Ingólfr Arnarson gilt seit dem 12. Jahrhundert als der erste dauerhafte Siedler Islands. Gesichert ist von ihm selbst fast nichts: Die Texte sind rund 250 Jahre jünger, der Name steht in keinem Fund. Dieser Beitrag ordnet Íslendingabók, Landnámabók, Dicuil, die Landnám-Aschenschicht und die Grabungen in Reykjavík nach Alter und Aussagekraft, erzählt die Hochsitzpfeiler-Geschichte samt Hjörleifr und den Sklaven, räumt mit verbreiteten Zahlenfehlern auf und sagt ehrlich, dass es keinen belegten Bezug zum Rheinland gibt.
Wer Island sagt, sagt früher oder später Ingólfr Arnarson. Die isländische Überlieferung macht ihn zum ersten dauerhaften Siedler des Landes, zum Mann, der seine Hochsitzpfeiler ins Meer warf und dort Haus baute, wo die Strömung sie an Land legte. Eine Bucht, ein Berg, ein Kap und eine Straße tragen seinen Namen, in Reykjavík steht er als Bronzefigur auf einem Hügel.
Das Bemerkenswerte daran: Wir besitzen von ihm keine Inschrift, keine Münze, kein Grab, das sich ihm zuordnen ließe, und keinen Text, der zu seinen Lebzeiten entstand. Was als sicher gelten darf, ist erstaunlich wenig und zugleich erstaunlich viel. Wenig, weil sich sein Name in keinem archäologischen Befund findet. Viel, weil Grabungen und Vulkanasche-Schichten inzwischen recht gut zeigen, dass Menschen aus dem Norden in genau der Zeit, die die Quellen nennen, im Südwesten Islands Häuser bauten. Dass ein Mann namens Ingólfr dabei war, ist eine Frage der Schriftquellen, und die sind spät.
Dieser Beitrag trennt deshalb fünf Schichten: das, was Archäologie und Naturwissenschaft belegen; das, was Schriften des 12. und 13. Jahrhunderts berichten; das, was noch später dazukam; das, was moderne Forschung daraus macht; und das, was schlicht Legende ist. Den größeren Rahmen liefern die Isländer und die Isländersagas.
Zwischen den Ereignissen und den ersten Texten liegen rund 250 Jahre. Das ist die Grundtatsache, auf der alles Weitere ruht.
Íslendingabók, das „Buch der Isländer“. Verfasst hat es der Priester Ari Þorgilsson, genannt Ari fróði, „der Kundige“. Die Forschung datiert es meist auf die Jahre 1122 bis 1133, gestützt auf die Bischöfe, die im Vorwort genannt werden. Das Werk existierte ursprünglich in zwei Fassungen; erhalten ist nur die jüngere, und auch diese nur in zwei Papierabschriften des 17. Jahrhunderts, die der Priester Jón Erlendsson für Bischof Brynjólfur Sveinsson anfertigte (AM 113 a und b fol.). Die Vorlage, wohl um 1200 entstanden, ging später verloren. Ari erzählt knapp und nüchtern, verzichtet weitgehend auf Wunder und nennt Gewährsleute: für die Besiedlung Teitr, Þorkell und Þuríðr. Íslendingabók gilt als verlässlichste Quelle zur frühen isländischen Geschichte, sorgfältig, aber kein Augenzeugenbericht.
Landnámabók, das „Buch der Landnahme“. Es verzeichnet nach Angaben der Forschung rund 1.500 Hof- und Ortsnamen und über 3.500 Personen und führt das Land Stück für Stück durch, Landnahme für Landnahme. Der Kern geht auf das späte 11. oder frühe 12. Jahrhundert zurück, doch die älteste Fassung ist verloren. Erhalten sind die Sturlubók, die Sturla Þórðarson wohl zwischen 1275 und 1280 schrieb (überliefert in einer Abschrift des 17. Jahrhunderts), die Hauksbók aus dem frühen 14. Jahrhundert, die sich auf die Sturlubók und die verlorene Styrmisbók beruft, und die Melabók von etwa 1300, von der nur zwei Blätter blieben. Die Ingólfr-Geschichte, so wie sie meist erzählt wird, stammt vor allem aus der Sturlubók. Ob die Landnámabók historisch oder teils Sagengut ist, wird diskutiert; Gunnar Karlsson verweist etwa auf Parallelen der Flóki-Erzählung zur Noah-Geschichte.
