Die Lučanen (tschechisch Lučané, auch Lutschanen oder Lucanen) sind ein Stamm, den es in dieser Form vielleicht nie gegeben hat. Fest steht: Um 1119 erzählt der Prager Chronist Kosmas von einem „Lucko“ im Land an der Eger mit dem Mittelpunkt Žatec (Saaz), und von einem Krieg, in dem die Přemysliden dieses Land unterwerfen. Zeitgenössische Quellen aus der Zeit der angeblichen Eigenständigkeit gibt es nicht. Dieser Beitrag legt Kosmas, Widukind, die Burgwallfunde und den Bayerischen Geographen nebeneinander und sagt bei jedem Schritt, ob wir auf Beleg, Deutung oder Vermutung stehen.
Wer „Lučanen“ in eine Suchmaschine tippt, bekommt schnell eine fertige Geschichte: ein westslawischer Stamm im nordwestlichen Böhmen, ein Fürst Vlastislav, ein Krieg gegen die Přemysliden, eine Niederlage auf dem Feld bei Tursko. Das ist die Geschichte, die der Chronist Kosmas von Prag (um 1045 bis 1125) im ersten Buch seiner Chronica Boemorum erzählt, abgeschlossen 1119. Sie ist gut erzählt und lange geglaubt worden. Aber sie ist nicht dasselbe wie Geschichte, und genau diese Lücke beschäftigt uns hier.
Zuerst einige Begriffe. Die Chronica Boemorum („Chronik der Böhmen“) ist das älteste größere Geschichtswerk des böhmischen Raums. Kosmas schreibt aus der Sicht des Prager Fürstenhauses, der Přemysliden, und er schreibt Jahrhunderte nach den Ereignissen, von denen sein erstes Buch handelt. Eine Gründungslegende ist eine Erzählung, die erklärt, wie eine Ordnung entstanden ist, hier: wie das Land unter einer Dynastie zusammenfand. Sie kann einen Kern echter Erinnerung enthalten, muss es aber nicht. Ein Burgwall (tschechisch hradiště) ist die archäologische Hinterlassenschaft einer slawischen Befestigung, meist ein Wall aus Holz, Erde und Steinen. Und Dendrochronologie ist die Datierung von Hölzern anhand ihrer Jahrringe, die ein Fälljahr oft auf wenige Jahre genau festlegen kann.
Die Forschung ist heute vorsichtig geworden. Nach der Wikipedia-Darstellung, die sich unter anderem auf Dušan Třeštík stützt, gilt die Existenz eines eigenständigen Stammes der Lučanen, der den Přemysliden Konkurrenz machte, inzwischen als zweifelhaft; zugleich werden die Lučanen weiter als eines der frühen böhmischen Fürstentümer betrachtet. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis darauf, dass „Stamm“ und „Fürstentum“ zwei verschiedene Dinge sind. Unser Beitrag über die Tschechen zeigt am größeren Beispiel, wie dünn das Bild der böhmischen Stämme im 9. und 10. Jahrhundert ist. Die Lučanen sind der Fall, an dem sich das besonders deutlich zeigt.
Kosmas nennt das Volk nach den Angaben, die wir einsehen konnten, natio Luczano, also etwa „Volk der Luczaner“, und das Land Lucko oder Luka (lateinisch Luca). Dazu kommt ein Zusatz, der viel verrät: Zu Kosmas’ eigener Zeit, also im frühen 12. Jahrhundert, hießen die Bewohner nach der Burg Žatec „Žatčané“. Der Name Lučané ist also schon bei Kosmas ein Name aus der Vergangenheit, der neben einem aktuellen steht. Die deutsche Form „Lutschanen“ ist eine Eindeutschung; „Lucanen“ kommt in älterer Literatur vor, ist aber leicht mit den italischen Lucanern in Süditalien zu verwechseln. Die englische Wikipedia weist ausdrücklich darauf hin, dass beide nichts miteinander zu tun haben. Ebenfalls unverwandt ist das kroatische Dorf Lučane.
