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Runen in der Fremde: was skandinavische Reisende auf dem Piräus-Löwen, in der Hagia Sophia und am Schwarzen Meer hinterließen

Geschichte & Funde Runen in der Fremde: was skandinavische Reisende auf dem Piräus-Löwen, in der Hagia Sophia und am Schwarzen Meer hinterließen

Ein antiker Marmorlöwe, der heute vor dem Arsenal in Venedig sitzt, trägt auf seinen Flanken Schlangenbänder mit Runen. Auf der Brüstung einer Galerie der Hagia Sophia in Istanbul hat jemand einen nordischen Männernamen eingeritzt. Auf einer Insel vor der Dnjepr-Mündung kam 1905 ein kleiner Gedenkstein für einen Mann namens Karl zum Vorschein. Diese Zeugnisse gehören zu den fernsten Spuren, die Skandinavier der Wikingerzeit in ihrer eigenen Schrift hinterlassen haben. Sie sind zugleich ein Lehrstück darüber, wie weit Lesung und Wunschdenken auseinanderliegen können. Dieser Beitrag trennt, was auf dem Stein steht, was Forscher ergänzt haben und was im 19. Jahrhundert schlicht erfunden wurde.

Warum Runen weit weg von Skandinavien so selten sind

Runen waren die Schrift der germanischsprachigen Völker, in Skandinavien bis weit ins Mittelalter in Gebrauch. In der Wikingerzeit, grob zwischen 800 und 1100, schrieb man mit dem jüngeren Futhark, einer Reihe von nur sechzehn Zeichen. Was diese Reihe von der älteren unterscheidet, erklärt der Futhark-Vergleich; einen allgemeinen Einstieg gibt der Beitrag über Runen.

Die meisten wikingerzeitlichen Runeninschriften stehen auf Gedenksteinen in Schweden, Dänemark und Norwegen. Außerhalb Skandinaviens sind sie selten, und dafür gibt es handfeste Gründe. Wer in der Fremde starb, bekam seinen Gedenkstein meist zu Hause, wo Familie und Nachbarn ihn sahen. Unterwegs ritzte man, wenn überhaupt, in Holz, Knochen oder Metall, und das hat selten überdauert. In den Steppen am Schwarzen Meer war zudem geeigneter Stein knapp.

Umso auffälliger sind die wenigen Inschriften, die in Venedig, Istanbul und am Schwarzen Meer bekannt sind. Sie stammen von Männern, die über die Ostsee und die russischen Flüsse nach Süden zogen, den Weg, den der Beitrag über den Warägerweg beschreibt. Als Gegenstück aus der Heimat kommen die Runensteine in Schweden hinzu, die für Griechenlandfahrer gesetzt wurden.

Der Löwe von Piräus: ein antikes Denkmal mit nordischen Kratzern

Der sogenannte Piräus-Löwe ist eine sitzende Löwenfigur aus weißem Marmor, rund drei Meter hoch. Sie ist ein Werk der griechischen Antike; die gängigen Angaben setzen sie ins 4. Jahrhundert v. Chr., einzelne Darstellungen nennen auch ein früheres oder etwas späteres Datum. Eine genaue Datierung lässt sich nicht eindeutig belegen. Der Löwe stand über Jahrhunderte im Hafen von Piräus bei Athen und gab dem Hafen im Mittelalter sogar seinen italienischen Namen, Porto Leone. Reiseberichte des 16. und 17. Jahrhunderts beschreiben ihn als Brunnen: Ein Rohr führte Wasser durch den Körper zum Maul. Die hohle Kehle und die Spur einer Leitung sind noch zu sehen.

Seine Reise nach Venedig verdankt der Löwe dem Krieg zwischen der Republik Venedig und dem Osmanischen Reich. Der venezianische Flottenbefehlshaber Francesco Morosini eroberte 1687 Athen; in diesem Feldzug wurde auch der Parthenon getroffen. Beim Abzug der Venezianer 1688 nahm man den Löwen und weitere antike Löwenfiguren als Beute mit. Deshalb schwanken die Angaben zwischen 1687 und 1688. Seitdem steht der Löwe vor dem Tor des Arsenals, der alten Schiffswerft Venedigs, als Zeichen des heiligen Markus, dessen Symboltier der Löwe ist.

