Über den Ort Wolin ist viel geschrieben worden, über die Menschen auffallend wenig. Dabei haben die Wolliner eine eigene Spur in den Quellen: einen Eintrag in einer Völkerliste des 9. Jahrhunderts, eine Schlacht im Jahr 967, den Widerstand gegen eine Mission und über Jahrhunderte Besuch von dänischen Flotten. Dieser Beitrag fragt nach dem Stamm, dem Land um die Stadt und den Leuten darin, und er trennt sauber, was Quelle ist und was spätere Forschung daraus gemacht hat.
Die Wolliner heißen in der Forschung je nach Sprache Wolinianie (polnisch), Wolliner oder Wolinen (deutsch), im Lateinischen Velunzani oder Uelunzani und bei Widukind von Corvey Vuloini. Gemeint sind die Slawen der Insel Wolin und des angrenzenden Festlands an der Mündung der Oder in die Ostsee. Der Name hängt offenbar am Ort, nicht umgekehrt: Wolin ist die Insel und die Siedlung, die Wolliner sind „die von Wolin“. Was der Ortsname selbst bedeutet, ist unsicher; die gängigen Erklärungen bleiben Vermutungen.
Für diesen Beitrag gilt eine einfache Arbeitsteilung. Der Handelsplatz, seine Gräber, seine Hafenanlagen und die Frage nach Jomsburg stehen im Artikel über Wolin. Hier geht es um die Menschen und das Land: Wer waren die Wolliner? Wie groß war ihr Gebiet? Zu wem gehörten sie? Schon die dritte Frage ist schwieriger, als sie klingt. Ob die Wolliner zu den Pomoranen oder zu den Lutizen zählten, ist in der Literatur nicht entschieden; ein polnischer Fachaufsatz zu Wolin vermerkt ausdrücklich, dass die Zugehörigkeit unklar sei. Wer eine klare Stammesgrenze erwartet, wird enttäuscht. Die frühmittelalterlichen Verbände an der Küste waren keine Staaten mit Grenzpfählen, sondern wandelbare Gruppen, die Fremde in Listen und Chroniken oft nur nach ihrer auffälligsten Burg oder Landschaft benannten.
Nach den Überblicksdarstellungen waren die Wolliner ein vergleichsweise kleines, aber dicht besiedeltes Volk. Der polnische Historiker Jan M. Piskorski rechnet für das 11. Jahrhundert mit einer Siedlung auf rund vier Quadratkilometer (zitiert nach der englischsprachigen Übersichtsdarstellung zu den Wolinians; Original nicht eingesehen). Eine polnische Darstellung nennt etwa 1200 Quadratkilometer und siebzig Siedlungen. Diese Zahl geht erkennbar auf die Angabe im Bayerischen Geographen zurück, sie ist also eine Umdeutung von civitates in Siedlungen und kein Befund.
Die früheste mögliche Erwähnung steht im sogenannten Bayerischen Geographen, einer kurzen Völkerliste des 9. Jahrhunderts, die in einer einzigen Münchner Handschrift (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 560) überliefert ist. Dort steht in der Zählung von Henryk Łowmiański als Nummer 37 Uelunzani civitates LXX: die Velunzani, siebzig civitates. Die Gleichsetzung der Velunzani mit den Wollinern ist die übliche, aber eine Gleichsetzung; der Text nennt keine Insel und keinen Fluss. Sie stützt sich in erster Linie auf den Gleichklang des Namens.
Wie unterschiedlich die Zahlen ausfallen, zeigen die Nachbarn: Direkt davor stehen die Prissani mit ebenfalls siebzig civitates, davor die Lendizi mit 98 und die Thafnezi mit 257, danach folgen Bruzi, also Preußen, und weit im Osten Chasaren und Ruzzi. Zum Vergleich: Die Schlesier, Sleenzane, kommen auf fünfzehn. Siebzig civitates klingen nach einem Volk von Gewicht, aber die Zahlen der Liste lassen sich nicht wörtlich nehmen. Was eine civitas hier meint, ist offen. Nach verbreiteter Auffassung ist es ein Burgbezirk, kein einzelner Wall. Siebzig Burgen im wörtlichen Sinn hat die Archäologie auf Wolin und Umland nicht gefunden; die Zahl kann Größe, Bedeutung oder schlicht die Vorstellung des Verfassers ausdrücken. Das ist eine Lesart, keine Auskunft der Quelle.