Was der Name bedeutet, wissen wir nicht gesichert. Es liegt nahe, an das slawische Wort luka zu denken, das im Tschechischen als louka „Wiese“ weiterlebt; das Land hieße dann etwa „Wiesenland“ oder „Auenland“, und die Lučanen wären „die aus dem Wiesenland“. Diese Herleitung ist eine Vermutung aus der Wortähnlichkeit. Eine Quelle, die den Namen so erklärt, haben wir nicht gefunden, und wir führen sie deshalb ausdrücklich als Deutung an. Ob Lučané einmal ein Selbstname war oder eine Fremd- oder Landschaftsbezeichnung, die Kosmas oder seine Gewährsleute verwendeten, lässt sich nicht entscheiden. Das ist keine Kleinigkeit: Die Forschung hält Namen dieser Art inzwischen überwiegend für Landschaftsbezeichnungen, nicht für Stammesnamen im strengen Sinn, wie wir in unserem Beitrag über die Tschechen festgehalten haben.
Die Lage ist besser fassbar als der Stamm. Lucko lag nach der tschechischen und der englischen Wikipedia an der Eger (tschechisch Ohře), einem Nebenfluss der Elbe, der aus dem Fichtelgebirge kommt und bei Theresienstadt (Terezín) mündet. Mittelpunkt war Žatec, auf Deutsch Saaz, die Stadt, die heute vor allem für ihren Hopfen bekannt ist. Im Osten grenzte das Gebiet nahe dem heutigen Lovosice an das Land von Litoměřice (Leitmeritz). Die Grenze zu den Tschechen im engeren Sinn verlief, so die Wikipedia, ungefähr entlang der Eger bis Žatec und dann nach Süden in Richtung der Mies (Mže). Wie weit Lucko nach Westen reichte, ist unklar; die Wikipedia erwägt, dass das Gebiet um Sokolov dazugehörte, markiert diese Aussage aber selbst als belegbedürftig.
Kosmas teilt das Land nach diesen Angaben in fünf Gebiete ein: das um den Bach Guntna, das um den Fluss Uzka, das um den Bach Brocnica, ein Waldgebiet (Silvana) und Lucko im engeren Sinn. Ob diese Gliederung auf Ortskenntnis beruht oder auf einer Vorlage, wissen wir nicht, und die Gewässer sind, soweit wir sehen, nicht alle sicher zu identifizieren. Als Burgen nennt die Wikipedia neben Žatec den Burgwall bei Vlastislav nahe Třebenice und den abgegangenen Burgwall Drahúš im heutigen Postoloprty, von dem nur ein Ortsteilname überlebt. Das sind Orte, an denen später etwas gefunden wurde oder an denen eine Tradition haftet. Dass sie zu einem Stammesverband gehörten, ist eine Zuordnung aus der Literatur.
Der Krieg, der den Lučanen ihre Bekanntheit verschafft hat, ist in Tschechien als Lucká válka bekannt, als „Lucker Krieg“. In Kosmas’ Reihe der Fürsten, die vor dem ersten geschichtlich greifbaren Přemysliden Bořivoj regieren, steht er unter Neklan, dem Nachfolger des Křesomysl. Neklan wird als friedliebend und vorsichtig geschildert. Gegen ihn tritt Vlastislav an, der Fürst von Lucko mit Sitz in Žatec. Nach der englischen Wikipedia bricht Vlastislav einen Frieden, überfällt tschechische Dörfer und löst damit den offenen Krieg aus. Bei Tursko kommt es zur Schlacht, die Tschechen siegen, und Lucko fällt, wie Kosmas es ausdrückt, unter Neklans Herrschaft.
