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Die Noriker: Eisen, Gold und ein Königreich in den Ostalpen

Geschichte & Funde Die Noriker: Eisen, Gold und ein Königreich in den Ostalpen

Zwischen Salzach, Mur und Drau, im heutigen Salzburg, Kärnten und der Steiermark, lag in den letzten Jahrhunderten vor Christus ein Gebilde, das die Römer regnum Noricum nannten, das Königreich Noricum. Es hatte Könige, prägte Münzen, verkaufte Eisen nach Italien und wurde schließlich römische Provinz, ohne dass ein antiker Autor seine Geschichte zusammenhängend erzählt hätte. Was wir über die Noriker wissen, steht verstreut in Nebensätzen: bei Caesar, Strabon, Plinius, Livius, Appian, Velleius und Cassius Dio. Dieser Beitrag sammelt diese Nebensätze, stellt die Archäologie daneben und sagt offen, wo die Quellen schweigen oder einander widersprechen.

Ein Stamm, ein Bund, ein Land: Wer waren die Noriker?

Das Wort „Noriker“ wird in drei Bedeutungen gebraucht, und wer sie nicht trennt, gerät schnell durcheinander. Erstens bezeichnet es einen einzelnen Stamm, die Norici im engeren Sinn. Zweitens meint es den Verband mehrerer Stämme, der in den Quellen als Königreich erscheint. Drittens ist Noricum der Name der späteren römischen Provinz, die ungefähr das heutige Österreich südlich der Donau und Teile Sloweniens umfasste. Ein Stamm ist hier eine Gemeinschaft mit eigenem Namen und Siedlungsraum, kein Staat mit Grenzlinien. Ein Königreich im Sinne der Quellen ist ein Verband, an dessen Spitze ein König steht, der nach außen für alle spricht; wie viel Macht er nach innen hatte, wissen wir nicht.

Welche Stämme dazugehörten, zeigen keine Geschichtsschreiber, sondern Steine. Auf dem Magdalensberg in Kärnten fand man frührömische Ehreninschriften für Angehörige des Kaiserhauses, die von mehreren einheimischen Gemeinschaften gemeinsam gestiftet wurden. Genannt werden nach der Sekundärliteratur acht Namen: Norici, Ambilini, Ambidravi, Uperaci, Saevates, Laianci, Ambisontes und Alauni. Die Ambidravi sind wörtlich „die an beiden Seiten der Drau“, die Ambisontes nach verbreiteter Deutung „die an beiden Seiten der Isonta“, also der Salzach. Die Inschriften datieren in augusteische Zeit; den lateinischen Wortlaut haben wir nicht selbst eingesehen. In deutschsprachigen Überblicken liest man, dreizehn Stämme hätten sich um 200 vor Christus unter Führung der Noriker zusammengeschlossen. Für die Zahl dreizehn und für das Jahr haben wir keine antike Quelle gefunden; beides ist eine moderne Rekonstruktion.

Schwierig ist das Verhältnis zu den Tauriskern, einem Namen, der in älteren Texten für die Kelten der Ostalpen steht. Plinius der Ältere schreibt in seiner Naturalis historia (III, 133), neben den Karnern hätten Leute gewohnt, „die einst Taurisker hießen, jetzt Noriker“ (quondam Taurisci appellati, nunc Norici). Strabon dagegen sagt (Geographika IV, 6, 9), die Taurisker gehörten zu den Norikern, und an anderer Stelle (VII, 5, 2) nennt er sie zusammen mit den Boiern als Volk unter dem Herrscher Kritasiros, das die Daker vernichtet hätten. Für Plinius ist „Taurisker“ also ein älterer Name für dieselben Leute, für Strabon eine Teilgruppe, und im Osten scheint der Name ein Volk an der Grenze zu Pannonien zu meinen. Diese Unschärfe ist kein Fehler einer einzelnen Quelle, sondern liegt in der Sache. Unseren eigenen Beitrag zu den Tauriskern sollte man mit diesem Vorbehalt lesen.

