Wer von Aachen oder der Eifel aus Richtung Süden fährt, über Trier, die Mosel hinauf oder durch das Saarland nach Lothringen, überquert irgendwo eine Grenze, die vor zweitausend Jahren anders verlief als heute. Dort, wo Mosel, Saar und Maas ihre Quellen und Oberläufe haben, siedelte ein Volk, dessen Name im Stadtnamen Metz weiterlebt: die Mediomatriker. Sie haben keine Texte hinterlassen; wir kennen sie aus drei, vier Zeilen bei Caesar, einer Beschreibung bei Strabo und zwei dramatischen Szenen bei Tacitus. Dieser Beitrag legt aus, was dort tatsächlich steht, trennt es sauber von dem, was Forscher daraus schließen, und sagt offen, wo wir nur Sekundärliteratur lesen konnten.
Die Römer schrieben Mediomatrici, Strabo griechisch Mediomatrikoi. Hinter der lateinischen Form steht nach der Deutung des Sprachforschers Xavier Delamarre ein gallisches Medio-māteres, wörtlich „Mittlere Mütter“ oder „Mitte-Mütter“. Zwei Lesarten sind vorgeschlagen worden: Entweder meint der Name die Leute „zwischen den Mutterflüssen“, gemeint wären Marne (Matrona) und ein weiteres, ähnlich benanntes Gewässer; oder er meint „Mütter der Mittelwelt“, also des Raums zwischen Himmel und Unterwelt. Beides ist eine Deutung der Sprachwissenschaft, kein Zeugnis der Quellen; wir kennen diese Angabe nur aus der englischsprachigen Wikipedia, die sich auf Delamarres Dictionnaire de la langue gauloise (2003) beruft, und haben das Buch nicht selbst eingesehen. Wer den Namen daher als Beleg für einen Muttergöttinnenkult der Mediomatriker nimmt, geht deutlich weiter, als die Quellen tragen. Den Kult der Matronen im Rheinland behandeln wir an anderer Stelle (Matronen), ohne ihn den Mediomatrikern zuzuschreiben.
Die Hauptstadt hieß Divodurum. Der Name wird gewöhnlich als „Ort der Götter“ oder „göttliche Einfriedung“ gedeutet (divo- „göttlich“, -duron „Tor, Hof, ummauerter Ort“); auch das ist eine sprachliche Rekonstruktion. Die vollständige römische Bezeichnung lautete Divodurum Mediomatricorum, „Divodurum der Mediomatriker“. Daraus wurde über die Jahrhunderte Metz, und zwar nach gängiger Erklärung aus dem Stammesnamen und nicht aus dem Ortsnamen; die Zwischenformen haben wir nicht selbst nachgeprüft. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang, den es auch anderswo gibt: Städte nehmen im Lauf der Spätantike den Namen des Stammes an, dessen Hauptort sie waren (Paris, Reims und Amiens sind bekannte Beispiele).
Zu den Begriffen gleich zu Beginn. Ein Stamm ist hier ein Verband von Siedlungsgemeinschaften mit gemeinsamem Namen und überschaubarem Siedlungsraum, kein Staat mit festen Grenzen. Die Römer nannten einen solchen Verband civitas; das Wort bezeichnet sowohl die Bürgerschaft als auch ihr Gebiet samt Hauptort, und es wurde in den gallischen Provinzen zur Verwaltungseinheit. Ein oppidum ist bei Caesar eine befestigte Siedlung, oft auf einem Hügel oder in einer Flussschleife, ein Zentrum für Handwerk, Handel und Zuflucht. Ein vicus ist eine römerzeitliche Kleinstadt ohne eigenes Stadtrecht, meist an einer Straße.
Die Lage bestimmen wir aus drei antiken Beschreibungen, die sich nicht in allen Einzelheiten decken. Caesar beschreibt im vierten Buch (IV, 10) die Flüsse Maas und Rhein. Die Maas, schreibt er, entspringe in den Vogesen im Gebiet der Lingonen. Der Rhein dagegen komme bei den Lepontiern in den Alpen hervor und fließe lange Strecken durch das Land der Nantuaten, Helvetier, Sequaner, Mediomatriker, Triboker und Treverer, bevor er sich nahe der Küste in mehrere Arme teile. Aus dieser Stelle, die wir nur in einer Zusammenfassung mit kurzem lateinischem Auszug gelesen haben, folgt, dass Caesar um die Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus das Gebiet der Mediomatriker bis an den Rhein reichen ließ, zwischen Sequanern im Süden und Treverern im Norden.
Strabo, der um die Zeitenwende schrieb, bestätigt das mit anderen Worten (Geographika IV, 3, 4; wir lasen die englische Übersetzung bei Thayer/Loeb). Nach den Helvetiern wohnten am Rhein die Sequaner und die Mediomatriker, und in deren Gebiet säßen die Triboker, ein germanischer Stamm, der den Fluss von seiner Heimat aus überschritten habe. Jenseits der Mediomatriker lebten die Leuker und ein Teil der Lingonen; nach den Mediomatrikern und Tribokern kämen am Rhein die Treverer. Auffällig sind zwei Aussagen, die nebeneinanderstehen: Die Mediomatriker erscheinen als Rheinanlieger, und zugleich sitzen Germanen (die Triboker) „in ihrem Gebiet“. Wie diese Überlagerung politisch aussah, sagt Strabo nicht.
