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Die Ripuarier: Ein Landschaftsname wird zum Stamm

Geschichte & Funde Die Ripuarier: Ein Landschaftsname wird zum Stamm

Ripuarier, das klingt nach einem Volk mit König, Gesetz und Hauptstadt Köln. Schaut man in die Quellen, ist davon erstaunlich wenig mit diesem Namen verbunden: Ein Kölner Herrscher namens Sigibert ist bei Gregor von Tours bezeugt, ein Rechtsbuch trägt den Namen im Titel, doch der Volksname selbst erscheint erst im 7. und 8. Jahrhundert. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, trennt Beleg von Deutung und sagt offen, was ich im Wortlaut gelesen habe und was nur über Zusammenfassungen.

Einordnung: Rheinfranken, Kölner Franken, Ripuarier

Wer sich im Rheinland für die Franken der Frühzeit interessiert, stößt früher oder später auf ein Wort: Ripuarier. Die Handbücher beschreiben sie als den Teil der Franken, der am Rhein um Köln saß, einen eigenen König namens Sigibert hatte, um 509 unter Chlodwig fiel und ein eigenes Rechtsbuch hinterließ, die Lex Ribuaria. Sie stehen dort neben den Salfranken im Westen, den Vorfahren der Merowinger. Zwei Stämme, zwei Gesetze, schön übersichtlich.

So einfach ist es nicht. Der Satz enthält drei Annahmen, die man einzeln prüfen muss: dass es einen Teilstamm dieses Namens gab, dass er im 5. Jahrhundert schon so hieß, und dass sein Gebiet mit dem späteren „Ripuarien“ übereinstimmte. Die Quellen tragen keine davon bruchlos. Das Wort ist in der Frankenzeit erst spät belegt, und zwar in Texten, die lange nach den Ereignissen entstanden. Seit den 1950er Jahren gilt es in der Forschung nicht mehr als ursprünglicher Stammesname.

Vorab zu den Begriffen. „Ripuarier“ (lateinisch Ripuarii oder Ribuarii) ist die eingedeutschte Form. „Rheinfranken“ und „Kölner Franken“ sind moderne Sammelnamen; nach der deutschen Wikipedia taucht „Rheinfranken“ in keiner Quelle der Frankenzeit auf. „Ripuarisch“ für die Mundarten zwischen Aachen und Bonn ist wieder etwas anderes und kommt weiter unten.

Auf dieser Seite gibt es bereits Beiträge zu den Franken insgesamt, zur Schlacht bei Zülpich, zu den Ubiern als den römischen Kölnern und zu den Chamaven und Chattuariern als Nachbarn. Hier geht es um die Frage, was hinter einem einzigen Namen steckt.

Name und Quellenlage: Wer sagt wann „Ripuarier“?

Die Zeugnisse lassen sich in wenigen Gruppen ordnen. Bei jeder trenne ich, was ich im Wortlaut gesehen habe, von dem, was ich nur über Zusammenfassungen kenne.

Ammianus Marcellinus (Res gestae, 4. Jahrhundert) ist der zeitnaheste Zeuge für die Lage am Niederrhein. In der englischen Loeb-Übersetzung, die ich an den Stellen eingesehen habe, ist Köln „stormed and destroyed“ worden (15,8,19); Julian beschloss, die vor seiner Ankunft zerstörte Stadt zurückzugewinnen (16,3,1), und blieb nach dem Einzug dort, bis er die Frankenkönige eingeschüchtert hatte (16,3,2). Das war 356. Es zeigt: Am Rhein gab es mehrere Frankenkönige, und Köln war umkämpft. Den Namen Ripuarier habe ich in diesen Stellen nicht gefunden, und die Literatur, die ich kenne, führt Ammianus dafür auch nicht an. Den lateinischen Text habe ich nicht gesehen.

