Wer die Tectosagen sucht, findet sie an drei Orten, die Tausende Kilometer auseinanderliegen: in Tolosa, dem heutigen Toulouse, im Hochland um Ankyra, dem heutigen Ankara, und, glaubt man Caesar, rund um den Hercynischen Wald nördlich der Alpen. Antike Autoren haben diese drei Orte zu einer einzigen Wandergeschichte verknüpft, samt Goldschatz, Pest und Fluch. Dieser Beitrag legt die Fäden wieder auseinander, zeigt, wer was in welcher Quelle sagt, und trennt, was gesichert ist, was Deutung bleibt und was eine Legende ist.
„Tectosagen“ (lateinisch Tectosages, auch Tectosagi) ist der Name eines keltischen Stammes. Ein Stamm meint hier eine Gemeinschaft mit eigenem Namen und Siedlungsraum, keinen Staat mit festen Grenzen. In den antiken Quellen taucht dieser Name an drei Stellen auf, und die Verwechslungsgefahr ist groß. Erstens sind da die Volcae Tectosages in Südgallien, mit dem Hauptort Tolosa. Die Volcae sind ein größerer keltischer Namensverband; ihre Geschichte und die Herkunft des Wortes „welsch“ haben wir im Beitrag über die Volcae erzählt und wiederholen sie hier nicht. Zweitens sind da die Tectosagen in Galatien, einer Landschaft im Inneren Kleinasiens um die Stadt Ancyra. Sie gehörten zu den Galatern, den Kelten in Anatolien. Drittens nennt Caesar Volcae Tectosages, die „jenseits des Rheins“ rund um den Hercynischen Wald siedelten. Hinzu kommt eine Randnotiz bei Justin über Tectosagen in Pannonien.
Diese drei Gruppen werden in der populären Literatur gern zu einem Volk zusammengefasst, das von Toulouse aus nach Osten gezogen sei. Die Quellen stützen das nur zum Teil. Strabon, der um die Zeitenwende schrieb, erzählt eine solche Wanderung; Caesar redet nur von einer Ansiedlung östlich des Rheins; Livius kennt die Tectosagen ausschließlich als eines der drei Völker Galatiens. Wo eine antike Quelle zwei Orte verbindet, ist das eine Aussage des Autors und kein Befund. Dieser Beitrag setzt deshalb einen anderen Schwerpunkt als die beiden Nachbartexte: Er fragt weniger nach der Geschichte der Volcae oder der Galater im Ganzen, sondern danach, auf welchen Stellen die Rede von „den Tectosagen“ eigentlich ruht und wie belastbar jede Stelle ist.
Der Name ist gallisch, die überlieferte lateinische Form eine Anpassung. Nach der in der Forschung verbreiteten Rekonstruktion lautete er ursprünglich etwa Textosagioi; das lateinische Alphabet hatte für den gallischen Laut kein eigenes Zeichen. Zwei Bestandteile gelten als erkennbar: ein Wort mit der Bedeutung „Besitz, Gut“ und ein Wort für „Suchende“. Daraus ergeben sich zwei Übersetzungsvorschläge, „die ein Dach über dem Kopf Suchenden“ und „die Besitz Suchenden“; die Deutungen stammen von Pierre-Yves Lambert und Xavier Delamarre, wir kennen sie nur über Sekundärliteratur. Als Vergleich wird ein altirischer Rechtsbegriff herangezogen, der das Einfordern von Landanspruch bezeichnet; das ist ein Vergleich, kein Beweis. Es bleibt also bei einer Vermutung, die zu einem wandernden oder landsuchenden Verband passen würde. Sie sagt nichts darüber, ob die Träger des Namens in Gallien, an der Donau und in Anatolien tatsächlich von denselben Vorfahren abstammen. Ein Gedanke aus einer französischen Lehrmaterial-Seite geht noch weiter und hält „Tectosagen“ für einen Namen, der ursprünglich Zugewanderte bezeichnet haben könnte statt ein feststehendes Volk. Das ist eine Überlegung, kein Befund, und wir geben sie nur weiter.
