und das Frische Haff, eine flache Meeresbucht hinter einer Nehrung, war damals nach den Angaben der Forschung größer als heute. Dass Jordanes' „drei Mündungen“ diese Landschaft genau treffen, wäre eine Interpretation; er sagt nur, was er gehört hatte.
Die zweite Stelle steht in einem ganz anderen Zusammenhang. Jordanes fragt dort, wie die Gepiden mit den Goten verwandt seien. Er erzählt, die Goten seien unter ihrem König Berig in drei Schiffen aus Scandza gekommen; das letzte, langsamste Schiff habe die Gepiden getragen, und ihr Name komme von einem gotischen Wort für „träge“ (gepanta). Das ist ein Wortspiel, das die Forschung nicht als sicher gelten lässt.
Dann erzählt er, die Gepiden, „von Neid getroffen“, hätten in der Provinz Spesis auf einer von den Furten der Weichsel umflossenen Insel gesessen, die sie in ihrer Vätersprache „Gepedoios“ nannten. Weiter heißt es nach dem Latein der benutzten Ausgabe: „Nunc eam, ut fertur, insulam gens Vividaria incolit ipsis ad meliores terras meantibus“, also: Diese Insel bewohnt jetzt, wie man sagt, das Volk der Vividarier, während die Gepiden selbst in bessere Länder gezogen sind. Die Gepiden erscheinen hier als Vorgänger. Von „Nachbarn“ im engen Sinn kann man nicht sprechen; Jordanes lässt die Vidivarier in das Gebiet nachrücken, das die Gepiden verlassen haben. Das Wort ut fertur („wie man erzählt“) zeigt zudem, dass er sich auf Hörensagen stützt. Wo diese Insel lag, ist umstritten; als wahrscheinlichster Vorschlag wird in der polnischen Forschung (J. Okulicz) die Elbinger Höhe genannt, die damals von einem viel größeren Frischen Haff umgeben war. Mehr über das Volk, das die Insel verließ, steht im Beitrag über die Gepiden.
Der zweite Satz der Stelle 17,96 ist der berühmteste. Jordanes schreibt: „Qui Vividarii ex diversis nationibus ac si in unum asylum collecti sunt et gentem fecisse noscantur.“
Diese Vividarier sind aus verschiedenen Völkern gleichsam in einem einzigen Zufluchtsort zusammengebracht worden, und man weiß, dass sie daraus ein Volk gemacht haben.Jordanes, Getica 17,96; eigene Übersetzung nach dem lateinischen Wortlaut der Edition auf The Latin Library (nur als Textausschnitt abgerufen); sinngemäß, nicht Wort für Wort
Drei Dinge fallen auf. Erstens steht dort nationes, im Latein dieser Zeit etwa „Stämme, Völkerschaften“. Zweitens vergleicht Jordanes die Entstehung mit einem asylum; das Wort ruft das römische Gründungsbild auf, nach dem Romulus eine Freistatt öffnete, in die sich Flüchtlinge und Abenteurer aus der Umgebung sammelten. Das ist Rhetorik des Spätlateiners und kein Augenzeugenbericht. Drittens steht dort noscantur, „man weiß“ oder „es ist bekannt“, in der Form eines Gerüchts. Aus dem Satz lässt sich daher mit Sicherheit nur ablesen, dass Jordanes' Quellen die Vidivarier als Mischverband beschrieben haben. Wie dieser Verband entstand, wer dazugehörte, wie groß er war, sagt der Text nicht.
Wichtig ist auch, was der Satz nicht enthält: ein Herrscherwort, ein Datum, eine Zahl, einen Anführer. Die Vidivarier handeln bei Jordanes nie. Sie sitzen nur da, und der Text erklärt, warum sie keinen einheitlichen Ursprung haben. Das ist für ein Volk, das man gern zu einem Baustein der Völkerwanderungsgeschichte machen möchte, erstaunlich wenig.
Zur Namendeutung gibt es mehrere Angebote, und keines ist beweisbar. Der zweite Teil -varii kommt in vielen germanischen Völkernamen vor: bei den Ampsivariern und den Angrivariern, bei den Baiuvarii, den Bajuwaren, und anderen. Nach der verbreiteten Deutung, die die deutschsprachige Wikipedia im Anschluss an den Artikel „Vidivarier“ von Friedrich E. Grünzweig und Herwig Wolfram im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (2007) wiedergibt, steckt ein germanisches Wort für „Bewohner“ darin, das sich als *-warijōz rekonstruieren lässt. Eine ältere Wurzel ist damit nicht gesichert; die Wikipedia vermerkt ausdrücklich, die genaue Herkunft sei unklar.