Spätere Erzähltexte. Die Flóamanna saga aus dem 14. Jahrhundert erweitert die Biografie, etwa mit dem Satz, er sei zwanzig gewesen, als er auf Kriegszug ging; das ist eine weitere Erzählschicht, kein weiterer Zeuge. Die norwegische Fachenzyklopädie warnt ausdrücklich, die ausführlichen Erzählungen der Landnámabók und der Flóamanna saga nicht unbesehen als Geschichtsquelle zu benutzen, weil manche Episoden aus Ortsnamen herausgewachsen sein könnten.
Was zeitgenössisch ist. Nichts davon stammt von Ingólfr oder aus seiner Generation. Das älteste Zeugnis zu Island überhaupt kommt aus Irland: Der irische Gelehrte Dicuil schrieb 825 seine De mensura orbis terrae und berichtet darin von Geistlichen, die auf einer Insel namens Thule gewesen seien, wo es im Hochsommer keine Dunkelheit gebe. Nach einer Zusammenfassung zu Dicuil sollen sie dort um 795 ein halbes Jahr zugebracht haben, also rund dreißig Jahre vor der Niederschrift. Ob mit Thule Island gemeint ist, lässt sich dem Text nicht zweifelsfrei entnehmen; das Werk ist eine Kompilation, aber keine wertlose. Ari kennt die Vorgänger auf seine Weise: Er schreibt von irischen Christen, den Papar, die das Land wieder verlassen hätten, weil sie nicht mit Heiden zusammenleben wollten, und Bücher, Glocken und Bischofsstäbe zurückgelassen hätten.
Ein Wort zur Lesart der Zahlen: Die Texte rechnen nicht in Kalenderjahren, sondern in Bezügen. Ari verknüpft die Besiedlung mit dem Tod König Edmunds von East Anglia, den er mit der Zahl 870 seit Christi Geburt angibt; die Landnámabók nennt 874 und bindet das an das zwölfte Regierungsjahr Haralds. Beide Zahlen sind Rückrechnungen des 12. und 13. Jahrhunderts, keine Tagebuchnotizen.
Die Zeitleiste lässt sich nach Beweisgrad ordnen. Das Folgende ist bewusst in zwei Gruppen geteilt.
Naturwissenschaftlich und archäologisch greifbar. Irgendwann vor der Mitte der 870er-Jahre sind Menschen im Südwesten Islands, mindestens in Reykjavík, und bauen dort. Um 877 (neuere Datierung, dazu unten mehr) legt ein Vulkanausbruch eine auffällige Ascheschicht über weite Teile der Insel, die sogenannte Landnám-Tephraschicht. Nach dieser Schicht verdichten sich die Siedlungsspuren überall auf der Insel; die Autoren einer Studie von 2017 zählen 81 Fundplätze, die jünger sind als die Asche. Aus dem 10. Jahrhundert stammt ein Langhaus am Aðalstræti in Reykjavík.
Aus späteren Schriften. Vor Ingólfr kennt die Überlieferung Besucher: den Norweger Naddoddr, der das Land „Schneeland“ (Snæland) genannt haben soll; den Schweden Garðarr Svavarsson, der um 860 als Erster überwintert, bei Húsavík ein Haus baut, die Insel umsegelt und sie Garðarshólmur nennt, wobei sein Mann Náttfari zurückbleibt; und Hrafna-Flóki, der drei Raben mitnahm, in Vatnsfjörður überwinterte, Eis im Fjord sah und dem Land den Namen Ísland gab. Ein Wikipedia-Artikel setzt Flókis Fahrt auf 868; ich konnte das nicht an der Primärquelle prüfen.