Auch Strabon (XII, 5, 1) kennt die Namensfrage. Er schreibt, die Trokmer und die Tolistobogier hätten ihre Namen nach ihren Anführern erhalten, die Tectosagen dagegen nach einem Stamm in Keltika. Das ist eine antike Erklärung, keine Sprachwissenschaft, aber sie zeigt, dass schon die Griechen und Römer den Namen als Hinweis auf Herkunft lasen.
Der erste Schauplatz ist der am besten belegte. Strabon (IV, 1, 13) beschreibt die Tectosagen als Anwohner der Pyrenäen, deren Gebiet sich zum Teil bis auf die Nordseite der Cevennen erstrecke, in einem Land, das reich an Gold sei. Bei Caesar erscheinen die Tolosates, die Bewohner Tolosas, nur beiläufig. Als er 58 v. Chr. erfährt, die Helvetier wollten durch das Land der Häduer und Sequaner zu den Santonen ziehen, notiert er, diese lägen nicht weit von den Grenzen der Tolosaten, einer Gemeinde, die „in der Provinz“ liege (Bellum Gallicum I, 10: quae civitas est in provincia). Tolosa gehörte damals also bereits zur römischen Provinz im Süden Galliens, später Gallia Narbonensis genannt. Mehr sagt Caesar an dieser Stelle nicht, insbesondere nennt er sie hier nicht „Tectosagen“. Dass die Tolosaten Volcae Tectosages sind, erschließen wir aus Strabon und aus späteren Stellen; das ist gängige Lesart, aber eine Zusammenschau mehrerer Autoren.
Mit den Helvetiern, die in diesen Satz hineingezogen werden, lohnt sich ein Blick in unseren Beitrag über die Helvetier. Er zeigt, warum Caesar die Südwestecke Galliens so aufmerksam beobachtete.
Wie Tolosa in das römische Bündnissystem kam, ist in den antiken Texten nur in Andeutungen zu greifen. Nach einer Darstellung der französischen Bildungsverwaltung (Odysseum) war die Stadt um 120 v. Chr. reich, handelstüchtig und ein verbündeter, weitgehend selbstverwalteter Ort mit einer kleinen römischen Besatzung. Dass es eine solche Besatzung gab, passt zu einer Nachricht bei Cassius Dio, die wir nur über Zusammenfassungen kennen: Die Bürger hätten die römische Besatzung in Ketten gelegt und Truppen bei Nacht in die Stadt gelassen. Cassius Dio lebte rund 300 Jahre nach den Ereignissen und schöpfte aus älterer Literatur, die uns nicht erhalten ist.
Die keltische Stadt lag nicht dort, wo heute das Zentrum von Toulouse steht. Nach den Ausgrabungen verteilte sich die Besiedlung auf mehrere Orte einige Kilometer voneinander entfernt; der bedeutendste lag auf den Höhen von Vieille-Toulouse südlich der Garonne. Dort ist ein befestigter Hauptort, ein Oppidum, nachgewiesen. Unter einem Oppidum versteht man eine große, meist befestigte keltische Siedlung der letzten beiden Jahrhunderte vor Christus, die als Handels-, Handwerks- und Machtzentrum diente. Für Vieille-Toulouse werden in der Literatur 90 bis 100 Hektar Siedlungsfläche genannt, dazu ein knapp acht Kilometer langer Erdwall, der angeblich etwa 300 Hektar umschließt; beide Angaben stammen aus einer Enzyklopädie-Zusammenfassung und lassen sich dort nicht miteinander in Einklang bringen. Wir geben sie deshalb nur als Größenordnung wieder: ein sehr großer Platz, wohl einer der größten in Südgallien.