Jordanes, Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts, nennt in der Getica (191, im 36. Kapitel) die Verbündeten des Aëtius in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451. Die Liste lautet nach einem Zitat in einem Fachforum: Franci, Sarmatae, Armoriciani, Liticiani, Burgundiones, Saxones, Ripari, Olibriones; eine englische Übersetzung gibt Ripari nach der englischen Wikipedia als „Riparians“ wieder. Das ist die älteste Stelle, die klingt wie unser Wort, und manche haben darin die Ripuarier gesehen. Dagegen sprechen zwei Beobachtungen. Erstens stehen Franci und Ripari getrennt in der Liste. Zweitens rechnet Matthias Springer die riparii römischen Verwaltungs- und Grenzeinheiten zu; Eugen Ewig dachte an eine Einheit der Notitia dignitatum, des spätantiken Verzeichnisses von Ämtern und Truppen, an der Rhône, was Springer mit dem Hinweis bestreitet, mindestens drei der vier Kandidaten seien Flottenverbände gewesen. Das kenne ich nur aus der englischen und der deutschen Wikipedia; die Lesung der Handschriften habe ich nicht geprüft.

Gregor von Tours schrieb seine Historiae kurz vor 590, rund achtzig Jahre nach den Ereignissen um Sigibert. Er erzählt vom Kölner Herrscher, nennt aber laut englischer Wikipedia dessen Leute nicht Ripuarier. Dazu passt, was ich in der deutschen Übersetzung gesehen habe: Der Titel „König der ribuarischen Franken“ steht dort in einer Fußnote, nicht im Text. Ob im lateinischen Original irgendwo rex neben Sigibert steht, kann ich mangels Zugriff auf den vollständigen Text nicht sagen.

Die Lex Ribuaria trägt den Namen im Titel, aber die erhaltene Form stammt aus dem 7. Jahrhundert oder später. Nach der englischen Wikipedia benutzen erst spätere Handschriften die Form Lex Ribuariorum, „Gesetz der Ribuarier“, also einen Volksnamen; die ältere Form benennt ein Land. Springer macht daraus ein Argument: Der Name bezeichnete zuerst einen Raum und erst später ein Volk.

Das Liber Historiae Francorum, eine anonyme Frankengeschichte von etwa 726/727, ist nach der englischen Wikipedia die erste Erzählquelle, die eine Form von ribuarius eindeutig für die Leute um Köln benutzt. Sie kennt eine terra Riboariense und einen Ribuarier, der nach der Schlacht von 612 zwischen Theuderich II. und Theudebert II. bei Zülpich auf den siegreichen König geschossen haben soll. Später mehren sich die Formen: in den Annalen von Saint-Bertin und von Fulda, bei Wipo von Burgund, der die Bewohner Niederlothringens Ribuarii nennt, und in den Xantener Annalen, die Lothar II. rex Ripuariorum heißen. Im Wortlaut gelesen habe ich davon nichts.

Für den Befund heißt das: Ein Volksname Ripuarii ist für das 5. Jahrhundert nicht belegt. Die erste Erzählstelle stammt aus dem frühen 8. Jahrhundert, der Gesetzestitel aus dem 7. oder 8., und das einzige ältere Wort, das ähnlich klingt, gehört wahrscheinlich zu etwas anderem.

Woher der Name kommt, und warum das niemand sicher sagt

Die gängige Herleitung geht vom lateinischen ripa, „Ufer“, aus: Die Ripuarier wären „Uferbewohner“, gemeint das Rheinufer. Das ist plausibel und wohl die älteste Deutung, hat aber Haken. Das zweite Wortglied -varii wird gewöhnlich als germanisches Wort für „Bewohner“ verstanden, wie in den Namen der Ampsivarier, Chasuarier und Angrivarier; ein lateinisch-germanisches Mischwort wäre auffällig. Außerdem zeigt die Schreibung mit b, dass das Wort weicher gesprochen wurde als das lateinische p verlangt. Springer schließt daraus auf galloromanischen Ursprung, denn dort sei der Wechsel von p zu b üblich. Irmgard Frank hält den Lautwandel nach der englischen Wikipedia eher für germanisch, schließt eine galloromanische Herkunft aber nicht aus. Springer verbindet das mit seiner Deutung von riparius als Bezeichnung römischer Grenz- oder Polizeieinheiten, vielleicht im Zusammenhang mit der Zollerhebung am Fluss.