Der erste Teil ist offener. Er kann zu germanisch *widuz gehören, „Holz“ oder „Wald“, womit die Vidivarier die „Waldbewohner“ wären, gelegentlich auch als „Leute des heiligen Hains“ gedeutet. Daneben stehen in der polnischen Forschung (Thesaurus des Projekts „Migration Period between Odra and Vistula“) weitere Lesarten: eine altpreußische („im Inneren liegendes Land“), eine baltisch-germanische Mischform und eine slawische, die sich auf eine Nebenform Vinidiair stützt. Dass der Name am Ende germanisch klingt und der Verband zugleich als zusammengesetzt beschrieben wird, passt zu einer Mischung aus germanischen und baltischen Gruppen; es beweist sie nicht, denn Jordanes gibt die Namen in seiner eigenen Lautgestalt wieder.
Das Briefing nannte außerdem Ptolemäus' „Ouiktoualoi“ als möglichen Vorläufer. Dafür fand ich keine Belege. Ptolemäus (2. Jahrhundert) nennt in seiner Geographie östlich der Weichsel unter anderem Gythones, Finni, Sulones und die Venedae; einen Namen, der Ouiktoualoi lautet und mit den Vidivariern zu verbinden wäre, konnte ich weder in den von mir gelesenen Zusammenstellungen noch in der Literatur zu den Vidivariern finden. Die Form bleibt deshalb ungeprüft. Ebenso fand ich den im Briefing genannten Namen „Chaldeen“ in keiner Quelle zum Thema. Das altenglische Gedicht Widsith kennt zwar die Wistlawudu, den „Weichselwald“, in dem die gotische Heimat gesehen wird, es nennt aber weder Vidivarier noch Chaldäer; ein Beleg für eine Verbindung liegt also nicht vor.
Wer die Vidivarier verstehen will, muss die Landschaft kennen, in der sie auftauchen. Die Wielbark-Kultur ist eine archäologische Kultur der römischen Kaiserzeit; sie ist nach einem Gräberfeld bei Wielbark (deutsch Willenberg) in Nordpolen benannt, wo 1873 zum ersten Mal Gräber aufgenommen wurden. Sie entstand um die Mündung der Weichsel im Raum Danzig und Kulm, dehnte sich später nach Süden und Osten bis an den oberen Dnister aus und wird von der Forschung etwa in die Zeit vom 1. bis ins 5. Jahrhundert datiert. Ihr Kennzeichen sind Körpergräber neben Brandgräbern, wenig Waffen in den Bestattungen und eine Frauentracht mit zwei Fibeln an den Schultern.
Römische Autoren verorten in dieser Gegend die Gutones, die Rugii und die Lemovii. Viele Historiker und Archäologen schließen aus Jordanes und Tacitus, dass die Vorfahren der Goten, der Rugier und der Gepiden die Kultur politisch trugen; Peter Heather setzt sie in den germanischen Kulturkreis. Die Wielbark-Kultur beeinflusste auch die Entstehung der Černjachiv-Kultur am Schwarzen Meer entscheidend. Mehr zu den Namensträgern steht in den Beiträgen über die Gutonen und die Rugier.
Zu den Vandalen, die das Briefing erwähnte, fand ich keine Quelle, die sie mit den Vidivariern in Verbindung bringt. Das Volk selbst wird im Beitrag über die Vandalen behandelt; hier bleibt nur festzuhalten, dass die Belege für eine Nähe zu den Vidivariern fehlen.
Spätestens im 5. Jahrhundert verschwindet die Wielbark-Kultur als erkennbare Einheit; in Nordpolen halten sich nach der archäologischen Literatur noch vereinzelt kleine Inseln, bevor Fundgruppen auftreten, die man mit frühen Slawen verbindet. Pollenanalysen an 52 Fundstellen in Nord- und Mittelpolen sprechen nach einer Zusammenfassung von Adam Ziółkowski für eine Bevölkerungskrise ab dem 3. Jahrhundert und für Wiederbewaldung im 5. und 6. Jahrhundert, mit Ausnahmen wie Masuren. Der Wiederanstieg setzt demnach erst im späten 7. Jahrhundert ein.