Gold, Eisen, Salz: Woraus der Reichtum bestand

Die frühesten Nachrichten über die Ostalpen handeln von Bodenschätzen. Strabon gibt (IV, 6, 12) einen Bericht des griechischen Historikers Polybios (2. Jahrhundert vor Christus) wieder: Im Land der „norischen Taurisker“, gegenüber von Aquileia, sei man auf Gold gestoßen, das schon zwei Fuß unter der Oberfläche lag. Ein Teil sei rein gewesen, der Rest habe sich mit Gewinn ausschmelzen lassen. Nachdem Italiker sich an der Ausbeute beteiligt hätten, sei der Goldpreis in ganz Italien binnen zwei Monaten um ein Drittel gefallen; die Taurisker hätten daraufhin ihre Mitarbeiter vertrieben und den Abbau für sich behalten. Zur Zeit Strabons, um die Zeitenwende, unterstanden diese Goldbergwerke den Römern. Ob die Preisangabe stimmt, lässt sich nicht prüfen; es ist eine Erzählung, die Polybios offenbar weitergab, keine Statistik.

Im fünften Buch (V, 1, 8) beschreibt Strabon den Handelsplatz Aquileia an der Adria und erwähnt eine Fahrt landeinwärts bis zur Stadt Noreia, 1 200 Stadien weit (ein Stadion sind rund 180 bis 190 Meter). Die Gegend habe Stellen, die sich zum Goldwaschen eignen, und auch Eisenwerke. Damit ist die Grundlage genannt, auf die sich der Ruf der Noriker stützte: Gold aus den Flüssen und Bergen der Tauern und Eisen aus den Erzlagern Kärntens und der Steiermark.

Für das Eisen ist die Archäologie aussagekräftiger als die Literatur. Nach einer Übersicht des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) war das wichtigste Revier der Römerzeit der Raum zwischen Hüttenberg und Mösel in Südnoricum. In Mösel fand man Schachtöfen von bis zu 1,6 Metern Durchmesser, die bei 1 100 bis 1 300 Grad Erz verhütteten, bei Feldkirchen Schlackenhalden der Zeit um 15 bis 45 nach Christus. Spätkeltische Eisenverarbeitung ist auch im Nordwesten Noricums belegt. Wer in römischer Zeit die Eisenerträge pachtete, hieß conductor ferrariarum Noricarum, Pächter der norischen Eisengruben; fünf solche Pächter sind namentlich aus Inschriften bekannt, zwei davon mit Verbindungen nach Aquileia.

Der dritte Rohstoff war Salz. Am Dürrnberg bei Hallein im Salzburger Land begann nach heutigem Forschungsstand um 600 vor Christus der Untertagebau auf Steinsalz. Die reichen Gräber des Dürrnbergs gehören in die Hallstatt- und die Latènezeit; so nennt die Forschung die ältere und die jüngere Eisenzeit Mitteleuropas, benannt nach den Fundorten Hallstatt im Salzkammergut und La Tène am Neuenburger See. Ob die Salzleute des Dürrnbergs im 5. Jahrhundert vor Christus schon „Noriker“ waren, kann niemand sagen; die Zuordnung des Gebiets an die Ambisonten stammt aus der römischen Zeit. Nach regionalgeschichtlichen Angaben wurde der Abbau nach der römischen Eingliederung eingestellt, vermutlich weil importiertes Meersalz billiger war. Auch das ist eine Erklärung der Forschung, keine überlieferte Nachricht.

„Ferrum Noricum“: Ruhm und Maß

Das norische Eisen war bei römischen Dichtern sprichwörtlich. Horaz nennt in einer Ode (I, 16) das „norische Schwert“ (Noricus ensis) als etwas, das den Zorn nicht abschreckt, und gebraucht dieselbe Wendung in einer Epode (17, 71). Ovid lässt die spröde Anaxarete härter sein als das Eisen, das „norisches Feuer“ ausschmilzt.