Die Fassungen, die später daraus werden, tragen mehr Fleisch. In der Nacherzählung der englischen Wikipedia ist es nicht Neklan selbst, der kämpft, sondern ein Heerführer, der Neklans Gewand trägt und sein Pferd reitet; er tötet Vlastislav und fällt selbst. Er heißt in der Chronik des Dalimil (14. Jahrhundert) Styr, in anderen Darstellungen Tyr, und Čestmír heißt er in einer umstrittenen Handschrift aus Dvůr Králové (19. Jahrhundert) und bei Alois Jirásek, dessen Staré pověsti české (1894) die Geschichte für das moderne Tschechien festgeschrieben haben. Dazu kommen Vlastislavs Sohn Zbyslav, den ein Vormund namens Durynk im Eis ertränkt, und ein Grabhügel auf dem Berg Krliš. Welche dieser Züge schon bei Kosmas stehen und welche später angewachsen sind, konnten wir ohne den lateinischen Text nicht Satz für Satz prüfen. Wir behandeln deshalb nur den Kern (Neklan, Vlastislav, Schlacht bei Tursko, Unterwerfung von Lucko) als Kosmas-Bestand und alles Weitere als späteren Zuwachs, der zu prüfen bleibt.
Eine Besonderheit lohnt Beachtung: Der Heerführer, der im Gewand des Fürsten kämpft, sieht die englische Wikipedia eine Parallele zu Patroklos, der in der Ilias in Achills Rüstung fällt. Das ist ein Erzählmuster, kein Beleg für oder gegen einen Kern. Der Tscheche Vladimír Karbusický hat 1995 sogar vermutet, Kosmas habe ein älteres, verlorenes altböhmisches Heldenlied verwertet, dessen Aufbau an fränkische Heldenepik wie das Lied vom Tod des Ermanarich erinnere. Das ist eine Hypothese aus dem Erzählbau, ohne Textzeugen.
Oft wird im selben Atemzug von Libuše und Vlasta erzählt, vom sogenannten „Mädchenkrieg“, und auch hier muss man genau trennen. Libuše, die Seherin und Fürstin, die nach der Erzählung Prag ankündigt und Přemysl den Pflüger zum Gatten nimmt, steht am Anfang der Fürstenreihe. Der Mädchenkrieg, den die Kämpferin Vlasta nach Libušes Tod gegen die Männer führt, gehört zu derselben frühen Erzählschicht. Er findet nach der englischen Wikipedia legendär im 8. Jahrhundert statt, mit dem Schauplatz Děvín und dem Gegenüber Vyšehrad, und er endet mit Vlastas Tod und dem Brand der Burg. Er erscheint zuerst bei Kosmas und wird bei Dalimil weitererzählt. Mit den Lučanen hat er nichts zu tun: Die Wikipedia-Seite zum Mädchenkrieg erwähnt sie nicht, und der Lučanenkrieg steht in der Fürstenreihe viel später, unter Neklan. Dass sich beide Geschichten in der Erinnerung vermischen, liegt an der gemeinsamen Quelle und an Jiráseks Sammlung. Wir ordnen beides der Legende zu, nicht der Geschichte (Näheres im Mythos-Check unten). Zum Umgang mit solchen Erzählungen verweisen wir auf unseren Beitrag zur Legendenkunde.
Dass hinter dem Lučanenkrieg ein späteres Ereignis stecken könnte, wird seit Langem erwogen. Die tschechische Wikipedia nennt dafür eine Stelle bei Widukind von Corvey (Res gestae Saxonicae, zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts), dem sächsischen Geschichtsschreiber. Widukind erzählt im zweiten Buch vom Krieg Ottos I. gegen Boleslav von Böhmen. Dort steht ein Satz über eine Burg, die Boleslav einnimmt:
Pergensque inde ad urbem subreguli primo eam inpetu cepit et usque in hodiernum diem solitudinem fecit. („Und von dort weiterziehend, nahm er die Burg des Unterkönigs im ersten Ansturm und machte sie zur Einöde, die sie bis auf den heutigen Tag ist.“)Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae II 3; lateinischer Satz nach der Wiedergabe auf jassa.org, die deutsche Übersetzung ist unsere eigene und wörtlich. Wer „er“ ist, ergibt sich nicht aus dem Satz selbst; nach der englischen Übersetzung an dieser Stelle ist es Boleslav. Den Fürsten nennt Widukind nicht.
