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Der Goldschmuck von Hiddensee: sechzehn Teile Gold, zwei Jahre Strandfunde und viele offene Fragen

Geschichte & Funde Der Goldschmuck von Hiddensee: sechzehn Teile Gold, zwei Jahre Strandfunde und viele offene Fragen

Im November 1872 drückte eine der schwersten Sturmfluten des 19. Jahrhunderts das Wasser der Ostsee über die Küsten von Dänemark bis Pommern. In den folgenden zwei Jahren lasen Bewohner von Hiddensee am Strand bei Neuendorf nach und nach Goldstücke auf: Kreuzanhänger mit Vogelköpfen, eine Scheibenfibel, einen schweren geflochtenen Halsring. Zusammen sind es sechzehn Teile und knapp 600 Gramm fast reines Gold, gefertigt im späten 10. Jahrhundert in einer Werkstatt des dänischen Machtbereichs. Dieser Beitrag erzählt, was über Fund, Herstellung und Datierung belegt ist, prüft die Deutungen zwischen Thorshammer und Kreuz, zwischen Königshof und Seeraub, und sagt dort, wo es nötig ist: Das lässt sich nicht eindeutig belegen.

Ein Goldfund am Rand der Wikingerwelt

Hiddensee ist eine schmale, rund 17 Kilometer lange Insel westlich von Rügen. Wer heute mit der Fähre hinüberfährt, sieht Dünen, Heide, ein paar Dörfer und keine Autos. Ausgerechnet hier, im Süden der Insel bei Neuendorf, kam der bekannteste Goldschmuck der Wikingerzeit auf deutschem Boden zutage. Das Stralsund Museum, das ihn seit 1873/74 besitzt, beschreibt ihn als den größten wikingischen Goldschatz Deutschlands. Diese Formulierung stammt also vom Museum selbst; mir ist kein größerer wikingerzeitlicher Goldfund aus Deutschland bekannt, eine vollständige Vergleichsliste habe ich aber nicht gesehen. Weltweit ist er nicht der größte: Der norwegische Hoen-Schatz enthält deutlich mehr Gold.

Bedeutend ist der Hiddenseer Fund nicht wegen seiner Masse, sondern wegen seiner Geschlossenheit. Die Wikingerzeit war eine Welt des Silbers. Gold besaß der Norden nicht aus eigenen Lagerstätten, es kam über Handel, Tribut und Beute in den Umlauf und blieb der obersten Schicht vorbehalten. Wie ungewöhnlich ein ganzer Satz Goldschmuck ist, zeigt ein Vergleich: Anhänger und Fibeln im gleichen Stil kennt die Forschung an die hundert Mal, fast immer kleiner und meist aus Silber. Hiddensee ist das einzige bekannte Ensemble dieser Art aus Gold. Einen Überblick über den Schmuck der Zeit insgesamt gibt unser Beitrag zum Wikinger-Schmuck.

Die Fundgeschichte: Sturmflut, Strand und zwei Jahre Zufall

Am Anfang steht die Ostseesturmflut in der Nacht vom 12. auf den 13. November 1872. Sie verwüstete Teile von Lolland und Falster, setzte Eckernförde fast vollständig unter Wasser und richtete an der vorpommerschen Küste große Schäden an. Auf Hiddensee wurden in der Folge Dünen umgelagert, und beim Wiederaufbau und an Strandabschnitten bei Neuendorf fanden Inselbewohner die ersten Goldstücke. Nach ihren eigenen Angaben zog sich das Finden über zwei Jahre hin; weitere Stürme legten offenbar neue Teile frei. Das Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern nennt Sturmfluten in den Jahren 1872 und 1874. Die Funde verteilten sich nach Barbara Armbruster und Heidemarie Eilbracht auf einen Strandabschnitt von etwa 60 Metern.