Das Schwedische Historische Museum in Stockholm besitzt einen Gipsabguss in Originalgröße. Er wurde in den 1890er Jahren in Italien hergestellt und nach Stockholm gebracht, damit man die Runen bequemer untersuchen konnte.

Was auf dem Löwen zu sehen ist

Auf beiden Schultern und Flanken des Löwen laufen schmale, gewundene Bänder, die in Tierköpfen enden. Wer schwedische Runensteine kennt, erkennt das Muster sofort: Es sind Runenschlangen, also Schlangen- oder Drachenleiber, in deren Körper die Runen stehen, wie auf Hunderten Gedenksteinen in Uppland. Diese Bänder sind das stärkste Argument dafür, dass die Inschrift skandinavisch und wikingerzeitlich ist, und sie lassen sich stilistisch einordnen, auch wo die Runen kaum lesbar sind.

Schwer zu lesen sind sie aus mehreren Gründen. Der Marmor stand fast tausend Jahre unter freiem Himmel, am Meer und in der Lagune, und Luftverschmutzung greift ihn weiter an. Hinzu kommen Schäden durch Beschuss: Auf dem Original wie auf dem Abguss sind Einschlagspuren zu erkennen, die man mit den Kämpfen von 1687 oder mit späteren Schießübungen verbindet. Die rechte Seite ist davon besonders betroffen. Nach den Angaben der jüngsten Untersuchung sind auf der linken Seite etwa vier Fünftel der Runen lesbar, auf der rechten nur etwa die Hälfte.

Dass es überhaupt Runen sind, erkannte der schwedische Diplomat und Sprachforscher Johan David Åkerblad gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Rafn, Brate und die erfundene Harald-Inschrift

Die erste ausführliche Deutung veröffentlichte 1856 der dänische Altertumsforscher Carl Christian Rafn, Sekretär der Königlichen Nordischen Altertumsgesellschaft in Kopenhagen, in einer Schrift mit dem Titel „Inscription runique du Pirée“. Manche Darstellungen nennen 1854 oder 1857; das Druckwerk, das als Digitalisat vorliegt, trägt die Jahreszahl 1856. Rafn las auf der rechten Seite eine lange Erzählung: Asmund habe diese Runen geritzt, zusammen mit Asgeir, Thorleif, Thord und Ivar, auf Geheiß Haralds des Hohen, obwohl die Griechen es verboten hätten. Auf der linken Seite fand er Wörter wie Rumänien und Armenien.

Diese Lesung hat das Bild des Löwen lange geprägt. Wer „Harald der Hohe“ liest, denkt an Harald Hardrada, der in den 1030er und frühen 1040er Jahren in der Warägergarde diente und später König von Norwegen wurde. Ein Königssohn, der in Athen einen Aufstand niederschlägt und das in einen antiken Löwen ritzen lässt, ist eine schöne Geschichte. Nur steht sie nicht auf dem Stein.

Rafn arbeitete mit Abklatschen und Zeichnungen, nicht mit heutiger Fotografie oder Streiflicht. Er füllte Lücken großzügig auf und las Zeichen, wo die Oberfläche nur Kratzer zeigt. Die moderne Forschung behandelt seine Deutung als Zeugnis ihrer Zeit, nicht als Lesung. Für die Datierung kommt noch etwas hinzu: Die stilistisch jüngste Inschrift auf der rechten Seite gehört nach heutiger Einschätzung eher in das späte 11. Jahrhundert und damit in eine Zeit, in der Harald längst nicht mehr in Byzanz war. Er fiel 1066 in England. Die Verbindung mit ihm gilt deshalb als fraglich.

