Kleine Könige mit dem Schwert über den Knien, Königinnen, die die Wange in die Hand stützen, Krieger, die in den Rand ihres Schildes beißen: Die Lewis-Schachfiguren gehören zu den bekanntesten Objekten des europäischen Mittelalters. Gefunden wurden sie 1831 im Kirchspiel Uig auf der Isle of Lewis, einer Insel der Äußeren Hebriden vor Schottland. Geschnitzt wurden sie, nach heutigem Stand, im späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert, wahrscheinlich in Norwegen, zu einer Zeit, als die Hebriden zum norwegischen Herrschaftsbereich gehörten. Dieser Beitrag ordnet Fund, Material, Herkunftsthesen und Deutungen ein und trennt dabei sauber, was die Objekte selbst zeigen, was schriftliche Quellen sagen und was moderne Vermutung bleibt.
Unter dem Namen Lewis-Schachfiguren, englisch Lewis chessmen, fasst man einen Hortfund zusammen. Ein Hort ist eine Ansammlung von Gegenständen, die gemeinsam verborgen oder niedergelegt wurde. Der Fund umfasste nach der maßgeblichen Studie von David Caldwell, Mark Hall und Caroline Wilkinson (Medieval Archaeology 53, 2009) 93 Objekte: 78 Schachfiguren, 14 flache, runde Spielsteine und eine Gürtelschnalle. Die Schachfiguren teilen sich in 8 Könige, 8 Königinnen, 16 Bischöfe, 15 Springer (Reiter), 12 Türme in Gestalt stehender Krieger und 19 Bauern. Ein dreizehnter Turm, der 2019 auftauchte, wird weiter unten behandelt.
Das Material ist fast durchweg Walrosselfenbein, also das Zahnbein der Stoßzähne des Walrosses. Einige Stücke bestehen aus Pottwalzahn. Für zwei Figuren in Edinburgh, einen Springer und einen Turm, ist Pottwalzahn im Katalog bestätigt; bei vier Stücken im British Museum gilt er als wahrscheinlich. Die Bauern messen ab etwa vier, der größte Springer gut zehn Zentimeter.
Warum ein Schatz aus norwegischer Werkstatt auf Lewis liegt, erklärt die Geschichte der Inseln. Skandinavier hatten die Hebriden seit dem 9. Jahrhundert besiedelt und überfallen; ein Überblick dazu steht im Beitrag über die Wikinger in Irland, Schottland und auf den Inseln. 1098 erkannte König Edgar von Schottland die Oberhoheit Magnus’ III. von Norwegen über die westlichen Inseln an, in nordischer Sprache die Suðreyjar, die „Südinseln“. Politisch gehörten Lewis und die übrigen Hebriden im 12. und 13. Jahrhundert zum Königreich der Inseln, das mit der Isle of Man verbunden war und die norwegische Krone als Oberherrn anerkannte.
Auch kirchlich hing der Raum an Norwegen. Das Erzbistum Nidaros, das heutige Trondheim, wurde 1152/53 gegründet. Das Bistum der Inseln, später Sodor und Man genannt, wurde nach dem Store norske leksikon 1154 Nidaros unterstellt und umfasste Man, die Hebriden mit Skye, Lewis, Mull und Islay sowie weitere Inseln vor der schottischen Westküste. Zum selben Erzbistum gehörten Orkney, die Färöer, Island mit Skálholt und Hólar und Grönland.
Das Ende dieser Ordnung kam im 13. Jahrhundert. Nach der unentschiedenen Schlacht von Largs 1263 starb König Håkon IV. auf Orkney. Sein Sohn Magnus VI., der „Gesetzesverbesserer“, schloss am 2. Juli 1266 mit Alexander III. von Schottland den Vertrag von Perth. Norwegen trat die Hebriden und Man an Schottland ab und erhielt dafür 4.000 Mark sowie eine jährliche Zahlung von 100 Mark; Orkney und Shetland blieben norwegisch. Die Lewis-Figuren sind also vor diesem Bruch entstanden und wohl auch vor ihm auf die Insel gekommen. Zur weiteren Geschichte Orkneys siehe den Beitrag über die Jarle von Orkney.