Man muss also unterscheiden. Dass ripa irgendwie im Wort steckt, ist kaum strittig. Ob es ein germanischer, ein romanischer oder ein römisch-amtlicher Name war und ob er zuerst ein Land oder eine Truppe meinte, ist offen. Wer liest „Ripuarier heißt Uferfranken“, liest die älteste Vermutung als Tatsache.

Geschichte: Franken am Rhein vor Sigibert

Dass Franken am Rhein bis in die Gegend von Köln vordrangen, ist gut bezeugt, auch ohne den Namen Ripuarier. Die deutsche Wikipedia nennt als frühe Erwähnung des Frankennamens die lateinischen Lobreden (Panegyrici Latini) von 293. Köln fiel 355 und wurde 356 von Julian zurückgeholt. Wie lange die römische Verwaltung danach bestand, geben die gelesenen Zusammenfassungen nicht klar her.

Wann die Franken die Stadt endgültig übernahmen, ist unsicher. Nach einem Beitrag von Jip Barreveld im Leiden Medievalists Blog (2022) nennt eine Quelle des 8. Jahrhunderts das Jahr 457/458, was die Autorin für unzuverlässig hält; die deutsche Wikipedia nennt in verschiedenen Artikeln 459 oder 459/461. Der Bischof Salvian von Marseille schildert Köln in einem Werk, das um 439 bis 451 entstanden sein soll, als „voll von Feinden“ und erwähnt eine Kölnerin, die den „Frauen der Barbaren“ dienen musste. Das spricht für fränkische Herren am Ort um die Jahrhundertmitte, ohne dass sich ein Jahr festmachen ließe. Salvian habe ich nicht gelesen.

Die romanische Bevölkerung verschwand nicht. Barreveld betont, Köln sei um 500 noch eine Stadt gewesen, keine Wüstung: Auf dem Heumarkt wurden bis ins späte 5. Jahrhundert Glas, Perlen und Metall verarbeitet, in Deutz standen merowingische Holzhäuser zwischen römischen Kasernen, rund fünfzig lateinische Grabinschriften sind erhalten, viele in Hexametern. Ein „Kölner Frankenreich“ war demnach eine fränkische Herrschaft über eine romanisch geprägte Stadt und ihr Umland.

Sigibert, Chlodwig und das Ende des Kölner Reiches

Der einzige Mann, den die Quellen als Herrn dieses Raumes greifbar machen, heißt Sigibert. Er kommt bei Gregor von Tours vor, in II,37 und II,40, und ist damit nur durch eine Quelle bezeugt, die ein Jahrhundert später entstand und ein Anliegen hatte: Gregor wollte erzählen, wie Chlodwig mit Gottes Hilfe ein Reich gewann.

In II,37, dem Krieg gegen den Westgotenkönig Alarich, tritt Sigibert nur indirekt auf, durch seinen Sohn Chloderich und mit einem Rückblick auf eine Verwundung.

„Es stand aber ihm zur Seite ein Sohn Sigeberts des Hinkenden, mit Namen Chloderich, jenes Sigebert nämlich, der im Kampfe gegen die Alamannen bei Zülpich am Knie verwundet worden war und seit der Zeit hinkte.“Gregor von Tours, Historiae II,37, in der deutschen Übersetzung von Wilhelm von Giesebrecht (Die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit), hier nach der 4. Auflage, bearbeitet von Siegmund Hellmann, Leipzig 1911, in der Digitalisierung der Bibliothek der Kirchenväter (bkv.unifr.ch). Der Text ist gemeinfrei. Gelesen über eine Seitenabfrage, nicht am Originalscan; „ihm“ meint Chlodwig. Dass „Zülpich“ hier Tolbiacum übersetzt, ergibt sich aus der Literatur (de.wikipedia, Schlacht von Zülpich), nicht aus dieser Ausgabe.