Im frühen 20. Jahrhundert nahm sich der schwedische Runologe Erik Brate den Löwen vor. Seine Arbeit wird meist auf 1913 oder 1914 datiert; die Angaben in den Quellen, die ich lesen konnte, schwanken hier. Brate las deutlich zurückhaltender als Rafn. Er sah in den Inschriften Gedenktexte von Männern aus Schweden und fand die Bezeichnung für Schweden, svear, in der Inschrift. Seine Lesung galt lange als die beste verfügbare. Auch er musste aber an vielen Stellen ergänzen, gestützt auf die festen Formeln der Runensteine, etwa „X ließ diesen Stein errichten nach Y“. Solche Ergänzungen sind sachkundig, bleiben aber Ergänzungen.

Thorgunn Snædal: drei Inschriften statt einer

Die gründlichste Untersuchung stammt von der Runologin Thorgunn Snædal, die für das schwedische Reichsantiquariatsamt arbeitete. Sie reiste dreimal nach Venedig und verbrachte insgesamt rund fünfzehn Tage am Löwen, um die Zeichen bei unterschiedlichem Licht zu betrachten. Ihre Ergebnisse erschienen 2014. Die wichtigste Erkenntnis: Auf dem Löwen stehen nicht eine, sondern drei verschiedene Inschriften, die zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Leuten angebracht wurden.

Die älteste Inschrift läuft über das linke Vorderbein und den Bauch. Ihr Schlangenband ähnelt einem Runenstein aus Orkesta in Uppland (U 341), der in die Zeit um 1020 gesetzt wird. Snædal liest darin, dass Männer im Hafen Runen zum Gedenken an einen Mann ritzten, dessen Name als Haursi oder ähnlich wiedergegeben wird und der als Bauer bezeichnet ist. Er sei gefallen, bevor er seinen Anteil erhalten habe. Ein Satz lautet in ihrer Übersetzung sinngemäß: Svear haben dies auf dem Löwen gemacht. Das wäre einer der ältesten Belege für die Bezeichnung svear überhaupt und zugleich der erste Beleg für das Wort „Löwe“ in einer Runeninschrift. Die Ausführung wirkt eher ungeübt; geübte Runenmeister waren hier wohl nicht am Werk.

Die zweite, kürzeste Inschrift steht am linken Hinterschenkel. Sie lautet in normalisierter Form drængiaR ríst rúnar, also etwa: „Junge Krieger ritzten die Runen.“ Das Wort drengr bezeichnet einen jungen, tapferen Mann, oft einen Gefolgsmann. Die Runenformen verraten nach Snædal nicht sicher, ob die Ritzer aus Schweden, Norwegen oder Island stammten.

Die dritte und jüngste Inschrift steht auf der rechten Seite und der Brust. Sie ist die kunstvollste, ein sorgfältig angelegtes Band mit rund hundert Runen und einem Drachenkopf. Snædal vergleicht die Schleife mit dem späten, verschlungenen Tierstil, wie ihn das Portal der Stabkirche von Urnes zeigt, und setzt die Inschrift in die Jahre um 1070 bis 1100, vielleicht noch später. Wie dieser Stil aussieht, zeigen der Beitrag über das Urnes-Portal und die Übersicht der Wikinger-Kunststile. Lesbar sind Namen: Åsmund, der als Ritzer gilt, außerdem Asgeir oder Eskil und vermutlich Torleif. Der Rest ist so beschädigt, dass ein zusammenhängender Text nicht zu gewinnen ist.

Rafns Namen Asmund, Asgeir und Thorleif kehren in Snædals Lesung wieder. Er hatte also echte Namen erkannt und um sie eine Geschichte gebaut, die der Stein nicht trägt.

Wer ritzte in den Löwen? Waräger im Hafen von Athen

Die Inschriften selbst nennen keinen Auftraggeber in Konstantinopel und keinen Feldzug. Dass ihre Urheber Waräger waren, ist eine Schlussfolgerung, allerdings eine naheliegende. Waräger nannten Byzantiner und Ostslawen die Skandinavier, die über die Flüsse Osteuropas nach Süden kamen. Viele von ihnen traten in die Dienste des Kaisers. Ihre Geschichte und die der kaiserlichen Garde erzählt der Beitrag über Miklagard und die Waräger.

