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Nordische Liebesworte – wie der Norden von Liebe sprach, und was davon belegt ist

Ratgeber & Geschenke Nordische Liebesworte – wie der Norden von Liebe sprach, und was davon belegt ist

Ein festes „Ich liebe dich“ kennt die altnordische Überlieferung nicht. Dafür kennt sie Verben wie unna und elska, das Hauptwort ást, Eddalieder über Frauen, die einem Toten ins Grab folgen, Sagas über Liebe, die schlecht ausgeht, und eine Handvoll Runenritzungen aus Bergen. Wir gehen die Quellen der Reihe nach durch, trennen Wikingerzeit von Saga-Zeit und sagen offen, welche Wendungen sich für eine Gravur eignen und welche nur im Internet kursieren.

„Ich liebe dich“ auf Altnordisch: die ehrliche Antwort

Zuerst das Unromantische: Einen Satz, der in den Quellen als feste, alltägliche Liebeserklärung auftaucht, gibt es nicht. Wer in den Eddaliedern und Sagas nach einem altnordischen Standard-„Ich liebe dich“ sucht, findet Verben, Hauptwörter und Handlungen, aber keine Formel, die man auf Karten drucken könnte. Das sagt nichts darüber, ob die Menschen liebten. Es sagt etwas darüber, wie sie davon sprachen: eher durch Taten, Treue und Dichtung als durch ein Bekenntnis in drei Worten.

Zwei Verben kommen dem modernen „lieben“ am nächsten. Unna bedeutet „gönnen, zugetan sein, lieben“, die Ich-Form lautet ann. „Ek ann þér“ heißt also wörtlich „ich bin dir zugetan, ich gönne dir alles Gute“. Das zweite Verb ist elska, „lieben“; es geht auf ein Adjektiv zurück, das „teuer, geliebt“ bedeutet (elskr), und lebt im Isländischen und Färöischen bis heute fort. Das moderne isländische „Ég elska þig“ ist damit eine direkte Nachfahrin von „ek elska þik“. Beide Wendungen sind grammatisch einwandfrei gebildet. Als feste Formel finden wir sie in den von uns durchgesehenen Texten aber nicht, und wir behaupten das auch nicht.

Eine zweite Einschränkung gehört dazu. Die Schreibweise, die man in Büchern und auf Gravuren sieht, ist normalisiertes Altnordisch: eine Konvention der Fachleute, die Handschriften aus verschiedenen Jahrhunderten auf eine einheitliche Form bringt. Auf einem Stein oder in einem Manuskript der Wikingerzeit hätte das Wort anders ausgesehen, und mit Runen wäre es in der Schrift der Zeit, dem jüngeren Futhark, in stark verkürzter Form geschrieben worden. Wer „ek ann þér“ graviert, graviert also eine gelehrte Rekonstruktion, keine Abschrift. Das ist legitim und schön, solange man es weiß.

Das Wortfeld: ást, unna, elska, vinr

Das zentrale Hauptwort heißt ást, Mehrzahl ástir. Sprachgeschichtlich gehört es zu einer Wortfamilie, die im Deutschen noch in „gönnen“ und „Gunst“ nachklingt; das gotische ansts („Gnade, Gunst“) und das althochdeutsche anst liegen in derselben Linie. Nach dieser Erklärung bedeutet ást ursprünglich etwa „das, was man jemandem zugesteht“, also Zuneigung als Wohlwollen. Dazu passt, dass ást und unna zusammengehören: Wer liebt, gönnt. Im modernen Isländischen ist ást das alltägliche Wort für Liebe; „ástin mín“ heißt „meine Liebe, mein Schatz“.

Zur Familie gehören Zusammensetzungen wie ástvinr („Liebesfreund“, ein geliebter, vertrauter Mensch) und ástkona („geliebte Frau“). Wie Cleasby und Vigfússon in ihrem Wörterbuch von 1874 zeigen, nutzt das Altnordische vinr, „Freund“, auch für den engen, liebevollen Gefährten. Die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe war schmaler als bei uns. Ein Wort für „Liebste“ konnte zugleich „Freundin“ bedeuten.