Gesichert ist wenig. Am 11. April 1831 stellte Roderick Ririe, ein Händler aus Stornoway, dem Hauptort von Lewis, die Figuren in Edinburgh bei der Society of Antiquaries of Scotland aus. Kurz darauf teilten sich die Stücke auf: Zehn Figuren verkaufte Ririe an den Sammler Charles Kirkpatrick Sharpe, der wohl später noch einen Bischof hinzuerwarb. Den Rest erwarb ein Händler namens T. A. Forrest, von dem das British Museum 82 Objekte kaufte. Treibende Kraft war der Kurator Frederic Madden, der 1832 einen ausführlichen Bericht veröffentlichte.
Sharpes elf Stücke kamen nach seinem Tod an Lord Londesborough und wurden 1888 bei Christie’s für die Society of Antiquaries of Scotland erworben. Daher liegen heute 82 Objekte im British Museum in London, nämlich 67 Schachfiguren, alle 14 Spielsteine und die Schnalle, und 11 Schachfiguren im National Museum of Scotland in Edinburgh: zwei Könige, drei Königinnen, drei Bischöfe, ein Springer und zwei Türme.
Schon 1833 bemerkte der Antiquar David Laing, es seien widersprüchliche Berichte über die Auffindung im Umlauf. Erzählt wird, ein Sturm habe die Figuren am Strand freigelegt; andere Fassungen sprechen von einer kleinen steinernen, „unterirdischen“ Kammer im Sand oder sogar vom Gewölbe eines Nonnenklosters. In wieder anderen Versionen wühlt eine Kuh die Stelle auf, und die späteste Schicht erzählt von einem gestrandeten, ermordeten Seemann. Das British Museum führt diese Erzählungen als Legenden.
Auch der Finder ist unsicher. Die frühen Berichte nennen einen namenlosen Bauern. Der Name Malcolm MacLeod aus Pennydonald bei Ardroil taucht erst 1863 auf, über dreißig Jahre nach dem Fund. Lange galt der Strand von Uig (Uig Bay, auch Ardroil) als Fundort. Caldwell, Hall und Wilkinson halten dagegen Mèalasta (Mealista) für wahrscheinlicher, einen Ort rund zehn Kilometer weiter südlich im selben Kirchspiel. Das lässt sich nicht eindeutig belegen; es ist eine begründete Abwägung der Überlieferung, kein Grabungsbefund. Eine archäologische Untersuchung der Fundstelle aus der Zeit des Fundes gibt es nicht.
Walrosselfenbein war im Hochmittelalter ein begehrter Werkstoff. Es ist dichter als Knochen, lässt sich fein schnitzen und polieren, und es war im Norden leichter zu bekommen als afrikanisches Elefantenelfenbein. Die Stoßzähne kamen aus Gewässern, die Skandinavier befuhren: aus Nordnorwegen und vor allem aus Grönland. Das British Museum hält eine grönländische Herkunft des Rohstoffs für möglich; Grönland trieb Handel mit Norwegen. Mehr dazu im Beitrag über die Grönländer.
Ein Walrosszahn hat einen festen äußeren Mantel und einen weicheren, körnigen Kern; bei manchen Figuren sieht man diesen Kern an Boden oder Rückseite. Die Menge des verbrauchten Materials ist beträchtlich. Der Historiker Alex Woolf wird mit dem Satz zitiert, es sei „eine verdammte Menge Walrosselfenbein“ in diese Figuren geflossen. Wer so viel davon verarbeitete, brauchte Zugang zu einem Handelsstrom und zahlungskräftige Abnehmer; mehr dazu im Beitrag über den Handel der Wikinger.
Einige Figuren zeigten beim Fund rote Färbung, die heute verschwunden ist. Bei Untersuchungen fanden sich Spuren von Quecksilber, was auf Zinnober als roten Farbstoff deutet. Daraus folgt die naheliegende Vermutung, dass eine Partei rot, die andere naturweiß gespielt wurde.
Die Könige sitzen auf Thronen, das Schwert quer über den Knien. Die Rückenlehnen der Throne tragen Ranken, Kleeblattbögen, Flechtwerk und teils Tiermotive. Gerade diese Thronverzierung erinnert an Holzschnitzerei norwegischer Kirchen und an romanische Bauplastik; der Katalog des British Museum nennt Vergleiche mit der Kathedrale von Lund und der Abtei Ely. Den Zusammenhang mit älteren Ornamentstilen erklärt der Beitrag über die Kunststile der Wikinger.