Mehr steht dort nicht. Weder der Name des Unterkönigs (subregulus, „kleiner König“, Widukinds Wort für einen Fürsten niederen Ranges) noch der Ort noch ein Volk ist genannt. Dass dieser Fürst ein Lučane war und die zerstörte Burg Vlastislav oder Žatec, ist eine Hypothese der Forschung, keine Aussage Widukinds. Dazu kommt ein Datierungsproblem: Die tschechische und die englische Wikipedia sprechen von 936, die englische Übersetzung bei JASSA setzt die Episode aus dem Regierungsjahr Ottos in Klammern auf 950. Welche Zahl für die Stelle stimmt, haben wir nicht entscheiden können, und wir halten sie unter „Zu prüfen“ fest.
Die Wikipedia verbindet die Erzählung außerdem mit der Festigung der Macht Boleslavs I. nach dem Mord an seinem Bruder Wenzel; Wenzels Todesjahr ist bekanntlich selbst strittig (929 oder 935). Für diese Lesart sprächen, so dieselbe Seite, Funde auf dem Burgwall von Vlastislav, deren Datierung dazu passe. Das ist dünn: Der Archäologische Atlas Tschechiens nennt zum Burgwall Vlastislav (Bezirk Litoměřice) keine Funde vor der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, und die Befestigung mit Holz-Erde-Wall und vorgesetzter Steinmauer gehört danach in das 10. Jahrhundert. Das passt zu einer Burg des 10. Jahrhunderts, nicht zu einem Ereignis, das Kosmas weit vor Bořivoj, also vor dem späten 9. Jahrhundert, ansiedelt. Wer die Erzählung als verschobene Erinnerung an die Zeit Boleslavs liest, kommt dem archäologischen Befund näher als jemand, der sie wörtlich nimmt. Das bleibt aber eine Lesart.
Die englische Wikipedia führt außerdem an, neuere Forschung denke an ein kleineres historisches Gefecht hinter der Legende, möglicherweise bei Budeč, wo Archäologen ein Massengrab gefunden haben. Hier ist Vorsicht geboten. Das Massengrab von Budeč barg nach dem Bericht von Ivo Štefan und Kollegen (Antiquity 2016) zwischen 33 und 60 Menschen, überwiegend Männer, die mit Schwertern erschlagen wurden, datiert grob in die Zeit um 900 bis 950. Die Ausgräber bringen es tentativ mit den Gewalttaten nach Wenzels Tod in Verbindung, nicht mit Lučanen. Wir haben keinen Beleg gefunden, der Budeč mit dem Lučanenkrieg verknüpft, und führen das deshalb als lose Randbemerkung an.
Wer nach Lučanen in den Quellen des 9. Jahrhunderts sucht, sucht vergeblich. Der Bayerische Geograph (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii) ist ein kurzes Verzeichnis von Völkern nördlich der Donau mit der Zahl ihrer civitates, ihrer Burgbezirke oder befestigten Plätze. Seine Datierung ist umstritten: Bernhard Bischoff dachte an einen Reichenauer Mönch der 830er bis 850er Jahre, Aleksandr Nazarenko hält die 870er für wahrscheinlicher, und Henryk Łowmiański zeigte, dass die Liste aus zwei Teilen unterschiedlicher Zeit bestehen kann. Wir kennen sie in der Fassung, die die englische Wikipedia wiedergibt.