Bei Verlobung und Heirat spielt das Recht hinein: Die festarmær war die förmlich verlobte Braut, die brúðr die Braut, und was in der Sache zählte, regelte die Sippe und das Gesetz. Wie das ablief, haben wir im Beitrag zum Recht der Wikingerzeit beschrieben. Für das Thema hier reicht: Liebe und Ehe fielen nicht automatisch zusammen. Wer nach Gefühl sucht, muss in die Dichtung schauen.

Gesicherter Befund. Die Verben unna und elska sowie das Hauptwort ást sind altnordisch belegt und im Isländischen bis heute lebendig. Eine feste Liebeserklärung in der Art eines modernen „Ich liebe dich“ ist dagegen nicht überliefert. Rekonstruierte Sätze wie „ek ann þér“ sind sprachlich korrekt, aber moderne Zusammenfügungen.

Wo die Quellen sprechen: Edda, Skalden, Sagas

Die Überlieferung ist ungleich verteilt, und das prägt jedes Bild. Aus der Wikingerzeit im engeren Sinn (etwa 800 bis 1050) haben wir fast nur Stein, Metall und Runen; die langen Texte wurden im 12. und 13. Jahrhundert auf Island niedergeschrieben, von christlichen Gelehrten, die ältere Dichtung und mündliche Erzählung sammelten. Die Lieder-Edda steht in der Handschrift Codex Regius aus dem 13. Jahrhundert. Ein Teil der Lieder ist deutlich älter, manche wohl noch aus dem 10. Jahrhundert, aber genau datieren lässt sich kaum eines. Die Isländersagas entstanden überwiegend im 13. Jahrhundert und erzählen von Ereignissen des 10. und frühen 11. Jahrhunderts; sie sind Literatur, kein Protokoll.

Für die Frage nach Liebesworten heißt das: Was wir lesen, spiegelt, wie gebildete Isländer des 13. Jahrhunderts sich Liebe in der Vorzeit dachten. Das ist nicht wertlos, aber es ist kein Tonband aus dem Jahr 950. Die Dichter-Skalden der Wikingerzeit selbst haben Liebe selten zum Thema gemacht; ihr Geschäft waren Fürstenlob und Schlachtbericht. Eine Ausnahme bilden einige Skaldensagas, die um Dichter kreisen, die ihrer Geliebten Verse widmeten: die Kormáks saga um Kormákr Ögmundarson und seine Liebe zu Steingerðr, die Hallfreðar saga und die Bjarnar saga Hítdælakappa. Die Verse darin sind zum Teil älter als die Prosa, ob sie aber tatsächlich vom 10. Jahrhundert stammen, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt.

Kormákr ist ein gutes Beispiel für die Eigenart nordischer Liebesdichtung. Nach der Saga ist er mit Steingerðr verlobt, kommt wegen eines Fluchs zu spät zur Hochzeit, und sie heiratet einen anderen. Seine Strophen erinnern an die erste Begegnung, loben ihre Schönheit und klagen. Die Saga selbst, wohl im frühen 13. Jahrhundert niedergeschrieben, stellt die Verse eher in einen Rahmen, als dass sie sie ausdeutet. Zärtlichkeit und Kränkung stehen darin dicht beieinander. Das ist der Grundton: Liebe als Ehrensache, als Kränkung, als Schicksal, selten als sanfte Gefühlsäußerung.

Ob es im mittelalterlichen Island Beschränkungen für Liebesverse gab, wird in der Literatur häufig erwähnt. Auf den Sammelbegriff dafür, mansöngr („Frauenlied“), trifft man in der Skaldenforschung regelmäßig; die genaue Rechtslage und das Strafmaß werden aber je nach Ausgabe und Handschrift verschieden zitiert. Wir legen uns hier nicht fest und verweisen auf die Forschung.

Sigrún und Helgi: die Liebe im Grabhügel

Das berühmteste Liebesbild der Edda steht in der Helgakviða Hundingsbana II, die auch als Völsungakviða in forna bekannt ist. Der Herausgeber Henry Adams Bellows nannte das Lied 1923 ein Flickwerk aus mehreren Dichtungen, die nicht recht zusammenpassen, zählte die Strophen vom Hügelbesuch aber zum Besten, was die altnordische Dichtung hervorgebracht hat. Das Lied erzählt, wie Helgi Hundingstöter die Walküre Sigrún gewinnt, wie ihr Bruder Dagr ihn mit einem Speer erschlägt, den Odin ihm geliehen hat, und wie Sigrún den Bruder verflucht.