Byzantinische Truppen waren im 11. Jahrhundert immer wieder in Griechenland, in der Ägäis und in Süditalien im Einsatz. Ein Kontingent nordischer Söldner, das im Hafen von Athen auf Weiterfahrt wartete oder einen Gefallenen betrauerte, passt gut in dieses Bild. Welcher Einsatz es genau war, lässt sich nicht eindeutig belegen. Vorschläge reichen von Kämpfen gegen die Bulgaren um 1018 bis zu den Normannenkriegen am Ende des Jahrhunderts.

Die Hagia Sophia: Halfdan, Are oder Árni

Die Hagia Sophia, im 6. Jahrhundert unter Kaiser Justinian als Hauptkirche Konstantinopels erbaut, übertraf alles, was Reisende aus dem Norden kannten. Nordische Quellen nennen die Stadt Miklagard, die „große Burg“. In der Kirche finden sich auf den Marmorbrüstungen der oberen Galerien zahlreiche Kritzeleien aus vielen Jahrhunderten, griechische Namen, Kreuze, Schiffe. Darunter sind auch Runen.

Die bekannteste Runenritzung wurde 1964 auf der Brüstung der Südgalerie entdeckt und 1970 von der schwedischen Runologin Elisabeth Svärdström veröffentlicht. In populären Texten liest man oft den vollständigen Satz „Halfdan ritzte diese Runen“. So steht es dort nicht. Sicher lesbar ist nur das Ende eines Namens, -ftan, das man als den nordischen Männernamen Halfdan (Hálfdan) deutet. Die ersten Zeichen sind fast vollständig abgeschliffen. Danach folgen etwa fünfzehn undeutliche Zeichen. Dass sie eine Formel wie „ritzte diese Runen“ enthielten, ist denkbar, denn so beginnen viele Graffiti dieser Art. Lesen lässt es sich nicht.

Eine zweite Runenritzung liegt in der Nordgalerie, an der Brüstung einer Nische. Ihre Fundgeschichte ist verwickelt. Der Uppsalaer Forscher Folke Högberg bemerkte sie 1975 und meldete sie 1984 nach Stockholm, eine Veröffentlichung folgte nicht. Der schwedische Archäologe Mats G. Larsson fand sie 1988 unabhängig davon und veröffentlichte sie 1989 in der Zeitschrift Fornvännen. Er las ari: k und deutete das als Männernamen Are mit dem Anfang eines weiteren Wortes, etwa „Are machte …“, wobei der Ritzer nach dem k abgebrochen habe. Högberg und der norwegische Archäologe Svein Indrelid lesen den Namen dagegen als Árni und sehen in der Ritzung ein schlichtes Namensgraffito.

Gelegentlich liest man spätere Fundjahre; nach Larssons eigener Veröffentlichung fällt die Entdeckung in die Jahre 1975 und 1988. Indrelid hat außerdem fünf weitere mögliche Runenritzungen in der Kirche aufgenommen und 1997 dem norwegischen Runenarchiv übergeben. Veröffentlicht sind sie, soweit mir bekannt, nicht. Es kann also mehr geben, als heute bekannt ist.

Wann die Ritzungen entstanden, lässt sich nicht sicher sagen. Larsson selbst betont, dass Zeitpunkt und Urheber offenbleiben. Die Runenformen passen zur Wikingerzeit, und die Warägergarde war im 11. Jahrhundert am stärksten nordisch geprägt. Dass ein Gardist während eines langen Gottesdienstes auf der Galerie seinen Namen hinterließ, ist eine verbreitete und plausible Vorstellung. Belegt ist sie nicht; auch ein Kaufmann oder Pilger aus dem Norden kommt in Frage.