Mehr sagt Gregor an dieser Stelle nicht. Die Alamannenschlacht, die er in II,30 erzählt, trägt dort keinen Ortsnamen. Ob Sigiberts Verwundung zur selben Schlacht gehört wie Chlodwigs Gelübde, ist deshalb Annahme, nicht Quelle. Zu Datum (496/497 ist die traditionelle Zahl, andere Vorschläge reichen von den 480er Jahren bis 506/507) und Ort siehe den Beitrag zu Zülpich.

In II,40 erzählt Gregor das Ende. Nach der deutschen Übersetzung hatte Sigibert Köln verlassen und war über den Rhein gegangen; im Buchonischen Wald, den die Fußnote bei Fulda in Hessen verortet, wurde er mittags in seinem Zelt schlafend erschlagen. Sein Sohn Chloderich hatte es betrieben, um selbst zu herrschen. Dann bot er Chlodwig Schätze des Vaters an. Chlodwigs Gesandte ließen sich die Truhe zeigen und erschlugen Chloderich dabei. Chlodwig ließ erklären, an alldem unbeteiligt zu sein. Daraufhin, so Gregor, hoben die Leute Sigiberts ihn auf den Schild und machten ihn zum König über sich. Gregor fügt an, Gott habe Chlodwig weiterhin Siege geschenkt.

Eine Fußnote der Ausgabe merkt an, dass Gregor das Schildheben nur an drei Stellen erwähne und hier ein Zeichen sehe, dass die Rheinländer den neuen Herrn bestätigen mussten. Eine andere hält fest, dass Forscher Gregor vorgeworfen haben, Chlodwigs Gewalt zu billigen, was andere bestreiten. Sigiberts Tod wird meist um 508/509 gesetzt, ein bis zwei Jahre nach Vouillé (507); das ist gerechnet, nicht überliefert.

Zwei Dinge fallen auf, wenn man Gregor beim Wort nimmt. Er nennt keinen Stamm; es sind „die Leute Sigiberts“. Und er beschreibt keinen Staat mit festen Grenzen, sondern eine Gefolgschaft, die einen neuen Herrn bekommt. Die Rede vom „Ripuarierkönig“ ist eine Konvention der Forschungsgeschichte. Ohne sie bleibt ein fränkischer Herrscher mit Sitz in oder bei Köln, der in die Westgotenkriege Chlodwigs hineingezogen und von dessen Männern abgelöst wurde.

Nach 509 gehörte Köln zum Reich Chlodwigs und seiner Söhne. Die deutsche Wikipedia lässt daraus unter Theuderich I. (511 bis 533) das Teilreich entstehen, das später Austrasien hieß. Ein Beleg für ein weiterlebendes eigenes „ripuarisches“ Königtum liegt mir nicht vor.

Recht: Die Lex Ribuaria

Das Rechtsbuch heißt in älterer Form Lex Ribuaria, in späterer Lex Ribuariorum. Wie die Lex Salica ist es ein Bußenkatalog mit Verfahrensregeln, kein Gesetzbuch im heutigen Sinn. Nach der deutschen Wikipedia hat es 89 Kapitel in drei Teilen: Wergeld und Bußen für Körperverletzung und Tötung (1 bis 31), Verfahrensrecht (32 bis 56), Königsbann, Heerbann und Strafen für Verrat (57 bis 89), dazu ein Anhang aus karolingischer Zeit. Die englische Wikipedia teilt anders (1 bis 31, 32 bis 64, 65 bis 89); die Zählung hängt offenbar von der Ausgabe ab, und ich habe keine selbst eingesehen.