Die Königinnen stützen die Wange in die Hand. Ob das Sorge, Trauer, Nachdenken oder Würde ausdrücken soll, ist offen; die Gebärde kommt in mittelalterlicher Kunst in all diesen Bedeutungen vor. Die Springer sind gerüstete Reiter auf auffallend kleinen Pferden mit Sattel, Steigbügeln und Zaumzeug. Die Pferde sind so gedrungen, weil eine Figur auf ein Brettfeld passen und kleiner als der König bleiben musste; Rückschlüsse auf eine Pferderasse sind daher schwach.
Die Türme haben keine Burggestalt, sondern stehen als Krieger mit Helm, Schild und Schwert da. Man nennt sie oft „Wächter“. Die Bauern sind figurenlos: kleine pfeilerartige Formen oder grabsteinähnliche Platten. Rechnerisch reichen Könige, Königinnen und Bischöfe für vier Sätze; dafür fehlen ein Springer und vier Türme, und die 19 Bauern genügen nur für etwas mehr als einen Satz, der 16 braucht. Aus der Größenstreuung, vor allem der Bauern, schließen manche, dass Teile von mindestens fünf Sätzen vorliegen.
Caldwell, Hall und Wilkinson ordneten die Figuren nach Gesichtszügen und Machart in fünf Gruppen und vermuten fünf Schnitzer; neun Stücke passen in keine Gruppe. Das spricht für eine Werkstatt mit mehreren Händen.
Vier der Turmfiguren beißen in den oberen Rand ihres Schildes, die Augen weit aufgerissen. Drei davon liegen im British Museum, eine in Edinburgh. Schon Frederic Madden erkannte in ihnen 1832 Berserker, jene Krieger, die in den isländischen Sagas in einen Kampfrausch verfallen. Dass er sie so deutete, ist selbst ein Stück Forschungsgeschichte: Madden kannte die Sagas, und die Übereinstimmung mit dem Motiv des Schildbeißens ist auffällig.
Die bekannteste Beschreibung steht in Snorri Sturlusons Ynglinga saga, dem ersten Teil seiner Königsgeschichte Heimskringla, um 1230 auf Island verfasst. Snorri schreibt dort über Odin und seine Kämpfer:
„Odin konnte bewirken, dass seine Feinde in der Schlacht blind oder taub oder von Schrecken ergriffen wurden und ihre Waffen so stumpf, dass sie nicht mehr schnitten als eine Weidenrute; seine Männer dagegen stürmten ohne Rüstung voran, waren rasend wie Hunde oder Wölfe, bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder wilde Stiere und töteten Menschen mit einem Schlag, doch weder Feuer noch Eisen konnte ihnen etwas anhaben. Diese nannte man Berserker.“Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kap. 6; eigene Übersetzung nach der gemeinfreien englischen Übersetzung von Samuel Laing (1844), deren Wortlaut ich über ein Abrufwerkzeug abschnittsweise gelesen habe
Zwei Vorbehalte gehören dazu. Snorris Text ist etwa so alt wie die Figuren oder jünger und beschreibt eine mythische Vorzeit, keine beobachtete Praxis. Und ob die Schnitzer einen Berserker im Sinn hatten oder einfach einen grimmigen Krieger, wissen wir nicht; das Motiv ist eindeutig, die Benennung moderne Deutung. Was die Quellen sonst über Berserker und die verwandten Wolfskrieger sagen, steht in den Beiträgen über Berserker und Úlfheðnar. Wie die Schilde der Zeit gebaut waren, zeigt der Beitrag über den Wikingerschild.
Schach kam aus Indien über Persien und die arabische Welt nach Europa. In der arabischen Form hieß die Figur neben dem König firzan oder firz, ein Wesir oder Ratgeber, und die Figur, die wir Läufer nennen, al-fil, der Elefant. Europa deutete sie nach seiner eigenen Gesellschaft um: Aus dem Wesir wurde die Königin, aus dem Elefanten je nach Land ein Bote, Narr oder Bischof. Die Lewis-Figuren zeigen diese Umdeutung früh und deutlich.
Ihre sechzehn Bischöfe sitzen oder stehen, tragen Mitra und Messgewand und halten einen Krummstab, manche zusätzlich ein Buch, einige heben die Hand zum Segen. Sie gelten häufig als die frühesten bekannten Schachläufer in Bischofsgestalt. Ob das streng gilt, hängt von der Bewertung älterer Fragmente ab; ich gebe es als verbreitete Einschätzung wieder.