Wer genau die Stücke fand, ist in den Quellen, die ich lesen konnte, nicht mit Namen überliefert. Oft heißt es, Fischer hätten sie entdeckt; andere Darstellungen sprechen allgemein von Bewohnern der Insel. Das Provinzialmuseum in Stralsund kaufte die Teile 1873 und 1874 schrittweise an. Sein Leiter Rudolf Baier ging von einem echten Bodenfund aus. Sein Nachfolger Otto Gummel brachte später eine ganz andere Erklärung ins Spiel: Der Schmuck sei aus der Kapitänskajüte des gestrandeten Schoners „Klara Karl“ geraubt worden. Belege dafür fanden sich nicht, und die Theorie setzte sich nicht durch.

Ob die See die Stücke an den Strand spülte oder ob die Brandung sie aus dem Dünensand wusch, ist bis heute nicht entschieden. Ein wichtiger Hinweis kommt vom Halsring: Er wurde zusammengerollt gefunden. Armbruster und Eilbracht schließen daraus, dass er in einem vergänglichen Behälter oder einem Tongefäß aufbewahrt wurde. Ein solches Gefäß ist allerdings nie erwähnt worden. Die heutige Forschung nimmt überwiegend an, dass der Schmuck als Ganzes vergraben war und durch die Fluten freigelegt wurde.

Was gefunden wurde: sechzehn Teile im Überblick

Die sechzehn Teile verteilen sich auf vier Gruppen. Die Zählweisen unterscheiden sich in der Literatur leicht, im Kern stimmen sie überein.

Der Halsring. Er besteht aus vier Goldstäben, die paarweise gedreht und miteinander verflochten sind. An den Enden sitzen gegossene Abschlussstücke, die einen Haken-Ösen-Verschluss bilden. Ein solcher Halsring, im Fachjargon Torques genannt, ist für sich schon ein Zeichen hohen Ranges.

Die Scheibenfibel. Eine runde Gewandschließe, verziert mit vier ineinander verschlungenen Tierleibern und einem Kreuzmotiv in der Mitte. An der Art, wie die Nadel befestigt ist, lässt sich ablesen, dass sie für eine rechtshändige Trägerin oder einen rechtshändigen Träger gedacht war.

Die zehn Kreuzanhänger. Sechs größere und vier etwas kleinere Anhänger in Kreuzform, die Arme nach außen verbreitert, die Flächen mit Filigran, Granulation und Flechtbandmustern bedeckt. Die Aufhängeösen enden in stilisierten Vogelköpfen. Die großen Exemplare sind nach Angaben der Ausstellung „Wikingergold“ knapp sieben Zentimeter lang.

Die vier kleinen Teile. Kleine, dreieckige Anhänger, die manche Beschreibungen als Zwischenglieder deuten, also als Stücke, die zwischen den großen Anhängern an der Kette saßen. Sie wurden vermutlich in wiederverwendbaren Formen gegossen.

Daraus erklären sich die unterschiedlichen Angaben, die im Umlauf sind: Mal ist von „vierzehn Anhängern“ die Rede, mal von „zehn Anhängern und vier Zwischengliedern“. Gemeint ist in beiden Fällen dasselbe Ensemble. Von Kugelperlen, wie sie gelegentlich genannt werden, ist in den Fachbeschreibungen, die ich gelesen habe, keine Rede. Armbruster und Eilbracht halten den Fund zudem für unvollständig. Möglicherweise gehörten ursprünglich weitere Stücke dazu, vielleicht sogar ein zweiter Halsring.

Wie schwer ist der Schatz? Die Zahlen im Vergleich

Für das Gesamtgewicht findest du mehrere Werte, die nahe beieinanderliegen. Das regionale Tourismusportal für Hiddensee nennt 596,2 Gramm, das Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern 595,5 Gramm, Armbruster und Eilbracht 2006 rund 598 Gramm; die Staatlichen Museen zu Berlin runden auf etwa 600 Gramm. Sicher ist: knapp 600 Gramm, also gut ein Pfund Gold.

Wichtiger als das Gewicht ist die Reinheit. Messungen mit Synchrotron-Röntgenfluoreszenz an der Berliner Strahlungsquelle BESSY II ergaben an rund 160 Messpunkten Goldanteile von etwa 92 bis 96 Prozent. Das entspricht grob 22 bis 23 Karat. Der Halsring liegt am oberen Ende, die Fibel am unteren. Die Zusammensetzung ist so einheitlich, dass Armbruster und Eilbracht folgern, der Schatz sei in einer Werkstatt und aus einer einzigen Metallquelle entstanden. Eilbracht hält es für möglich, dass der Goldschmied das Metall gezielt gereinigt hat; beweisen lässt sich das nicht. Bei Vergleichsstücken aus Haithabu streuen die Goldwerte deutlich stärker.

