Von den Tarbellern ist wenig überliefert, und dieses Wenige ist ungewöhnlich handfest. Ein Geograph nennt ihr Land das goldreichste überhaupt. Ein Naturkundler notiert ihre heißen und kalten Quellen. Und Caesar setzt sie an die Spitze einer Liste von elf Völkern, die sich 56 v. Chr. ergaben. Aus diesen drei Splittern lässt sich ein Volk rekonstruieren – und zugleich zeigen, wie brüchig solche Rekonstruktionen sind. Denn ausgerechnet bei den Tarbellern läuft die schöne Formel „Aquitanier sind keine Kelten" gegen ihren eigenen Volksnamen.

Die meisten antiken Kleinvölker existieren für uns nur als Name in einer Aufzählung. Bei den Tarbellern ist es anders, und zwar in genau drei Richtungen. Erstens: Sie sind das Volk, dessen Land die Antike ausdrücklich als Goldland bezeichnet. Zweitens: Ihr Hauptort heißt nach dem Wasser, das dort aus dem Boden kommt, und diese Quelle fließt bis heute. Drittens: Ihre Unterwerfung ist datierbar, sie steht in einer der meistgelesenen lateinischen Schriften überhaupt.
Das klingt nach viel. Es ist trotzdem wenig. Wir kennen keinen einzigen Namen eines Tarbellers aus vorrömischer Zeit, keinen Häuptling, keine Burg, keine Münze mit ihrer Legende. Wir wissen nicht, wie sie sich selbst nannten, ob dieser Name überhaupt ihr eigener war und in welcher Sprache sie ihn aussprachen. Was wir haben, sind römische und griechische Außenblicke auf eine Region, die Rom interessant fand, weil dort Gold lag und eine wichtige Straße nach Spanien verlief.
Das ist kein Mangel, den man wegerzählen sollte. Es ist die Ausgangslage. Wer über die Tarbeller schreibt, schreibt über das, was Rom von ihnen aufschrieb – und muss das dazusagen.
Im Sommer 56 v. Chr. führte Publius Licinius Crassus, ein junger Legat Caesars und Sohn des Triumvirn, zwölf Kohorten und viel Reiterei nach Aquitanien. Er sollte verhindern, dass von dort Hilfstruppen nach Gallien gingen. Der Feldzug lief über die Sotiaten mit ihrer belagerten Stadt, dann weiter gegen die Vocaten und Tarusaten. Die Aquitanier holten sich Führer aus dem diesseitigen Spanien, Männer, die jahrelang unter Sertorius gedient hatten und römisch zu lagern und zu belagern wussten. Caesar beziffert ihr Aufgebot auf rund 50.000 Mann; nach der Schlacht sei kaum ein Viertel übrig gewesen.
Man sollte diese Zahlen als das lesen, was sie sind: Feldherrnrhetorik in einem Rechenschaftsbericht an Rom. Entscheidend ist, was danach kommt. Die Nachricht von der Niederlage genügte, und ein ganzes Land kapitulierte, ohne noch einmal zu kämpfen.
Hac audita pugna maxima pars Aquitaniae sese Crasso dedidit obsidesque ultro misit; quo in numero fuerunt Tarbelli, Bigerriones, Ptianii, Vocates, Tarusates, Elusates, Gates, Ausci, Garumni, Sibusates, Cocosates.
Caesar, Bellum Gallicum III,27; eigene Übersetzung
Als man von dieser Schlacht gehört hatte, ergab sich der größte Teil Aquitaniens dem Crassus und schickte von sich aus Geiseln; unter ihnen waren die Tarbeller, die Bigerrionen, die Ptianier, die Vocaten, die Tarusaten, die Elusaten, die Gaten, die Ausker, die Garumner, die Sibusaten und die Cocosaten.