Dort stehen für Böhmen die Beheimare („Böhmen“) mit 15 Burgbezirken, die Talaminzi (die Daleminzier) mit 13 und die Surbi (Sorben) mit 50. Ein Eintrag „Lucani“ oder „Luczani“ fehlt. Am nächsten kommen formal Lucolane ohne Zahl, die die englische Wikipedia als unsicher einordnet, und Lunsizi mit 30 Burgbezirken, die dort mit den Lausitzern verbunden werden (mehr dazu bei den Lusizern). Hinzu kommen Besunzane mit 2 und Fraganeo mit 40, die als Pšovanen beziehungsweise Prag gedeutet werden. Ob Lucolane tatsächlich die Lučanen meinen, haben wir in keiner Darstellung belegt gefunden. Die Deutung der tschechischen Seite konnten wir nicht abrufen, die Frage bleibt offen. Wer hier „der Bayerische Geograph kennt die Lučanen“ liest, sieht eine Behauptung, die wir nicht stützen können. Ein Vergleich mit den Smeldingern lohnt: Dort liefert dieselbe Liste immerhin einen sicheren Namen.
Die fränkischen Annalen helfen kaum weiter. Sie berichten für 805 von einem Feldzug Karls des Jüngeren nach Böhmen, bei dem er das Land verwüstet und einen Anführer namens Lecho tötet. Die Chronik von Moissac nennt für denselben Feldzug nach der englischen Wikipedia einen Fluss „Agara“, der mit der Eger gleichgesetzt wird, und eine Burg Canburg, deren Lage unbekannt ist. Vorgeschlagen wurden Kadaň an der Eger (nach der Namensähnlichkeit), der Burgwall von Divoká Šárka bei Prag, das Hrádek bei Libochovany an der Elbe und die Burg Kanina bei Kokořín. Keiner dieser Vorschläge ist bewiesen. Ein Volk der Lučanen nennen diese Quellen nicht. Auch die Fuldaer Annalen, die 845 die Taufe von vierzehn böhmischen Herzögen in Regensburg melden, nennen keine Stammesnamen. Die Franken sahen „die Böhmen“. Die Binnengliederung hat erst Kosmas.
Die Archäologie kann keine Namen liefern, wohl aber Burgen datieren. In Žatec zeigten Grabungen seit den 1990er Jahren, wie nach der Zusammenfassung eines Vortrags von Petr Čech (2004, veröffentlicht auf saaz.info, mit erkennbaren Mängeln der Abschrift) zwei Bauphasen der frühmittelalterlichen Befestigung, die dendrochronologisch auf etwa 925 bis 935 und 925 bis 937 datiert wurden. Das stellt die ältere Vorstellung infrage, die Přemysliden hätten sich erst aus einer mittelböhmischen Domäne nach Nordwesten ausgedehnt und dabei ein bestehendes „Lučanen“-Gebiet unterworfen. Die Burgen an der Eger erscheinen in dieser neueren Sicht eher als Grenzlinie gegen Sachsen. Aus dem frühmittelalterlichen Žatec stammen fränkische Gürtelbeschläge um 850, Reste großmährischer Ohrringe, ein Goldschmiedehort von 1937 mit rund 2,75 Kilogramm Edelmetall und Hinweise auf eine örtliche Münzprägung. Ein Fürstenhof der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde 1999 und 2000 ausgegraben, eine Kirche aus dem späten 10. Jahrhundert gilt als eine der ältesten außerhalb Prags. Die Burg selbst war nach demselben Vortrag nur rund fünf Hektar groß, und die Zahl der Bewohner schätzt er auf einige hundert. Wir geben das als Einzelstimme wieder; sie ist nicht in der Fachliteratur gegengeprüft.
Der Burgwall von Vlastislav bei Třebenice, den die Überlieferung zu Vlastislavs Sitz macht, ist nach dem Archäologischen Atlas ein Platz des 9. bis 10. Jahrhunderts, mit Funden erst ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und einem Wall mit Steinmauer ab dem 10. Jahrhundert. Hier haben wir eine belastbare Aussage, die der Legende widerspricht, wenn man sie wörtlich nimmt: Der Name des Burgwalls kann aus der Erzählung stammen oder ihr zugrunde liegen, der Befund geht jedoch nicht in die Vorzeit zurück, in der Kosmas den Krieg ansiedelt. Ob der Name schon vor Kosmas an dem Platz haftete oder ob er ihm erst später gegeben wurde, ist nicht bekannt.