Filigran, Granulation und Pressmodel: die Technik

Wer die Stücke aus der Nähe betrachtet, sieht zuerst ein Gewimmel aus Drähten und Kügelchen. Das sind die beiden Leittechniken der wikingerzeitlichen Feinschmiede. Beim Filigran werden feine Drähte, glatt, gekerbt wie eine Perlschnur oder zu Kordeln gedreht, auf eine Grundplatte gesetzt. Bei der Granulation kommen winzige Goldkügelchen hinzu, oft kleiner als ein Millimeter. Ein einziger Anhänger kann aus mehreren hundert Einzelteilen bestehen. Genau deshalb eignen sich solche Stücke so gut, um das Wissen ihrer Hersteller zu erforschen.

Die Grundform der Anhänger und der Fibel entstand mit einem Pressmodel, einer Art Stempel aus Kupferlegierung mit erhabenem Relief. Der Goldschmied drückte ein dünnes Goldblech darüber, manchmal erwärmt, und erhielt so eine gewölbte Fläche mit Tier- und Flechtmustern. Passmarken halfen, Vorder- und Rückseite genau aufeinanderzusetzen. Auf diese Fläche kamen dann Drähte und Körner. Heidemarie Eilbracht beschreibt in ihrer Analyse metallisches Lot, das in einem einzigen Erhitzungsvorgang aufgebracht wurde, weil jedes weitere Erhitzen die schon gesetzten Verbindungen gelockert hätte. Unterrichtsmaterialien der Universität Greifswald formulieren es anders: Die Granulation sei aufgeschmolzen und nicht gelötet. Hierzu gibt es also unterschiedliche Angaben, und ich kann sie aus den mir zugänglichen Texten nicht auflösen.

Fehler sind ebenfalls zu sehen: Lotspritzer, verrutschte Verbindungen, ein abgelöstes Blech, das mit Nieten wieder befestigt wurde. Solche Spuren machen den Schatz für die Forschung besonders wertvoll, denn sie zeigen den Arbeitsablauf. Der Halsring und die Verschlussenden wurden gegossen, die Endstücke im sogenannten Überfangguss angesetzt. Alle Teile tragen Gebrauchsspuren. Der Schmuck lag also nicht ungetragen in einer Schatzkammer, sondern wurde benutzt.

Werkzeuge der gleichen Art kennt die Archäologie aus mehreren Orten. Die größte bekannte Sammlung von Pressmodeln stammt aus dem Hafenbecken von Haithabu an der Schlei; einige davon dienten genau für Fibeln und Anhänger dieses Stils. Vergleichbares Werkzeug, darunter Zieheisen für Drähte, ist aus Staraja Ladoga in Russland und aus dem Werkzeugkasten von Mästermyr auf Gotland bekannt. Mehr über die Arbeitsweise erzählt unser Beitrag zur Goldschmiedekunst der Wikinger.

Datierung: das späte 10. Jahrhundert

Eine Inschrift, eine Münze oder ein Holzrest, der sich jahrgenau datieren ließe, fehlt. Die Datierung beruht auf dem Stil. Armbruster und Eilbracht setzen den Schatz ins letzte Viertel des 10. Jahrhunderts, das Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts. Der Stil selbst, in der Forschung oft als „Hiddensee-Stil“ bezeichnet, ist im 10. und frühen 11. Jahrhundert verbreitet. Eine engere Angabe wie „970 bis 980“ habe ich in den Fachquellen nicht gefunden. Sie wäre mit der Stildatierung vereinbar, ist aber genauer, als die Methode es hergibt.