Berezan: ein Gedenkstein am Schwarzen Meer

Ganz anders liegt der Fall bei dem kleinen Stein von der Insel Berezan. Die Insel liegt vor der Mündung von Dnjepr und Südlichem Bug ins Schwarze Meer, an der Route, die nach dem Dnjepr hinaus aufs offene Meer und weiter nach Konstantinopel führte. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. beschreibt in seiner Schrift über die Verwaltung des Reiches aus der Mitte des 10. Jahrhunderts, dass die Rus auf ihrer Fahrt nach Süden an der Insel des heiligen Aitherios Rast machten. Diese Insel wird meist mit Berezan gleichgesetzt.

Der Stein wurde 1905 von dem Odessaer Professor Ernst von Stern bei der Ausgrabung eines Grabhügels gefunden, der auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht und später für viele weitere Bestattungen genutzt worden war. Er lag in einer jüngeren Grablege und war dort wohl nicht an seinem ursprünglichen Platz. Er ist klein, etwa 48 Zentimeter breit und 47 Zentimeter hoch, und heute im Museum in Odesa. Seine Rundata-Signatur lautet X UaFv1914;47, nach der Erstveröffentlichung in Fornvännen 1914.

Anders als beim Löwen ist die Inschrift vollständig erhalten. Sie lautet in Transliteration krani : kerþi : (h)alf : þisi : iftir : kal : fi:laka : si(n), normalisiert Grani gærði hvalf þessi æftiʀ Karl, felaga sinn: „Grani machte dieses Gewölbe nach Karl, seinem Gefährten.“ Das Wort hvalf meint ein Gewölbe, wohl einen gemauerten oder gewölbten Grabbau. Es kommt sonst fast nur auf Gotland vor, weshalb man vermutet, dass Grani und Karl Gotländer waren. Félagi ist jemand, mit dem man ein félag eingeht, eine Gemeinschaft mit geteiltem Einsatz, oft im Handel. Ob die beiden Kaufleute oder Mitglieder einer Kriegerschar waren, wird unterschiedlich beurteilt.

Der Stein wird meist in die späte Wikingerzeit gesetzt, ohne Ornament, in einer Form, die man um das Jahr 1000 oder im 11. Jahrhundert erwartet. Eine genaue Datierung gibt es nicht. Er gehört zu den ganz wenigen Runensteinen, die aus Osteuropa überhaupt bekannt sind. Wie diese Welt zwischen Ostsee und Schwarzem Meer zusammenhing, erklären die Beiträge über die Kiewer Rus und die Wikinger im Osten.

Die Griechenlandsteine: Erinnerung in der Heimat

Die meisten Zeugnisse für Fahrten nach Byzanz stehen nicht in der Fremde, sondern in Schweden. Rund dreißig Runensteine, die sogenannten Griechenlandsteine, nennen Männer, die nach Griechenland gezogen waren, wie man im Norden das Byzantinische Reich nannte. Die meisten stehen in Uppland, mehrere in Södermanland, einzelne in Östergötland. Viele beklagen Tote: Söhne, Brüder, Väter, die „bei den Griechen“ oder „in Griechenland“ starben. Einige erwähnen Reichtum, etwa einen Mann, der „Gold teilte“.

Der vielleicht eindrucksvollste ist der Felsblock von Ed in Uppland, U 112, ein riesiger Findling an einem alten Kirchweg. Er ist seit der ersten runologischen Reise des Johannes Bureus 1594 bekannt und trägt zwei Inschriften im Urnes-Stil aus der Mitte des 11. Jahrhunderts. Auf der ersten Seite gedenkt ein Mann namens Ragnvald seiner Mutter, auf der zweiten spricht er von sich selbst. Die folgende Übersetzung habe ich nach der Transliteration angefertigt, wie sie Rundata wiedergibt.