Dann folgt die Szene, die geblieben ist. Eine Magd sieht Helgi mit großem Gefolge in seinen Grabhügel reiten und meldet es Sigrún. Sie geht hinaus und findet ihn dort: das Haar von Reif überzogen, den Leib blutig, die Hände feucht. Helgi erklärt, das komme von ihren Tränen, die kalt und nass auf ihn gefallen seien. Sigrún bereitet im Hügel ein Bett, und die beiden verbringen eine Nacht dort. Vor der Morgendämmerung muss er zurück. Sie wartet auf eine zweite Nacht, die nicht mehr kommt, und stirbt vor Kummer; so berichtet es die Prosa am Ende des Liedes. Nach einer weiteren Notiz werden die beiden in einem späteren Leben als Kára und Helgi Haddingjaskati wiedergeboren. Diese Wiedergeburtsnotiz stammt vermutlich vom Sammler der Handschrift und ist kein Beleg für eine heidnische Glaubensvorstellung.

„Ein Bett hab ich dir, Helgi, bereitet nun, dem Kummerlosen, du Ylfinge-Sohn; an deiner Brust will ich entschlafen, Held, wie ich der Lebenden oft gethan.“Lieder-Edda, Helgakviða Hundingsbana II (Simrock, gemeinfrei)

Man kann diese Strophen als Liebesgedicht lesen, und sie sind eines. Man kann sie auch als Zeugnis dafür nehmen, was in der Vorstellung der Zeit mit einem gefallenen Krieger geschah: Er blieb im Hügel, zugleich ritt er mit Gefolge, und er konnte Besuch empfangen. Wie wir Helgi und Sigrún an anderer Stelle ausführlich beschrieben haben, liegt die Besonderheit darin, dass die Dichtung Trauer und Nähe ohne Pathos zeigt. Die Tränen sind kalt, und die Nacht ist begrenzt.

Gudrún, Brynhild und die Liebe, die weh tut

Nicht jede Liebe in der Edda tröstet. In der Guðrúnarkviða I sitzt Gudrún neben dem toten Sigurð und weint nicht, obwohl ihr Schmerz übergroß ist. Ihre Schwester Gollrönd deckt den Leichnam auf und legt Sigurðs Kopf auf Gudrúns Knie mit der Bitte, ihn zu küssen, als lebe er noch. Da fallen die Tränen auf sein verklebtes Haar. Gollrönd sagt, sie habe nie eine größere Liebe gesehen, und Gudrún antwortet, Sigurð sei größer gewesen als ihre Brüder. Das Lied gehört nach Bellows’ Urteil zu den ältesten Heldenliedern und wirkt nach seinen Worten mit außerordentlicher gefühlsmäßiger Wucht. Zu den Besucherinnen, die Gudrún trösten wollen, zählen Gjaflaug und Herborg, die ihre eigenen Verluste aufzählen; auch das ist ein Zug nordischer Trauer: Trost besteht im Vergleich mit anderen Toten.

Den Gegenpol bildet Brynhildr, die Walküre, die zuerst Sigurð liebt und dann in Wut und Verletzung seinen Tod betreibt. Die Edda erzählt ihre Geschichte in mehreren Liedern, die sich nicht in allen Punkten decken; die ausführlichste Prosafassung bietet erst die Völsunga saga aus dem späten 13. Jahrhundert. Das Nibelungenlied um 1200 zeichnet dieselben Figuren ganz anders, mit Kriemhild statt Gudrún und mit höfischer Rache als Thema. Wer „die nordische Liebesgeschichte“ sucht, findet also keine einzelne Fassung, sondern ein Geflecht aus Liedern und Prosa über Sigurd. Deren Gemeinsamkeit: Liebe und Pflicht, Liebe und Treue, Liebe und Ehre kollidieren, und keine der Figuren kommt unbeschadet davon.