Schon eine Berliner Ausstellung von 1880 stellte die Stücke als skandinavischen Goldschmuck des 10. Jahrhunderts vor; der Juwelier Paul Telge berichtete später, er habe die Originale im Preußischen Abgeordnetenhaus gesehen. Diese frühe Einordnung hat sich im Grundsatz gehalten. Was sich verändert hat, ist das Wissen über Werkstätten und Metall. Die Fachliteratur, die ich gelesen habe, verortet die Werkstatt im altdänischen Reich, also im Raum des heutigen Dänemark und des damals dänischen Schonen, und nicht an der slawischen Südküste der Ostsee.

Harald Blauzahn: eine Vermutung, kein Beleg

Kaum ein Text über den Hiddenseer Schmuck kommt ohne Harald Blauzahn aus. Harald Gormsson herrschte etwa von 958 bis 986/87 über die Dänen, ließ sich taufen und rühmte sich auf dem großen Runenstein von Jelling, er habe die Dänen christlich gemacht. In seine Zeit fallen die großen Ringburgen vom Trelleborg-Typ. Die Staatlichen Museen zu Berlin schrieben 2012, der Schmuck habe wohl der Familie dieses Königs gehört. Die digitale Ausstellung „Wikingergold“ geht etwas vorsichtiger vor: Der Schatz habe einer oder mehreren Frauen gehört, die dem König nahestanden.

Für diese Vermutung gibt es nachvollziehbare Gründe. Feingold in dieser Menge und Qualität setzt Zugang zu einem Machtzentrum voraus. Pressmodel dieses Stils sind aus Haithabu und aus Ringburgen bekannt, die unter Harald gebaut wurden. Und die Datierung passt in seine Regierungszeit. Ein Beleg für eine Besitzerin aus seiner Familie ist das trotzdem nicht. Keine Schriftquelle erwähnt Goldschmuck auf Hiddensee, kein Stück trägt einen Namen. Die Greifswalder Unterrichtsmaterialien nennen die Zuschreibung an Harald ausdrücklich nicht belegbar, und Armbruster und Eilbracht führen sie als Legende. Sie bleibt eine plausible Hypothese aus Stil, Material und Zeit. Mehr zum König selbst steht im Beitrag über Harald Blauzahn.

Wie kam dänisches Gold nach Hiddensee?

Wenn der Schmuck in Dänemark entstand, bleibt die Frage, warum er im Sand einer Insel vor Rügen lag. Die Forschung hat dazu mehrere Antworten vorgeschlagen, die Armbruster und Eilbracht nebeneinanderstellen und alle als spekulativ kennzeichnen:

Keine dieser Erklärungen lässt sich beweisen. Eindeutig ist nur, was der Schatz nicht ist: ein reines Wertdepot aus zerhacktem Edelmetall. Der Hiddensee-Schatz unterscheidet sich darin klar von den Silberhorten und vom Hacksilber der Zeit, die man wegen ihres Metallwerts vergrub. Hier lag ein vollständiger Schmucksatz, der getragen worden war.

Die Nachbarn auf Rügen: Ranen, Ralswiek und die slawische Küste

Im 10. Jahrhundert war die Küste zwischen Kiel und Oder kein Wikingerland, sondern slawisch besiedelt. Auf Rügen lebten die Ranen, auch Rugianer genannt, die später durch ihren Tempel von Arkona und ihre Seefahrt bekannt wurden. Hiddensee, das im Hochmittelalter zum Fürstentum Rügen gehörte, lag in ihrem unmittelbaren Umfeld. Gleichzeitig war die Südküste eng mit Skandinavien verflochten. Am Großen Jasmunder Bodden auf Rügen lag der Handelsplatz Ralswiek, an der Peene der Platz von Menzlin. An beiden Orten liegen skandinavische und slawische Spuren nebeneinander, in Ralswiek etwa Bootsgräber und ein Hort aus arabischem Silber.

Die Ranen selbst sind in Schriftquellen erst später gut fassbar. Der Bremer Domherr Adam von Bremen erwähnt sie um 1075, ausführlich berichten Helmold von Bosau um 1170 und Saxo Grammaticus um 1200. Diese Autoren schreiben aus christlicher, teils dänischer Sicht und zwei Jahrhunderte nach der Entstehung des Schmucks. Ihr Bild eines kriegerischen, gefürchteten Seevolks darf man deshalb nicht einfach auf die Zeit um 975 übertragen. Wer Filipowiaks Frage nach einer „Piratenbeute der Ranen“ stellt, stützt sich also auf ein späteres Bild und auf die Lage der Insel, nicht auf einen Bericht über Hiddensee.