Elf Völker in einer Zeile, und die Tarbeller stehen vorn. Das ist kein Zufall der Feder: In solchen Listen steht meist das an, was der Berichterstatter für das wichtigste hält. Caesar schließt den Absatz mit einem trockenen Nachsatz – einige wenige entlegene Stämme hätten sich darauf verlassen, dass der Winter nahe sei, und die Sache schlicht unterlassen. Auch das ist eine Information: Die Unterwerfung Aquitaniens war 56 v. Chr. nicht vollständig, sie war ausreichend.
Die Namensform schwankt. Manche Ausgaben schreiben Sibusates, andere Sibuzates; bei den Ptianiern sind die Handschriften unsicher, und Plinius nennt später Begerri statt Bigerrionen. Das ist der Normalfall bei fremden Völkernamen in lateinischen Texten: Sie wurden nach Gehör aufgenommen, von Schreibern über Jahrhunderte kopiert und dabei an Vertrautes angeglichen. Wer in solchen Listen nach exakten Ethnien sucht, sucht etwas, das der Text nicht liefert.
Was die Liste dagegen sehr gut liefert, ist ein Raster. Rom erfasst das Land, indem es Namen zählt – dieselbe Verwaltungslogik, die uns in den Völkerlisten des Plinius für das Rheinland begegnet. Die Namen sind das Rohmaterial, aus dem wenige Jahrzehnte später die civitates gebaut wurden.
Die auffälligste Nachricht über die Tarbeller stammt nicht von Caesar, sondern von Strabon. Er beschreibt die Küste Aquitaniens als sandig und mager, gut für Hirse und sonst für wenig – und dann kommt der Satz, um dessentwillen dieses Volk überhaupt in Erinnerung blieb: Die Bucht gehöre den Tarbellern, und in deren Land lägen die bedeutendsten Goldvorkommen überhaupt. In nur flach gegrabenen Gruben fänden sich Goldstücke, so groß wie eine Hand sie fassen könne, die kaum noch gereinigt werden müssten; der Rest sei Goldstaub und Klumpen, und auch die brauchten wenig Bearbeitung.
Das ist eine bemerkenswert konkrete Angabe. Strabon schreibt nicht „dort gibt es Gold", sondern beschreibt die Abbauweise – flach, seifenartig, ohne großen technischen Aufwand – und die Qualität des Materials. Für einen Geographen, der vieles vom Hörensagen hat, ist das ungewöhnlich nah am Handwerk.
Unmittelbar danach nennt er die Konvener mit ihrer Stadt Lugdunum und den heißen Quellen der Onesier, und ein Abschnitt später die Silbergruben der Ruteni und der Gabaler. Strabons Aquitanien ist also kein Nebel, sondern eine Rohstoffkarte: hier Gold, dort Silber, bei den Petrocorii Eisenwerkstätten, bei den Cadurkern Leinenmanufakturen. Wer die Tarbeller verstehen will, muss sie in dieser Liste lesen. Sie sind darin der Goldposten.
Caesar liefert ohne Absicht die technische Erklärung dazu. Bei der Belagerung der Sotiatenstadt fielen die Verteidiger nicht nur aus, sie trieben auch Stollen unter die römischen Belagerungswerke. Caesar schiebt dazu eine Klammer ein: Darin seien die Aquitanier bei weitem die Erfahrensten, weil es bei ihnen an vielen Stellen Erzgruben und Steinbrüche gebe.
Das ist eine der wertvollsten Nebenbemerkungen des ganzen Buches. Sie bestätigt Strabon aus einer völlig anderen Richtung und mit einem völlig anderen Interesse – Caesar will erklären, warum eine Belagerung schwierig wurde, nicht, wo Gold liegt. Wenn zwei Quellen, die einander nicht abschreiben, aus verschiedenen Gründen dasselbe voraussetzen, ist das ein starkes Argument: In Aquitanien wurde vor der römischen Eroberung bergmännisch gearbeitet, und zwar so routiniert, dass es militärisch auffiel.
Damit steht der Goldreichtum nicht mehr allein auf Strabons Wort. Er steht auf Strabons Wort plus einer unabhängigen Beobachtung über Bergbaukönnen. Das ist nicht dasselbe wie ein Fundplatz, aber es ist deutlich mehr als eine Reisenotiz.