Dann Ingólfr. Ari schreibt, ein Norweger namens Ingólfr sei der erste gewesen, der von Norwegen nach Island fuhr, als Harald sechzehn Jahre alt war, und noch einmal einige Jahre später; er ließ sich im Süden nieder, in Reykjavík. Die Landnámabók schildert ausführlich drei Winter, die Ermordung Hjörleifrs, die Rache und die Landnahme. Sein Sohn Þorsteinn soll auf Kjalarnes das erste Thing eingerichtet haben, noch vor dem Alþing, das um 930 entstand. Mehr zu dieser Rechtsform bei Das Thing und bei den Thingplätzen. Ingólfrs eigenen Tod berichtet der Teil der Sturlubók, den ich las, nicht.
Zwei Zahlen prallen dabei aufeinander, und sie werden in der Literatur oft vermischt. Ari und die Landnámabók liefern 870 und 874. Die Naturwissenschaft liefert für die Aschenschicht inzwischen 877 ± 1. Das sind verschiedene Dinge: eine Schriftzahl über ein Menschenleben und eine Messzahl über einen Vulkanausbruch.
Von Herrschaft im strengen Sinn kann man bei Ingólfr kaum sprechen. Es gab auf Island keinen König, den er hätte beerben können, und die Quellen schreiben ihm keinen Titel zu. Was sie ihm zuschreiben, ist Land, Gefolge und Ansehen. Die Landnámabók nennt ihn frægastur allra landnámsmanna, den berühmtesten aller Landnehmer, und begründet das mit der Pionierrolle: Er habe zuerst ein unbesiedeltes Land besiedelt, andere seien ihm gefolgt.
Herkunft. Nach der Sturlubók (Kapitel 3) war Ingólfr ein Sohn des Örn, der ein Sohn des Björnólfr war; seine Schwester hieß Helga. Die Familie stammt aus Westnorwegen. Das Store norske leksikon verbindet sie mit Dalsfjord in Fjaler, nennt aber auch, dass die Melabók ihn anders einordnet und die Quellen im Vaternamen schwanken. Manchmal heißt er Björnólfsson, nicht Arnarson.
Fehde und Flucht. Ingólfr und sein Ziehbruder Leifr, später Hjörleifr genannt, geraten laut Landnámabók in Streit mit den Söhnen eines Jarls Atli. Eine Rolle spielt Ingólfrs Schwester Helga; zwei der Söhne kommen ums Leben, die Sache endet mit einem Vergleich und mit Verlust von Besitz. Beide fahren einmal nach Island, überwintern in Álftafjörður im Osten und kehren nach Norwegen zurück. Das lässt sich mit Aris Angabe verbinden, Ingólfr sei zweimal gefahren. Danach plündert Leifr in Irland, dringt in ein Erdhaus ein, erschlägt dort einen Mann mit einem hell leuchtenden Schwert und trägt von da an den Namen Hjörleifr, „Schwert-Leifr“. Er bringt zehn irische Gefangene mit, die später ihre Rolle bekommen. Beide rüsten je ein Schiff aus.
Die Überfahrt und die Säulen. Die Schiffe bleiben zusammen, bis Land in Sicht kommt. Dann geschieht das, was Island in seinem Selbstbild bis heute trägt:
„… skaut hann fyrir borð öndugissúlum sínum til heilla … hann skyldi þar byggja, er súlurnar kæmi á land.“
„… er warf seine Hochsitzpfeiler über Bord, zum Glück … dort solle er siedeln, wo die Pfeiler an Land kämen.“Landnámabók (Sturlubók), Kapitel 6 nach der Zählung der Ausgabe auf snerpa.is (normalisierte isländische Schreibung, Sturla Þórðarson, um 1275 bis 1280); die beiden Halbsätze selbst gelesen, dazwischen Auslassung; deutsche Fassung eigene Übersetzung
Ingólfr geht bei Ingólfshöfði an Land. Hjörleifr wird westwärts abgetrieben, leidet Wassermangel und überlebt, weil seine irischen Sklaven Mehl und Butter zu einem Brei anrühren, bis es regnet. Er landet schließlich an der Landzunge, die seinen Namen trägt, Hjörleifshöfði, und baut dort Häuser.