Aussagekräftig sind die Grabungen am Fuß des Oppidums, über die das französische Institut für präventive Archäologie (Inrap) berichtet. Auf einem 1 800 Quadratmeter großen Grundstück in Borde-Basse fanden sich mehrere annähernd quadratische Schächte von rund 1,10 bis 1,30 Metern Seitenlänge. Sie wurden in unterschiedlichen Phasen verfüllt, der früheste Schacht am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. mit Scherben von Weinamphoren, andere um 100 v. Chr. und gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. In der Verfüllung lagen Ziegel, Dachziegel (allein aus einem Schacht rund 960 Kilogramm) und hohle Heizungsziegel, tubuli, die in römischen Bädern verwendet wurden. Das zeigt, dass italische Bauweise hier für Gallien früh Fuß fasste, nach Einschätzung der Ausgräber wohl um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Dazu passen ein Beschlag von einem Holzeimer, der zum Weinausschank gehörte, und eine mit Scherben und Ziegeln befestigte gallische Straße. Der Befund ist ein Handwerksviertel, kein Wohnviertel; die Schächte sind keine Wasserstellen für eine Opferhandlung, sondern vermutlich Brunnen oder Gruben, deren Zweck nicht sicher feststeht.
Was hier sichtbar wird, ist eine wohlhabende, in den Mittelmeerhandel eingebundene Gesellschaft, die Wein aus Italien kaufte und sich allmählich römisch einrichtete. Münzen aus dem westlichen Mittelmeerraum und große Mengen an Amphorenscherben aus Vieille-Toulouse und vom Flusshafen Saint-Roch bestätigen das. Der Reichtum dieser Stadt kam nach dieser Darstellung vor allem aus dem Handel auf der Landbrücke zwischen Mittelmeer und Atlantik. Um 10 bis 7 v. Chr. gründete Augustus die römische Stadt am heutigen Standort an der Garonne; Vieille-Toulouse wurde danach aufgegeben. Ein Heiligtum, in dem Gold und Silber geweiht waren, vielleicht mit einem heiligen Teich, vermutet die französische Darstellung; das ist ausdrücklich eine Möglichkeit. Von einem Schatz, wie ihn Strabon und Justin beschreiben, hat die Archäologie bis heute nichts gefunden.
Der zweite Abschnitt ist der berühmteste und der heikelste. Rom befand sich in den Jahren nach 113 v. Chr. im Krieg mit den Kimbern und Teutonen (siehe Kimbern und Teutonen), und in Südgallien lief vieles schief. 107 v. Chr. wurde der Konsul Lucius Cassius Longinus von den Tigurinern, einem helvetischen Teilstamm, im Südwesten Galliens besiegt und fiel. Im Jahr darauf, 106 v. Chr., zog der Konsul Quintus Servilius Caepio gegen Tolosa, das nach dem römischen Rückschlag abgefallen war, und nahm es ein. Dass die Stadt vorher ein Bündnispartner war, erwähnt Cassius Dio; die Zusammenfassung, die wir einsehen konnten, nennt als Auslöser die Verwicklungen nach der Niederlage von 107.
Beim Plündern, so die Überlieferung, fiel den Römern ein gewaltiger Schatz in die Hände. Die Zahlen schwanken stark. Orosius, ein christlicher Geschichtsschreiber des frühen 5. Jahrhunderts, nennt 100 000 Pfund Gold und 110 000 Pfund Silber aus dem Tempel des Apollo (V, 15). Justin (32, 3) gibt, in der Fassung, die wir einsehen konnten, 110 000 Pfund Silber und Gold im Umfang von quinquies decies centum milia Pfund an, also fünfzehnmal hunderttausend, 1,5 Millionen. Das wären nach unserer Umrechnung mit dem römischen Pfund von rund 327 Gramm etwa 490 Tonnen Gold, eine Menge, die kein keltischer Tempel jemals gehortet haben dürfte. Ob das ein Abschreibfehler ist, ob Justin eine andere Quelle benutzte oder ob die Zahl einfach übertreibt, wissen wir nicht. Strabon gibt den Wert nach dem Philosophen Poseidonios mit etwa 15 000 Talenten an. Wir haben also drei Angaben, die einander nicht stützen, und können nur sagen: Es muss viel Edelmetall gewesen sein, aber wie viel, lässt sich nicht bestimmen.