Wilder als das Meer, wenn mit dem Untergang der Böckchen die Fluten steigen, härter als das Eisen, das norisches Feuer ausschmilzt, und als der Fels, der noch lebend an seiner Wurzel haftet, verschmäht sie ihn und lacht ihn aus.Ovid, Metamorphosen XIV, 711–714 (gekürzt); lateinischer Text nach thelatinlibrary.com, eigene Übersetzung

Solche Verse zeigen, dass das Eisen aus Noricum in Rom einen Namen hatte; sie sind aber Dichtung, keine Materialprüfung. Wer behauptet, das norische Eisen sei „der beste Stahl der Antike“ gewesen, kann sich gerade auf den sachlichsten Autor nicht berufen. Plinius stellt in seinem Kapitel über das Eisen (XXXIV, 145) ausdrücklich das „serische“ Eisen an die erste und das parthische an die zweite Stelle; gemeint sind Eisensorten aus dem Fernen und dem Mittleren Osten. Noricum erscheint im selben Abschnitt nach dem Wörterbuch von Lewis und Short als Beispiel für ein Gebiet, dessen Eisen gerühmt wurde; nach der verbreiteten Lesart erklärt Plinius die Güte dort mit der Beschaffenheit des Erzes. Den genauen lateinischen Wortlaut dieses Satzes konnten wir nicht abrufen.

Metallkundliche Untersuchungen geben einen Hinweis, warum das Eisen gut war: Erze aus der Gegend von Hüttenberg und vom steirischen Erzberg sind manganhaltig, was die Herstellung eines harten, stahlartigen Eisens begünstigen kann. Nach der Sekundärliteratur (Buchwald 2005) wurden etwa ein Schwert aus Mähren um 300 vor Christus und eines aus der Ostslowakei um 100 vor Christus über ihre chemische Zusammensetzung mit norischem Erz in Verbindung gebracht. Diese Arbeiten haben wir nicht selbst gelesen. Man sollte „Stahl“ hier nicht im heutigen Sinn verstehen: Gemeint ist Eisen mit erhöhtem Kohlenstoffgehalt, das gehärtet werden konnte, kein Industrieprodukt mit gleichbleibender Qualität. Mehr zur Technik keltischer Klingen bieten unsere Beiträge zu den Latène-Schwertern und zur Schmiedekunst.

170 vor Christus: Ein „König der Gallier“ in Rom

Das erste mögliche Zeugnis einer politischen Beziehung zu Rom steht bei Livius (XLIII, 5). Gesandte eines Königs Cincibilis, den Livius „König der Gallier“ nennt, erscheinen vor dem Senat. Der Bruder des Königs klagt, der Konsul Gaius Cassius Longinus habe auf seinem Marsch die Gebiete der Alpenvölker, Verbündete des Königs, verwüstet und viele Tausend Menschen in die Sklaverei verschleppt. Zugleich beschweren sich Gesandte der Karner, Histrier und Iapyden. Der Senat erklärt, er habe davon nichts gewusst und billige es nicht, man könne einen abwesenden Konsular aber nicht ungehört verurteilen. Gesandte werden über die Alpen geschickt, und der Bruder des Königs erhält reiche Geschenke, darunter zwei goldene Halsringe von je fünf Pfund und zwei Pferde mit Geschirr.

Dass Cincibilis ein König der Noriker war, sagt Livius nicht. Die Gleichsetzung ist eine Deutung der Forschung, die sich auf Lage und Zeit stützt und plausibel ist, aber nicht mehr. Auch die oft gelesene Formel, Rom und Noricum seien seit dieser Zeit durch ein hospitium publicum, eine staatliche Gastfreundschaft, verbunden gewesen, steht in dem Kapitel, das wir gelesen haben, nicht; sie ist ein Fachbegriff, mit dem Historiker das Verhältnis beschreiben. Die Datierung auf 170 vor Christus ergibt sich aus dem Zusammenhang des Livius-Buches.