Hjörleifrs Ende. Im Frühjahr lässt er die Sklaven einen Ochsen vor den Pflug spannen. Einer von ihnen, Dufþakr, soll den Ochsen töten und einem Bären die Schuld geben. Unter diesem Vorwand töten die Sklaven Hjörleifr und seine Männer, nehmen Frauen, Besitz und ein Boot und fliehen auf vorgelagerte Inseln. Ingólfrs zwei Sklaven, Vífill und Karli, finden den Toten. Ingólfr sagt, so heißt es, lítið lagðist hér fyrir góðan dreng, sinngemäß: ein armseliger Ausgang für einen guten Mann, ein Satz von bitterer Untertreibung. Er lässt das Grab bereiten, spürt die Sklaven auf und tötet sie. Die Inseln heißen Vestmannaeyjar, weil sie Vestmenn waren, „Westleute“, so nannten die Nordmänner die Iren. Eine Scharte im Fels namens Dufþaksskor soll an den Anführer erinnern. Die Perspektive ist die der Herren, wie bei allem, was wir über Sklaverei bei den Wikingern wissen.
Drei Winter, ein Fund. Ingólfr überwintert zum zweiten Mal bei Hjörleifshöfði. Im Sommer zieht er westwärts und bleibt den dritten Winter unter Ingólfsfell, westlich der Ölfusá. Wo er den ersten Winter verbrachte, sagt der Text, den ich gelesen habe, nicht ausdrücklich. Gern wird das auf Ingólfshöfði bezogen, doch das ist Schlussfolgerung, keine Textaussage. Vífill und Karli, die er ausschickte, finden die Pfeiler bei Arnarhváll „unterhalb der Heide“. Im Frühjahr zieht Ingólfr hinüber und lässt sich in Reykjavík nieder. Die Sturlubók merkt an, die Pfeiler stünden dort noch immer in der Küche. Für das 13. Jahrhundert ist das eine bemerkenswerte Behauptung. Ob sie ein sehr altes Haus meint oder ein erzählerisches Beweisstück, lässt sich nicht entscheiden.
Das Land. Seine Landnahme reicht der Landnámabók zufolge zwischen Ölfusá und Hvalfjörður, ausgenommen die Brynjudalsá, dazu alle Halbinseln und Gebiete bis zur Öxará. Das ist ein riesiges Gebiet, das kein Hof allein bewirtschaften konnte; einer Zusammenfassung zufolge gab er viel davon an später Kommende weiter. Karli, so die Kurzfassung, die ich las, findet das Land schlecht und geht, mit der Klage, man sei an guten Landstrichen vorbeigefahren, um sich auf dieser abgelegenen Halbinsel niederzulassen; Vífill wird freigelassen und siedelt bei Vífilstóftir am Vífilsfell. In der Landnámabók verwurzelt sich Ingólfr durch Ehe und Nachkommen: Seine Frau war Hallveig Fróðadóttir, ihr Sohn Þorsteinn gründete das Kjalarnesþing, als Nachfahren nennt sie unter anderem den Gesetzessprecher Þorkell máni und den obersten Goden Þormóðr.
Die einzige harte Uhr der isländischen Landnahme ist keine Chronik, sondern eine Schicht im Boden. Bei einem Ausbruch, an dem nach den Beschreibungen die Vulkansysteme Veiðivötn und Torfajökull beteiligt waren, fiel Asche über große Teile der Insel. Sie ist chemisch mit Ablagerungen in grönländischen Eisbohrkernen abgeglichen worden, und so ließ sich ihr Alter bestimmen. Lange galt 871 ± 2 Jahre. Nach einer Überarbeitung der grönländischen Eis-Chronologie, die den Eldgjá-Ausbruch auf 939 verschiebt, rückt die Landnám-Schicht um etwa sechs Jahre nach hinten: Schmid, Dugmore, Vésteinsson und Newton ermitteln in einer Studie von 2017 (Quaternary Geochronology 40) 877 ± 1. Wer heute „871“ liest, liest eine überholte Messzahl, auch wenn Museum und Reiseführer sie im Namen tragen.