Gesichert ist weiter, dass der Schatz Rom nie erreichte. Nach Orosius ließ Caepio die Beute unter Bewachung nach Massilia (Marseille) schaffen, die Wachen seien heimlich getötet worden, und Caepio wurde beschuldigt, alles durch ein Verbrechen gestohlen zu haben (cuncta per scelus furatus fuisse narratur). Es folgte, so Orosius, in Rom eine große Untersuchung. Die Zusammenfassung zu Cassius Dio macht die Soldaten verantwortlich. Der älteste erhaltene Beleg ist Ciceros Hinweis in De natura deorum (III, 74), der um die Mitte der 40er Jahre v. Chr. in einer Aufzählung von Strafprozessen den Fall auri Tolossani neben der Verschwörung des Catilina erwähnt, ein Fall von Goldraub, der vor Gericht ging, ohne dass Cicero dort einen Ort oder eine Menge nennt. Caepio verlor, nach der verbreiteten Darstellung, 105 v. Chr. bei Arausio (Orange) eine schwere Schlacht gegen die Kimbern, in der er sich geweigert haben soll, mit dem anderen Befehlshaber zusammenzuarbeiten, und wurde danach verurteilt. Die Einzelheiten dieser Darstellung haben wir nicht in einer Primärquelle nachgeprüft.
Spätestens hier beginnt die Erzählung, die den Fall berühmt machte. Der römische Redner Aulus Gellius schreibt im 2. Jahrhundert n. Chr. (Noctes Atticae III, 9), das Sprichwort aurum Tolosanum sei ihm geläufig. Caepio habe Tolosa geplündert, aus den Tempeln sei viel Gold fortgeschafft worden, und wer davon berührt habe, sei elend zugrunde gegangen. Gellius nennt keine schriftliche Quelle; er gibt wieder, was man sich erzählte. Aus einem historischen Raub wird bei ihm ein Fluch.
Die ausführlichste antike Fassung steht bei Justin, der im 2. oder 3. Jahrhundert das Geschichtswerk des Pompeius Trogus aus augusteischer Zeit auszog. Nach seinem Bericht (32, 3) kehrten die Tectosagen nach dem gescheiterten Angriff auf Delphi in ihre „alte Heimat“ Tolosa zurück und wurden von einer tödlichen Seuche befallen. Sie genasen erst, als sie dem Rat von Opferschauern folgten und das Gold und Silber, das sie „durch Krieg und Tempelraub erworben“ hatten, in den See von Tolosa versenkten (in Tolosensem lacum mergerent). Viel später habe der Konsul Caepio diesen Schatz an sich gebracht, und dieser Frevel sei die Ursache seines Untergangs und des Untergangs seines Heeres gewesen. Zugleich sei der kimbrische Krieg über Rom gekommen wie ein Rächer des heiligen Geldes (Romanos quoque Cimbrici belli tumultus velut ultor sacrae pecuniae insecutus est). Das ist der Kern der Legende: ein Schatz aus Delphi, eine Pest als göttliche Strafe, ein Fluch auf allen, die ihn berühren, und eine römische Katastrophe als Vollstreckung.
Schon antike Autoren glaubten das nicht alle. Strabon (IV, 1, 13) berichtet, dass der Schatz nach der einen Lesart aus Delphi stammen solle, und führt als Gewährsmann Timagenes an, der Caepio als Tempelräuber darstellte, dem später die Töchter in Schande verfielen. Strabon selbst folgt jedoch Poseidonios: Der Schatz habe sich auf rund 15 000 Talente belaufen, zum Teil in heiligen Seen verwahrt, und Delphi sei längst von den Phokern geplündert worden, sodass die Tectosagen kaum noch etwas hätten heimtragen können. Außerdem seien Seen in der keltischen Welt die sicherste Verwahrung für Weihegaben gewesen, und als die Römer später die Seen verkauften, hätten die Käufer silberne Mühlsteine gefunden. Mit Poseidonios haben wir eine Stimme, die den Schatz aus dem keltischen Gold- und Weihebrauch erklärt. Das ist ein Gegenentwurf zum Delphi-Mythos und nach heutiger Einschätzung wahrscheinlicher. Dass das Gold aus Delphi kam, steht also gegen einen Autor mit Ortskenntnis.
