Von den Lemoviern an der Ostseeküste steht in der gesamten Antike nur ein Satz da: Tacitus nennt sie neben den Rugiern und gibt ihnen Rundschilde, kurze Schwerter und Königsgehorsam mit. Alles andere ist Deutung, vom Namen über die Lage bis zu den Fundgruppen, die man mit ihnen verbunden hat. Dieser Beitrag legt die wenigen Zeugnisse nebeneinander, trennt Beleg, Konsens, Hypothese und Einzelmeinung und sagt ehrlich, was unbekannt ist. Mit den gallischen Lemovices haben die Lemovier nichts nachweisbar zu tun.
Die Lemovier (lateinisch Lemovii) gehören zu den Völkern, über die wir fast nichts wissen und trotzdem erstaunlich viel lesen können. Der gesamte antike Beleg besteht aus einem Halbsatz bei Tacitus. Er nennt sie zusammen mit den Rugiern an der Ostseeküste, hinter den Goten, und gibt ihnen drei Kennzeichen mit: runde Schilde, kurze Schwerter, Gehorsam gegenüber Königen. Alles Weitere, also ihre genaue Lage, ihre Sprache, ihre Sagen, ihr Verbleib und ihr Platz in der Archäologie, ist Rekonstruktion durch die Forschung, und die Rekonstruktionen gehen auseinander.
Dieser Beitrag bleibt deshalb bewusst bei den Quellen. Er sagt, was Tacitus schreibt, was in der Forschung als Konsens gilt, was nur Hypothese ist und was in einzelnen Veröffentlichungen vertreten wird. Wo ich einen Text nur über eine Zusammenfassung kenne, steht das in der Quellenliste. Zur Abgrenzung: Die Lemovier der Ostsee sind nicht die gallischen Lemovices um Limoges, über die es einen eigenen Beitrag gibt (Lemovices). Beide Namen klingen ähnlich, die Völker liegen aber gut tausend Kilometer auseinander, und in den gelesenen Texten fand sich kein Hinweis auf eine gemeinsame Herkunft.
Zur Zählung der Stelle: In den heute üblichen Ausgaben steht der Satz in Kapitel 44, Abschnitt 1. Ältere Ausgaben und Übersetzungen, etwa die deutsche von Baumstark, rechnen ihn noch zum Schluss von Kapitel 43. Wer im Netz auf „Germania 43“ stößt, meint dieselbe Stelle.
Die Quellenlage lässt sich in einem Satz sagen: Tacitus, Germania, entstanden um das Jahr 98 nach Christus, ist nach der englischen Wikipedia die einzige antike Quelle, die die Lemovier nennt. Die deutsche Wikipedia sagt dasselbe: Außerhalb des Tacitus taucht der Name nicht auf. Bei Plinius dem Älteren, der um 77 die germanischen Völker in Gruppen ordnete und dabei auch die Gutonen nennt, steht nach den gelesenen Übersichten kein Lemovier. In der Geographie des Ptolemaios, also gut fünfzig Jahre nach Tacitus, fehlt der Name ebenfalls. Eine Eintragung auf der Tabula Peutingeriana habe ich nicht gefunden und konnte sie nicht prüfen; ich behaupte weder, dass es sie gibt, noch, dass es sie nicht gibt.
Dass Tacitus selbst an der Ostsee war, nimmt niemand an; seine Angaben zum fernen Norden und Osten beruhen nach verbreiteter Auffassung auf Berichten anderer, vermutlich auch auf Vorlagen, die verloren sind (diesen Punkt habe ich nicht eigens geprüft). Die Lage jedes Namens in einer solchen Völkerreihe ist damit nur so sicher wie die Reihenfolge, die Tacitus übernommen hat.
Zwei Textzeugen aus viel späterer Zeit werden in der Forschung herangezogen, um den Namen zu deuten. Das altenglische Gedicht Widsith kennt ein Volk namens Glommas. Und der Gotenhistoriker Jordanes nennt im sechsten Jahrhundert die Turcilingi, deren Gleichsetzung mit den Lemoviern erwogen wurde. Beide Zeugen sind weder gleichzeitig noch geographisch eindeutig; dazu unten mehr. Ob die Lemovier bei Ptolemaios unter einem anderen Namen stecken, bleibt Vermutung. In dem englischen Ptolemaios-Text des Oxford Text Archive, den ich eingesehen habe (Übersetzer und Ausgabe sind dort nicht angegeben), stehen in der Beschreibung Skandias, in Abschnitt 35, die Leuoni in der Mitte Skandias und die Goutii im Süden; die Rugier erscheinen dort als Routicleii zwischen Iadoua und Weichsel. Die englische Wikipedia führt die Leuonoi unter den vorgeschlagenen Gleichsetzungen auf. Wer ihnen folgt, müsste die Lemovier nach Skandinavien versetzen, weg von der Küste, an der Tacitus sie nennt.