Wichtiger als die Jahreszahl ist die Logik der Schicht: Was unter der Asche liegt, ist älter, was darüber liegt, jünger. Die Studie von 2017 kommt zu zwei Ergebnissen. Erstens gibt es menschliche Spuren unter der Asche nur an zwei Stellen, beide im Südwesten, Reykjavík ist eine davon. Zweitens beginnt die flächendeckende Besiedlung ganz Islands erst danach, die Autoren zählen 81 Fundplätze über der Schicht. Naturwissenschaftliche Befunde aus dem Südwesten deuten auf erste Störungen durch Menschen und Vieh zwischen 830 und 877.
Aðalstræti. Bei Bauarbeiten am Aðalstræti 16 kamen 2001 Mauerreste zum Vorschein, die das Isländische Institut für Archäologie unter der Aufsicht des Stadtmuseums untersuchte. Sie sind seither an Ort und Stelle als Siedlungsausstellung zugänglich; das Museum eröffnete 2006. Ein Langhaus, die Halle (skáli), war nach den Angaben, die ich fand, ungefähr zwischen 930 und 1000 bewohnt, also Generationen nach Ingólfr. Nördlich davon liegt ein Stück Torfmauer, das unter der Landnám-Asche versiegelt war; sie ist also älter als der Ausbruch. Der Ausstellungsname „Reykjavík 871±2“ bezieht sich auf diese Mauer und die Asche, nicht auf das Langhaus. Eine Reiseseite nennt sie fälschlich das Radiokarbonalter der Halle.
Die Mauer ist ein Beleg, dass jemand vor dem Aschefall in Reykjavík baute. Sie sagt nichts über den Bauherrn, nichts über seinen Namen und nichts über die Frage, ob Ingólfr oder ein anderer sie errichtete. Aus Íslendingabók und Landnámabók geht auch nicht hervor, wo genau sein Hof stand; isländische Darstellungen nennen zwei Möglichkeiten, den Arnarhóll oder den Südrand des Aðalstræti am Ufer des Tjörn-Sees. Ebenso unsicher ist der Name: Er wird auf den Dampf der heißen Quellen zurückgeführt, „Rauchbucht“, doch die isländische Ortsnamenstelle soll festgehalten haben, dass es nie eine Bucht dieses Namens gab; gemeint sei vermutlich die Bucht zwischen Laugarnes und Grandi.
Und davor? Es wird diskutiert, ob Nordleute vor 870 auf Island waren. Der Fundplatz Stöð in Stöðvarfjörður im Osten zeigt unter einer Halle der Landnahmezeit eine ältere, größere; der Ausgräber Bjarni F. Einarsson hat eine Datierung in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts vorgeschlagen, wobei die Halle auch ein saisonaler Stützpunkt gewesen sein könnte. In Hafnir auf Reykjanes wurde eine Hütte zwischen 770 und 880 aufgegeben, mutmaßlich ein Fischerlager. Die irischen Mönche schließlich: Am Kverkarhellir deuten Ablagerungen auf eine Nutzung um 800, und in der Nähe wurden Kreuze im hiberno-schottischen Stil eingeritzt. Dass Papar auf Island lebten, ist dagegen archäologisch unbewiesen; Grabungen auf Papey zeigten Siedlung des 9. Jahrhunderts, aber keine Spuren der Mönche. Das verändert das Bild: Ingólfr war vielleicht nicht der erste Mensch auf der Insel, sondern der erste, dessen Name in der Erzähltradition haften blieb.