113 vor Christus: Carbo, die Kimbern und ein Unwetter

Die bekannteste Episode der norischen Geschichte betrifft die Noriker nur am Rande. Um 113 vor Christus erschienen die wandernden Kimbern und Teutonen in den Ostalpen (siehe Kimbern und Teutonen). Strabon (V, 1, 8) sagt knapp, bei Noreia sei Gnaeus Carbo ohne Erfolg mit den Kimbern zusammengestoßen. Die Inhaltsangabe zum 63. Buch des Livius ist ebenso kurz: Die Kimbern, ein umherziehendes Volk, seien plündernd nach Illyricum gekommen, und von ihnen sei der Konsul Papirius Carbo mit seinem Heer geschlagen worden. Noreia nennt sie nicht.

Ausführlich ist nur ein Fragment des Appian aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, erhalten in einer byzantinischen Auszugssammlung. Danach fiel eine Schar Teutonen in Noricum ein. Carbo besetzte aus Sorge um Italien einen Alpenpass und griff an, obwohl die Teutonen keine Anstalten machten, weiterzuziehen; er begründete das damit, dass sie Noricum Unrecht getan hätten, einem „Gastfreund“ Roms. Appian merkt an, die Römer hätten solche Freundschaften genutzt, um einzugreifen, ohne zur Verteidigung verpflichtet zu sein. Als die Teutonen erklärten, sie hätten von der Beziehung nichts gewusst und würden Noricum meiden, gab Carbo ihnen Führer für den Rückweg, ließ sie aber heimlich auf einen Umweg schicken und überfiel sie. Er verlor dabei einen großen Teil seines Heeres und wäre, so Appian, wohl ganz untergegangen, hätte nicht ein Gewitter die Kämpfenden getrennt.

Die Quellen widersprechen sich also im Detail: Kimbern bei Strabon und Livius, Teutonen bei Appian; „bei Noreia“, „in Illyricum“ oder „in Noricum“. Wo genau gekämpft wurde, ist unbekannt, und Zahlen zu Heeresstärken und Verlusten, die man im Netz findet, haben keine antike Grundlage, die wir finden konnten. Für die Noriker ist ein Satz wichtig: Rom berief sich auf eine Freundschaft mit ihnen. Nach der Sekundärliteratur wurde Carbo später von Marcus Antonius angeklagt und soll sich das Leben genommen haben; diese Angabe haben wir nicht an einer antiken Quelle geprüft.

Noreia: die Stadt, die keiner findet

Caesar erwähnt Noreia ein einziges Mal, im ersten Buch des Bellum Gallicum (I, 5), als er den Auszug der Helvetier um 58 vor Christus schildert. Die Helvetier nehmen als Verbündete die Boier auf, „die jenseits des Rheins gewohnt hatten, in das norische Gebiet hinübergezogen waren und Noreia belagerten“ (qui trans Rhenum incoluerant et in agrum Noricum transierant Noreiamque oppugnabant). Mehr steht dort nicht: keine Angabe, dass Noreia die Hauptstadt war, und kein Wort über den Ausgang der Belagerung. Die Behauptung, Caesar nenne Noreia die Hauptstadt Noricums, die man auch in Nachschlagewerken liest, ist durch den Text nicht gedeckt. Zu den Boiern und ihren Wanderungen siehe unseren Beitrag über die Boier.

Plinius führt Noreia bereits im 1. Jahrhundert nach Christus unter den Orten auf, die „untergegangen“ sind (III, 131: interiere … Tauriscis Noreia). Die Lage ist bis heute unbekannt. Vorgeschlagen wurden Neumarkt oder Murau in der Steiermark, der Magdalensberg oder das Zollfeld in Kärnten, die Gurina bei Dellach, das Hüttenberger Erzrevier und nach einer neueren Überlegung die Gracarca am Klopeiner See. Ein Dorf in der Steiermark, St. Margarethen am Silberberg, benannte sich 1930 nach Grabungen in „Noreia“ um; spätere Untersuchungen ergaben, dass die Funde mittelalterlich waren. Die spätantike Straßenkarte, die als Tabula Peutingeriana in einer Abschrift des 12. Jahrhunderts erhalten ist, nennt eine Station Noreia, wohl ein römischer Rastort, der mit dem keltischen Ort nicht identisch sein muss. Ob die Stadt der Schlacht von 113 und die Stadt der boischen Belagerung derselbe Ort waren, ist ebenfalls offen. Diese Angaben stammen aus der Sekundärliteratur.