„Die Ranen, die man auch Rugianer nennt, das stärkste Volk der Slawen, die als einzige einen König haben.“ – „Die Ranen aber, die von anderen Runen genannt werden, sind ein grausames Volk, das im Herzen des Meeres wohnt.“Helmold von Bosau, Chronica Slavorum I, 2 und I, 36 (um 1170). Lateinischer Wortlaut: „Rani, qui et Rugiani, gens fortissima Slavorum, qui soli habent regem“ und „Sunt autem Rani, qui ab aliis Runi appelantur, populi crudeles, habitantes in corde maris“. Eigene Übersetzung, gemeinfreier Originaltext.

Helmold schreibt aus der Sicht eines Missionspriesters in Holstein, für den die Ranen die letzten hartnäckigen Heiden des Nordens waren. „Im Herzen des Meeres“ meint die Insellage Rügens. Für die Frage, wem der Goldschmuck von Hiddensee gehörte, ist seine Chronik kein Zeugnis. Sie zeigt aber, wie man im 12. Jahrhundert über die Inselbewohner dachte, und erklärt, warum die Seeraub-These überhaupt aufkam. Die größeren Zusammenhänge ordnet unser Beitrag über die Wikinger an der Ostsee ein.

Kreuz oder Thorshammer? Schmuck der Christianisierung

Im Handel heißen Nachbildungen der Anhänger häufig „Thorshammer von Hiddensee“. Die Fachliteratur spricht fast durchweg von Kreuzanhängern. Armbruster und Eilbracht beschreiben „kreuzförmige Anhänger“, der Archäologe Jörn Staecker führt den Typ in seiner Untersuchung zu Kreuz- und Hammeranhängern als „kreuzförmige Hiddensee-Anhänger“. Die Begleitforschung zur Ausstellung „Wikingergold“ hält es für gut möglich, dass die Kreuzelemente auf Fibel und Anhängern eine christliche Bedeutung tragen.

Woher kommt dann die Hammer-Lesart? Die Arme der Anhänger verbreitern sich nach außen. Wer einen Thorshammer mit ausschwingenden Hammerköpfen vor Augen hat, erkennt darin leicht eine verwandte Silhouette. Vogelköpfe und verschlungene Tierleiber stammen zudem aus der vorchristlichen Bildwelt des Nordens. So entsteht der Eindruck einer Mischform.

Diese Unschärfe ist kein Zufall der Wahrnehmung, sondern passt in die Zeit. In Dänemark existierten im 10. Jahrhundert beide Zeichen nebeneinander. Aus Trendgården in Nordjütland ist eine Gussform bekannt, in der ein Handwerker Kreuze und Hämmer zugleich herstellen konnte. Ob ein einzelner Hiddensee-Anhänger für seine Trägerin Christus, Thor oder beides bedeutete, wissen wir nicht. Die Form ist ein Kreuz, die Verzierung nordisch, die Werkstatt lag im Reich eines Königs, der das Christentum gerade zur Staatsreligion machte. Mehr kann die Archäologie dazu nicht sagen.

Mit dieser Lesart wird der Hiddenseer Schmuck zu einem Zeugnis des Übergangs. Harald Blauzahns Taufe, die Adam von Bremen und Widukind von Corvey in unterschiedlichen Fassungen schildern, wird meist in die 960er Jahre gesetzt. Das Christentum der dänischen Oberschicht war zunächst eine Sache des Hofes und der Repräsentation. Kreuzanhänger aus Gold, im heimischen Tierstil verziert, sind dafür ein anschauliches Beispiel: Die neue Religion erscheint in der alten Formensprache der Macht. Wie dieser Wandel im Norden ablief und warum er Generationen dauerte, beschreibt unser Beitrag zur Christianisierung der Germanen.