Die Mitren helfen bei der Datierung. Bis etwa 1150 trugen Bischöfe die Mitra mit Spitzen an den Seiten, danach mit Spitzen vorn und hinten. Die Lewis-Bischöfe zeigen die jüngere Form. Zwei besonders hohe Mitren könnten ins 13. Jahrhundert weisen. Daraus ergibt sich die übliche Datierung auf etwa 1150 bis 1200; Caldwell und Kollegen halten auch das frühe 13. Jahrhundert für denkbar.
Die verbreitetste Antwort lautet: aus Trondheim. Die Stadt hieß im Mittelalter Nidaros, war Königssitz, Wallfahrtsort am Grab Olafs des Heiligen und seit 1152/53 Sitz des Erzbischofs. Für Trondheim sprechen mehrere Argumente, die sich gegenseitig stützen. Bei Ausgrabungen in Trondheim kam eine fragmentarische Königinnenfigur aus Walrosselfenbein zutage, die Christopher McLees und Øystein Ekroll 1990 beschrieben haben; sie gilt als in Material, Größe, Form und Haltung direkt mit den Lewis-Königinnen vergleichbar. Das British Museum nennt einen Fund aus einer Kirche, andere Darstellungen den Bereich des Erzbischofspalastes; hierzu gibt es unterschiedliche Angaben, die ich nicht an der Grabungspublikation prüfen konnte.
Hinzu kommen stilistische Parallelen zwischen den Thronlehnen und der Steinplastik des Nidarosdoms sowie norwegischer Holzschnitzerei, die Ausrüstung der Krieger mit langen, unten spitz zulaufenden Schilden, sogenannten Drachen- oder Normannenschilden, und ein Schachkönig von der Insel Hitra vor Trondheim. Schließlich passt die Wirtschaft: Das Erzbistum bezog Abgaben aus Grönland, unter anderem in Form von Walrosszähnen, und es gab in der Stadt eine reiche Oberschicht, die solche Luxusgüter kaufen konnte. Die beiden Museen folgen dieser These, und Sotheby’s beschrieb den 2019 verkauften Turm als „wahrscheinlich norwegisch, Trondheim“.
Belegt ist damit eine Werkstatttradition in Trondheim, die sehr ähnliche Stücke herstellte. Nicht belegt ist, dass gerade diese 93 Objekte dort entstanden. Eine Signatur, eine Werkstattabrechnung oder ein Rohling aus derselben Hand fehlen.
Die bekannteste Gegenthese stammt aus Island. Der Ingenieur Guðmundur G. Þórarinsson, früher Präsident des Isländischen Schachverbandes, trug sie 2010 gemeinsam mit Einar S. Einarsson auf einer Tagung am National Museum of Scotland vor. Seine Hauptargumente: Nur Englisch und Isländisch nennen den Läufer „Bischof“, isländisch biskup, und den Turm mit einem verwandten Wort, isländisch hrókur; die kleinen Pferde ähnelten Islandpferden; Island habe geübte Elfenbeinschnitzer gehabt und den Handel mit Grönland vermittelt.
Die Páls saga biskups, die Lebensbeschreibung Bischof Páll Jónssons von Skálholt (Bischof 1195 bis 1211), nennt eine Margrét hin haga, „Margrét die Geschickte“. Sie war die Frau des Priesters Þórir, eines Helfers des Bischofs, und galt nach der Saga als die kunstfertigste Schnitzerin Islands ihrer Zeit. Für Páll schnitzte sie einen Krummstab aus Walrosselfenbein, den er einem Erzbischof schenken wollte, und einen Altarschmuck. Die amerikanische Autorin Nancy Marie Brown hat 2015 in ihrem Buch „Ivory Vikings“ die Vermutung ausgebaut, Margrét habe die Lewis-Figuren geschnitzt und Páll sie in Auftrag gegeben.