Zum Vergleich: Die Rugier sind besser bezeugt, mit Tacitus, mit Ptolemaios (Rhoutikleioi, nach einer Vermutung verschrieben aus Rugikleioi), mit Jordanes und mit der Geschichte Odoakers und des Rugierreichs an der Donau (Rugier). Die Lemovier hängen als Beisatz an diesem besser belegten Namen.
Die Stelle gehört in eine Wanderung entlang der Küste. Tacitus kommt von den Lugiern im Binnenland, sagt, dass jenseits von ihnen die Gotonen von Königen regiert werden, „schon etwas straffer als die übrigen Völker der Germanen, doch noch nicht über die Freiheit hinaus“ (meine Übersetzung), und fährt fort mit dem Satz, um den es hier geht. Danach nennt er die Völker der Suionen, die auf dem Meer selbst durch Schiffe stark sind, und im folgenden Kapitel die Aestier, die den Bernstein sammeln, den sie selbst glesum nennen (Aestier, Bernstein). Die Lemovier stehen also zwischen den Goten und den Suionen, ein Eintrag in einer Reihe.
„Protinus deinde ab Oceano Rugii et Lemovii; omniumque harum gentium insigne rotunda scuta, breves gladii et erga reges obsequium.“
„Unmittelbar daran schließen sich, vom Ozean her, Rugier und Lemovier an; allen diesen Völkern gemeinsam sind als Kennzeichen runde Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegenüber den Königen.“Tacitus, Germania 44,1; lateinischer Text nach der Ausgabe auf thelatinlibrary.com, von mir in Satzsegmenten gelesen. Die deutsche Fassung ist meine eigene Übersetzung. Die Wiedergabe von „ab Oceano“ ist eine Auslegung; sie meint meist „an der Küste“.
Drei Dinge fallen an der Zeile auf. Erstens ist protinus räumlich und nicht zeitlich gemeint, es heißt „unmittelbar anschließend“. Zweitens sagt ab Oceano in der üblichen Lesung nicht mehr, als dass diese Völker am Meer sitzen. Wo genau, auf welcher Seite der Goten, wie weit ins Land hinein, schreibt Tacitus nicht. Drittens ist das Kennzeichen kollektiv. Tacitus beschreibt keine Eigenart der Lemovier, sondern eine Gruppe von Völkern der Südküste, und die Lemovier teilen den Satz mit den Rugiern und, je nach Lesung von „harum“, vielleicht auch mit den Gotonen. Wer „die Lemovier tragen Rundschilde“ liest, liest eine Kollektivangabe.
Einzelne Handschriften bieten laut deutscher Wikipedia die Schreibung Lemonii (dort als „Lemonier“ geführt); die übliche Form ist Lemovii. Welche ursprünglich ist, ob also das v von den Schreibern stammt, habe ich nicht geprüft.
In der Forschung gilt es als Konsens, dass die Lemovier an der südlichen Ostseeküste zu suchen sind. Die deutsche Wikipedia verortet sie für die Zeit um 100 nach Christus „im Raum zwischen Oder und Weichsel“. Die englische Wikipedia lässt Rugier und Lemovier östlich der Gutonen im Weichseldelta sitzen, rückt die Rugier im eigenen Artikel aber vermutlich westlich der Weichselmündung. Die Angaben gehen also schon in den Überblicken auseinander. Bei Ptolemaios wiederum sitzen die Gutonen (Gythones) östlich der Weichsel, und die Routicleii zwischen Weichsel und einem Fluss Iadoua. Ob die Lemovier östlich oder westlich der Gotonen zu denken sind, bleibt offen.