Freyr und Gerðr: Sehnsucht, Zwang und neun Nächte

Das Skírnismál liefert die schärfste Sehnsuchtsszene der Edda. Der Gott Freyr setzt sich auf Odins Hochsitz Hliðskjálf, sieht in Jötunheim die Riesin Gerðr und wird trübsinnig. Er schickt seinen Diener Skírnir mit seinem Ross und seinem Schwert, um um sie zu werben. Als Gaben bei Gerðr nichts ausrichten, droht Skírnir mit Gewalt und einem langen Fluch. Gerðr willigt ein, Freyr nach neun Nächten im Wald von Barri zu treffen. Die Handschriften des Liedes stammen aus dem 13. Jahrhundert (Codex Regius und AM 748 I 4to), die Dichtung wird teils ins frühe 10. Jahrhundert gesetzt; sicher ist das nicht.

„Lǫng er nótt, lǫng eru tvær, hvé of þreyjak þrjár? Opt mér mánaðr minni þótti en sjá half hýnótt.“ – Lang ist eine Nacht, lang sind zwei; wie soll ich drei ertragen? Oft schien mir ein Monat kürzer als diese halbe Brautnacht.Skírnismál, Strophe 42 (eigene Übertragung)

Das ist eine der schönsten Zeilen altnordischer Liebesdichtung, und sie steht in einem Lied, das zugleich Zwang beschreibt. Skírnirs Fluch enthält, wie die Forscherin Carolyne Larrington herausgearbeitet hat, unter anderem Unsichtbarkeit, sexuelle Frustration, einen abstoßenden Ehemann und den Verlust von Rang und Selbstbestimmung. Ältere Deutungen sahen in der Vereinigung eine heilige Hochzeit zwischen Gott und Erde, die Fruchtbarkeit stiftet; neuere Arbeiten betonen den Zwangscharakter. Beide Lesarten haben Textstellen für sich, keine ist gesichert. Für unser Thema genügt die Beobachtung: Das Verlangen findet in der Edda eine große Sprache, aber die Werbung, die daraus folgt, ist keine Liebesgeschichte im modernen Sinn.

Mythos-Check: „Die Wikinger kannten nur Zweckehen und keine Liebe.“ Beides stimmt nicht. Ehen wurden tatsächlich zwischen Sippen ausgehandelt, und Frauen hatten dabei oft weniger zu sagen als Väter und Brüder. Dennoch zeigen Edda und Sagas durchgehend, dass Zuneigung, Eifersucht und Trauer als selbstverständlich galten. Nur wird sie anders erzählt als heute: durch Handlungen, durch Ehre und Rache, durch Verse, die wie Zwischenrufe in die Prosa fallen.

Laxdæla saga: „Dem war ich am schlimmsten, den ich am meisten liebte“

Die Laxdæla saga ist die große Liebes- und Eifersuchtsgeschichte des isländischen Mittelalters. Die Verfasserin oder der Verfasser ist unbekannt, die Entstehung wird aus inneren Hinweisen auf die Jahre zwischen etwa 1230 und 1260 gelegt; die erzählten Ereignisse reichen vom späten 9. bis in das frühe 11. Jahrhundert. Im Zentrum stehen Kjartan Ólafsson, sein Ziehbruder Bolli Þorleiksson und Guðrún Ósvífrsdóttir. Beide Männer lieben Guðrún, Kjartan und sie gelten als gutes Paar, doch während Kjartan im Ausland ist, heiratet sie Bolli. Kjartan heiratet später Hrefna, und aus Demütigungen wächst ein Streit, der damit endet, dass Bolli auf Drängen von Guðrúns Brüdern Kjartan erschlägt.

Am Ende der Saga fragt Bolli, Guðrúns Sohn, die alte Mutter, welchen ihrer Männer sie am meisten geliebt habe. Sie zählt vier Ehemänner auf und sagt dann, was seit dem 13. Jahrhundert als einer der bekanntesten Sätze der Sagaliteratur gilt:

„Þeim var ek verst, er ek unna mest.“ – Dem war ich am schlimmsten, den ich am meisten liebte.Laxdæla saga, Schlusskapitel (eigene Übertragung; engl. Übersetzung: Muriel A. C. Press, London 1899, gemeinfrei)

Beachtenswert ist das Verb: Guðrún sagt unna, nicht elska. Die Saga lässt offen, wen sie meint, und die Forschung diskutiert, ob Kjartan oder Bolli gemeint ist. Genau das ist der Punkt. Die Szene gibt keine Antwort, sie lässt eine Frau auf ihr Leben zurückschauen, ohne es zu erklären. Wer diesen Satz gravieren will, sollte wissen, dass er nicht tröstet. Er klagt.