Die Archäologie kann die Sache nur teilweise stützen. In den Hügeln um Itxassou, Louhossoa und Cambo-les-Bains sind alte Abbauspuren bekannt; eine Prospektion des französischen geologischen Dienstes in den 1980er Jahren erfasste dort mehrere Dutzend alte Gruben. Das passt geographisch hervorragend zu Strabon.
Nur ist ihre Datierung offen. Dass diese Gruben vorrömisch seien, ist nicht erwiesen; sie können ebenso gut in der Kaiserzeit angelegt worden sein, als Rom systematisch nach Edelmetall grub. Jean-Pierre Bost, der die Tarbeller zuletzt zusammenhängend behandelt hat, formuliert genau so vorsichtig: Die Gruben illustrieren die Nachricht, sie beweisen sie nicht.
Dazu kommt eine Namensfalle. Die wichtigste dieser Fundstellen heißt vor Ort „Camp de César". Solche Cäsar-Namen sind in Frankreich neuzeitliche Volksbenennungen und begegnen an Wällen, Gruben und Hügeln, die mit Caesar nichts zu tun haben. Sie sind ein Hinweis darauf, dass eine Stelle alt wirkt – kein Datierungsargument.
Caesar eröffnet sein Werk mit dem berühmtesten Satz über Gallien: Es sei in drei Teile geteilt, bewohnt von Belgern, Aquitaniern und denen, die sich selbst Kelten nennen und bei den Römern Gallier heißen. Alle drei unterschieden sich in Sprache, Einrichtungen und Gesetzen. Das ist eine Aussage über Sprache, nicht nur über Verwaltung – und sie wird von Strabon verschärft: Die Aquitanier unterschieden sich von den Kelten im Körperbau ebenso wie in der Sprache; sie glichen eher den Iberern. Ihre Grenze sei die Garonne.
Diese Einordnung hat sich als richtig erwiesen, und zwar aus einer Richtung, die weder Caesar noch Strabon absehen konnten. Die lateinischen Weihe- und Grabinschriften der Region enthalten rund 400 Personennamen und etwa 70 Götternamen, die sich nicht aus dem Keltischen erklären lassen, wohl aber Wurzeln haben, die im Baskischen weiterleben. Das Aquitanische war eine eigene Sprache oder Sprachgruppe, eng verwandt mit dem Baskischen, und sie starb erst im frühen Mittelalter.
Für unsere Reihe ist das der methodisch interessanteste Punkt überhaupt. Er zeigt, dass Rom Ethnien nicht erfand, sondern beobachtete – manchmal ziemlich genau. Und er zeigt zugleich, dass wir das erst wissen, weil Menschen Jahrhunderte später ihre einheimischen Namen in lateinische Steine schlagen ließen.
Und hier kippt die schöne Formel. Denn der Name dieses aquitanischen Volkes lässt sich am besten keltisch erklären. Die übliche Deutung geht auf gallisch tarvos „Stier" zurück, mit einem in der Region geläufigen Wechsel von -v- zu -b-; die Tarbelli wären dann „die kleinen Stiere", passend neben den benachbarten Tarusaten, die man als „Stierssöhne" gelesen hat.
Bost zieht daraus eine weitreichende Folgerung: Die Tarbeller könnten eine zugewanderte keltische Gruppe der La-Tène-Zeit gewesen sein, die der einheimischen Bevölkerung ihren Namen aufdrückte und selbst in der aquitanischen Welt aufging. Andere zerlegen den Namen anders und sehen darin das Element bel, das in der aquitanischen Namenlandschaft häufig ist. Joaquín Gorrochategui weist darauf hin, dass gerade dieses Element mehrdeutig bleibt: Es kann zum baskischen beltz „schwarz" gehören oder zum keltischen belo- „weiß". Ein Element, das ebenso gut schwarz wie weiß bedeuten kann, ist als Beweismittel wenig wert.
Das Ergebnis ist unbefriedigend und deshalb ehrlich: In den Orts- und Personennamen des Gebiets überwiegt das aquitanische Element, der Volksname selbst ist vermutlich keltisch. Ein Volk kann einen fremden Namen tragen. Wir tun es auch.