Das ist der Hintergrund, vor dem die Vidivarier erscheinen: kein dicht besiedeltes Land, sondern eine Region, in der große Teile der Bevölkerung gegangen waren. Die Gepiden zogen weg, wie Jordanes erzählt; Goten und andere Gruppen verließen im Lauf der Jahrhunderte den Raum. Was blieb, waren Reste und Neuankömmlinge. Die Forschung benutzt dafür das Wort Restgermanen, ein Begriff für Gruppen, die nach dem Abzug der Mehrheit zurückblieben. Ob die Vidivarier im Kern Nachfahren solcher Zurückgebliebenen waren, ist eine Deutung. Die Quelle sagt es nicht.
Die polnische Forschung hat ein Fundbild beschrieben, das zu den Vidivariern passen könnte: die Elbląg-Gruppe (deutsch Elbinger Gruppe) östlich der unteren Weichsel um das heutige Elbląg. Sie gilt als westbaltische Kultur mit eklektischem, also gemischtem Charakter. Der Thesaurus des Projekts „Migration Period between Odra and Vistula“ sieht in ihrer älteren Phase den wahrscheinlichen materiellen Niederschlag der Vidivarier, mit möglichen gotischen und gepidischen Resten aus der Wielbark-Zeit und germanischen Zuzüglern von anderswo. Bartosz Kontny hat in seinem Beitrag „The Making of the Vidivarii: Germanic and Baltic Interculturation in the Late 5th Century“ (Brill, 2020) das Zusammenwachsen germanischer und baltischer Elemente im späten 5. Jahrhundert untersucht. Den Wortlaut des Kapitels konnte ich nicht lesen; ich kenne nur den Titel und die bibliographischen Angaben.
Adam Ziółkowski nennt die Gleichsetzung in seiner Besprechung des Bandes „sehr wahrscheinlich“, räumt aber zugleich ein, dass sich die Chronologie der Gruppe schwer fassen lässt: Waffen tauchen erst im späten 6. Jahrhundert wieder in den Gräbern auf, Beigaben verschwinden im frühen 7. Jahrhundert. Wer eine Datierung braucht, bekommt sie nur ungefähr. Eine zusätzliche Warnung ist angebracht: Eine Fundgruppe und ein Name aus einer schriftlichen Quelle lassen sich nie ohne Rest übereinanderlegen. Das Etikett „Vidivarier“ für die Elbląg-Gruppe ist eine Hypothese mit guten Gründen, kein Beweis. Die Wikipedia spricht von einer „Widiwar-Stufe“ der Wielbark-Kultur; das ist mir als Fachbegriff nicht belegt, und da Willenberg nur die deutsche Namensform für Wielbark ist, bleibt die Formulierung unklar.
Ein weiteres Indiz sind Funde von Solidi, den spätrömischen Goldmünzen. Der Thesaurus ordnet Solidihorte aus der zweiten Hälfte des 5. und dem frühen 6. Jahrhundert den Vidivariern zu. Nach Ziółkowski ist Ostpommern der älteste und größte Empfänger von Solidi in der Ostseezone; er folgert, das Weichselmündungsgebiet könne ein Umverteilungspunkt für Münzen nach Skandinavien gewesen sein. Auch das ist eine Deutung, die in dem Aufsatz auf Funden beruht, aber nicht in einer antiken Quelle steht. Der Beitrag über Bernstein behandelt das Material, das diese Küste berühmt machte. Dass die Vidivarier selbst Bernstein handelten, steht allerdings weder bei Jordanes noch in einer Quelle, die ich gelesen habe.
Eine aufschlussreiche Randnotiz liefert Cassiodor, den Jordanes ausgezogen hat: In einem Brief im Namen Theoderichs dankt er den Aesti für gesandten Bernstein. Das stammt aus der Wikipedia-Zusammenfassung zu den Aesti; den Brief selbst habe ich nicht gelesen.
Mehr als drei Jahrhunderte nach Jordanes taucht in einer ganz anderen Quelle eine Landschaft auf, die man gern mit den Vidivariern verbindet. Im Altenglischen Orosius, der im Umkreis König Alfreds des Großen entstand, berichtet der Seefahrer Wulfstan von einer Reise von Haithabu nach Truso, die „in sieben Tagen und Nächten“ gedauert habe. Truso liege am See, aus dem die Ilfing fließe. Die Weichsel (Wisle) sei ein sehr großer Fluss, der Witland und Weonodland trenne und in den Estmere münde, das heutige Frische Haff. Und: „þæt Witland belimpeð to Estum“, Witland gehöre zu den Este (Esten, Aesti). Die Zitate kenne ich aus der Zusammenstellung auf jassa.org, nicht aus einer kritischen Ausgabe.