Für das Gesamtbild hilft Pausanias (X, 19–23), der den Angriff der Kelten auf Delphi im Jahr 279 v. Chr. ausführlich schildert. Bei ihm scheitern die Angreifer unter Brennus an Unwetter, Felsstürzen und nächtlicher Panik; er nennt Verluste von nahezu 6 000 Mann im Kampf, über 10 000 im Sturm und in der Panik und noch einmal so viele, die verhungerten. Ob der Tempel geplündert wurde, ist zwischen Strabon und Pausanias umstritten, und Pausanias nennt weder die Tectosagen noch Tolosa. Damit ist die Verbindung zwischen dem Delphi-Zug und dem Tolosa-Schatz im Kern nur bei Strabon, Justin und Cassius Dio zu finden; keine Primärquelle des 3. Jahrhunderts belegt sie.
Strabon (IV, 1, 13) erklärt die Wanderung so: Die Tectosagen seien einst so zahlreich und kampfstark gewesen, dass sie nach einem inneren Aufruhr einen Teil der Bevölkerung vertrieben hätten. Andere Völker hätten sich den Vertriebenen angeschlossen, und einige von ihnen hätten sich in einem Teil Phrygiens niedergelassen, der an Kappadokien und Paphlagonien grenzt. Dass in Phrygien drei galatische Stämme dieselben Namen trügen wie in Gallien, sieht er als Beleg. Die Tectosagen säßen um Ancyra, daneben die Trokmer und die Tolistobogier. Zusätzlich vermerkt er, die Tectosagen hätten, so heiße es, an dem Zug gegen Delphi teilgenommen; der zweite Brennus, der Delphi überfiel, könne ein Prausos gewesen sein. Das ist eine Gelehrtenvermutung aus der Zeit um Christi Geburt, die sich auf Namensgleichheit stützt.
Moderne Forscher sind skeptisch. Wir kennen die Argumente nur aus Zusammenfassungen: Altay Coşkun nennt Strabons Herleitung eine bewusste Vereinfachung; Venceslas Kruta und Karl Strobel gehen davon aus, dass die Volcae in Mitteleuropa entstanden sind und dass Gallien, die Donau und Anatolien jeweils Ableger eines gemeinsamen Kerns darstellen. Das ist eine Deutung, nicht minder gewichtig als die antike, aber auch sie bleibt eine Deutung. Der kleinste gemeinsame Nenner lautet: Der Name taucht an mehreren Orten auf, und weder die antike noch die moderne Erklärung ist bewiesen.
Gesichert ist der Weg über den Balkan. Justin (32, 3, 6) sagt, nach dem Verlust des Anführers Brennus seien Teile der Gallier nach Asien, andere nach Thrakien geflohen. Pausanias (X, 23, 8) berichtet, dass im Jahr nach dem Delphi-Angriff, unter dem athenischen Archon Demokles, „die Kelten nach Asien übersetzten“. Livius (38, 16) teilt in der Rückschau die Beute unter drei Völkern auf: Die Trokmer erhielten nach seiner Darstellung die Küste am Hellespont, die Tolistobogier Aiolis und Ionien, die Tectosagen das Binnenland. Die Datierung der Entscheidungsschlacht gegen die Eindringlinge in der Ebene von Sardes schwankt zwischen 275 und 269 v. Chr. Wer ein einziges Jahr nennt, übersteigt, was die Quellen hergeben. Die Tectosagen waren also spätestens in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. in Anatolien, und aus der Folgezeit ist ihre Geschichte, wenn auch lückenhaft, belegt.