„Ragnvald ließ die Runen ritzen nach Fastvi, seiner Mutter, Onæms Tochter, die in Ed starb. Gott helfe ihrer Seele. – Runen ritzen ließ Ragnvald. Er war in Griechenland, war des Gefolges Anführer.“Runeninschrift U 112, Ed (Uppland), Seiten A und B, Mitte 11. Jh.; eigene Übersetzung nach der Transliteration in Rundata: rahnualtr lit rista runar efʀ fastui moþur sina onems totʀ to aiþi kuþ hialbi ant hena / runa rista lit rahnualtr huar a griklanti uas lis forunki

Die Wendung liðs forungi, „Anführer des Gefolges“, wird meist so verstanden, dass Ragnvald eine Einheit der Warägergarde befehligte. Der Stein sagt das nicht wörtlich; er sagt, dass Ragnvald in Griechenland war und dort ein lið führte, eine Mannschaft oder Truppe. Die Verbindung zur Garde ist naheliegend, bleibt aber Deutung. Ragnvald setzt sich zu Lebzeiten selbst ein Denkmal, und das Gebet für die Mutter zeigt ihn als Christen.

Die Ingvarsteine: eine Fahrt ohne Rückkehr

Eine eigene Gruppe bilden die Ingvarsteine, rund zwei Dutzend Runensteine vor allem in Södermanland und Uppland. Sie erinnern an Männer, die mit einem Anführer namens Ingvar nach Osten zogen, nach Serkland, wie die Steine sagen, ins Land der Sarazenen, also wohl in den Raum um das Kaspische Meer. Isländische Annalen setzen Ingvars Tod ins Jahr 1041. Fast keiner der Genannten kam zurück. Mehr dazu steht im Beitrag über die Ingvar-Runensteine.

Die Warägergarde als Hintergrund

Nach der byzantinischen Überlieferung schickte Fürst Wladimir von Kiew 988 dem Kaiser Basileios II. mehrere tausend Krieger zu Hilfe. Daraus ging eine Leibgarde hervor, deren Kern im 11. Jahrhundert aus Skandinaviern bestand; später kamen viele Angelsachsen hinzu. Der bekannteste Gardist ist Harald Hardrada, der um 1034 nach Konstantinopel kam und etwa ein Jahrzehnt blieb. Die Sagas über ihn entstanden erst rund hundertfünfzig Jahre später.

Die Männer, die in Piräus, in der Hagia Sophia oder an der Dnjepr-Mündung schrieben, gehörten wahrscheinlich zu diesem Milieu aus Söldnern, Händlern und Gefolgsleuten. Wie weit nordische Krieger auch im Mittelmeer unterwegs waren, beschreibt der Beitrag über die Wikinger im Mittelmeer.

Was lesbar ist und was Fantasie: wie man das unterscheidet

Die drei Fundorte zeigen drei Stufen der Sicherheit. Der Berezan-Stein ist vollständig erhalten und eindeutig lesbar; streiten kann man nur über die Bedeutung einzelner Wörter. Die Ritzungen in der Hagia Sophia geben einen oder zwei Namen her, mehr nicht. Der Piräus-Löwe liegt dazwischen: Einige Wörter und Namen sind sicher, ganze Sätze entstehen nur durch Ergänzung.

Wer eine Lesung prüfen will, kann ein paar einfache Fragen stellen. Wird zwischen sicheren und ergänzten Zeichen unterschieden? Runologen setzen Unsicheres in Klammern und markieren Lücken. Stammt die Lesung aus der Untersuchung am Objekt, bei wechselndem Licht, oder aus alten Zeichnungen? Passt der Inhalt zur Formelsprache der Runensteine, oder erzählt er eine Geschichte, wie sie sonst nirgends auf Runensteinen steht? Rafns Löwe mit Aufstand, Strafexpedition und griechischem Verbot fällt bei der letzten Frage durch. Wie die Wissenschaft mit solchen Fragen arbeitet, erklärt der Beitrag Runen und Wissenschaft.

Fantasie ist dabei nicht dasselbe wie Fälschung: Rafn glaubte, was er las. Anders liegt es bei Fällen wie dem Kensington-Runenstein in Minnesota, bei dem die Echtheit des Steins selbst in Frage steht. Beim Piräus-Löwen ist die Echtheit der Runen unbestritten. Strittig ist nur, was sie sagen.

Ein gut erhaltenes Gegenbeispiel für Runengraffiti liegt auf den Orkneyinseln: In der Grabkammer von Maeshowe hinterließen Besucher im 12. Jahrhundert Dutzende Inschriften, die der Beitrag über die Maeshowe-Runen vorstellt.