Die Forschung hat früh gefragt, ob Witland den Vidivariern sprachlich entspricht. Die deutsche Wikipedia nennt diese Verbindung ausdrücklich und führt sie auf die Vorarbeiten zurück; belegen lässt sie sich nicht. Wulfstan erwähnt die Vidivarier nicht, und ein bruchloser Bogen von Jordanes' Küstenvolk des 6. Jahrhunderts bis zu einem Landesnamen des 9. Jahrhunderts wäre eine Annahme über mehr als drei Jahrhunderte. Ziółkowski führt auch den Zusammenhang zwischen dem Handelsplatz Truso und den Vidivariern als bloße Hypothese an, die sich derzeit nicht prüfen lasse. Wer an der Ostsee nach Spuren der Wikingerzeit sucht, findet Truso im weiteren Zusammenhang des Beitrags über Wikinger an der Ostsee und, auf der anderen Seite des Meeres, im Beitrag über Ralswiek. Eine verbürgte Vidivarier-Station ist keiner dieser Orte.
Das Briefing nannte Wandalen, Gepiden und Aesti als mögliche Bestandteile des Verbandes. Von diesen drei Namen steht in den Quellen nur der der Gepiden in einer Verbindung zu den Vidivariern, und auch sie ist nur räumlich: Die Vidivarier sitzen auf der Insel, die die Gepiden verlassen haben. Die Aesti liegen nach 5,36 „nach ihnen“ am Ufer, sind also Nachbarn und keine Bestandteile. Jordanes sagt an anderer Stelle, der gotische König Ermanarich habe das Volk der Aesti unterworfen (Abschnitt 120 der Ausgabe). Das ändert nichts am Verhältnis zu den Vidivariern, die dort nicht vorkommen.
Aus der Kombination der Hinweise ergibt sich ein Bild, das die Forschung als möglich ansieht: ein Verband, der im Lauf des 5. Jahrhunderts aus Resten der ehemaligen Wielbark-Bevölkerung, aus germanischen Zuwanderern und aus baltischen Gruppen hervorging. Die Quellen liefern für keine dieser Komponenten einen Namen. Wer „Gepiden und Wandalen“ als Bestandteile ausgibt, spricht schneller, als es der Text erlaubt.
Warum erscheinen die Vidivarier überhaupt in den Getica? Eine mögliche Deutung, die sich aus dem Aufbau ergibt, lautet: Sie sind Staffage. Im Kapitel 5 gehören sie zum Panorama der Völker am nördlichen Ozean. Im Kapitel 17 erklären sie, wo die Gepiden einmal gesessen haben und warum die Insel nicht mehr gepidisch ist. In beiden Fällen dienen sie der Beschreibung, nicht der Handlung. Das schließt nicht aus, dass der Name auf eine reale Gruppe zurückgeht, aber es erklärt, weshalb Jordanes sie nirgends in Kämpfe, Verträge oder Namenslisten einbindet.
Auch die Zeit ist unscharf. Jordanes schreibt um 551 und beschreibt eine Lage, die entweder seiner eigenen Gegenwart oder älterem Wissen entstammt. Der Thesaurus ordnet das Auftauchen der Vidivarier dem 6. Jahrhundert zu, möglicherweise etwas früher, nach dem Weggang der Gepiden. Kontnys Titel spricht vom späten 5. Jahrhundert. Beides ist mit dem Wortlaut vereinbar; wer ein Jahr nennt, geht über die Quelle hinaus.
Gesichert ist, was bei Jordanes steht: zwei Stellen, ein Küstenvolk an der Weichselmündung, eine Mischherkunft, die Nachfolge auf der Gepideninsel. Plausibel ist die Zuordnung der Elbląg-Gruppe als archäologisches Gegenstück, die Deutung des Namens als „Bewohner (des Waldes)“ und der Zusammenhang mit der Entvölkerung der Wielbark-Region im 5. Jahrhundert. Gedeutet bleiben die Herkunft des Namens aus dem Baltischen, die Verbindung zum Witland, die Rolle der Solidi als Zeichen einer Umverteilungsstelle und jede Aussage über ihre Sprache, Religion oder Zahl.
Ein Volk, das nur in zwei Sätzen vorkommt, lässt sich nicht erzählen. Man kann es einordnen: in eine Landschaft aus Weichselmündung, Frischem Haff und Bernsteinküste, in eine Folge von Kulturen und in eine Überlieferung, die über einen Konstantinopolitaner Goten zu uns kam. Die Lücken auszuweisen gehört zur Darstellung selbst. Wer sie füllt, erfindet.

Die Goten · Die Gepiden · Die Aestier · Die Rugier · Die Vandalen.
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