Helga die Schöne und der Mantel: Gunnlaugs saga

Eine zweite große Dreiecksgeschichte erzählt die Gunnlaugs saga ormstungu, entstanden gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Der Dichter Gunnlaugr Schlangenzunge und sein Rivale, der Skalde Hrafn Önundarson, lieben beide Helga die Schöne, die Enkelin des Skalden Egill Skallagrímsson. Gunnlaugr bittet um ihre Hand, ihr Vater Þorsteinn gibt ihm drei Jahre Zeit. Gunnlaugr reist durch die Höfe Norwegens, Englands, Irlands, der Orkneys und Schwedens, bleibt einen Sommer zu lang in England, und Hrafn nutzt die Lücke: Er überzeugt Helgas Verwandte, das Versprechen sei verfallen, und heiratet sie. Der Streit endet in einem Zweikampf in Norwegen, in dem beide sterben.

Das Bild, das bleibt, ist ein Stück Stoff. Der englische König Æthelred hat Gunnlaugr einen scharlachroten Mantel geschenkt, und Gunnlaugr gibt ihn zur Hochzeit an Helga. Später heiratet sie einen weiteren Dichter, Þorkell, doch die Saga schließt damit, dass sie im Tod den Mantel betrachtet. Eiríkr Magnússon und William Morris haben die Geschichte 1875 unter dem Titel „The Story of Gunnlaug the Worm-Tongue and Raven the Skald“ ins Englische übersetzt (Three Northern Love Stories), und die Saga war 1775 die erste Isländersaga, die in einer wissenschaftlichen Ausgabe gedruckt wurde. Auch hier trägt ein Gegenstand, was das Wort nicht sagt.

Treue als Tat: Njáls saga und Gísla saga

Die Njáls saga bietet zwei gegensätzliche Ehebilder. Gunnarr von Hlíðarendi und Hallgerðr langbrók sind ein Paar, in dem alte Kränkungen nie ganz verheilen. Als Gunnarr in Not ist und um zwei Locken ihres Haars für eine Bogensehne bittet, verweigert sie es ihm und erinnert ihn an eine Ohrfeige, die er ihr einst gegeben hat. Das ist die Gegenseite der Treue: Liebe, die nicht verzeiht.

Ganz anders Bergþóra und Njáll beim Brand ihres Hofes. Bergþóra, so die Saga, hat die Wahl, mit den Frauen hinauszugehen, entscheidet sich zu bleiben und legt sich mit Njáll ins Bett. Sinngemäß begründet sie es damit, sie sei dem Njáll jung gegeben worden und habe ihm versprochen, dass beide dasselbe Schicksal teilen würden. Die Szene ist kein Beleg für ein allgemeines Gefühl der Epoche, sondern ein Beispiel dafür, was die isländische Saga als vorbildliche Gattentreue erzählen wollte. Ähnlich zeigt die Gísla saga, wie Gísli Súrssons Frau Auðr eine Silbertasche in das Gesicht eines Mannes schlägt, der sie zum Verrat an ihrem Mann bestechen will. Auch sie beweist ihre Treue nicht mit Worten, sondern mit einer Tat.

Was die Hávamál über Zuneigung wissen

Die Hávamál sind eine Spruchsammlung in Odins Mund, überliefert nur im Codex Regius des 13. Jahrhunderts, mit einer geschätzten Entstehungszeit zwischen 900 und 1000 für Teile des Gedichts. Sie sind für unser Thema aufschlussreich, weil sie nüchtern sind. Die Strophen 44 bis 46 handeln von Freundschaft: Wer einen Freund hat, dem er traut, soll ihn oft besuchen und mit ihm Geschenke tauschen. Wer jemandem misstraut, soll freundlich sprechen und dennoch Gleiches mit Gleichem vergelten. Freundschaft ist hier ein Austausch, der gepflegt werden muss. Das Bild von Zuneigung als gegenseitiger Gabe passt zu dem, was wir über ást und unna gesehen haben.