Die aquitanischen Götternamen sind der stärkste Beleg dafür, dass hier nicht keltisch gesprochen wurde – und zugleich ein Musterfall dafür, wie ungleich Überlieferung verteilt ist. Belegt sind unter anderem Baigorixo, Ilunno, Artahe, Leherenno, Arixoni. Mehrere davon lassen sich mit baskischen Wörtern verbinden: gorri „rot", ilhun „dunkel", akher „Ziegenbock". Luis Michelena und nach ihm Gorrochategui haben dieses Material zur tragenden Säule der aquitanisch-baskischen Verbindung gemacht.
Nur liegt der Schwerpunkt dieser Inschriften im Osten der Region und in den Pyrenäentälern, nicht an der Küste der Tarbeller. Wer für das Tarbellergebiet selbst einen einheimischen Gottesnamen sucht, sucht dünn. Man kann das Sprachbild also nicht einfach über die ganze Landkarte ausrollen; es ist dort dicht, wo Menschen Weihesteine setzten, und dünn, wo sie es nicht taten.
Ein Vergleich hilft. Bei den keltischen Göttern Galliens kennen wir Namen aus römischen Gleichsetzungen, aus Bildern und aus Ortsnamen; bei den Druiden haben wir immerhin literarische Beschreibungen. Für die Tarbeller haben wir nichts von alldem. Was wir über ihren Glauben sagen können, sagen wir aus der Nachbarschaft heraus – und das ist etwas anderes als Wissen.
Der zweite Zugang ist das Wasser. Plinius notiert in seinem Buch über die Gewässer, dass vielerorts heilsame Quellen hervorbrächen, hier kalte, dort heiße, mancherorts beides – so bei den Tarbellern, einem aquitanischen Volk, und in den Pyrenäen, wo nur ein kleiner Abstand beide trenne. Das ist eine nüchterne naturkundliche Beobachtung, kein Wunderbericht, und sie trifft die Lage bis heute.
Der Ort heißt danach: Aquae Tarbellicae, „die Wasser der Tarbeller". Er ist in mehreren Formen überliefert, Aquae Tarbelli, im 3. Jahrhundert Aquis Tarbellicis, im 4. Aquae Tarbellae, daneben Aquae Augustae. Ptolemaios führt die Stadt der Tarbeller unter dem griechischen Namen Hydata Augusta – er nennt also die Kaisername-Form, nicht die Volksname-Form. Das ist ein kleiner, aber hübscher Beleg dafür, dass in römischer Zeit zwei Benennungen nebeneinander liefen: eine nach dem Volk, eine nach Augustus.
Die Quelle selbst liefert bis heute Wasser von über sechzig Grad in großer Menge. Sie kommt aus etwa zwei Kilometern Tiefe; das erklärt Temperatur und Mineralgehalt. Ausgrabungen rund um das Becken haben römisches Pfahlwerk, Betonlagen, Kanäle, Marmorwannen und Säulenteile erbracht – und ein Bleiblättchen des 4. Jahrhunderts mit einem Beschwörungstext. Am Wasser wurde also nicht nur gebadet, sondern auch gebetet, und zwar bis in die Spätantike.
Hier wird es heikel, denn hier setzt die Lokalüberlieferung ein. Die heiße Quelle von Dax heißt heute Fontaine chaude oder „Quelle der Nèhe", und in vielen Darstellungen liest man, die Tarbeller hätten dort ihre Wassergöttin Nèhe verehrt. Gelegentlich wird der Name mit Nehalennia verbunden, der Küstengöttin der Nordsee, die auf mehreren hundert Weihesteinen in den Niederlanden belegt ist.
Für diese Gleichung gibt es keinen antiken Beleg. Ein Gottesname Nèhe ist aus Dax epigraphisch nicht bekannt; belegt sind dort römische Weihungen, etwa an Jupiter und an die Tutela. Nehalennia ist über tausend Kilometer entfernt bezeugt, in einem völlig anderen Sprach- und Handelsraum, und ihre Verbindung zur Gascogne beruht auf Namensähnlichkeit, nicht auf einem Zeugnis. Die Herleitung ist Volksetymologie, hübsch und unbelegt.