König Voccio, Ariovist und Caesar

Einen norischen König kennen wir mit Namen. Caesar berichtet (I, 53) nach seinem Sieg über den Suebenführer Ariovist, dieser habe zwei Frauen gehabt, „die eine Suebin, die er von daheim mitgebracht hatte, die andere eine Norikerin, Schwester des Königs Voccio, die er in Gallien geheiratet hatte, von ihrem Bruder geschickt“. Beide kamen auf der Flucht um. Eine Heirat zwischen einer norischen Königsfamilie und einem germanischen Heerführer ist ein Bündnis, kein Liebesroman; wozu es diente, sagt Caesar nicht. Die Vermutung, Voccio habe Ariovist gegen die Boier vor Noreia gebraucht, verbindet zwei Caesar-Stellen miteinander und ist eine Hypothese (siehe Sueben).

Im Bürgerkrieg 49 vor Christus erhielt Caesar vor Corfinium in Mittelitalien Verstärkung: die achte Legion, 22 Kohorten aus neuen gallischen Aushebungen und „vom norischen König etwa 300 Reiter“ (Bellum civile I, 18). Der König wird nicht genannt. Ob es noch Voccio war, ist offen. Manche Nachschlagewerke lassen die norischen Reiter zu Pompeius gehen; der Text sagt eindeutig, dass sie zu Caesar kamen. Eine Silbermünze mit der Aufschrift VOKK wurde früher auf Voccio bezogen; neuere numismatische Arbeiten datieren sie früher und halten die Lesung für unhaltbar. Die Noriker prägten eigenes Silbergeld, große Silbermünzen nach griechischem Vorbild und kleinere Nominale; die Zuweisung einzelner Namen auf den Münzen an bekannte Könige ist umstritten.

Der Magdalensberg: römische Händler auf dem Berg

Der wichtigste archäologische Ort der späten Königszeit ist der Magdalensberg nördlich von Klagenfurt, 1 058 Meter hoch. Seit 1948 wird dort jährlich gegraben, heute als Archäologischer Park des Landesmuseums Kärnten. Freigelegt wurde keine keltische Burg, sondern vor allem eine Stadt mit Forum, Händlerhäusern, einer Marktbasilika und einem Podiumtempel. Nach dem Stand der Forschung ließen sich italische Kaufleute um die Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus hier nieder, um ein emporium, einen Handelsplatz, zu betreiben; ein Wall auf der Nordseite datiert in die Jahre 40 bis 30 vor Christus. Das passt zu den Nachrichten über Eisen und Gold und zu der Bedeutung Aquileias als Gegenstück am Meer.

Aus der frühen Kaiserzeit stammt ein auffälliger Fund: zwei Gussformen für Goldbarren mit der Aufschrift C(aii) Caesaris Aug(usti) Germanici imp(eratoris) ex Noric(is), also aus der Zeit Caligulas (37–41 nach Christus). Die Barren wogen nach der LEIZA-Übersicht 5,6 bis 14,5 Kilogramm; in einem Werkraum standen mindestens fünfzehn Schmelzöfen (andere Zählungen nennen neunzehn), und naturwissenschaftliche Analysen weisen das Gold den Tauern zu. Der Kaiser beanspruchte also das Gold Noricums für sich. Kurz vor der Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus wurde die Bergstadt rasch aufgegeben, teilweise mit unfertigen Bauten; im Tal, auf dem Zollfeld, entstand das municipium Claudium Virunum. Wie die Stadt auf dem Berg hieß, ist unbekannt. Diskutiert werden Noreia, was mangels Funden aus dem 2. Jahrhundert vor Christus an Zustimmung verliert, und ein älteres Virunum; ein Inschriftenrest mit den Buchstaben VIRV reicht für eine Entscheidung nicht aus.