Datierung. Hier gehen die Zusammenfassungen auseinander. Die englische Wikipedia spricht von einer Sammlung des 7. Jahrhunderts, entstanden um 630 in der Gegend von Köln unter Dagobert I. Die deutsche beschreibt eine Entstehung in Schritten: Anfänge unter Theuderich I., Zusätze bis in die Zeit Childeberts II., Endredaktion unter Dagobert, dazu ein karolingischer Anhang. Springer hält sogar das frühe 8. Jahrhundert für möglich. Die Handschriften helfen nicht weiter: Nach der englischen Wikipedia gibt es 35, keine ist älter als die Zeit Karls des Großen, alle bieten dieselbe überarbeitete Fassung (lex emendata).

Verhältnis zur Lex Salica. Die Lex Ribuaria baut auf der Lex Salica auf, in den Zusammenfassungen unterschiedlich weit. Die englische Wikipedia sagt, die Kapitel 32 bis 64 seien unmittelbar übernommen; die deutsche beschreibt einen Teil 2 mit „nahezu unveränderten Passagen“ und einen Teil 3, der sie „weitgehend, aber nicht vollständig“ nutzt. Eine Eigenheit ist die Bußeneinheit: 18 Solidi im ersten Teil statt der 15 der Lex Salica (englische Wikipedia). Neu sind vor allem der Gerichtskampf (duellum), den die Lex Salica nicht kennt, und eine größere Rolle von Urkunden und Eidhelfern.

Wergeld. Der Geldwert eines Menschen (Wergeld, von wer, „Mann“) sollte Blutrache durch Ausgleich ersetzen. Die deutsche Wikipedia nennt in Solidi, den Goldmünzen: freier Römer 100, halbfreier Franke (lidus) 100, freier Franke 200, ein Tischgenosse des Königs 300, ein Gefolgsmann des Königs (antrustio) 600, Priester 600, Bischof 900. Priester und Bischof bestätigt auch die englische Seite; die übrigen Zahlen kenne ich nur aus der deutschen Zusammenfassung, nicht aus dem Gesetzestext. Vom Wergeld eines Franken ging ein Drittel an den Fiskus, zwei Drittel an die Sippe.

Dass das Gesetz Franken und Römer erfasste und unterschiedlich bewertete, ist bemerkenswert. Sebastian Esders liest darin nach der englischen Wikipedia bewusstes „ethnic engineering“, eine Ordnung für eine gemischte romanisch-fränkische Gesellschaft; das ist eine Deutung. Allgemeines zu den Rechtsbüchern steht im Beitrag zu den germanischen Stammesrechten.

Als Geltungsraum nennt die Lex ein Land, kein Volk. Nach der englischen Wikipedia fallen die Begriffe provincia, ducatus und regnum, und das Gebiet umfasste Köln, Bonn, die Eifel, Zülpich, Jülich und Neuss; die deutsche spricht vom „Herzogtum Ripuarien“ im Teilreich Austrien. Dass das Gesetz im Zusammenhang mit einem 623 oder 633 eingerichteten austrasischen Teilkönigtum entstand, ist wahrscheinlich, nicht bewiesen.

Archäologie: Gräber, die keine Namen tragen

Funde zeigen Rang, Mode und Bestattungssitte, keinen Stammesnamen. Das gilt hier besonders, weil „ripuarisch“ als Gruppenname erst im 7. oder 8. Jahrhundert greifbar wird. Was es gibt, sind Gräber im Kölner Raum und am Niederrhein, die man mit fränkischer Herrschaft verbindet.

