Er ringt einen Toten nieder, steigt in einen Grabhügel, schlägt einem Bären die Tatze ab und hält sich fast neunzehn Jahre gegen ein ganzes Land, das ihm nach dem Leben trachtet. Am Ende stirbt Grettir Ásmundarson auf einem Felsen im Meer, besiegt nicht von einem besseren Kämpfer, sondern von einer verfluchten Baumwurzel. Die Grettis saga ist die Lebensgeschichte des berühmtesten Geächteten Islands und zugleich eine der jüngsten großen Isländersagas. Dieser Beitrag erzählt den Inhalt der Reihe nach, erklärt, was die volle Acht rechtlich bedeutete, prüft die Beowulf-Parallele und fragt nüchtern, was an Grettir historisch sein könnte und was die Erzähler eines späteren Jahrhunderts aus ihm gemacht haben.
Die Grettis saga Ásmundarsonar, kurz Grettis saga, gehört zu den Isländersagas, den Prosaerzählungen über Familien und Fehden der ersten Generationen auf Island. Ihr Held ist Grettir Ásmundarson, genannt inn sterki, der Starke, vom Hof Bjarg am Miðfjörður in Nordisland. Seine Eltern sind Ásmundr und Ásdís, seine Vollbrüder Atli und Illugi, sein älterer Halbbruder in Norwegen heißt Þorsteinn drómundr.
Die Saga hat drei Teile. Die Kapitel 1 bis 13 erzählen von den Vorfahren, vor allem vom Urgroßvater Önundr tréfótr, „Holzbein“, der in der Schlacht im Hafrsfjord ein Bein verlor und nach Island ging. Die Kapitel 14 bis 85 folgen Grettirs Leben bis zum Tod und dessen Nachspiel. Die Kapitel 86 bis 93 begleiten den Halbbruder nach Konstantinopel. Diese Zählung folgt der isländischen Standardausgabe; die englische Übersetzung von Eiríkr Magnússon und William Morris (1869) zählt teils anders und kommt auf 95 Kapitel.
Für Grettirs Lebenszeit liest man meist 996 oder 997 bis 1031. Schon Magnússon und Morris setzten in ihre Zeittafel „997 (?)“, mit Fragezeichen. Warum diese Zahlen nicht ganz zu den Altersangaben der Saga passen, klärt der Abschnitt über den historischen Kern.
Schon das Kind Grettir ist stark, wortkarg und störrisch. Der Vater mag ihn wenig, die Mutter hält zu ihm. Aufgaben erledigt er so, dass sie ihm niemand ein zweites Mal gibt: Er soll Gänse hüten und dreht ihnen die Hälse um. Mit vierzehn gerät er beim Ballspiel am Miðfjörður mit einem kräftigen Mann namens Auðun aneinander; die Szene bespricht der Beitrag über Glíma und Knattleikr. Bald darauf erschlägt er auf dem Weg zum Thing einen Mann namens Skeggi im Streit um einen Proviantsack. Die Folge ist die mildere Ächtung, drei Jahre Landesverweisung. Ásdís gibt ihm ein altes Familienschwert mit, Jökulsnautr.
In Norwegen sammelt Grettir seinen Ruf. Auf der Insel Haramsey ist er beim Bauern Þorfinnr zu Gast und sieht nachts auf einer Landzunge ein Feuer flackern: Dort liegt der Grabhügel von Þorfinns Vater, Kárr inn gamli, Kárr dem Alten. Grettir gräbt sich hinein, lässt sich am Seil hinab und ringt mit dem Toten, der auf seinem Schatz sitzt. Er schlägt ihm den Kopf ab und legt ihn ihm ans Gesäß, eine Behandlung, die in den Sagas Wiedergänger endgültig zur Ruhe bringt. Den Schatz bekommt der Sohn, ein Kurzschwert aus dem Hügel behält Þorfinnr zunächst. Dieses Kurzschwert, der Kársnautr, wird bis nach Konstantinopel eine Rolle spielen. Weitere Hügelbewohner stellt der Beitrag über den Draugr vor.