Dasselbe gilt für die Gründungslegende: Ein Zenturio habe seinen alten, rheumakranken Hund im Adour ertränken wollen, der Hund sei geheilt zurückgekehrt, man habe ihn beobachtet und so die heißen Schlämme entdeckt. Die Geschichte ist charmant und begegnet in ähnlicher Form an vielen Thermalorten Europas. Sie erklärt nicht, wie eine Quelle entdeckt wurde; sie erklärt, wie eine Stadt sich ihre eigene Wichtigkeit erzählt.
Plinius führt die Tarbeller in seiner aquitanischen Völkerliste mit einem Beinamen: Tarbelli Quattuorsignani, „die mit den vier Zeichen". Ihre Nachbarn im Norden heißen entsprechend Cocosates Sexsignani, „die mit den sechs Zeichen". Der Zusatz ist nachrömisch-administrativ, Caesar kennt ihn nicht, und in ganz Gallien steht er sonst nirgends.
Er kehrt nur ein einziges Mal wieder, auf einer lateinischen Inschrift aus Saguntum in Spanien, die einen Tarbellus IIII signanus nennt. Ein Mann aus dem fernen Aquitanien, der sich am Mittelmeer über seine Heimat definiert – und zwar mit genau dieser Zahl.
Was signani bedeutet, ist lange gestritten worden. Eine ältere Deutung nahm es militärisch, als „vier Feldzeichen", und daraus wurde im Netz die hübsche Formel vom „Bund aus vier Stämmen". Die neuere Forschung, Paul-Marie Duval und Bost, liest es zivil: Der Beiname bezeichne die kleineren Gemeinden, die der römischen Neuordnung zufolge an die Tarbeller angegliedert wurden – vier an die Tarbeller, sechs an die Cocosaten. Damit wäre die Zahl kein Stammesgedächtnis, sondern ein Verwaltungsvermerk. Entscheiden lässt sich das nicht; man sollte nur nicht so tun, als sei es entschieden.
Die Unterwerfung von 56 v. Chr. war nicht das Ende. Aquitanien erhob sich erneut, 38 v. Chr. und noch einmal 29 oder 28 v. Chr., und die Tarbeller gehörten zu den letzten, die das taten. Niedergeschlagen wurde der zweite Aufstand von Marcus Valerius Messalla Corvinus, der am 25. September 27 v. Chr. seinen Triumph ex Gallia feierte. Erst danach war die Sache erledigt.
Rom schaffte die Tarbeller dennoch nicht ab. Bei der Neuordnung Galliens unter Agrippa und der Einrichtung der Provinz Aquitania um 16 v. Chr. blieben sie als führendes Volk der Region bestehen und bekamen ländliche Kantone zugeschlagen. Ihr Gebiet wurde eine civitas mit Aquae Tarbellicae als Hauptort. Der Gemeindename lautete fortan civitas Aquensium – die Stadt der Leute vom Wasser. Die Veroneser Provinzliste von 297 führt sie so.
Das ist ein feiner Vorgang, und er lohnt einen Moment. Aus einem Volk mit Stiernamen wird eine Gemeinde mit Wassernamen. Die Identität wandert vom Ethnos auf den Ort und von dort auf eine natürliche Ressource. Unter Diokletian gehört die Stadt zur Novempopulana mit Elusa als Metropole; im 4. Jahrhundert liegt sie kirchlich und verwaltungstechnisch in einem Gefüge, dessen Prätorianerpräfektur ihren Sitz in Trier hat.
Das größte erhaltene Bauwerk der Tarbellerstadt stammt aus der Zeit, in der das Reich Angst bekam. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, wahrscheinlich zwischen 350 und 375, legte man um die Stadt eine Mauer von 1.465 Metern Länge, die 12,6 Hektar umschloss. Sie war an der Basis über vier Meter dick, schätzungsweise gut neun Meter hoch bis zum Wehrgang, und wurde von rund vierzig halbrunden Türmen gegliedert; an der Flussseite stehen weniger, weil der Adour dort schon schützte.