Die öndvegissúlur waren Pfostenpaare, die zu beiden Seiten des Hochsitzes im Langhaus standen, dort, wo der Hausherr saß. Wie sie aussahen, ist schlecht überliefert. Die Landnámabók und mehrere Sagas erzählen, manche Landnehmer hätten sie aus Norwegen mitgebracht, beim Anblick von Land über Bord geworfen und sich dort niedergelassen, wo sie antrieben. Nach der Eyrbyggja saga trug der Tempel Þórólfr Mostrarskeggs Hochsitzpfeiler mit „Götternägeln“, reginnaglar, und in einer Saga ist ein Pfeiler mit einem Bild Thors geschmückt. Ingólfr ist nur der berühmteste von mehreren Männern mit diesem Motiv.
Ob dahinter ein tatsächlicher Brauch steht oder eine Erzählform, die Landnahmen mit Zustimmung der Götter ausstattet, lässt sich nach meinen Quellen nicht entscheiden; einen Beleg, dass jemand so verfuhr, habe ich nicht gefunden, und in der archäologischen Literatur, die ich las, taucht kein erhaltener Pfeiler auf. Mehr zu den Häusern, in denen solche Pfeiler standen, steht im Beitrag zum Wikinger-Langhaus.
Island wird in der Überlieferung oft als Zuflucht vor Harald Schönhaar erzählt, der Norwegen unterworfen habe. Ari sagt das so nicht. Er benutzt Haralds Regierungszeit als Zeitrahmen und berichtet, Harald habe die Auswanderung später mit einer Abgabe von fünf aurar (Unzen Silber) pro Kopf erschwert, damit das Land nicht entvölkert werde; daraus sei der Landzoll entstanden. Die Fluchtgeschichte steht dagegen eher in den späteren Sagas. Sverrir Jakobsson sieht darin nach einer Wikipedia-Zusammenfassung eine Reaktion auf norwegische Ansprüche im frühen 13. Jahrhundert. Zugleich ist Harald selbst umstritten: Seit den Zweifeln von Peter Sawyer 1976 liest ein Lager der Forschung die Haraldtradition als Ursprungsmythos, ein anderes sieht einen historischen Kern. Für Ingólfr heißt das: Auch das Motiv „Flucht vor dem König“ liegt in einer Schicht, die später ist als das, wovon sie erzählt. Seine eigene Geschichte ist in der Landnámabók eine Fehdegeschichte. Mehr zu Harald im Beitrag über Harald Schönhaar und zu den Herrschern der Zeit bei den nordischen Königen.
Die Orte in der Erzählung sind real und tragen seinen Namen. Ingólfshöfði, eine kleine Landzunge an der Südküste mit etwa 76 Metern Höhe, ist heute ein privates Naturschutzgebiet; die Sturlubók lässt ihn dort an Land gehen. Hjörleifshöfði östlich von Vík trägt den Namen seines Ziehbruders. Ingólfsfjall, ein 551 Meter hoher Tafelberg bei Hveragerði, gilt als das Ingólfsfell der Sturlubók, wo er den dritten Winter verbracht haben soll. Moderne Beschreibungen sagen, laut Landnámabók liege er in einem kleinen Hügelgrab auf dem Gipfel. Im Text der Sturlubók, soweit ich ihn las, steht das nicht, und von einem Grab Ingólfrs kenne ich keinen gesicherten Fund. Das bleibt zu prüfen.
Das Monument entstand spät. Der Bildhauer Einar Jónsson (1874 bis 1954) schuf 1902/03 in Rom einen ersten kleinen Entwurf, überarbeitete ihn in Kopenhagen und zeigte ihn im Frühjahr 1906. Nach einem Besuch einer Althing-Delegation in Dänemark im Herbst 1906 wurde in Island Geld gesammelt; die Figur war Ende 1907 fertig, aber die Finanzierung stockte, und es gab Streit zwischen Bildhauer und Spendern. Der Bronzeguss wurde erst am 24. Februar 1924 auf dem Arnarhóll enthüllt. Die Figur zeigt einen gerüsteten Mann mit erhobener Stangenwaffe (atgeir) neben einem drachenköpfigen Hochsitzpfeiler. Nach der Inschriftentafel trägt die andere Seite des Pfeilers Szenen mit Odin und seinen Raben, Yggdrasil und Sleipnir. Eine Kopie, die 1961 im Sunnfjord aufgestellt wurde, erinnert in Norwegen an ihn. Wie Ingólfr aussah, weiß niemand; die Figur ist ein Bild des frühen 20. Jahrhunderts von einem Gründervater.