Die Einwände sind gewichtig. Der norwegische Schachhistoriker Morten Lilleøren hielt 2011 dagegen, dass auch das Färöische (bispur, rókur) ähnliche Bezeichnungen kennt und Norweger und Isländer im 12. Jahrhundert ohnehin dieselbe altnordische Sprache sprachen; die Wortgeschichte trennt Island also nicht von Norwegen. Die Pferde sind stilisiert, um aufs Brett zu passen. Und die Saga verbindet Margrét mit Krummstab und Altarschmuck, nicht mit Spielfiguren. Die Island-These ist möglich, ruht aber auf Indizien ohne nachweisbare Verbindung zum Fund. Hintergrund zur isländischen Überlieferung bietet der Beitrag über die Isländersagas.
Der Katalogtext des British Museum hält fest, die Schnitzerei könnte „auf beiden Seiten der Nordsee“ ausgeführt worden sein, und vergleicht den Stil mit der Bauplastik der Kathedrale von Lund im damals dänischen Schonen und der Abtei Ely in Ostengland. Lund war seit 1103/04 Sitz eines Erzbischofs für ganz Skandinavien, bis Nidaros 1152/53 eine eigene Kirchenprovinz erhielt. Ein Fund aus Lund, der so eng an die Lewis-Figuren heranreicht wie die Königin aus Trondheim, ist mir nicht bekannt. Die Lund-Spur ist daher ein Stilvergleich, keine Herkunftsthese mit eigener Beweislage. Auch eine Fertigung auf den Hebriden selbst wurde erwogen, ohne Werkstattfunde. Realistisch lässt sich die Herkunft auf den skandinavisch geprägten Nordseeraum eingrenzen, mit Trondheim als bestbegründetem Kandidaten.
Die ältere Erklärung lautet: Die Figuren waren Handelsware eines Kaufmanns, der von Norwegen nach Irland unterwegs war, auf Lewis Station machte oder Schiffbruch erlitt und seine Ware vergrub. Dafür sprechen fehlende Gebrauchsspuren und die Mehrzahl der Sätze; Dublin und andere Häfen mit nordischer Tradition waren wichtige Märkte.
Caldwell, Hall und Wilkinson haben diese Sicht 2009 in Frage gestellt. Wenn der Fundort Mèalasta war, liegt er nahe an Stätten, die mit kirchlichem oder adligem Besitz verbunden werden. Die Autoren halten es für möglich, dass mindestens vier Sätze für eine Verwendung auf Lewis bestimmt waren, etwa für einen Bischof oder ein Klanoberhaupt. Außerdem eignen sich Könige und Bauern für Hnefatafl, das nordische Spiel, bei dem ein König mit seinen Verteidigern gegen eine Übermacht ausbrechen muss (mehr dazu im Beitrag über Hnefatafl; mit dem modernen Kubb hat es trotz dessen Spitznamen nichts zu tun). Ohne gesicherten Fundzusammenhang lässt sich zwischen Händler- und Besitzerthese nicht entscheiden.
Die 14 runden Scheiben deutet man meist als Spielsteine für „Tables“, eine Familie von Würfel-Brettspielen, aus der das Backgammon hervorging; das British Museum spricht in einem Blogbeitrag auch von Rohlingen, die noch beschnitzt werden sollten. Hierzu gibt es unterschiedliche Angaben. Beide Erklärungen zeigen jedenfalls, dass der Fund kein reines Schachspiel ist, sondern eine Sammlung von Spielmaterial.
Im Sommer 2019 meldete Sotheby’s einen spektakulären Fall. Ein Antiquitätenhändler aus Edinburgh hatte 1964 für 5 Pfund eine kleine Elfenbeinfigur gekauft, ohne zu wissen, was sie war. Die Familie bewahrte sie jahrzehntelang in einer Schublade auf, bis die Enkelgeneration sie schätzen ließ. Alexander Kader von Sotheby’s untersuchte das Stück ein Jahr lang und verglich es mit den Figuren in London und Edinburgh. Es handelt sich um einen Turm, also einen Wächter, 8,8 Zentimeter hoch, aus Walrosselfenbein. Zu den vier schildbeißenden Figuren gehört er nicht.
Versteigert wurde er am 2. Juli 2019 in London. Die Schätzung lag bei 600.000 bis 1.000.000 Pfund, der Zuschlag bei 735.000 Pfund an einen nicht genannten Käufer, nach Angaben von Sotheby’s ein Rekord für eine mittelalterliche Schachfigur. Damit sank die Zahl der fehlenden Stücke, rechnerisch ein Springer und vier Türme, auf einen Springer und drei Türme.