Für die Liebe zwischen Mann und Frau sind die Hávamál weniger freundlich. Die Strophen 84 bis 95 enthalten Warnungen vor der Unbeständigkeit der Frauen, Strophe 91 behauptet umgekehrt, das Herz der Männer sei den Frauen gegenüber wechselhaft, und schönes Reden verberge oft einen falschen Sinn. Danach berichtet Odin, wie er versuchte, die Tochter Billings zu gewinnen, und scheiterte. Man liest hier die Stimme eines Erzählers, der Liebe als Gefahr kennt und deshalb vorsichtig mit ihr umgeht. Sie ist, wie in der gesamten nordischen Überlieferung, nie nur süß.

Liebesbotschaften aus Runen: Bryggen in Bergen

Die greifbarsten Zeugnisse aus dem Alltag stammen aus Bergen. Seit 1955 haben Archäologen am Hafenviertel Bryggen rund 670 mittelalterliche Runeninschriften gefunden, überwiegend auf Kiefernholz, einige auf Knochen. Viele stammen frühestens aus dem 14. Jahrhundert; sie haben die Vorstellung widerlegt, dass die Runenschrift in Norwegen früh ausgestorben sei. Man findet Besitzermarken („Eysteinn á mik“, „Eysteinn besitzt mich“), Geschäftsbriefe, lateinische Gebete und ein paar persönliche Zeilen. Eine davon, Inschrift B017, lautet „Ást min, kyss mik“: „Meine Liebe, küss mich.“ Daneben steht ein Liebeszauber, N B257, um 1335 datiert, dessen Inhalt einem Fluch aus dem Skírnismál ähnelt.

Wichtig ist die Einordnung. Bryggen gehört ins Hochmittelalter, nicht in die Wikingerzeit; die Menschen waren Christen, und neben den heidnischen Anspielungen stehen „Ave Maria“-Inschriften. Dass dort „ást min“ steht, zeigt, dass das Wort ást im Alltag benutzt wurde und dass man eine Geliebte mit „meine Liebe“ ansprechen konnte. Es ist ein schöner Beleg und ein ehrlicher: kurz, schlicht, ohne Ornament. In der eigentlichen Wikingerzeit sind die häufigsten Runentexte Gedenkinschriften. Das Denkmal von Jelling nennt König Gorm, der es für seine Frau Thyri errichten ließ, „Dänemarks Zier“ oder „Dänemarks Rettung“, je nachdem, wie man das Wort tanmarkar but übersetzt. Wer mehr über Thyra und den Stein von Jelling lesen will, findet beides in eigenen Beiträgen.

Was wirklich auf Holz steht. Die Bryggen-Inschrift B017 („Ást min, kyss mik“) ist eine schlichte persönliche Nachricht des Mittelalters, sie stammt nach heutiger Einschätzung frühestens aus dem 14. Jahrhundert. Ein verbreitetes „Wikinger-Kosewort“-Verzeichnis ist sie nicht. Sie bestätigt aber, dass ást als Anrede einer geliebten Person im Alltag gebraucht wurde.
Mythos-Check: „Die Gebo-Rune bedeutet Liebe.“ Gebo (ᚷ) heißt im älteren Futhark „Gabe“, und die Verbindung mit Liebe oder Partnerschaft ist eine moderne, esoterische Zuschreibung. Eine mittelalterliche Quelle, die Runen als Liebessymbole beschreibt, kennen wir nicht. Wie ehrlich man mit Runen und Liebe umgehen kann, steht in unserem Beitrag über Runen für die Liebe und in der Übersicht zur Runenforschung.

Wie sprach man die Liebste an?

Hier ist Zurückhaltung geboten, denn im Netz kursieren Listen angeblicher „Wikinger-Kosenamen“, von denen die meisten keine Quelle nennen. Belegt ist wenig. Wir wissen, dass vinr („Freund“) und vina („Freundin“) in warmem Sinn gebraucht wurden, dass ást min in Bergen auf Holz steht und dass die Skalden Frauen in Kenningar umschrieben, also in mehrgliedrigen Bildern, die oft Schmuck, Gold oder Göttinnennamen enthalten: eine Frau konnte „Göttin des Rings“ heißen. Die Kennings der Dichter sind Kunst, nicht gesprochene Sprache. Niemand hat seine Frau morgens am Tisch mit „Baum des Goldes“ begrüßt, soweit wir wissen.