Auch die Datierung der Liste ist umstritten. Bernhard Bischoff dachte an einen Mönch der Reichenau in den 830er bis 850er Jahren, Alexander Nazarenko hielt die 870er Jahre für wahrscheinlicher, Henryk Łowmiański wies darauf hin, dass die Liste aus zwei Teilen unterschiedlichen Alters bestehen kann. Die englischsprachige Übersicht zu den Wolinians setzt den Eintrag „um 845“; das ist eine der Datierungen, keine gesicherte. Hinweise auf Handel, Fürsten oder Götter liefert der Bayerische Geograph nicht. Er bestätigt nur: Im 9. Jahrhundert wusste jemand im Frankenreich, dass es an der Odermündung ein Volk gab, und hielt es für zählenswert.
Deutlicher wird das Bild bei Widukind von Corvey. In seiner Sachsengeschichte berichtet er im dritten Buch (Kapitel 66 bis 69) von Wichmann dem Jüngeren, einem sächsischen Adligen, der sich mit Kaiser Otto I. überworfen hatte und als Heerführer im slawischen Grenzraum auftrat. Im Jahr 967 schloss er sich nach Widukind mit den Slawen an, „die Vuloini heißen“ (so die Wiedergabe der englischen Übersetzung bei Jassa; den lateinischen Wortlaut haben wir nicht prüfen können). Diese wollten gegen Mieszko, den „Freund des Kaisers“, ziehen. Mieszko bat daraufhin seinen Schwiegervater Boleslav von Böhmen um Hilfe. In der Schlacht kam Wichmann ums Leben (ob im Kampf oder kurz danach, schildern die Darstellungen unterschiedlich); mit den Worten „Das war das Ende Wichmanns“ schließt Widukind das Kapitel.
Das Datum lautet nach der Überlieferung in der Forschung 21. September 967; manche Darstellungen schwanken zwischen dem 21. und 22. September. Der Ort ist unbekannt. Moderne Darstellungen nennen Hinterpommern, andere vermuten die Gegend von Santok; das sind Vermutungen. Und nicht alles, was in populären Texten steht, geht auf Widukind zurück. Zahlen wie viertausend Mann auf polnischer und fünf- bis sechstausend auf der anderen Seite stammen aus moderner Schätzung, nicht aus der Quelle. Widukind nennt keine Zahl.
Für die Wolliner heißt das: Sie waren 967 militärisch stark genug, um mit einem sächsischen Abenteurer gegen den polnischen Herrscher aufzutreten, und sie erscheinen in einer Koalition mit Gruppen, die die Forschung dem Bund der Veleten und späteren Lutizen zurechnet. Genau darauf beruht der Streit um ihre Zugehörigkeit. Wer die Wolliner als Teil der Lutizen deutet, kann sich auf dieses Bündnis stützen; wer sie den Pomoranen zuordnet, verweist auf Sprache und Nachbarschaft. Beides ist Deutung. Zu den Lutizen siehe auch Lutizen und Wilzen; zum größeren Bild der Küstenbewohner Pomoranen.
Die Archäologie kann keinen Stamm benennen, aber sie zeigt, wie die Menschen lebten. Auf Wolin selbst wird seit dem 19. Jahrhundert gegraben; Rudolf Virchow leitete 1871 die ersten Untersuchungen, in den 1930er Jahren folgten deutsche Grabungen, und seit 1952 prägte Władysław Filipowiak die polnischen Grabungen. Der Siedlungsbefund selbst ist in einer neueren Zusammenfassung von Marian Rębkowski gut aufgeschlüsselt. Danach beginnt die Siedlung am Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts als offene Siedlung mit Gruben, vermutlich an einem Flussübergang. Importierte friesische Kämme und Bergkristallperlen deuten auf frühen Fernhandel. Zwischen etwa 850 und 1100 folgt eine planmäßig angelegte, dicht bebaute Siedlung. Um 1100 beginnt die Phase des „herzoglichen Ortes“, nach 1270 die des Stadtrechtsorts mit Lübecker Recht.