Köln. Die Domgrabung lief ab 1946 unter Otto Doppelfeld und endete 1997. Nach der deutschen Wikipedia errichteten die in Köln residierenden Kleinkönige im 6. Jahrhundert eine 40 bis 50 Meter lange Bischofskirche, vermutlich unter Theudebert, als Grablege der Familie. Dazu gehören ein Frauengrab und ein Knabengrab. Nach Barreveld datiert das Holz über dem Knabengrab um 537 (plus/minus zehn Jahre); im Grab lagen ein hölzernes Bettchen, ein Helm in Kindergröße, Waffen für Erwachsene, Gefäße und ein kleines hölzernes „Zepter“. Das Frauengrab enthielt viel Gold und Schmuck, Glas, Kleidung, eine Amulettkapsel (bulla) und eine Kristallkugel; Münzen datieren es nach 518/526, die Beigaben ins Jahr 525 bis 550. Die Frau war etwa 25 bis 30 Jahre alt, einzelne Stücke gelten als langobardisch.

Wer waren die beiden? Die verbreitete Deutung sieht in der Frau Wisigard, die langobardische Gemahlin Theudeberts I., und im Knaben ihren Sohn. Barreveld wendet ein, keine Schriftquelle verbinde Wisigard mit Köln, kein Text nenne ein Kind von ihr, und ein DNA-Ergebnis zeige, dass Frau und Knabe nicht verwandt waren. Die Identifikation sei nicht zu sichern; auch eine Nachfahrin Sigiberts komme in Frage. Das DNA-Ergebnis kenne ich nur aus diesem Blog. Joachim Werners Aufsatz von 1964 (Antiquity) über die fränkischen Königsgräber in Köln und Saint-Denis habe ich nicht gelesen. Für diesen Beitrag zählt das Negative: Die Gräber belegen reiche fränkische Eliten in Köln im 6. Jahrhundert, nicht einen Stamm namens Ripuarier.

Weitere Gräber des 6. Jahrhunderts liegen an St. Severin, St. Ursula und St. Gereon. Barreveld beschreibt Köln als „polyzentrisch“, mit Siedlungskernen um Palast, Dom, Deutz und die Rheinwerkstätten.

Krefeld-Gellep. Das Gräberfeld am römischen Kastell Gelduba, heute Stadtteil von Krefeld, liegt rheinabwärts von Köln. Nach der deutschen Wikipedia umfasst es weit über 6000 Gräber vom 1. bis ins 8. Jahrhundert; ausgegraben wurde seit 1934 von Albert Steeger und von 1959 bis 1994 von Renate Pirling. Berühmt ist Grab 1782, das „Fürstengrab des Arpvar“ aus dem 6. Jahrhundert: ein goldener Spangenhelm, goldene Sattelbeschläge, Pferdegeschirr mit Metalleinlagen, Bronzegefäße, eine Spatha, eine Wurfaxt (Franziska), ein Sax, Lanzen und ein Schildbuckel. Eine kaum abgenutzte Goldmünze, Nachahmung einer Prägung unter Anastasius I., gibt als frühesten Zeitpunkt 491; ein Bronzekrug trägt den Namen Arpvar. Krefeld steht nicht in der Ortsliste zur Lex, die ich gelesen habe. Ob der Mann „ripuarisch“ war, ist die falsche Frage; er zeigt fränkische Führung am Niederrhein.

Solche Felder nennt man Reihengräberfelder: Bestattungen in Reihen, bei Männern oft mit Waffen, bei Frauen mit Schmuck. Wer aus ihrer Verbreitung ein Stammesgebiet ablesen will, liest zu viel hinein.

Der Forschungsstreit: Stamm oder Raumname?

Das ältere Bild ist schnell erzählt. Die Franken zerfielen in Teilstämme, im Westen die Salier, am Rhein die Ripuarier; Grundlage waren zwei Rechtsbücher, Gregor und die Vorstellung, dass jedem Gesetz ein Volk entspricht. Nach der deutschen Wikipedia sollen die Rheinfranken um 435 Trier und 459/461 Köln erobert und sich zwischen 470 und 485 nach Südwesten ausgedehnt haben. Das ist die traditionelle Darstellung.