Das Land, das die Tectosagen in Anatolien in Besitz nahmen, hieß später Galatien. Strabon beschreibt in XII, 5, 1–2 eine bemerkenswerte Ordnung: Jeder der drei Stämme war in vier Teile unterteilt, die Tetrarchien, geführt von je einem Tetrarchen („Herrscher über ein Viertel“), einem Richter, einem Heerführer und zwei Unterbefehlshabern. Zwölf Tetrarchen mit insgesamt 300 Männern bildeten einen Rat, der am Ort Drynemeton zusammentrat und Mordfälle richtete. Der Name Drynemeton enthält das keltische Wort nemeton für einen heiligen Ort oder Hain, ein sprachlicher Beleg, dass die Eindringlinge ihre Wörter mitbrachten. Die Tectosagen besaßen als Festung Ancyra, das heutige Ankara. Nach Strabon sprachen die drei Völker dieselbe Sprache und unterschieden sich wenig voneinander.
Rom begegnete den Tectosagen erstmals 189 v. Chr. Der Konsul Gnaeus Manlius Vulso führte in diesem Jahr einen Feldzug gegen die Galater, den Livius im 38. Buch ausführlich erzählt. Er rückte über Gordion bis nach Ancyra, der Stadt, die er „bedeutend in jener Gegend“ nennt (38, 24: Ancyram, nobilem in illis locis urbem); das Lager der Tectosagen lag wenig mehr als zehn römische Meilen entfernt. Im folgenden Kampf, so Livius (38, 26), hielten die Tectosagen und Trokmer als härtester Teil des galatischen Heeres die Mitte (Hostium quod roboris erat, Tectosagi et Trocmi, mediam tenebant aciem). Römische Wurfwaffen brachten die Galater zum Weichen, danach schlossen sie Frieden. Zahlen zu Heeresstärken und Verlusten, die Livius nennt, sind in solchen Berichten selten verlässlich und lassen sich nicht prüfen. In derselben Erzählung lässt Livius den römischen Feldherrn die Galater als „Gallograeci“ bezeichnen (38, 17), als Gallier, die durch Vermischung mit der Umgebung entartet seien. Das ist eine Rede in einem Geschichtswerk, formuliert von einem Autor, der die Szene Generationen später gestaltete.
In der Folge verloren die Tetrarchien an Gewicht. Nach Strabon ging die Macht von drei Herrschern auf zwei und schließlich auf Deiotarus über, den späteren König, danach auf Amyntas. Nach dessen Tod 25 v. Chr. machte Augustus Galatien zur römischen Provinz, wie die gängigen Darstellungen übereinstimmend schreiben. Ancyra wurde einer ihrer Hauptorte. Dort stand ein Tempel für Augustus, an dessen Wänden der Tatenbericht des Kaisers, die Res Gestae, in Stein gemeißelt war; heute heißt dieser Text Monumentum Ancyranum, benannt nach dem Fundort. Dass die Tectosagen zum Ort der besterhaltenen Fassung dieses Kaisertextes gehören, ist ein Zufall der Überlieferung und keine Aussage über sie.
Die Sprache hielt sich erstaunlich lange. Hieronymus schreibt im späten 4. Jahrhundert n. Chr. im Vorwort zu seinem Galaterbrief-Kommentar (Buch II) in der Übersetzung des 19. Jahrhunderts, die Galater sprächen wie der ganze Osten Griechisch, ihre eigene Sprache sei aber fast dieselbe wie die der Treverer. Die Treverer sind das Volk um Trier an der Mosel, und wir kommen darauf noch zurück. Von dieser Sprache ist kein zusammenhängender Text erhalten, nur Personennamen wie Deiotaros oder Brogimaros, Stammesnamen und Wörter wie das nemeton im Namen Drynemeton. Grammatik und Aussprache lassen sich daraus nicht ableiten, und Hieronymus berichtet auch nicht, ob er selbst beide Sprachen gehört hat.
Archäologisch ist das galatische Anatolien erstaunlich schwer zu fassen. Eine ältere Arbeit von Lucia Nixon (1977), die wir nur über eine Zusammenfassung kennen, kam zu dem Ergebnis, dass nur eine Begräbnisstätte, Karalar bei Ankara, durch eine griechische Inschrift sicher als galatisch gelten kann, und dass ihre Gräber hellenistisch gebaut sind. Einzelne Halsringe und Fibeln aus Karalar, Bolu und Boğazköy sind wohl keltisch, aber so selten, dass sie nach dieser Arbeit eher Importe als Eigenproduktion waren. „Galatische“ Keramik ist umstritten. Neuere Surveys um Ankara haben Befestigungen und Siedlungsmuster erfasst, aber keine eigene keltische Fundkultur. Die Tectosagen sind in Anatolien also vor allem eine Gestalt der Schriftquellen, und es wäre falsch, sich auf Grabungsbilder zu berufen, die es so nicht gibt.