Die Größe liegt bei einigen Hektar: Im 9. Jahrhundert schätzt Rębkowski zwei bis sechs Hektar, im 10. Jahrhundert fünf bis neun. Entlang der Dziwna, dem Mündungsarm, entstanden Anlegestellen und Nebensiedlungen; die Gesamtlänge der Kaianlagen im späteren 10. Jahrhundert wird auf mehrere hundert Meter bis rund einen Kilometer geschätzt. Dazu kommt der Silberberg als Nebensiedlung nördlich der Altstadt mit Silberhorten und Handwerksspuren. Bernsteinverarbeitung ist spätestens ab der Mitte des 10. Jahrhunderts belegt, Glasperlenherstellung seit dem frühen 10. Jahrhundert, die Geweihverarbeitung seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Phyllit für Schleifsteine kam als Rohstoff ins Land und wurde vor Ort weiterverarbeitet.
Die Toten liegen an zwei Orten. Auf dem Wzgórze Wisielców, dem Galgenberg, gibt es ein Hügelgräberfeld, das ins 9. Jahrhundert datiert; um 1900 zählte man dort 93 Hügel, heute sind weniger erhalten. Das große Flachgräberfeld auf der Młynówka mit Brand- und Körperbestattungen wurde spätestens im späten 10. Jahrhundert angelegt und bis ins 11. Jahrhundert genutzt. Zahlen zur Einwohnerschaft kursieren: Eine deutschsprachige Darstellung nennt etwa 8000 Menschen im 10. Jahrhundert, eine polnische rund 9000. Beide geben keine Quelle an; wir behandeln sie als Schätzung ohne Beleg.
Hier liegt der Grund, warum die Wolliner als besonderer Stamm gelten. Adam von Bremen beschreibt in den 1070er Jahren die Stadt Jumne an der Odermündung, die nach der üblichen Gleichsetzung Wolin ist. Er schreibt, dass Slawen und viele andere Völker dort wohnen, Griechen und Barbaren. Sogar Sachsen dürften sich dort mit den anderen niederlassen, wenn sie nur nicht öffentlich ihr Christentum zeigen. Denn alle seien noch in heidnischen Irrtümern befangen. An Sitte und Gastfreundschaft sei dagegen „kein Volk ehrenwerter und freundlicher“ zu finden. Diesen Passus kennt jeder Wolin-Artikel; für den Stamm ist er trotzdem aufschlussreich, weil er die Einwohner beschreibt, nicht die Mauern.
Es ist wahrhaftig die größte aller Städte, die Europa umschließt. Es wohnen darin Slawen und viele andere Völker, Griechen und Barbaren.Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum II, 22 (ältere Zählung II, 19); eigene Übersetzung nach der englischen Wiedergabe von Tschan/Reuter, lateinischer Wortlaut nicht am Text geprüft
Rębkowski schließt aus dem Befund, dass neben den Slawen kulturell und ethnisch andere Gruppen lebten, wahrscheinlich Kaufleute und Handwerker. Sein Argument ist die Anlage: Die Raumordnung der Altstadt sei dem slawischen Umfeld fremd. Skandinavische Funde gibt es etwa ein Dutzend, und die meisten gehören ins 11. Jahrhundert. Frauenschmuck aus Metall fehlt fast ganz. Der Befund spricht damit gegen die Vorstellung einer Wikingerkolonie und für das, was Adam beschreibt: einen Handelsplatz, an dem Slawen die Mehrheit stellten und Fremde als Gäste oder Handwerker lebten. Das ist eine Interpretation, die das Fundbild nahelegt, aber nicht beweist. Mit Jomsburg verbindet Rębkowski den Platz ausdrücklich nicht. Zu der Debatte um die Jomswikinger siehe Jomswikinger; zu einem Nachbarn an der Küste, dessen Handelsplatz in der Mitte des 10. Jahrhunderts zusammenbrach, Menzlin. Dass der Niedergang von Menzlin mit dem Schwinden des Wollin-Handels zusammenhängt, ist in der Forschung eine Hypothese.