Am Julfest landen zwölf Berserker auf der Insel, während der Hausherr fort ist. Grettir spielt den Willigen, schenkt ihnen ein, sperrt sie in ein Vorratshaus und erschlägt sie, als sie ausbrechen. Zum Lohn erhält er das Kurzschwert. Dann der Bär: Ein Tier plündert die Herden eines Bauern namens Þorkell, sein Lager liegt in einer Felswand über dem Meer. Ein großsprecherischer Verwandter, Björn, wirft aus Bosheit Grettirs Pelzmantel in die Höhle. Grettir kehrt allein zurück, schlägt dem Bären eine Vordertatze ab, packt ihn am Kopf, beide stürzen die Felsen hinab, und unten stößt er ihm das Kurzschwert ins Herz. Die Feindschaft mit Björn endet mit dessen Tod und weiteren Händeln, die erst durch Vermittlung und Bußen beigelegt werden.
Die berühmteste Episode beginnt in Kapitel 32 im Vatnsdalur. Der Bauer Þórhallr findet keinen Schafhirten mehr, weil es auf seinem Hof spukt. Auf dem Allthing empfiehlt ihm der Gesetzessprecher Skapti Þóroddsson einen Schweden namens Glámr: riesig, grauäugig, furchtlos, mürrisch, ein Verächter des Kirchengesangs. Am Weihnachtsabend verlangt Glámr Essen, obwohl gefastet wird, geht in den Schneesturm hinaus und wird tot gefunden, dunkel verfärbt und aufgedunsen. Die Leiche lässt sich nicht zur Kirche bringen. Bald geht Glámr um, reitet auf den Dächern, tötet Vieh und Menschen.
Grettir reitet nach Þórhallsstaðir, um seine Kraft zu erproben. In der dritten Nacht, Kapitel 35, ringen die beiden, bis die Halle zu Bruch geht und sie ins Freie stürzen, Glámr rücklings, Grettir auf ihm. Da reißen die Wolken auf, der Mond scheint auf Glámrs Augen, und Grettir ist wie gelähmt. In der Übersetzung von 1869 sagt der Tote sinngemäß: Grettir habe erst die Hälfte der Kraft erreicht, die ihm bestimmt war, und werde nie stärker werden als jetzt. Bisher habe er Ruhm geerntet, von nun an würden Unrecht und Totschläge ihn treffen, er werde geächtet und müsse allein draußen leben. Immer werde er Glámrs Augen vor sich sehen, es werde ihm schwerfallen, allein zu sein, und das werde ihn in den Tod ziehen.
Grettir schlägt dem Wiedergänger den Kopf ab, legt ihn ans Gesäß, und der Leichnam wird verbrannt. Der Spuk endet, doch Grettir wird so dunkelheitsscheu, dass er nachts nicht mehr allein hinausgeht. Die Saga nennt Glámr nicht ausdrücklich einen Draugr; die Einordnung als Wiedergänger ist moderne Begrifflichkeit, trifft die Sache aber. Erzählerisch ist der Fluch der Angelpunkt: Jede spätere Wendung lässt sich als Erfüllung eines Satzes aus Glámrs Rede lesen.
In die volle Ächtung gerät Grettir nicht durch eine Gewalttat, sondern durch einen Unglücksfall. Auf seiner zweiten Norwegenfahrt liegt das Schiff im Spätherbst bei Stad fest, die Mannschaft friert ohne Feuer. Grettir schwimmt über den Sund zu einem Feuerschein und kommt in eine Herberge, in der zwölf Männer zechen, darunter die Söhne des mächtigen Isländers Þórir aus Garðr. Die Betrunkenen halten den vereisten Hünen für einen Troll und gehen mit brennenden Scheiten auf ihn los. Grettir entkommt mit dem Feuer; am Morgen ist das Haus niedergebrannt, in der Asche liegen Knochen.
Vor König Óláfr Haraldsson will er sich durch ein Gottesurteil reinigen und glühendes Eisen tragen. In der Kirche beschimpft ihn ein wild aussehender Bursche, und Grettir schlägt ihn nieder. Die Saga deutet an, der Junge sei ein unreiner Geist gewesen. Das Urteil ist verdorben, und der König sagt ihm in der Übersetzung von 1869, er sei „far too luckless a man“, um bei ihm zu bleiben. Nicht die Stärke versagt, sondern das Glück, altnordisch gæfa, die Gabe, dass Dinge gelingen.