Dass diese Mauer bis heute in zwei Abschnitten steht, ist ein Glücksfall – im 19. Jahrhundert riss die Stadt den größten Teil ab, wobei fast alle Tore verschwanden. Das Mauerwerk zeigt die typische spätantike Handschrift: Schichten kleiner Kalksteinquader, unterbrochen von Ziegellagen, dazwischen ein Kern aus Mörtelguss.
Eine solche Mauer ist kein Zeichen von Blüte. Sie schrumpft eine Stadt, die im 2. Jahrhundert noch etwa zwanzig Hektar einnahm und Forum, zivile Basilika und ein großes Thermenzentrum besaß, auf einen verteidigungsfähigen Kern zusammen. Aber sie ist das Denkmal, das blieb – und sie steht auf dem Wasser, das dem Volk seinen zweiten Namen gab.
Der Ortsname ist einer der hübschesten Fälle sprachlicher Erosion in Gallien. Aus dem Ablativ Aquis in Aquis Tarbellicis wurde im Altfranzösischen „Acqs". Daraus wurde, weil man der Stadt üblicherweise mit Präposition begegnete, „d'Acqs", und daraus schließlich, als niemand mehr die Fuge hörte, das heutige Dax. Der Volksname fiel unterwegs weg; übrig blieb das Wasser.
Für die Tarbeller selbst behauptet man gelegentlich ein anderes Nachleben, nämlich im Namen von Tarbes. Das klingt bestechend und ist mit Vorsicht zu genießen. Tarbes liegt im Gebiet der Bigerrionen, jenes Volkes, dessen Name als Bigorre fortlebt; die Stadt erscheint mittelalterlich als Turba oder Tarba und wird gewöhnlich aus gallisch trebo- „Wohnstätte, Siedlung" erklärt. Eine Verbindung zu den Tarbellern ist damit nicht ausgeschlossen, aber sie ist Vermutung. Wer sicheres Namensfortleben sucht, findet es bei Bigorre, nicht bei Tarbes.
Und damit zu uns. Der Vergleich, der sich anbietet, ist der zwischen zwei römischen Thermalorten: Aquae Tarbellicae am Adour und dem heißen Wasser von Aachen. Dieselbe Benennungslogik, dieselbe römische Nutzung heißer Quellen, dieselbe Fortsetzung bis heute. Nur muss man ehrlich sein: Der Name „Aquae Granni" ist für Aachen antik nicht belegt; er begegnet erst im Mittelalter, die Stadt erscheint 765 schlicht als „Aquis". Bei Dax liegt der antike Name vor – bei Aachen nicht.
Die genauere Brücke ist eine literarische. Ausonius, Rhetor aus Burdigala und selbst kein Tarbeller, sondern aus dem Volk der Bituriger Vivisci, schrieb an der Mosel sein berühmtestes Gedicht. Darin lässt er die Flüsse Galliens vor der Mosel den Rang räumen: die Dordogne, der goldführende Tarn – und am Ende heißt es, auch der tarbellische Adour werde erst die göttliche Macht seiner Herrin verehren, ehe er tosend ins Meer stürze. Ein rheinisch-moselländisches Gedicht des 4. Jahrhunderts nennt den Fluss der Tarbeller beim Namen. Näher kommen sich diese beiden Enden Galliens in der Literatur nicht.
Die dritte Brücke ist archäologisch und weniger friedlich. Bei Hagenbach am Oberrhein, unweit des Fundes von Neupotz, kam aus einer Kiesgrube ein Hort mit über vierhundert Einzelstücken zutage, darunter 128 silberne Votivbleche. Ihre Inschriften weisen nach Aquitanien, zu den Heiligtümern am Fuß der Pyrenäen; dazu zerhacktes Tafelsilber und schwerer Schmuck. Es handelt sich um Raubgut des 3. Jahrhunderts, das auf dem Heimweg im Rhein verloren ging. Aquitanische Götternamen liegen also im Rheinkies – ausgerechnet dort, wo wir heute gravieren.