Springer hält die Zwei- oder Dreiteilung der Franken für ein Konstrukt, das auf Fehldeutung späterer Quellen beruht; es habe so viele fränkische Gruppen gegeben wie Herrscher. Ribuarii sei kein alter Stammesname. Seit den 1950er Jahren wird das Wort nach der englischen Wikipedia überwiegend nicht mehr als Stammesname gesehen. Ein Rest bleibt gesichert: Sigibert gab es, ein Kölner Herrschaftsgebiet ebenso. Offen sind der Name und die Frage, wie sich die Menschen selbst nannten.

Dass „Ripuarier“ kein alter Stammesname ist, heißt nicht, dass es keine fränkischen Gruppen am Rhein gab. Es heißt nur, dass wir sie nicht so nennen können, solange wir nicht wissen, wie sie sich selbst bezeichneten.

Regionalbezug: Köln, Zülpich, Aachen

Für den Raum, in dem wir arbeiten, steht Köln im Mittelpunkt, Aachen eher am Rand. Zülpich gilt als Ort von Sigiberts Verwundung und von Chlodwigs Alamannenschlacht, beides unsicher; mehr im Beitrag zu Zülpich. Jülich und Neuss nennt die englische Wikipedia zum Geltungsraum der Lex Ribuaria. Aachen fehlt in der Aufzählung, die ich gelesen habe (Köln, Bonn, Eifel, Zülpich, Jülich, Neuss). Ob es im Frühmittelalter zum „Ripuarischen“ zählte, kann ich daraus nicht ableiten. Aus der Frankenzeit gibt es in Aachen nichts, was ich dem Thema zuordnen könnte; als Pfalz Karls des Großen gehört der Ort in eine spätere Zeit.

Das Wort „Ribuarien“ als Raumname begegnet in späteren Quellen. Nach unserem Beitrag über Wikinger in Aachen nennen die Annalen von Fulda unter den von dänischen Heeren heimgesuchten Gebieten „ganz Ribuarien“, das fränkische Land links des Rheins um Köln; diese Stelle habe ich nicht im Wortlaut gesehen. Dass die Wikinger 881/882 nach Regino von Prüm, den Annalen von Fulda und denen von St-Vaast Köln, Bonn, Zülpich, Jülich und Neuss heimsuchten und die Aachener Pfalz in Brand setzten, steht ebenfalls dort. Das liegt rund 370 Jahre nach Sigibert und gehört einer anderen Epoche an; beide verbindet nur das Land. Mehr zum Raum in Germanen im Rheinland.

Nachleben: „Ripuarisch“ als Wort der Sprachwissenschaft

Das Wort lebt heute in der Dialektkunde. Als „Ripuarisch“ bezeichnet man die Mundarten um Köln, Bonn und Aachen. Nach der deutschen Wikipedia reicht das Gebiet im Norden bis zur Benrather Linie, im Süden bis zur Gegend von Bad Honnef, im Westen bis zum Dreiländereck und im Osten bis Wildberg im Oberbergischen Kreis; dazu kommen der deutschsprachige Teil Belgiens und niederländische Grenzorte wie Kerkrade, Bocholtz und Vaals. Das Ripuarische ist ein Übergangsdialekt zwischen dem Niederfränkischen im Norden und dem Moselfränkischen im Süden und gehört zum „Rheinischen Fächer“, dem Bündel von Sprachgrenzen entlang des Rheins. Das Aachener Öcher Platt zählt zum Westripuarischen. Die englische Wikipedia schätzt, dass etwa eine Million Menschen eine ripuarische Mundart sprechen, ein Viertel der Einwohner des Gebiets; passiv verstehen weit mehr. Kölsch ist die bekannteste Form.