Unterdessen wird auf Island sein Bruder Atli an der eigenen Haustür von Þorbjörn öxnamegin mit dem Speer durchbohrt. Auf dem Allthing klagt Þórir aus Garðr wegen seiner verbrannten Söhne. Skapti mahnt, man höre nur eine Seite, doch Þórirs Einfluss ist zu groß: Grettir wird über das ganze Land geächtet, Þórir setzt ein Kopfgeld aus. Viele hielten das, so die Saga, eher für ein Ergebnis von Macht als von Recht. Bei der Heimkehr erfährt Grettir an einem Tag, dass sein Vater tot, sein Bruder erschlagen und er selbst friedlos ist.
Der isländische Freistaat hatte weder König noch Polizei noch Gefängnisse. Die schärfste Strafe des Things war deshalb der Ausschluss aus der Rechtsgemeinschaft. Die Rechtssammlung Grágás, überliefert in Handschriften des 13. Jahrhunderts, kennt zwei Stufen. Die mildere, fjörbaugsgarðr, verlangte drei Jahre Landesverweisung, danach durfte man zurückkehren. Die schwere hieß skóggangr, wörtlich „Waldgang“, ihr Träger skógarmaðr, „Waldmann“. Sie galt grundsätzlich lebenslang. Der Geächtete verlor seinen Besitz, durfte weder beherbergt noch verpflegt noch außer Landes gebracht werden, und wer ihn tötete, beging kein Unrecht. Wer ihm half, machte sich selbst strafbar. Oft kam ein Kopfgeld hinzu, sodass jeder, der Geld oder Ansehen suchte, zur Gefahr wurde. Einen Überblick gibt der Beitrag zum Wikinger-Recht.
Die Grettis saga zeigt die Folgen so genau wie kaum ein anderer Text. Grettir kann nirgends lange bleiben, weil jeder Gastgeber sich selbst gefährdet. Verwandte helfen heimlich, Bauern lassen ihn gegen Arbeit eine Weile bleiben, Häuptlinge lehnen aus Rücksicht auf die eigene Stellung ab. Eine Einschränkung gehört dazu: Ob die Regeln um 1015 genau so galten, wie die späteren Handschriften sie festhalten, lässt sich nicht eindeutig belegen. Dass es die beiden Ächtungsstufen gab, ist dagegen gut bezeugt.
Der lange Mittelteil ist ein Wanderleben. Grettir rächt Atli und tötet Þorbjörn öxnamegin, dann haust er auf der Hochheide Arnarvatnsheiði, in Höhlen und Bergen, bei Bauern, die ihn verstecken. Feinde schicken ihm Männer, die sich als Gefährten ausgeben und ihn im Schlaf töten sollen. Einmal fangen ihn Bauern und wollen ihn aufhängen, bis eine angesehene Frau ihn auslöst. Dazwischen stehen märchenhafte Abschnitte, etwa ein verborgenes Tal, in dem er einen Winter bei einem halb trollischen Wesen verbringt.
Am bekanntesten ist die Sandhaugar-Episode, Kapitel 64 bis 66. Unter dem Namen Gestr, „Gast“, wacht Grettir am Julabend auf einem Hof im Bárðardalur, ringt mit einer riesigen Trollfrau und schlägt ihr den Arm ab, sodass sie in die Flussschlucht stürzt. Später taucht er unter dem Wasserfall in eine Höhle, tötet einen Riesen, der nach einer Waffe mit hölzernem Schaft greift, und findet die Knochen zweier verschwundener Männer. Der Priester Steinn, der oben das Seil halten sollte, sieht Blut im Wasser und geht heim. Grettir klettert allein hinauf und legt die Knochen mit einem Runenstab in die Kirchenvorhalle. Die ganze Szene erzählt der Beitrag über den Troll. Durch alle diese Jahre läuft derselbe Faden: Grettir ist fast unbesiegbar, kann aber nicht allein sein. Die Angst vor der Dunkelheit treibt ihn zu Menschen, und die Nähe zu Menschen bringt ihn in Gefahr.