Hier ist die ehrliche Auskunft kurz: Ein belegter Bezug zwischen Ingólfr und dem Rheinland, Aachen oder dem Frankenreich ist mir nicht begegnet. Die Landnahme Islands spielt sich im Nordatlantik ab, die einzige fremde Region mit Verbindung zu den Siedlern ist Irland, aus dem Hjörleifrs Sklaven und die Papar stammen. Wer mehr über Wikinger im Rheinland sucht, findet das im Beitrag über Wikinger bei Aachen. Ein Zusammenhang mit Ingólfr ist daraus nicht abzuleiten.
Offen ist zunächst die Person. Ob ein Mann namens Ingólfr im späten 9. Jahrhundert von Westnorwegen nach Südwestisland fuhr, lässt sich aus den Quellen nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen; dass die Isländer des 12. Jahrhunderts ihn als Gründer kannten, ist dagegen gesichert, denn Ari schreibt es auf. Offen ist das Datum: zwischen den Schriftzahlen 870 und 874 und der Aschenzahl 877 ± 1 liegen nur wenige Jahre, aber sie verschieben, wer Zeitgenosse von wem war. Offen ist, wo sein Hof stand. Offen ist, ob die Sturlubók-Episode von Hjörleifr, den Sklaven und den Westleuten einen historischen Kern hat oder aus Ortsnamen wie Vestmannaeyjar und Dufþaksskor herausgewachsen ist. Offen ist auch die Frage nach dem Vorlauf: Der Befund von Stöð und die Funde von Hafnir können die Frühzeit verändern.
Die Erbgutforschung passt zur Geschichte der Sklaven, ohne sie zu belegen: Nach einer Zusammenfassung stammen etwa 62 Prozent der mütterlichen Linien heutiger Isländer aus Schottland und Irland, 75 Prozent der väterlichen aus Skandinavien.
Solange kein weiterer Text und kein Fund mit Namen auftaucht, bleibt Ingólfr eine Figur zwischen Erinnerung und Erzählung. Das macht ihn zu einem Fall, an dem sich genau beobachten lässt, wie ein Volk sich seinen Anfang erzählt.
Wer war Ingólfr Arnarson? Nach Íslendingabók und Landnámabók der erste dauerhafte Siedler Islands, ein Norweger aus dem Westen des Landes, der sich in Reykjavík niederließ. Beide Texte entstanden im 12. und 13. Jahrhundert, also gut zweihundert Jahre später.
Wann siedelte er auf Island? Ari verknüpft die Besiedlung mit dem Jahr 870, die Landnámabók nennt 874. Die Landnám-Asche, die über den ältesten Bauten liegt, wird heute auf 877 ± 1 datiert. Die genaue Ankunft lässt sich nicht bestimmen.
Warum warf er seine Hochsitzpfeiler über Bord? Laut Sturlubók wollte er dort siedeln, wo sie an Land trieben. Die Sklaven Vífill und Karli fanden sie bei Arnarhváll. Ob es einen solchen Brauch gab, ist nicht belegt.
Ist die Siedlung in Reykjavík archäologisch bestätigt? Ein Mauerstück unter der Landnám-Asche beweist, dass in Reykjavík vor der Asche gebaut wurde. Das Langhaus am Aðalstræti ist jünger, aus dem 10. Jahrhundert. Ein Bezug zu Ingólfr ist nicht nachweisbar.
Wo steht seine Statue? Auf dem Arnarhóll in Reykjavík. Einar Jónsson entwarf sie 1906/07, enthüllt wurde sie am 24. Februar 1924. Eine Kopie steht seit 1961 im Sunnfjord in Norwegen.
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