Die dritte Stelle ist die rätselhafteste. Im sechsten Buch seines Bellum Gallicum beschreibt Caesar die Germanen und schiebt einen Rückblick ein, wie die Gallier einst stärker waren. Die Stelle (VI, 24) lautet in unserer Übersetzung, aus dem lateinischen Text über thelatinlibrary.com gekürzt:
Es gab früher eine Zeit, da übertrafen die Gallier die Germanen an Tapferkeit, trugen von sich aus Kriege zu ihnen und schickten wegen der Menge ihrer Menschen und des Mangels an Land Siedler über den Rhein. So haben die Volcae Tectosages die fruchtbarsten Landstriche Germaniens rund um den Hercynischen Wald […] besetzt und sich dort niedergelassen.Caesar, Bellum Gallicum VI, 24 (gekürzt; Auslassung nach „Wald“ im Original); lateinischer Text nach thelatinlibrary.com, eigene Übersetzung
Zwei Dinge fallen auf. Caesar sagt „Volcae Tectosages“, nicht einfach „Tectosagen“, und er setzt sie in die Vergangenheit, in eine Zeit, aus der er keine Quelle nennt. Er fügt an, dieser Stamm halte sich bis heute in diesen Sitzen und genieße höchsten Ruf für Gerechtigkeit und Kriegsruhm; der Ausdruck lautet im Latein summamque habet iustitiae et bellicae laudis opinionem. Ob Caesar das selbst gesehen oder von Gewährsleuten gehört hat, sagt er nicht. Er nennt Eratosthenes und andere Griechen als Zeugen für die Existenz des Waldes, nicht für die Tectosagen. Im nächsten Kapitel (VI, 25) beschreibt er den Hercynischen Wald als so groß, dass man ihn in neun Tagesreisen Breite durchmesse und sein Ende in sechzig Tagen nicht erreiche. Er beginne an den Grenzen der Helvetier, Nemeter und Rauraker und laufe der Donau entlang bis zu den Dakern und Anartern. Es ist ein Name für ein weites Mittelgebirgs- und Waldland nördlich der Donau, nicht für einen genau umrissenen Wald.
Aus der Stelle folgt zweierlei, und nur eines ist sicher. Sicher ist, dass Caesar eine Gruppe dieses Namens östlich des Rheins kannte oder zu kennen glaubte. Unsicher ist, ob sie überhaupt von den Tolosa-Tectosagen abstammte, und ebenso, ob Caesar den Namen vielleicht aus einer gelehrten Quelle zusammenstückelte. Karl Strobel liest den Ausdruck „Hercynia silva“ nach unserem Kenntnisstand als lockeren Sammelbegriff für bewaldete Höhenzüge. Er siedelt die Gruppe im nordöstlichen Bayern und in Thüringen an und weist das Innere des Waldes den Boiern zu; Kruta denkt an die Ebenen Böhmens und Mährens. Beide Positionen sind aus Zusammenfassungen übernommen. Was sich aus der Archäologie in dieser Frage ableiten lässt, haben wir nicht geprüft.
Tacitus kennt Caesars Stelle und gibt sie in der Germania (28) wieder: Die Gallier seien einst stärker gewesen als die Germanen, und dann sei es glaubhaft, dass Gallier nach Germanien übergetreten seien. Er nennt aber nicht die Tectosagen, sondern spricht von den Helvetiern und den Boiern, die „zwischen dem Hercynischen Wald und den Flüssen Rhein und Main“ gesiedelt hätten, und vom Namen Boihaemum, der noch an die Boier erinnere. Wer behauptet, Tacitus bezeuge die Tectosagen in Germanien, liest etwas in den Text hinein. Mehr zu den Boiern steht in unserem Beitrag über die Boier.