Was gesichert ist

  • Der Piräus-Löwe ist eine antike griechische Marmorfigur, die nach dem venezianischen Feldzug von 1687 als Beute nach Venedig kam und heute vor dem Arsenal steht.
  • Auf beiden Seiten des Löwen stehen Runen in Schlangenbändern, wie man sie von Runensteinen des 11. Jahrhunderts in Mittelschweden kennt. Nach der Untersuchung von Thorgunn Snædal (2014) sind es drei Inschriften aus verschiedenen Zeiten.
  • Sicher lesbar sind auf dem Löwen einzelne Wörter und Namen, darunter Åsmund und die Formel „Junge Krieger ritzten die Runen“. Längere Sätze beruhen teilweise auf Ergänzungen.
  • In der Hagia Sophia ist auf der Brüstung der Südgalerie das Namensende -ftan lesbar, gedeutet als Halfdan; in der Nordgalerie steht ein Name, gelesen als Are oder Árni.
  • Der Berezan-Stein (gefunden 1905) ist vollständig lesbar: Grani errichtete einen Grabbau für seinen Gefährten Karl.
  • Rund dreißig Runensteine in Schweden nennen Männer, die nach Griechenland, also ins Byzantinische Reich, zogen; U 112 in Ed nennt einen Ragnvald als Anführer eines Gefolges dort.

Mythos-Check

  • „Harald Hardrada hat seinen Namen in den Piräus-Löwen ritzen lassen.“ Diese Deutung geht auf Rafn (1856) zurück und beruht auf ergänzten Zeichen. Die jüngste Inschrift wird heute eher ins späte 11. Jahrhundert gesetzt, als Harald nicht mehr in Byzanz war. Belegt ist die Verbindung nicht.
  • „In der Hagia Sophia steht: Halfdan ritzte diese Runen.“ Lesbar ist nur das Namensende -ftan. Der Rest ist abgeschliffen; die Formel ist eine Vermutung.
  • „Die Runen in der Hagia Sophia stammen sicher von Warägergardisten.“ Das ist plausibel, aber nicht belegt. Weder Datum noch Urheber lassen sich aus den Ritzungen bestimmen.
  • „Der Löwe erzählt von einem Aufstand in Athen, den Nordmänner niederschlugen.“ Diese Geschichte stammt aus Rafns Lesung. Neuere Untersuchungen finden davon nichts; erkennbar sind ein Gedenken an einen Gefallenen, Namen und die Selbstnennung der Ritzer.

Häufige Fragen

Kann man die Runen am Piräus-Löwen heute noch sehen? Ja, aber nur mit Mühe. Der Löwe steht frei zugänglich vor dem Arsenal in Venedig. Die Schlangenbänder sind bei schrägem Licht erkennbar, einzelne Runen nur stellenweise. Besser zu sehen ist der Abguss im Schwedischen Historischen Museum in Stockholm.

Wie alt sind die Runen auf dem Löwen? Sie stammen aus dem 11. Jahrhundert. Nach Snædal entstand die älteste Inschrift um die 1020er Jahre, die jüngste etwa zwischen 1070 und 1100.

Wo genau sind die Runen in der Hagia Sophia? Auf den Marmorbrüstungen der oberen Galerien: die Halfdan-Ritzung in der Südgalerie, die Are- oder Árni-Ritzung in der Nordgalerie an einer Nische. Beide sind klein und abgegriffen und ohne Hinweis leicht zu übersehen.

Was ist der Berezan-Stein? Ein kleiner Runenstein von der Insel Berezan vor der Dnjepr-Mündung, 1905 gefunden. Grani setzte ihn für seinen Gefährten Karl. Er liegt heute im Museum in Odesa.

Was bedeutet „Griechenland“ auf Runensteinen? Gemeint ist das Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel, nicht nur das heutige Griechenland. Wer „nach Griechenland“ fuhr, ging meist in kaiserliche Dienste oder handelte im Reich.

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