Als kein Ort mehr sicher ist, rät ihm der Häuptling Guðmundr inn ríki zu einer Insel, die man nur über Leitern erreicht. Drangey im Skagafjörður ist ein steiler Tuffsteinfelsen, Rest eines alten Vulkans, bis etwa 180 Meter hoch, mit Vogelfelsen und Grasland auf dem Plateau. Grettir verabschiedet sich auf Bjarg von seiner Mutter, und sein jüngster Bruder Illugi, der Saga zufolge fünfzehn Jahre alt, besteht darauf, mitzukommen. Unterwegs nehmen sie den Knecht Glaumr auf, einen Schwätzer und Faulpelz. Auf der Insel weiden etwa achtzig Schafe der Bauern; davon, von Vögeln und Eiern leben die drei, und nachts ziehen sie die Leitern hoch.
Die meisten Anteile an der Insel fallen schließlich an Þorbjörn öngull, „Angelhaken“, einen ehrgeizigen und rücksichtslosen Mann. Mehrere Versuche, Grettir zu vertreiben, scheitern; ein Mann namens Hæringr klettert die Felswand hinauf und stürzt in den Tod. Als Glaumr das Feuer ausgehen lässt, schwimmt Grettir der Saga nach zum Festland, um bei Reykir Glut zu holen. Dort zeigt man heute die warme Badestelle Grettislaug, und Freiwasserschwimmer schwimmen die Strecke nach; ihre Länge wird unterschiedlich angegeben.
Auf dem Allthing bringen Grettirs Verwandte unterdessen vor, seine Acht müsse abgelaufen sein. Der neue Gesetzessprecher Steinn lässt nachrechnen und kommt auf das zwanzigste Jahr; Þórir aus Garðr weist nach, dass Grettir ein Jahr lang nicht geächtet war, also sind es neunzehn. Steinn erklärt, niemand solle länger als zwanzig Winter in der Acht sein. Die Lösung wird auf den nächsten Sommer verschoben. Für die Feinde heißt das: Sie müssen sich beeilen.
Þorbjörn holt sich Hilfe bei seiner Ziehmutter Þuríðr, einer sehr alten Frau, die einst in heidnischen Künsten bewandert war. Bei einer ersten Fahrt nach Drangey verflucht sie Grettir vom Boot aus, er solle von Gesundheit, Glück und Verstand verlassen werden. Grettir wirft einen Stein nach ihr und bricht ihr den Oberschenkel. Kaum genesen, ritzt sie Runen in eine angeschwemmte Baumwurzel, färbt sie mit ihrem Blut, spricht Zauber darüber, umschreitet das Holz rückwärts und gegen den Sonnenlauf und lässt es ins Meer stoßen. Die Wurzel treibt gegen den Wind nach Drangey. Grettir wirft sie zweimal zurück, beim dritten Mal schleppt Glaumr sie als Brennholz hinauf. Grettirs Axt prallt ab und fährt ihm ins Bein. Was in den Runen stand, sagt die Saga nicht; mehr dazu im Beitrag über Runenzauber.
Die Wunde scheint zu heilen, bricht dann auf und vereitert. Nach etwa zwei Wochen liegt Grettir im Sterben. Þorbjörn setzt mit seinen Leuten über, Glaumr schläft auf dem Posten, die Leitern sind nicht eingezogen. Illugi verteidigt die Tür, Grettir kämpft kniend mit dem Kurzschwert aus Kárrs Hügel. Als Þorbjörn ihn von hinten trifft, spricht er einen Satz, der zum Sprichwort wurde: Bloß ist der Rücken des Bruderlosen. Dann ist es vorbei. Seine Finger lassen den Griff nicht los, die Angreifer hauen ihm die Hand ab, und Þorbjörn trennt mit eben diesem Schwert den Kopf ab, wobei ein Stück aus der Schneide springt. Illugi wird gefangen und getötet, weil er nicht auf Rache verzichten will.
Die Saga zieht Bilanz: In der Übersetzung von 1869 war Grettir ein Jahr jünger als fünfundvierzig, als er erschlagen wurde, mit fünfundzwanzig fiel er in die Acht, und darin war er „nigh nineteen winters“, beinahe neunzehn Winter. Þorbjörn bringt den Kopf nach Bjarg, wo Ásdís ihn mit einer Strophe bloßstellt. Auf dem Allthing bekommt er das Kopfgeld nicht. Steinn nennt die Tat schändlich, man klagt ihn wegen Zauberei und Waffengewalt gegen einen Halbtoten an, und er muss Island verlassen, solange Grettirs Bluträcher leben. Zugleich, so die Saga, wird ein Gesetz erlassen, das alle Zauberkundigen für geächtet erklärt. Ob es so entstand, lässt sich nicht belegen.