Das Hrádek bei Libochovany liegt hoch über der Elbe an der Böhmischen Pforte (Porta Bohemica), dem Durchbruch des Flusses durch das Böhmische Mittelgebirge. Der Archäologische Atlas beschreibt zwei Wälle mit Gräben, eine Akropolis auf dem Tříkřížový vrch und eine Nutzung von der Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter; im Fluss unterhalb fanden sich bronzezeitliche Schwerter, die wohl als Opfer niedergelegt wurden. Der Platz wird mit dem 9. Jahrhundert und teilweise mit den Lučanen in Verbindung gebracht und manchmal mit der Canburg gleichgesetzt. Beides ist eine Zuordnung, keine Entdeckung. Eine genaue Datierung der frühmittelalterlichen Phase hat die Seite nicht geliefert.
Für Kadaň an der Eger haben wir keine archäologische Aussage zu einer lučanischen Burg gefunden; der Ort kommt nur als Namensvorschlag für die Canburg vor. Und Stadice gehört gar nicht in dieses Land: Es ist ein Dorf im Bezirk Ústí nad Labem (Teil von Řehlovice), nach der Legende der Heimatort des Pflügers Přemysl, also ein Ort der Přemyslidenlegende, nicht des Lučanenlandes. Ein Denkmal auf dem „Königsfeld“ erinnert dort an Přemysl. Wer Stadice in Verbindung mit den Lučanen bringt, vermischt die Herkunftserzählung der Sieger mit dem Land der Besiegten.
Was am Ende Geschichte ist, zeigt sich im 10. und 11. Jahrhundert. Die Přemysliden bauten, wie die Zusammenfassung der böhmischen Burgwallforschung bei Gojda beschreibt, ab den 920er und 930er Jahren unter Boleslav ein Netz von etwa fünfzehn Verwaltungsburgen auf, die hradská soustava, die sich unter Oldřich und Břetislav I. im 11. Jahrhundert vollendete und aus der viele Städte wie Mělník, Litoměřice und Žatec hervorgingen. Eine Kastellanei ist in diesem Zusammenhang der Verwaltungsbezirk einer solchen Fürstenburg, geleitet von einem Burgvogt, dem Kastellan. Eine Quelle von 1130 erwähnt die Kastellanei von Žatec als Belohnung für einen geplanten Mord am Fürsten Soběslav I., ein früher, wenig schmeichelhafter schriftlicher Beleg für die Bedeutung des Platzes.
In dieser Sicht ist „Lucko“ nicht das Land eines Stammes, der unterworfen wurde, sondern ein Verwaltungsraum, der in der Fürstenzeit um die Burg Žatec organisiert war. Kosmas’ „Lučanen“ wären dann die Bewohner dieses Raumes, die er mit dem Bild eines einst eigenständigen Volkes versah, um die Einigung des Landes unter den Přemysliden zu erzählen. Das ist eine Deutung, eine plausible, die aber nicht beweisbar ist. Ebenso gut könnte ein älterer lokaler Machtbereich bestanden haben, der in Kosmas’ Erzählung als Stamm erscheint. Für beides fehlen schriftliche Zeugen aus der fraglichen Zeit, und die Burgwälle, die wir kennen, sind jünger als die Erzählung behauptet.
Für die Einordnung der Lučanen in die übrige Nachbarschaft lohnt sich der Blick auf die Zlicanen, die in ähnlicher Weise fast nur aus späten Texten bekannt sind, und auf die Chutizen und Nisanen jenseits der Grenze im sorbischen Raum. Für den größeren Zusammenhang der Slawen an Elbe und Saale hilft unser Beitrag über die Elbslawen, und für Burgenbau allgemein der über die Burgenkunde. Die sächsischen und thüringischen Truppen, die bei Widukind auftauchen, führen zu den Sachsen und Thüringern; das fränkische Ausgreifen nach Böhmen zu den Franken und ihrem Heerwesen.