Zwei Vorsichtspunkte: Sotheby’s schrieb, der Turm „könnte“ eines der verlorenen Stücke sein; eine Herkunft aus dem Lewis-Fund ist stilistisch begründet, aber nicht durch eine lückenlose Besitzgeschichte belegt. Und die englische Wikipedia führt für genau dieses Stück zwei Radiokarbondatierungen an, die mit 1283–1479 und 1328–1434 deutlich jünger ausfallen als die stilistische Datierung. Woher dieser Widerspruch rührt, habe ich nicht an einer Originalpublikation prüfen können. Die Frage, ob der Turm zum Hort gehört, bleibt daher offen.
Im British Museum stehen die Figuren heute in Raum 40, der Galerie „Medieval Europe 1050–1500“; das National Museum of Scotland zeigt seine elf Stücke in Edinburgh. Seit Mitte der 2010er-Jahre sind sechs Londoner Figuren als Dauerleihgabe im Museum nan Eilean in Lews Castle in Stornoway, also wieder auf Lewis. Ob alle Figuren nach Schottland gehören, wird dort seit Langem diskutiert. Weitere Häuser mit nordischen Funden nennt der Beitrag über Wikinger-Museen.
Neil MacGregor, damals Direktor des British Museum, nahm die Figuren in seine Radioreihe „A History of the World in 100 Objects“ (BBC Radio 4, 2010) auf. Sinngemäß sagte er, um sich die europäische Gesellschaft um 1200 vorzustellen, könne man kaum Besseres tun, als diese Figuren zu betrachten. Schon in den 1960er-Jahren hatten die Figuren die britische Zeichentrickreihe um „Noggin the Nog“ angeregt, deren Gestalten deutlich an die Lewis-Könige erinnern.
Einem großen Publikum wurden sie durch den Film „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (2001) bekannt, der für das Zauberschach Nachbildungen im Stil der Lewis-Figuren verwendet. Welche Szene gemeint ist, beschreiben die Quellen nicht einheitlich: Ein Blogbeitrag des British Museum verbindet die Replik mit dem großen Schachspiel gegen Ende des Films, eine Fan-Enzyklopädie mit Rons eigenem Spielbrett. Ich lasse die Zuordnung offen.
Diese Popularität prägt ein schiefes Bild. Die Figuren wirken „wikingisch“ und werden gern als „Wikingerschach“ verkauft. Tatsächlich bezeugen sie die christliche Monarchie Norwegens, ihre Kirche und ihren Fernhandel im Nordatlantik, rund eineinhalb Jahrhunderte nach dem Ende der Wikingerzeit.
Wo kann man die Lewis-Schachfiguren sehen? 82 Objekte gehören dem British Museum in London, 11 Schachfiguren dem National Museum of Scotland in Edinburgh. Sechs Londoner Figuren sind als Leihgabe im Museum nan Eilean in Stornoway auf Lewis.
Woraus bestehen die Figuren? Überwiegend aus Walrosselfenbein, also aus Walrossstoßzähnen; wenige Stücke aus Pottwalzahn. Einige zeigten beim Fund Reste roter Farbe, vermutlich Zinnober.
Wurden die Figuren in Norwegen oder in Island gemacht? Die meisten Fachleute halten Trondheim für am wahrscheinlichsten, gestützt auf eine ähnliche Königin aus Trondheim, Stilvergleiche und die Rolle des Erzbistums im Elfenbeinhandel. Eine isländische Herkunft vertreten Guðmundur Þórarinsson und Nancy Marie Brown; sie ist möglich, aber schwächer belegt.
Sind die beißenden Krieger wirklich Berserker? Das Schildbeißen entspricht der Beschreibung in Snorris Ynglinga saga. Ob die Schnitzer an Berserker dachten, wissen wir nicht; die Bezeichnung ist eine Deutung des 19. Jahrhunderts.
Wie viel kostete der 2019 aufgetauchte Turm? Er wurde am 2. Juli 2019 bei Sotheby’s in London für 735.000 Pfund versteigert. Gekauft hatte ihn ein Edinburgher Händler 1964 für 5 Pfund.

Hnefatafl – das Wikingerschach · Berserker · Die Wikinger in Irland, Schottland & auf den Inseln · Die Orkney-Jarle · Die Kunststile der Wikingerzeit.
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