Auch Livius (V, 34) beschreibt eine Aufteilung, aber ohne die Tectosagen: Der Biturigerkönig Ambigatus schickt seine Neffen Bellovesus und Segovesus los, um neue Siedlungsgebiete zu suchen; durch das Los erhält Segovesus „die Hercynischen Waldgebirge“ (Hercynei saltus), Bellovesus den Weg nach Italien. Hier fehlen die Volcae völlig. Dass Segovesus mit den Tectosagen etwas zu tun habe, ist eine Vermutung moderner Autoren, die wir im Text nicht finden. Die letzte Notiz stammt wieder von Justin (32, 3, 12): Ein „nicht unbedeutendes Volk aus dem Stamm der Tectosagen“ sei, von der Aussicht auf Beute verlockt, wieder nach Illyrien gezogen, habe die Histrer ausgeplündert und sich in Pannonien niedergelassen (in Pannonia consedit). Hier steht ein dritter Teil der Wanderung, ohne dass wir wüssten, wie er zu den anderen passt. Im Zusammenhang mit den Völkern an der Donau lohnt der Blick in unseren Beitrag über die Skordisker.
Für die Eifel, das Aachener Land oder Alsdorf nennt keine antike Quelle, die wir kennen, Tectosagen, und wir erfinden deshalb keinen regionalen Bezug. Zwei Spuren zeigen aber, wie dicht die keltisch-germanische Zone am Rhein gedacht wurde. Caesar spricht davon, dass Gallier Siedler über den Rhein schickten, und Tacitus (Germania 28) schreibt, dass die Treverer und die Nervier sich eifrig auf eine germanische Herkunft berufen. Die Treverer an der Mosel sind für uns die einzigen Nachbarn aus der Region, die in den Quellen direkt mit den Galatern verglichen werden, eben durch Hieronymus’ Satz von der verwandten Sprache. Das heißt nicht, dass die Treverer Tectosagen waren; es heißt, dass ein Autor des 4. Jahrhunderts, der beide Länder kannte oder zu kennen meinte, Galatisch und Treverisch für fast gleich hielt. Zu den Treverern und zu den Stämmen unserer Heimat, Ubiern und Eburonen, haben wir eigene Beiträge, ebenso zum Überblick Germanen im Rheinland.
Gesichert sind Tolosa als Ort der Tolosaten in der römischen Provinz, Caepios Einnahme 106 v. Chr. und der Verlust des Schatzes, die galatischen Tectosagen mit Ancyra als Festung, der Feldzug des Manlius 189 v. Chr. und die Provinzbildung 25 v. Chr. Plausibel ist, dass die Tolosa-Tectosagen und die Hercynia-Gruppe über den Namen verbunden sind, und dass ein Teil der keltischen Kriegerzüge des 3. Jahrhunderts v. Chr. über den Balkan nach Kleinasien führte. Deutung bleiben die Herkunft des Namens, die genaue Lage der Tectosagen am Hercynischen Wald, die Höhe des Schatzes und die Frage, ob die galatischen Tectosagen wirklich aus Gallien kamen. Legende sind der Delphi-Ursprung des Goldes, die Pest als Strafe und der Fluch auf dem Schatz. Das Sprichwort aurum Tolosanum blieb dennoch lebendig und nannte unrechtmäßigen Besitz, der Unglück bringt. Dahinter steht kein Zauber, sondern eine Geschichte über Gier, die Rom sich selbst erzählte.
In unserer Familienmanufaktur in Alsdorf entstehen lasergravierte Schieferplatten mit nordisch-germanischen und keltischen Motiven. Für die Tectosagen gibt es kein überliefertes Zeichen, das wir als ihr eigenes belegen könnten, und deshalb erfinden wir keines. Den Gesamtüberblick über das keltische Europa finden Sie unter Kelten; wie weit keltische Namen und Menschen zogen, zeigen auch die Noriker in den Ostalpen und die Arverner in Gallien.

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