Auch die Quelle selbst hält Abstand. Adam schreibt in Bremen, über ein Jahrhundert nach den Kämpfen von 967, und er stützt sich nach der Forschung unter anderem auf Auskünfte aus dem dänischen Umfeld. Wer ihn zur Quelle für „die Wolliner“ macht, liest also Informationen aus dritter Hand. Seine Beschreibung der Stadt als „größte in Europa“ ist das Urteil eines Mannes, der vermutlich nur wenige Städte kannte.
Die Geschichte der Wolliner nach 967 ist vor allem eine Geschichte äußerer Angriffe. Nach Darstellungen, die sich auf Filipowiak stützen, zerstörte 1043 der dänisch-norwegische König Magnus der Gute große Teile Wolins, ohne das Zentrum einzunehmen. 1098 bot Wolin Flüchtlingen aus Dänemark Zuflucht und blieb unabhängig, bis ein dänischer Feldzug unter Erik I. folgte. Der Grund, den eine Studie von Guzikowski nennt, ist ein Angriff der Wolliner auf Haithabu, den Magnus rächen wollte (diese Verbindung beruht auf Adam, wir haben die Stelle nicht selbst geprüft). Mehr zur Gegenseite in Haithabu und im Beitrag über die Wikinger an der Ostsee.
Um 1121/22 unterwarf Bolesław III. Schiefmund Pommern und mit ihm das Wollinerland; der Pommernherzog Wartislaw I. wurde sein Lehnsmann. Das Datum steht in den Überblicksdarstellungen, die Einzelheiten der Eroberung sind aber nicht im Detail überliefert. Von da an ist von einem selbstständigen Stamm kaum noch die Rede. Im 12. Jahrhundert folgen dänische Angriffe auf Wolin, die Saxo Grammaticus schildert: 1170 und 1173, in anderen Darstellungen auch 1164, 1171, 1177 und 1184. Die Zählung schwankt je nach Darstellung, und wir haben Saxo nicht selbst geprüft. Sicher ist nur, dass Wolin in diesen Jahrzehnten mehrfach Ziel dänischer Flotten war und dass die Stadt trotzdem im 13. Jahrhundert als Burgbezirk weiterbestand.
Die dichteste Quelle über die Wolliner im Innern liefern die Lebensbeschreibungen Ottos von Bamberg, des „Apostels der Pommern“. Zwei Mönche berichten, Ebo von Michelsberg und Herbord, beide mit eigenem Blick und eigenen Absichten. Ebo nennt Wolin zusammen mit Stettin „nobilissimae civitates“, Herbord nennt Wolin „civitas magna et fortis“ (Herbord II, 24; Ebo III, 1; beide Stellen nach einer Arbeit von Rębkowski, die Originale nicht eingesehen). Zu Herbords Bericht gehört auch, dass Herzog Wartislaw in Wolin schon einen Hof hatte, auch wenn er nach der Forschung eigentlich im nahen Kamień residierte. Die Reste der Stammesordnung bestanden demnach neben einer herzoglichen Verwaltung.
Otto kam zweimal: 1124/25 und 1128. Über Wolin liegt aus beiden Reisen kein einheitliches Bild vor. Ein polnischer Fachaufsatz, der sich auf die Prüfeninger Vita stützt, berichtet von feindlicher Stimmung beim ersten Besuch: Otto sei vertrieben worden, und eine Abordnung habe erklärt, Wolin werde dem Beispiel Stettins folgen. Diese Darstellung haben wir nicht an den Quellen geprüft; wie weit Ebo und Herbord dasselbe berichten, bleibt zu klären. Die Sagenfassung, die frühneuzeitliche Chronisten wie Kantzow überliefern, schildert Ottos Flucht in die herzogliche Burg, den Steinwurf der Bürger und den Keulenschlag eines „Wenden“, der später den Namen Bogdal erhalten haben soll. Das ist spätere Überlieferung und kein zeitgenössischer Beleg.