Wir wissen nicht, ob die Lučanen je ein eigener Stamm waren. Wir kennen keinen lučanischen Text, keine lučanische Münze und keinen Namen, der zu Lebzeiten eines Lučanen aufgeschrieben worden wäre. Wir wissen nicht, ob Vlastislav gelebt hat, wo seine Burg stand und ob der Krieg, den Kosmas schildert, in dieser Form oder überhaupt stattgefunden hat. Wir wissen nicht, ob Kosmas’ Quelle ein verlorenes Lied, mündliche Überlieferung oder seine eigene Erfindung war. Wir wissen nicht, was „Lučané“ ursprünglich bedeutete. Und wir wissen nicht sicher, wie weit Lucko nach Westen reichte.
Ebenso wenig lässt sich sagen, was die Menschen an der Eger glaubten, wie sie sich kleideten oder bestatteten. Aussagen darüber sind Übertragungen von anderen westslawischen Gruppen, für die es Nachrichten gibt. Für Lucko selbst existiert keine. Dass der Legendenstoff in Jiráseks Fassung zu tschechischem Kulturgut wurde, ändert daran nichts. Im Nachleben ist das Wort „Lučan“ bis heute lebendig: Die Region hatte eine Zeitung mit diesem Namen, und in Žatec heißen ein Bier, ein Kino und ein Sportklub so. Das sagt etwas über die Erinnerung, nicht über das 9. Jahrhundert.
Gesichert ist, dass Kosmas um 1119 von Lucko, Žatec und einem Krieg gegen Vlastislav erzählt, dass Žatec in der Fürstenzeit eine bedeutende Burg war und dass der Burgwall von Vlastislav erst ab dem späten 9. Jahrhundert besiedelt wurde. Gedeutet sind die Lage und Ausdehnung von Lucko, die Gleichsetzung der Widukind-Stelle mit der Erzählung, die Herleitung des Namens aus luka und die Verbindung des Hrádek bei Libochovany mit den Lučanen. Vermutet ist, dass ein verlorenes Heldenlied oder ein kleineres historisches Gefecht hinter der Geschichte steht und dass die Lučanen eigentlich ein Verwaltungsraum der Fürstenzeit waren. Wer einen Satz über die Lučanen liest, kann prüfen, auf welcher dieser Stufen er steht.
Wer waren die Lučanen? Nach Kosmas ein Volk im Land Lucko an der Eger mit dem Mittelpunkt Žatec. Ob sie je ein eigener Stamm waren, ist ungewiss; die Forschung hält das für zweifelhaft.
Wo lag Lucko? Im nordwestlichen Böhmen entlang der Eger zwischen Žatec und dem Raum Lovosice. Die Westgrenze ist unklar.
Was ist der Lučanenkrieg? Eine Erzählung bei Kosmas, nach der der Přemyslide Neklan und der lučanische Fürst Vlastislav bei Tursko aufeinandertrafen und Lucko unterworfen wurde. Er gilt als legendär und wird teils auf spätere Kämpfe unter Boleslav I. bezogen.
Hat es Vlastislav gegeben? Das wissen wir nicht. Der Name haftet an einem Burgwall, der erst ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts besiedelt war.
Stehen die Lučanen im Bayerischen Geographen? Nicht sicher. Ein Eintrag Lucolane ohne Zahl ist unklar, die Deutung ist offen.
Was hat Libuše mit den Lučanen zu tun? Nichts. Libuše und der Mädchenkrieg stehen früher in der Fürstenreihe.
Welche Burgen werden mit den Lučanen verbunden? Žatec, Vlastislav bei Třebenice, das abgegangene Drahúš bei Postoloprty und gelegentlich das Hrádek bei Libochovany. Stadice und Kadaň gehören nicht gesichert dazu.

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