Die deutsche Wikipedia hält sich vorsichtig. Sie lässt offen, ob die Lemovier zu den Elbgermanen oder den Ostgermanen zählten; beide Zuordnungen sind Konstrukte der Sprachwissenschaft für eine Zeit, aus der keine Texte vorliegen. Dass man außerdem an eine ursprünglich skandinavische Herkunft dachte, hängt an der Namensdeutung (siehe unten) und nicht an einem Beleg. Dieselbe Unsicherheit besteht bei den Rugiern: Ob sie aus Südwestnorwegen, dem alten Rygjafylke, kamen, ist in der englischen Wikipedia als ältere Theorie verzeichnet; Thorsten Andersson hält dagegen, dass in der römischen Kaiserzeit in Norwegen kein Roggen angebaut wurde, Walter Pohl warnt davor, ähnliche Namen als Beweis gemeinsamer Abstammung zu nehmen, und Reinhard Wenskus und die Wiener Schule rechnen mit kleinen Traditionsträgergruppen, die einen Namen weitertragen, statt mit Massenwanderungen. Dieser Stand der Debatte gilt für die Rugier; für die Lemovier gibt es weniger Material, aber dieselben Methodenprobleme.
Als Konsens bleibt: Die Lemovier waren nach Tacitus ein Küstenvolk der Südostsee im späten ersten Jahrhundert. Hypothese ist jede engere Verortung. In den gelesenen Texten wird weder ein Ortsname noch ein Fundstück genannt, das den Namen „Lemovier“ trägt.
Die Archäologie ordnet das Gebiet, in dem Tacitus Rugier, Lemovier und Gotonen sucht, einer Abfolge von Fundgruppen zu. Dabei gilt eine Grundregel, die sich durch alle Überblicke zieht: Eine archäologische Kultur ist ein Bündel von Merkmalen wie Grabform, Keramik und Schmuck. Sie ist keine Aussage darüber, wie ihre Träger sich nannten.
Die Oksywie-Kultur (nach Oksywie, heute Stadtteil von Gdynia) wird nach der englischen Wikipedia vom zweiten Jahrhundert vor Christus bis in das frühe erste Jahrhundert nach Christus angesetzt, in Ostpommern an der unteren Weichsel. Die Männer wurden verbrannt, in schwarzen Urnen mit Zierband bestattet, oft mit Waffen, darunter einseitig geschliffenen Schwertern; Frauen erhielten Beigaben in Gruben. Die Verbindung zu den Rugiern (und Bastarnen) wird vorgeschlagen, ist aber, wie derselbe Artikel anmerkt, mit Belegwünschen versehen und nicht gesichert. Sie mit Tacitus’ Lemoviern zu verbinden ist heikel, denn die Kultur endet nach dieser Angabe schon im frühen ersten Jahrhundert, vor der Niederschrift der Germania.
Ihr Nachfolger in der Gegend ist die Wielbark-Kultur, nach den Übersichten etwa vom ersten bis ins fünfte Jahrhundert, zunächst bei Danzig und Kulm, später nach Süden bis Poznań und im frühen dritten Jahrhundert weit in die heutige Ukraine hinein. Hier fällt etwas auf, das für die Frage nach den „kurzen Schwertern“ wichtig ist: Nach der englischen Wikipedia enthielten Wielbark-Gräber im Gegensatz zur benachbarten Przeworsk-Kultur nie Waffen; nur wenige Gräber hatten Sporen, das einzige Kriegerzeichen. Der Beleg des Tacitus für Rundschilde und Kurzschwerter lässt sich im Grabbefund der Wielbark-Kultur also nicht nachprüfen, und das ist keine Widerlegung, sondern eine Eigenart der Bestattungssitte. Wer aus Gräbern ohne Waffen schließt, dass dort niemand Waffen trug, hätte ebenso unrecht wie jemand, der Tacitus’ Satz an Funden „bestätigt“ sieht.
Viele Historiker sehen die Wielbark-Kultur nach Jordanes und Tacitus als politisch von den Vorfahren der Goten, Rugier und Gepiden geprägt; die englische Wikipedia sagt das so, als verbreitete Meinung. Peter Heather ordnet die Kultur dem germanischen Horizont zu. Wie die Lemovier hineinpassen, ist offen. Zu den Goten und ihrer Heimatfrage sei auf die Beiträge Goten und Gutonen verwiesen.