Staecker hat in seiner Studie noch einen anderen Befund festgehalten: Von den kreuzförmigen Anhängern im Hiddensee-Stil, die er in Horten erfasste, sind über drei Viertel nur als Bruchstücke erhalten. Für viele Besitzer war ein solcher Anhänger also am Ende schlicht Silber, das man nach Gewicht weitergab. Dass der Hiddenseer Goldsatz vollständig erhalten blieb, macht ihn auch in dieser Hinsicht zur Ausnahme.

Nachbildungen, Ausstellungen und der Weg nach Stralsund

Kaum war der Schatz bekannt, wurde er kopiert. Der Berliner Juwelier Paul Telge warb ab 1882 mit genauen Nachbildungen des Hiddenseer Schmucks und mit Modeschmuck im „nordischen“ Stil. Er berichtete, der Fund habe die Aufmerksamkeit der höchsten Kreise erregt. Die Historikerin Charlotte Wenke hat diesen Telge-Kopien 2022 eine eigene Untersuchung gewidmet. Ab den 1920er Jahren stellte die Stralsunder Goldschmiedewerkstatt Stabenow verkleinerte Nachbildungen her, die als Andenken und Schmuck verkauft wurden.

Die Nachbildungen haben eigene Geschichten. Bei Kriegsende 1945 wurde das Original zunächst nach Stettin gebracht, dann zurückgeholt und vergraben. 1947 grub man es aus, die sowjetische Kommandantur beschlagnahmte es und gab es später an die Stadt Stralsund zurück. 1953 war es zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wieder öffentlich zu sehen. In der DDR wurde der Schmuck bis 1975 jährlich zur Ostseewoche in Stralsund gezeigt, einer staatlichen Repräsentationsveranstaltung; als Beginn dieser Reihe nennen die Quellen 1958 oder 1962. 1973 überreichte die SED-Bezirksleitung Rostock dem Parteichef Erich Honecker eine Nachbildung in einer Schatulle; der Förderverein des Stralsund Museums hat sie 2023 erworben. 1976 erschien ein Kreuzanhänger auf einer Briefmarke der DDR.

Um eine weitere Kopie, die Stasi-Minister Erich Mielke gehört haben soll und die das Stralsund Museum Anfang der 1990er Jahre erwarb, ranken sich Geschichten, die Charlotte Wenke nur aus mündlicher Überlieferung kennt. 1989 wurde das Original bei der Abformung für neue Kopien verschmutzt und 1990 in Mainz gereinigt.

Heute begegnen dir Hiddensee-Anhänger auf Mittelaltermärkten, in Onlineshops und als Motiv auf Tassen. Die Ausstellung „Wikingergold. Schatzpolitik seit 1800“, kuratiert von Isabelle Dolezalek und Charlotte Wenke, hat diese Geschichte der Aneignung 2025 und Anfang 2026 an Orten rund um die Ostsee und im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald erzählt; eine digitale Fassung ist online abrufbar. Auch wir gravieren nordische Motive nach historischen Vorlagen und finden es richtig, dabei offen zu sagen, welche Form ein Original hatte und welche eine moderne Ableitung ist.

Der Schmuck reiste öfter, als man bei einem so wertvollen Fund erwarten würde. 1986 war er in Stockholm zu sehen, 1992/93 in der Europaratsausstellung „Wikinger, Waräger, Normannen“, die in Paris, Berlin und Kopenhagen gezeigt wurde. 2012 präsentierten ihn die Staatlichen Museen zu Berlin für wenige Wochen im Neuen Museum, als Vorbote der großen Wikinger-Ausstellung, die 2013 bis 2015 in Kopenhagen, London und Berlin lief. Seit 2015 war er im Stralsund Museum dauerhaft ausgestellt.