Þorbjörn geht nach Konstantinopel, das die Nordleute Miklagard nannten, und tritt in die Warägergarde ein, die nordische Leibwache des Kaisers; Hintergründe bietet der Beitrag über Miklagard und die Waräger. Ihm folgt Þorsteinn drómundr. Bei einer Waffenschau erkennt Þorsteinn das Kurzschwert an der Scharte in der Klinge, lässt es sich geben und erschlägt Þorbjörn damit. Der Kreis, der in Kárrs Hügel begann, schließt sich am Bosporus.
Þorsteinn wird eingekerkert, und nun beginnt eine andere Geschichte. Eine vornehme verheiratete Frau namens Spes, lateinisch „Hoffnung“, hört ihn im Kerker singen, kauft ihn frei und wird seine Geliebte. Ihr Mann Sigurðr verlangt einen Reinigungseid. Auf dem Weg zur Kirche trägt ein zerlumpter Bettler Spes über eine Schlammpfütze, stolpert und greift ihr an den Schenkel. Vor dem Bischof schwört sie, sie habe sich von keinem Mann außer ihrem Gatten berühren lassen, ausgenommen jenen Bettler. Der Bettler war Þorsteinn. Der Eid ist wörtlich wahr, und Spes erhält die Scheidung.
Den doppeldeutigen Eid kennt man aus der Tristan-Sage, wo Isolde ähnlich schwört; die Forschung nennt außerdem Parallelen zu Boccaccios Decameron. Spes und Þorsteinn heiraten, gehen im Alter nach Rom, beichten und beschließen ihr Leben in getrennten Steinzellen. Lange galt dieser Schluss als Fremdkörper. Neuere Deutungen lesen ihn als Gegenbild: Grettir hatte Kraft ohne Glück, Þorsteinn hat Glück, und statt des einsamen Todes auf dem Felsen steht die freiwillige Einsamkeit der Buße.
Seit dem 19. Jahrhundert vergleichen Forscher die Sandhaugar-Episode mit dem altenglischen Epos Beowulf. Die Ähnlichkeiten sind auffällig: Ein Held wacht allein in einem Haus, das ein Ungeheuer heimsucht, ringt mit ihm und reißt oder schlägt ihm einen Arm ab; danach steigt er in ein Gewässer, findet in einer Höhle ein zweites Ungeheuer, und die Wartenden oben sehen Blut im Wasser, halten ihn für tot und gehen. Dazu kommt ein Wortdetail: Die Saga nennt die Waffe des Riesen heptisax, „Schaftsax“, und im Beowulf heißt das geliehene Schwert Hrunting hæftmece, ein Wort mit ähnlichem Bau, das nach gängiger Darstellung in beiden Literaturen jeweils nur an dieser Stelle vorkommt.
Manche Forscher schlossen daraus auf eine gemeinsame ältere Erzählung, andere stellten beide Texte zum weit verbreiteten Märchentyp vom „Bärensohn“. Magnús Fjalldal hat 1998 in seinem Buch „The Long Arm of Coincidence“ dagegen gezeigt, wie dünn die Belege für eine direkte Verwandtschaft sind, und Zufall sowie allgemeine Erzählmuster als Erklärung stark gemacht. Dass der Verfasser der Saga den Beowulf selbst kannte, gilt als unwahrscheinlich. Die Frage ist offen.
Die Grettis saga gilt als eine der jüngsten der großen Isländersagas. Die Angaben schwanken: Die Encyclopaedia Britannica nennt um 1320, die Übersetzer Denton Fox und Hermann Pálsson dachten an etwa 1325, das dänische Nachschlagewerk Den Store Danske gibt die traditionelle Datierung mit 1320 bis 1350 an und erwähnt neuere Stimmen für die Zeit um 1400. Eine Spanne 1310 bis 1320 findet sich ebenfalls in der Literatur, ist aber nur eine von mehreren Schätzungen. Sicher ist nur: Die Saga, wie wir sie lesen, ist ein Werk des 14. Jahrhunderts, rund dreihundert Jahre nach Grettirs Tod.