Wichtig ist, was daraus nicht folgt. Beide Seiten leiten den Namen von den Rheinfranken ab. Die deutsche Wikipedia hält aber ausdrücklich fest, die rechtliche Gleichsetzung der Lex Ribuaria lasse sich nicht auf die Sprecher der Mundarten übertragen, und die römisch geprägten Kölner (Ubier) rechnet sie nicht zu den Ripuariern. Wer den Dialektbegriff geprägt hat, geht aus keiner der beiden Seiten hervor. „Ripuarisch“ ist ein Fachbegriff für eine Dialektgruppe. Er sagt nicht, dass die Sprecher von den Franken des 5. Jahrhunderts abstammen. Unser Beitrag über die Franken nennt das Öcher Platt eine „direkte Fortsetzung“ des frühmittelalterlichen Sprachgebrauchs; das geht über das hinaus, was ich belegen kann.

Was offen bleibt

Der Name. Ob Ripuarii germanisch, galloromanisch oder römisch-amtlich ist und ob er zuerst ein Land oder ein Volk bezeichnete, ist ungeklärt.

Das 5. Jahrhundert. Von der fränkischen Übernahme Kölns kennen wir weder Jahr noch Ablauf; die Angaben reichen von 457/458 bis 461.

Sigiberts Reich. Wie groß es war und ob es nach seinem Tod als Einheit weiterlebte, wissen wir nicht. Gregor erzählt aus Sicht des Siegers.

Die Lex. Datierung, Entstehungsort und Aufbau bleiben im Fluss; ob sie für einen Teilstamm, einen Raum oder eine Verwaltungseinheit entstand, ist Deutung.

Die Gräber. Wer unter dem Kölner Dom liegt, ist ungewiss. Ob rheinische Gräber „ripuarisch“ sind, kann die Archäologie nicht beantworten, weil Funde keine Namen nennen.

Was bleibt, ist ein Landschaftsname, der zum Stammesnamen aufstieg und schließlich zum Dialektnamen wurde.

Was gesichert ist

  • Gregor von Tours erzählt in II,37 und II,40 von Sigibert dem Hinkenden, einem fränkischen Herrscher bei Köln, den sein Sohn Chloderich töten ließ; Chlodwigs Gesandte erschlugen darauf Chloderich, und Sigiberts Leute hoben Chlodwig auf den Schild. Das Datum (um 508/509) ist errechnet.
  • Franken sind im 4. Jahrhundert am Niederrhein bezeugt; Köln wurde 355 zerstört und 356 von Julian zurückgewonnen (Ammianus).
  • Die Lex Ribuaria ist ein frühmittelalterlicher Bußenkatalog; die erhaltenen Handschriften stammen aus der Zeit nach Karl dem Großen, die Entstehung setzt man ins 7. Jahrhundert (strittig bis ins frühe 8.).
  • Eine eindeutige Verwendung von ribuarius für die Leute um Köln findet sich erstmals im Liber Historiae Francorum (um 726/727).
  • Unter dem Kölner Dom liegen reiche Gräber einer Frau und eines Knaben des 6. Jahrhunderts; wer sie waren, ist nicht gesichert.

Mythos-Check

  • „Die Ripuarier waren ein fränkischer Teilstamm mit eigenem König.“ Der Kölner Herrscher ist belegt, der Stammesname für das 5. Jahrhundert nicht; die Forschung sieht „Ripuarii“ seit den 1950er Jahren überwiegend nicht mehr als alten Stammesnamen.
  • „Gregor von Tours nennt Sigibert König der Ripuarier.“ In der Übersetzung, die ich gesehen habe, steht dieser Titel in einer Fußnote des Herausgebers, nicht in Gregors Text.
  • „Jordanes erwähnt die Ripuarier bei den Katalaunischen Feldern.“ Er nennt Ripari, getrennt von den Franci; ob das etwas mit den späteren Ripuariern zu tun hat, bestreitet Springer.
  • „Die Lex Ribuaria ist das Gesetz der Rheinfranken seit Chlodwig.“ Sie wird meist um 630 angesetzt, mit Vorstufen und karolingischem Anhang.
  • „Das Öcher Platt ist die Sprache der Ripuarier.“ „Ripuarisch“ ist ein Fachbegriff für eine Dialektgruppe, kein Nachweis für Abstammung.

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