Vom Königreich zur Provinz

Wie Noricum römisch wurde, wird oft als friedlicher Anschluss erzählt. Die Quellen zeichnen ein weniger glattes Bild. Cassius Dio berichtet (LIV, 20) zum Jahr 16 vor Christus, die Pannonier seien zusammen mit den Norikern in Istrien eingefallen; nachdem Publius Silius und seine Legaten die Pannonier geschlagen hätten, hätten diese Frieden geschlossen und auch die Noriker „in dieselbe Knechtschaft“ gebracht. Strabon (IV, 6, 9) schreibt, Tiberius und sein Bruder Drusus hätten den Raubzügen der Alpenvölker in einem einzigen Sommerfeldzug ein Ende gesetzt; seitdem, seit 33 Jahren, seien sie ruhig und zahlten ihre Abgaben. Velleius Paterculus (II, 39) rechnet Raetien, die Vindeliker, die Noriker, Pannonien und die Skordisker zu den neuen Provinzen, die Tiberius dem Reich unterworfen habe (siehe Vindeliker und Skordisker). Ob es in Noricum selbst zu Kämpfen kam, sagt keine dieser Stellen; sie schließen es aber auch nicht aus. Das gängige Datum 15 vor Christus stammt vom Alpenfeldzug des Drusus und Tiberius, Dio datiert den Einfall nach Istrien ein Jahr früher.

Zunächst behielt das Land nach heutiger Auffassung eine Sonderstellung unter römischer Aufsicht. Im Jahr 69 nach Christus zählt Tacitus Noricum zu den Gebieten, die von einem procurator verwaltet werden, einem kaiserlichen Beamten aus dem Ritterstand statt eines Senators (Historiae I, 11). Plinius nennt (III, 146) als Städte der Noriker Virunum, Celeia, Teurnia, Aguntum und Iuvavum, „alle claudisch“, sowie Flavium Solvense. Daraus schließt die Forschung, dass Kaiser Claudius (41–54 nach Christus) diesen Orten Stadtrecht verlieh; Iuvavum ist das heutige Salzburg, Celeia Celje, Teurnia liegt bei Spittal an der Drau. Unter Mark Aurel wurde mit den Markomannenkriegen eine Legion, die legio II Italica, an die Donau verlegt, deren Kommandeur fortan zugleich Statthalter war (siehe Markomannen). Unter Diokletian wurde die Provinz in Ufer-Noricum an der Donau und Binnen-Noricum im Süden geteilt.

Das Ende der Römerzeit an der Donau kennen wir aus der Lebensbeschreibung des heiligen Severin, die sein Schüler Eugippius um 511 verfasste. Sie zeigt die Romanen in den Donaustädten zwischen den Rugiern und anderen Gruppen (siehe Rugier). Danach verlieren sich die Spuren der Noriker als Name; im Süden folgen die slawischen Karantanen, im Norden die Baiuwaren späterer Jahrhunderte. Wie viel von der keltisch-römischen Bevölkerung in ihnen aufging, lässt sich mit den hier gelesenen Quellen nicht sagen.

Die Negauer Helme: ein Fund an der Grenze

Im Zusammenhang mit den Ostalpen wird oft der Helmfund von Negau genannt. Im Jahr 1812 fand man bei Ženjak nahe Negova in der damaligen Untersteiermark, heute Slowenien, ein Depot von 26 Bronzehelmen, von denen 23 erhalten sind. Die Helme gehören zu einem in Norditalien und im Alpenraum verbreiteten Typ, den die Forschung nach diesem Fund „Typ Negau“ nennt, und werden in die Zeit um 450 bis 350 vor Christus datiert; wann sie vergraben wurden, ist unklar. Berühmt ist der Helm „Negau B“ mit einer Inschrift in einem nordetruskischen Alphabet, die meist als harikastiteiva gelesen und als germanischer Personenname mit dem Wort für „Gott“ gedeutet wird. Diese Deutung ist umstritten; auf weiteren Helmen stehen Namen, die eher keltisch sind.