Gesichert ist dagegen der Rahmen: Nach der Mission bauten die Wolliner Kirchen, darunter die dem heiligen Adalbert und Georg geweihte; Rębkowski nennt Michael und Adalbert/Georg für die 1120er und 1130er Jahre. Am 14. Oktober 1140 bestätigte Papst Innozenz II. das Bistum Pommern mit dem Sitz an der Wolliner Adalbertkirche; erster Bischof war Adalbert, ein Pole aus dem Umfeld Bolesławs. Ein Markt und ein Gasthaus erscheinen in der Bulle von 1140 und der von 1188. Um 1176 wurde der Sitz nach Kammin verlegt, was einen Einschnitt für Wolin bedeutete. Ob die Verlegung den endgültigen Machtverlust anzeigt oder einfach eine Folge der Zerstörungen war, bleibt eine Frage der Deutung. Eine moderne Darstellung nennt außerdem einen heidnischen Aufstand um 1125, der Kirchen zerstört haben soll. Wir haben das nicht an den Viten verifizieren können. Mehr zu Ottos Weg über Pyritz und zu Adams Beschreibung der Region in Adam von Bremen.
Für das Wort „Gau“ gibt es im Wollinerland keinen zeitgenössischen Beleg. Der Begriff stammt aus der deutschsprachigen Forschung und passt auf die ostelbischen Verhältnisse nur ungefähr. Die Quellen sprechen von Völkern (Velunzani, Vuloini) und von Burgen oder Städten (civitas, urbs). Das spätere polnische Wort kasztelania für den Burgbezirk bezeichnet die herzogliche Verwaltungseinheit des 12. Jahrhunderts, nicht den Stamm des 9. Der Stamm und der Burgbezirk fallen nicht zwingend zusammen. Nach der Archäologie war Kamień auf der gegenüberliegenden Seite der Dziwna möglicherweise ein politisches Zentrum, das Wolin kontrollierte; Rębkowski nennt das ausdrücklich unsicher. Um 1100 gingen mehrere Burgen unter, darunter Kamień und Mścięcino, und mit Lubin entstand eine neue Burg an der Swine.
In der populären Darstellung werden Stamm, Handelsplatz und Mythos oft zu einer einzigen Erzählung verschmolzen, vom Wikingerstützpunkt bis zur versunkenen Stadt Vineta. Die Quellen trennen das. Der Bayerische Geograph kennt ein Volk und eine Zahl. Widukind kennt ein Bündnis und eine Schlacht. Adam kennt eine Stadt. Herbord und Ebo kennen Menschen, die sich zur Wehr setzen, verhandeln, taufen lassen und wieder zweifeln.
Wolin liegt zwischen dem Stettiner Haff und der offenen Ostsee, getrennt vom Festland durch die Flussarme Dziwna und Świna. Der Weg vom Handelsplatz zum Meer führt über die Dziwna und ist mit über dreißig Kilometern gut zweieinhalbmal so lang wie die Strecke über die Świna ab dem Haff, die unter zwanzig Kilometer misst. Zugleich lag der Wasserspiegel um 900 wohl ein bis anderthalb Meter niedriger als heute, die Küstenlinie war eine andere. Eine Anlegestelle in einem Grabungsschnitt wird um 890 bis 900 datiert. Das bedeutet: Der Lebensraum der Wolliner war ein Küstenland, in dem Schiffe und Wasserwege die Wege bestimmten. Wer Wolin als Ostseeort lesen will, findet die Verbindungen in den Funden friesischer Kämme, in den Raubzügen der Dänen und in der Mobilität der Händler.
Der Name „Wolliner“ ist zugleich ein Grund zur Vorsicht gegenüber allzu glatten Bildern. Die Funde zeigen Handwerker und Händler, die Quellen zeigen Krieger; über Ackerbau und Fischfang sagen die hier benutzten Texte wenig. Ein reines Händlervolk waren die Wolliner demnach ebenso wenig wie ein reines Seeräubervolk. Was sie glaubten, wissen wir aus der Sicht ihrer Missionare. Was sie über sich selbst sagten, ist nicht überliefert.

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