Der Text selbst nennt am Schluss Sturla Þórðarson (1214–1284), Gesetzessprecher und Geschichtsschreiber, als Gewährsmann für ein Urteil über Grettir. Schon Árni Magnússon vermutete deshalb, Sturla habe eine ältere Grettir-Erzählung verfasst; Sigurður Nordal sah 1938 eine Sturla-Fassung, die später erweitert wurde, und Elín Bára Magnúsdóttir stützte die These 2017 mit sprachlichen Parallelen. Erhalten ist diese ältere Fassung nicht. Die Pergamenthandschriften, darunter AM 551 a 4to und AM 556 a 4to, stammen aus dem 15. Jahrhundert; die Angaben zur ältesten reichen von kurz vor 1400 bis ins späte 15. Jahrhundert.
„Nun sagt Sturla der Gesetzessprecher so viel, dass er meint, kein Geächteter sei je so gewaltig gewesen wie Grettir der Starke, und dafür bringt er drei Gründe vor: erstens, dass er der klügste von ihnen war, denn er war von allen am längsten in der Acht und wurde nie überwunden, solange er gesund war; zweitens, dass er der stärkste Mann im Land unter Gleichaltrigen war und besser als jeder andere geeignet, Gespenster zu bannen; und drittens, dass er draußen in Miklagard gerächt wurde wie kein anderer Isländer.“
Grettis saga, Schlusskapitel (bei Magnússon/Morris Kap. 95); eigene Übertragung nach der gemeinfreien englischen Übersetzung von Eiríkr Magnússon und William Morris, London 1869
Ob Grettir gelebt hat, lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht ausschließen. Die Saga verankert ihn in einem Netz von Personen, deren Amtszeiten wir aus anderen Quellen kennen. Skapti Þóroddsson war nach der Íslendingabók des Ari von 1004 bis 1030 Gesetzessprecher, sein Nachfolger Steinn Þorgestsson ab 1031. In der Saga verhängt das Thing unter Skapti die Acht, und Steinn leitet die Debatte über die neunzehn Jahre und das Verfahren gegen Þorbjörn. Das passt zu einem Tod um 1031. Die Ächtung fällt in die Zeit König Óláfr Haraldssons, also frühestens um 1015/16.
Genau hier hakt es. Von etwa 1016 bis 1031 sind es fünfzehn Jahre, nicht neunzehn, und wer 997 geboren wurde, war 1031 nicht vierundvierzig, sondern etwa vierunddreißig. Die Altersangaben der Saga und ihr absoluter Rahmen passen nicht zusammen. Die üblichen Lebensdaten 996/997 bis 1031 sind eine Rekonstruktion aus den äußeren Fixpunkten, keine Überlieferung. Glámr, die Trollfrau und die Wurzel gehören der Erzählkunst; ein Geächteter, der sich jahrelang hielt und auf Drangey starb, kann ein historischer Kern sein. Mehr lässt sich nicht sagen.
Wer war Grettir der Starke? Der Held der Grettis saga, ein Bauernsohn aus Bjarg in Nordisland, der der Saga zufolge fast neunzehn Jahre als Geächteter überlebte und um 1031 auf der Insel Drangey erschlagen wurde. Ob er historisch ist, lässt sich nicht beweisen.
Was bedeutet skóggangr? Die volle Acht im isländischen Recht: lebenslange Friedlosigkeit, Verlust des Besitzes, Verbot jeder Hilfe. Wer einen solchen „Waldmann“ tötete, blieb straffrei.
Was sagte Glámr zu Grettir? Er verfluchte ihn: Grettir werde nie stärker werden, sein Glück verlieren, geächtet werden und immer Glámrs Augen vor sich sehen, sodass er das Alleinsein nicht ertrage.
Wann wurde die Grettis saga geschrieben? Im 14. Jahrhundert; die Schätzungen reichen von etwa 1310 bis 1350, einzelne Stimmen denken an die Zeit um 1400.
Gibt es eine deutsche Übersetzung? Ja, unter anderem in der Sammlung „Isländersagas“ des S. Fischer Verlags (2011). Gemeinfrei ist die englische Übersetzung von Magnússon und Morris aus dem Jahr 1869.
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