Für die Noriker ist der Fund ein Beispiel dafür, wie vorsichtig man mit Zuschreibungen sein muss. Die Helme sind älter als jede schriftliche Nachricht über die Noriker, und der Fundort liegt eher am Rand des späteren Noricum. Einen „norischen Helm“ gibt es in der Fachsprache nicht. Wer der Negau-Inschrift weiter nachgehen will, findet mehr in unseren Beiträgen zur Runenforschung und zu Tiwaz.

Was gesichert ist

  • Caesar nennt das „norische Gebiet“ und die Belagerung Noreias durch die Boier (Bellum Gallicum I, 5), König Voccio als Bruder einer Frau Ariovists (I, 53) und 300 Reiter des norischen Königs für Caesar im Jahr 49 (Bellum civile I, 18).
  • Strabon berichtet über Goldfunde im Land der norischen Taurisker (IV, 6, 12), über Goldwäschen und Eisenwerke bei Noreia sowie über Carbos Niederlage dort (V, 1, 8).
  • Appian schildert Carbos Angriff auf die Teutonen 113 v. Chr. und nennt Noricum einen Gastfreund Roms.
  • Cassius Dio (LIV, 20) berichtet für 16 v. Chr. vom Einfall der Pannonier und Noriker in Istrien und der folgenden Unterwerfung; Tacitus (Historiae I, 11) nennt Noricum 69 n. Chr. eine Prokuratorenprovinz.
  • Auf dem Magdalensberg bestand von der Mitte des 1. Jh. v. Chr. bis kurz vor der Mitte des 1. Jh. n. Chr. eine Handelsstadt; dort fanden sich Goldbarrenformen Caligulas mit dem Vermerk „ex Noric(is)“.

Mythos-Check

  • „Noreia war die Hauptstadt der Noriker, und Caesar sagt das.“ Caesar nennt nur die Belagerung. Plinius kennt Noreia als untergegangenen Ort; die Lage ist unbekannt.
  • „Das norische Eisen galt als bester Stahl der Antike.“ Plinius setzt serisches und parthisches Eisen an die Spitze. Noricum hatte einen guten Ruf, aber keinen Titel.
  • „Noricum wurde ganz friedlich römisch.“ Dio berichtet von einem Einfall der Noriker in Istrien und ihrer Unterwerfung 16 v. Chr.; Velleius spricht von einer Provinz, die Tiberius unterwarf.
  • „König Cincibilis war Norikerkönig.“ Livius nennt ihn „König der Gallier“. Die Gleichsetzung ist plausibel, aber Deutung.
  • „Die Negauer Helme sind norische Helme mit germanischen Runen.“ Sie sind älter als die Noriker in den Quellen, die Schrift ist nordetruskisch, die germanische Lesung umstritten.

Gesichert, plausibel, gedeutet

Gesichert sind der Name Noricum für ein Gebiet in den Ostalpen, ein norisches Königtum zur Zeit Caesars mit einem König Voccio, die Verbindung von Gold, Eisen und Handel mit Aquileia, Carbos Niederlage 113 vor Christus, die Unterwerfung um 16/15 vor Christus und die Prokuratorenprovinz des 1. Jahrhunderts nach Christus. Plausibel sind die Gleichsetzung des Cincibilis mit einem norischen König, die Zuordnung der Ambisonten zum Salzgebiet des Dürrnbergs und eine Kontinuität vom Königreich zur Provinz in den Stammesgemeinden, die auf dem Magdalensberg Inschriften stifteten. Deutung bleiben die Zahl von dreizehn Stämmen, die Lage Noreias, die Bezeichnung des Verhältnisses zu Rom als hospitium publicum und jede Gleichsetzung von Münzaufschriften mit bekannten Königen. Über Götter, Rituale oder das Alltagsleben der Noriker vor den Römern sagen die Schriftquellen nichts; was es dazu gibt, kommt aus Grabungen und späteren Weiheinschriften, etwa für den Gott Belenus.

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