Wer ihn sehen will, sollte vorher nachfragen. Nach Angaben des regionalen Tourismusportals ist die Ausstellung im Katharinenkloster, dem Haupthaus des Stralsund Museums, wegen Sanierungsarbeiten bis März 2027 geschlossen. Eine dpa-Meldung vom Oktober 2025 hatte die Rückkehr des Schmucks noch für die zweite Hälfte 2026 angekündigt. Hierzu gibt es also unterschiedliche Angaben. Ein Ausflug lässt sich gut verbinden: Stralsund mit seiner Backsteingotik, die Fähre nach Hiddensee, die Nachbildung im Heimatmuseum in Kloster und der Strand bei Neuendorf, an dem 1872 alles begann. Weitere Häuser mit Funden aus dieser Zeit stellt unser Überblick über Wikinger-Museen vor, und wo die Wikingerzeit in Deutschland insgesamt Spuren hinterlassen hat, zeigt der Beitrag Wikinger in Deutschland.

Was gesichert ist

  • Sechzehn Goldteile wurden zwischen 1872 und 1874 nach Sturmfluten am Strand bei Neuendorf auf Hiddensee gefunden und 1873/74 vom Stralsunder Museum angekauft.
  • Das Ensemble besteht aus einem Halsring aus vier gedrehten Stäben, einer Scheibenfibel, zehn Kreuzanhängern mit Vogelkopf-Ösen und vier kleinen Anhängern oder Zwischengliedern.
  • Das Gesamtgewicht liegt je nach Messung bei 595,5 bis 598 Gramm, der Goldanteil bei etwa 92 bis 96 Prozent.
  • Die einheitliche Legierung spricht für eine Werkstatt und eine Metallquelle; Pressmodel dieses Stils sind aus Haithabu bekannt.
  • Der Stil datiert den Schmuck in die zweite Hälfte, wahrscheinlich das letzte Viertel des 10. Jahrhunderts.
  • Alle Teile tragen Gebrauchsspuren; der Fund ist wahrscheinlich unvollständig.

Mythos-Check

  • „Der Schmuck gehörte Harald Blauzahn.“ Eine Vermutung aus Stil, Material und Zeit. Keine Quelle nennt eine Besitzerin oder einen Besitzer; die Forschung spricht vorsichtig vom Umfeld des dänischen Königshofs.
  • „Die Anhänger sind Thorshämmer.“ In der Fachliteratur gelten sie als Kreuzanhänger. Die nordische Verzierung und die ausschwingenden Arme erklären, warum viele darin einen Hammer sehen; belegen lässt sich diese Absicht nicht.
  • „Es ist der größte Goldschatz der Wikingerzeit.“ Für Deutschland bezeichnet ihn das Stralsund Museum als größten wikingischen Goldschatz. Weltweit gibt es größere Funde, etwa den Hoen-Schatz in Norwegen.
  • „Der Schmuck ist aus 24-karätigem Gold.“ Er ist sehr rein, aber nicht chemisch rein: Die Messungen ergaben etwa 92 bis 96 Prozent Gold.
  • „Das Meer hat ihn aus einem Wrack angespült.“ Möglich, aber unbewiesen. Ebenso gut kann die Sturmflut ein im Dünensand vergrabenes Depot freigelegt haben.

Häufige Fragen

Wo ist der Goldschmuck von Hiddensee heute? Das Original gehört dem Stralsund Museum. Wegen der Sanierung des Katharinenklosters solltest du vor einem Besuch prüfen, ob und wo er gerade ausgestellt ist. Eine Nachbildung zeigt das Heimatmuseum in Kloster auf Hiddensee.

Wie viel wiegt der Schatz? Knapp 600 Gramm. Genannt werden 595,5 Gramm, 596,2 Gramm und rund 598 Gramm, je nach Messung und Quelle.

Wann wurde der Schmuck gefunden? Nach der Sturmflut vom 12./13. November 1872 fanden Inselbewohner die Stücke nach und nach bis 1874 am Strand bei Neuendorf.

Wer hat den Schmuck hergestellt? Ein namentlich unbekannter Goldschmied in einer Werkstatt im altdänischen Reich, im späten 10. Jahrhundert. Die einheitliche Goldlegierung spricht dafür, dass alle Teile aus einer Hand oder zumindest aus einer Werkstatt stammen.

Sind die Anhänger christlich oder heidnisch? Die Grundform ist ein Kreuz, die Verzierung mit Vogelköpfen und Tierleibern nordisch. Wahrscheinlich spiegeln sie eine Zeit, in der beides nebeneinander bestand.

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