Für die Westhälfte der Küste werden zusätzlich kleinere Gruppen genannt, in denen man Lemovier vermutet hat. Die deutsche Wikipedia führt die Plöwener Gruppe im Raum Uecker-Randow (Vorpommern, Mecklenburg) auf, mit einem Verweis auf Horst Keilings Fundkatalog von 1984, und die Dębczyno-Gruppe in Pommern zwischen Persante und Drage, die nach der englischen Wikipedia etwa vom späten dritten bis ins frühe sechste Jahrhundert reicht und aus der Wielbark-Kultur hervorging. Der Eintrag dort sagt ausdrücklich: Die Gleichsetzung der Dębczyno-Gruppe mit den Resten der Lemovier sei wahrscheinlich, aber nicht sicher, und es gebe andere Hypothesen über die Lage der Lemovier. Auch die Gustow-Gruppe in Westpommern, benannt nach einem Fundort auf Rügen, wird mit den Rugiern in Verbindung gebracht. Die Datierungen von Plöwen und Gustow habe ich nicht selbst nachgeprüft.
Was bleibt: Es gibt für die Lemovier keine Fundgruppe, die als gesichert gilt. Die Dębczyno-Gruppe beginnt mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Tacitus; wer sie mit den Lemoviern verbindet, nimmt an, dass der Name über Generationen an der Gegend hing. Das ist möglich und nicht beweisbar. Genetische Studien an Wielbark-Gräbern, auf die die englische Wikipedia verweist, beruhen nach demselben Artikel auf kleinen Stichproben; ich habe sie nicht gelesen, und über einen einzelnen Stammesnamen sagen sie nichts.
Was heißt Lemovii? Die kurze Antwort: Das weiß niemand sicher. Die deutsche Wikipedia stellt nach Rudolf Much den Namen mit den Glommas des Widsith zusammen und gibt für beide die Bedeutung „die Bellenden“ an. Ich habe Muchs Herleitung nicht gelesen und kann sie sprachwissenschaftlich nicht beurteilen. Als Hypothese ist sie verbreitet genug, dass die deutsche Wikipedia als weitere Literatur den Eintrag von M. Eggers im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde angibt.
Der Widsith ist ein altenglisches Gedicht, überliefert im Exeter Book, einer Handschrift des späten zehnten Jahrhunderts. Seine Entstehung ist umstritten und wird zwischen dem sechsten und dem zehnten Jahrhundert angesetzt. Er besteht aus Aufzählungen von Königen und Völkern, und der Sänger kann nicht alle besucht haben. In Zeile 21 herrschen Hagena über die Holmrygas und Heoden über die Glommas; in Zeile 69 sagt der Sänger, er sei „bei den Rugas und bei den Glommas“ gewesen (meine Wiedergabe). Das ist alles, was ich vom Wortlaut gesehen habe, und zwar nur in Auszügen einer Datenbank, nicht im Zusammenhang. Die Holmrygas deutet man als „Insel-“ oder „Meer-Rugier“. Dass die Glommas eben die Lemovier sind, hält die deutsche Wikipedia für die tragfähigste Gleichsetzung; die englische sagt „wahrscheinlich“. Es ist eine Gleichsetzung über fünf bis neun Jahrhunderte und zwei Sprachen hinweg, gestützt auf Nachbarschaft zu den Rugiern und eine Namensdeutung.
Daran hängt eine Sage, die in der Literatur mit den Lemoviern verknüpft wird: Hagen, König der Holmrygas, und Heoden, der die Glommas beherrscht, erscheinen in der Hilde-Überlieferung, die in Skandinavien als Hjaðningavíg bekannt ist und im mittelhochdeutschen Epos Kudrun (um 1250, nur in einer Handschrift des frühen sechzehnten Jahrhunderts erhalten) als Vorgeschichte erzählt wird. Dort entführt Hetel (Heoden) Hilde, die Tochter Hagens; es kommt zum Kampf auf einer Insel. Die englische Wikipedia zu den Lemovii nennt Hiddensee als Ort. Die Kudrun selbst nennt als Schauplatz das Wülpensand, eine Insel vor der niederländischen Küste, und schon ein Alexanderroman des Pfaffen Lambrecht aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts kennt den Kampf auf einer Insel Wolfenwerde. Der Ostsee-Bezug ist also eine Ableitung der Forschung (die deutsche Wikipedia nennt als Literatur Much, „Der germanische Osten in der Heldensage“, 1920; ob er den Zusammenhang so begründet, habe ich nicht geprüft), keine Angabe der Quellen. Dass die Sage etwas über die Lemovier im Jahr 98 aussagt, ist Einzelmeinung, nicht Konsens.