Es gibt keine belegte Verbindung zwischen den Tarbellern und dem Rheinland. Es gibt aber diesen merkwürdigen Befund: Zwei Dinge aus ihrer Welt, das Gold und die Namen ihrer Götter, sind am Rhein greifbarer als an ihrer eigenen Küste. Manchmal überliefert sich ein Volk am besten dort, wo es nie war.
Die Tarbeller werden von Caesar (Bellum Gallicum III,27) unter den elf aquitanischen Völkern genannt, die sich 56 v. Chr. dem Publius Crassus ergaben – und zwar an erster Stelle. Strabon (IV,2,1) zählt sie zu den Aquitaniern, verortet sie an der Bucht von Biskaya und nennt ihr Land das goldreichste überhaupt, mit flachen Gruben und kaum reinigungsbedürftigen Stücken. Caesar (III,21) bestätigt unabhängig davon, dass die Aquitanier wegen ihrer Erzgruben und Steinbrüche die erfahrensten Mineure waren. Plinius (NH IV,108) führt sie als Tarbelli Quattuorsignani, Plinius (NH XXXI,4) kennt bei ihnen heiße und kalte Quellen dicht beieinander, Ptolemaios (II,7,9) nennt ihre Stadt Hydata Augusta. Ausonius bezeugt das Adjektiv tarbellisch für den Adour (Mosella) und für den Ozean (Parentalia 4,11); Tibull und Lukan nennen sie im Zusammenhang mit Pyrenäen und Adour. Eine Inschrift aus Saguntum (CIL II 3876) nennt einen Tarbellus IIII signanus. Aquae Tarbellicae, das heutige Dax, wird um 16 v. Chr. Hauptort der civitas, die ab dem 3. Jahrhundert als civitas Aquensium geführt wird; die Stadtmauer der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts misst 1.465 m und umschließt 12,6 ha. Dass die Aquitanier sprachlich nicht keltisch waren, bestätigen rund 400 Personen- und etwa 70 Götternamen in lateinischen Inschriften, deren Wurzeln im Baskischen weiterleben.
„Tarbelli Quattuorsignani heißt Volk der vier Banner und beweist einen Bund aus vier Stämmen": Der Beiname steht bei Plinius, nicht bei Caesar, und seine Deutung ist offen; Duval und Bost lesen ihn zivil als Verweis auf vier später angegliederte Kleingemeinden. – „Die Aquitanier waren keine Kelten, also waren es auch die Tarbeller nicht": Sprachlich stimmt der erste Teil, doch ausgerechnet der Name Tarbelli lässt sich am besten keltisch erklären (tarvos „Stier"); Gorrochategui zeigt, dass die Alternativdeutung über bel zwischen baskisch „schwarz" und keltisch „weiß" schwankt und nichts entscheidet. – „Die Tarbeller verehrten an der heißen Quelle die Göttin Nèhe, verwandt mit Nehalennia": Für einen solchen Gottesnamen gibt es aus Dax keinen antiken Beleg; die Verbindung zur Nordseegöttin beruht auf Namensklang. – „Ein Legionärshund entdeckte die heilenden Schlämme": Gründungslegende, in ähnlicher Form an vielen europäischen Thermalorten. – „Tarbes ist nach den Tarbellern benannt": Tarbes liegt im Gebiet der Bigerrionen, erscheint als Turba/Tarba und wird üblicherweise aus gallisch trebo- erklärt; das gesicherte Namensfortleben führt zu Bigorre, nicht zu Tarbes. – „Die Goldgruben im Baskenland sind die Gruben Strabons": Alte Abbauspuren sind dort nachgewiesen, ihre vorrömische Datierung ist es nicht; der Flurname „Camp de César" ist neuzeitlich. – Und schließlich: Caesars 50.000 Aquitanier sind Feldherrnrhetorik, keine Zählung.

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