Fest steht dagegen, dass die Skandinavier Namen mit ausdrucksstarken Bestandteilen trugen. Wie solche Namen gebildet wurden und was sich belegen lässt, steht im Beitrag über nordische Vornamen und bei den Wikinger-Namen.

Welche Wendungen sich für eine Gravur eignen

Für ein Geschenk zählen drei Dinge: Das Wort soll belegt oder sauber gebildet sein, es soll kurz genug für die Fläche sein, und man soll es erklären können, ohne Märchen zu erzählen. Danach lassen sich die Kandidaten ordnen.

Die beiden Sonderbuchstaben gehören dazu. Das þ (Thorn) klingt wie das stimmlose englische „th“ in „thing“, das ð (Eth) wie das stimmhafte „th“ in „the“. „Þér“ spricht sich ungefähr „thehr“, „ann“ mit kurzem a und langem n. Ein Hinweis, der auf einer Gravur wie auf einer Karte hilft: Schreib daneben, dass es sich um normalisiertes Altnordisch handelt, und setze die Übersetzung darunter. Dann kann niemand die Gravur für eine Abschrift aus dem 10. Jahrhundert halten, und die Bedeutung geht nicht verloren.

In der Werkstatt gravieren wir diese Wörter samt Sonderzeichen auf Schieferplatten, auf Windlichtern aus Kristallglas oder auf Anhängern. Wer Wort, Namen und Datum zuerst selbst anordnen möchte, nutzt den Gravur-Konfigurator; für alles Freie und Persönliche sind wir über die Seite Individuelle Gravur erreichbar. Wie man Namen in Runen umsetzt, ohne sich Unsinn einzuhandeln, steht im Beitrag über Wikinger-Namen, und wer ein Geschenk zu Hochzeit oder Geburt sucht, findet Ideen unter nordische Hochzeit, Taufe und Geschenke.

Wie belastbar ist die Überlieferung?

Zum Abschluss ein nüchterner Überblick, damit klar bleibt, worauf die Aussagen oben beruhen.

Das ist weniger, als manche Seite verspricht, und mehr, als man zunächst vermutet. Die Quellen zeigen Menschen, die liebten, trauerten, eifersüchtig waren und treu blieben, und sie haben dafür Wörter hinterlassen, die in Island bis heute gesprochen werden.

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Häufige Fragen

Wie sagt man „Ich liebe dich“ auf Altnordisch? Am nächsten kommen „ek ann þér“ (vom Verb unna, zugetan sein) und „ek elska þik“ (vom Verb elska, lieben). Beide Wendungen sind sprachlich korrekt gebildet, eine feste Standardformel ist aber nicht überliefert.

Was bedeutet „ást“? Ást ist das altnordische Wort für Liebe und Zuneigung und im Isländischen heute das alltägliche Wort dafür. Es gehört sprachlich zu unna und zu deutsch „gönnen“.

Gibt es echte Runeninschriften mit Liebesbotschaften? Ja, aus Bergen etwa „Ást min, kyss mik“ (B017) und ein Liebeszauber (N B257, um 1335). Beide stammen aus dem Mittelalter nach der Wikingerzeit. Aus der Wikingerzeit selbst überwiegen Gedenksteine.

Welche Liebesgeschichten erzählt die nordische Überlieferung? Die bekanntesten sind Sigrún und Helgi in der Edda, Gudrún und Sigurð, Freyr und Gerðr im Skírnismál sowie Guðrún, Kjartan und Bolli in der Laxdæla saga. Alle sind schriftlich erst im 12. und 13. Jahrhundert fixiert.

Hatten die Wikinger Kosenamen? Zärtliche Anreden wie vinr, vina oder ást min sind belegt. Die vielen „süßen Wikinger-Kosenamen“-Listen im Netz nennen meist keine Quelle und sind in der Regel moderne Erfindungen.

Kann ich einen altnordischen Spruch gravieren lassen? Ja. Wir gravieren die Wörter samt Sonderzeichen wie þ und ð und legen auf Wunsch Bedeutung und Aussprache bei. Hilfreich ist ein Hinweis, dass es sich um normalisiertes Altnordisch handelt.

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