Die Turcilingi sind der zweite Kandidat. Jordanes nennt Odoaker, der 476 Romulus Augustulus absetzte, „König der Torcilingi“ (Getica 46,242) und im Zusammenhang mit der Bitte Theoderichs an Zenon (57,291) „König der Thorcilingi und Rugier“. Für die Herkunft des Namens gibt es nach der englischen Wikipedia Vorschläge von „Thüringer“ über „skirische Königssippe“ bis „Turksprachige unter hunnischer Herrschaft“. Eine Verbindung mit den Lemoviern wird wegen der Nähe zu den Rugiern erwogen; die deutsche Wikipedia hält sie für weniger wahrscheinlich, weil eine alanische Herkunft des Namens wahrscheinlicher sei. Selbst Zeuss und Müllenhoff, die die Turcilingi mit Ptolemaios’ Rugiern verbanden, finden heute keine Gefolgschaft mehr. Die Gleichung Lemovier gleich Turcilingi gilt damit als Randhypothese.
Schließlich die Leuonoi des Ptolemaios und die Leonas des Widsith, die in der Wikipedia als weitere Gleichsetzungen genannt werden. Wie weit das trägt, kann ich nicht beurteilen; die Ptolemaios-Stelle liegt, wie gesehen, in Skandia.
Auf der anderen Seite stehen Außenseiterdeutungen aus dem Netz, die die Glommas mit den slawischen Glomacze an der Elbe zusammenbringen und daraus ableiten, die Lemovier seien Slawen gewesen. Sie beruhen ausschließlich auf Namensähnlichkeit und finden in den gelesenen Fachtexten keinen Rückhalt. Ähnlichkeit von Namen ist ein schwaches Argument: Das zeigt schon der Fall Lemovier und Lemovices, zwei Namen mit demselben Anfang, die nichts miteinander zu tun haben müssen. Der gallische Name gilt nach der englischen Wikipedia als gallisch und wird meist als „die mit der Ulme Siegenden“ gedeutet.
Von einer Lebensweise der Lemovier lässt sich nur sprechen, soweit Tacitus sie für die ganze Gruppe der Küstenvölker beschreibt. Das sind drei Punkte.
Der Rundschild (rotunda scuta) ist in der Germania ein Merkmal, das sonst nicht hervorgehoben wird. Tacitus beschreibt in Kapitel 6 die Bewaffnung der Germanen allgemein: Sie benutzten selten Schwerter oder größere Lanzen, führten Speere, die sie selbst frameae nennen, mit schmaler, kurzer Eisenspitze, und der Reiter begnüge sich mit Schild und Framea. Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass bei den Küstenvölkern gerade das Schwert als Kennzeichen steht. Ob das heißt, dass Schwerter dort häufiger waren, oder nur, dass Tacitus’ Gewährsleute ein Muster beschrieben, das ihnen aufgefallen war, kann ich nicht entscheiden.
Das kurze Schwert (breves gladii) setzt man in der Literatur gern mit einer bestimmten Fundform gleich. Das ist eine Deutung. Was ein „kurzes“ Schwert für einen römischen Beobachter war, bleibt offen, denn das römische Gladius war selbst kurz. Für die Oksywie-Kultur sind einseitig geschliffene Schwerter in Gräbern belegt, so die englische Wikipedia; wie sie sich zu dem verhalten, was Tacitus meinte, ist nicht geklärt. Wer sich für den Waffenbestand des Nordens im Allgemeinen interessiert, findet mehr bei Germanische Kriegsführung.
Der Gehorsam gegenüber Königen (erga reges obsequium) ist die politische Angabe. In dem vorangehenden Satz sagt Tacitus von den Gotonen, sie würden „schon etwas straffer“ regiert, aber noch nicht „über die Freiheit hinaus“. Die Lemovier teilen laut dem folgenden Satz die Königstreue. Dass es bei ihnen Könige gab, ist durch Tacitus bezeugt, und nur durch ihn. Wie diese Herrschaft aussah, ob jedes Volk einen König hatte oder ob mehrere Verbände einen gemeinsamen, ob der Titel erblich war, steht nicht da.
Alles darüber hinaus ist über die Lemovier nicht überliefert: Siedlung, Wirtschaft, Götter, Bestattung, Tracht, Sprache. Man kann aus der allgemeinen Lage Rückschlüsse ziehen, etwa dass an der Küste Fischfang, Ackerbau und Bernsteinhandel eine Rolle gespielt haben können. Das wäre aber Kontext, kein Zeugnis. Tacitus erwähnt Bernstein bei den Aestiern, nicht bei den Lemoviern.
Einen Bezug der Lemovier zum Rheinland oder zu Aachen gibt es nicht. Das Gebiet, in dem Tacitus sie nennt, liegt je nach Lesung gut 650 bis 900 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt, und kein Fund, keine Inschrift und kein Ortsname im Rheinland wird in den gelesenen Texten mit ihnen verbunden. Wer eine Verwandtschaft zwischen Ortsnamen wie Lemgo im Lippischen und dem Volksnamen vermutet, findet in den gelesenen Quellen keine Stütze; Namensähnlichkeit ist, wie gezeigt, kein Beleg. Die germanischen Völker am Rhein behandelt der Beitrag Germanen im Rheinland. Aus Aachener Sicht ist die Verwechslung mit den gallischen Lemovices der einzige nähere Berührungspunkt, und die gehört zu den Missverständnissen, die dieser Text klären will.
Die Lemovier haben keine Wirkungsgeschichte im engeren Sinn, weil es kaum etwas gab, woran sie hätte anknüpfen können. Es gibt aber eine Forschungsgeschichte. Sie lässt sich an den Namen ablesen, die die Wikipedia-Artikel als Literatur nennen: Ernst Schwarz, Germanische Stammeskunde (1956); M. Eggers im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (2. Auflage 2001); Rudolf Much, Der germanische Osten in der Heldensage (1920); J. B. Rives, Tacitus, Germania (Oxford 1999); Horst Keiling zu Funden aus Mecklenburg (1984). Ich habe diese Werke nicht selbst gelesen; die Liste zeigt nur, wo man weiterforschen kann. Namensdeutung und Heldensage stehen dabei am Anfang des 20. Jahrhunderts, die Zuordnung zu Fundgruppen kommt später.
In der Forschung erscheinen die Lemovier meist am Rand, in den Diskussionen über die Heimat der Goten und der Rugier und über die Wielbark-Kultur. Dass ein Volk nur einmal genannt wird, heißt nicht, dass es besonders geheimnisvoll war oder spurlos unterging. Es heißt, dass ein Autor, der es von anderen gehört hatte, im Vorbeigehen einen Namen aufschrieb. Auch viele andere Namen der Germania sind einmalige Einträge.
Bei den Rugiern wird diskutiert, ob die Insel Rügen ihren Namen trägt; die englische Wikipedia führt das als umstritten. Für die Lemovier gibt es nicht einmal eine solche Diskussion.
Hier die offenen Punkte, nach Gewicht geordnet.
Lage. Konsens ist die südliche Ostseeküste. Ob östlich oder westlich der Gotonen, zwischen Oder und Weichsel oder nur in einem Teil davon, ist Hypothese, ebenso, ob die Ptolemaios-Angaben zu Gutonen und Rugiern ein anderes Bild zeigen als Tacitus oder nur eine andere Zeit.
Name. „Die Bellenden“ und die Gleichung mit den Glommas sind Hypothesen, die einem einzigen Gewährsmann (Much) zugeschrieben werden und von Wikipedia-Artikeln als tragfähigste Lösung geführt werden. Turcilingi und Leuonoi sind Randvorschläge.
Archäologie. Keine Fundgruppe ist sicher mit den Lemoviern verbunden. Die Zuordnung der Plöwener und der Dębczyno-Gruppe ist Vermutung. Gräber der Wielbark-Kultur enthalten keine Waffen, sodass Tacitus’ Waffenangabe sich dort nicht prüfen lässt.
Sprache und Herkunft. Ob die Lemovier ostgermanisch oder elbgermanisch sprachen, ob sie aus Skandinavien kamen, ist nicht entschieden. Die Verbindung zum Fluss Glomma in Südostnorwegen, die in der deutschen Wikipedia erwähnt ist, ist eine Namensspur, kein Nachweis.
Verbleib. Was aus den Lemoviern wurde, steht nirgends. Die Wanderungen der Goten, Gepiden und Rugier im zweiten bis fünften Jahrhundert führten viele Bewohner der Küste fort; die englische Wikipedia nennt für Pommern, dass die Zurückgebliebenen vom siebten Jahrhundert an slawisiert wurden. Ob Lemovier dabei waren, ist offen.
Die Lemovier zeigen, wie dünn der Faden sein kann, an dem ein Volk in unserem Wissen hängt: eine Zeile bei Tacitus, ein ähnlicher Name in einem altenglischen Gedicht, einige Fundgruppen mit Verdacht.
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