Der Geograph Ptolemäus nennt im 2. Jahrhundert nach Christus die Mediomatrikes (Geographike Hyphegesis II, 9, 7) und setzt sie südlich der Treverer zwischen Remer und Leuker. Diese Angabe kennen wir nur aus der Sekundärliteratur (Wikipedia, mit Verweis auf neuere Handbücher). Plinius der Ältere (Naturalis historia IV, 106) führt den Stamm ebenfalls auf, auch das nur über die Sekundärliteratur.
Moderne Karten zeigen meist das obere Maas-, Mosel- und Saargebiet: das heutige Lothringen mit Metz sowie, nach Osten hin, Teile des Saarlandes. Eine feste Grenze lässt sich aus den Quellen nicht ziehen, und es ist nicht einmal sicher, dass es eine gab. Eine saarländische Landesgeschichte formuliert deshalb vorsichtig, die Saargegend habe teils zum Stammesgebiet der Treverer mit dem Hauptort Trier, teils zu dem der Mediomatriker mit dem Hauptort Metz gehört. Wo genau der Wechsel lag, wissen wir nicht.
Über die Mediomatriker vor ihrem ersten Auftritt in den schriftlichen Quellen sagen die Texte nichts; was wir wissen, stammt aus der Archäologie, und dort ist der Name des Stammes eine spätere Zutat. Die Sekundärliteratur nennt als Kern des Stammesgebiets den Hügel am Zusammenfluss von Mosel und Seille, auf dem die spätere Stadt Metz entstand. Eine Darstellung zur Geschichte von Metz (englische Wikipedia, mit Verweis auf Bour 2007) lässt die keltische Besiedlung dort bereits um 450 vor Christus beginnen und nennt den Ort ihr wichtigstes oppidum. Die Jahreszahl kennen wir nur aus dieser Zusammenfassung und haben sie nicht an einem Grabungsbericht geprüft; eine neuere französische Studie zu den Ursprüngen von Divodurum (Grabungen am Place de la République und in der Rue Paille-Maille) konnten wir nicht einsehen. Dass Divodurum in der Eisenzeit ein Siedlungszentrum war, ist plausibel, wie genau es aussah und ab wann es ein Oppidum im Caesar’schen Sinn war, lässt sich anhand unserer Quellen nicht sagen.
Für das Saarland nennt der Überblick von Sander Höhenbefestigungen, die „meist aus keltischer Zeit“ stammen, mit dem Hunnenring bei Otzenhausen als bedeutendstem Beispiel, außerdem reiche Gräber in Schwarzenbach (Nonnweiler) und in Reinheim. Zu welchem Stamm der Hunnenring gehört, hängt davon ab, wie man die Stammesgrenze zieht; er liegt im Norden des Saarlandes, nach verbreiteter Auffassung eher im Treverergebiet. Wir übernehmen das als Annahme, nicht als gesicherte Zuordnung. Wer die Fürstengräber der Region sucht, findet mehr dazu in unserem Beitrag zu den keltischen Fürstengräbern und zum Keltenfürsten.
Das berühmteste Grab der Gegend liegt im Blies-Tal, direkt an der heutigen deutsch-französischen Grenze. Im Jahr 1954 stieß man beim Kiesabbau in Reinheim auf den Griff eines Bronzespiegels; die anschließende Grabung legte ein reich ausgestattetes Frauengrab frei, das heute als „Fürstin von Reinheim“ bekannt ist. Nach den Angaben des Europäischen Kulturparks Bliesbruck-Reinheim stammt es aus der Zeit um 370 vor Christus, also aus der Frühlatènezeit. Die Latènezeit (benannt nach dem Fundort La Tène am Neuenburger See) ist die jüngere Eisenzeit der Kelten; die Frühlatènezeit umfasst grob das 5. und 4. Jahrhundert vor Christus. Die Tote lag in einer Eichenholzkammer; die Knochen sind vergangen, weshalb weder Alter noch Todesursache bekannt sind. Zum Grabinventar gehören ein Halsring aus Gold von 187 Gramm, zwei Armreife und zwei Ringe, Perlen aus Bernstein und karthagischem Glas, eine Bronzeschnabelkanne etruskischer Anregung, in der sich Wein befunden haben soll, außerdem Fibeln, ein Gürtelgehänge, Trinkgeschirr und der erwähnte Spiegel. Die Pressemappe zu Bliesbruck (2022) schreibt, aufgrund dieser Beigaben vermuteten die Forscher eine Priesterin; das ist eine Hypothese, kein Beleg. Das Grab liegt in einem Gräberfeld von drei Grabhügeln.
Und nun die Frage, die dieser Beitrag nicht umgehen will: Gehörte die Fürstin zu den Mediomatrikern? Die Antwort lautet, dass sich das nicht eindeutig belegen lässt. Zwischen dem Grab (um 370 vor Christus) und Caesars Text (um 50 vor Christus) liegen mehr als drei Jahrhunderte. Im 4. Jahrhundert vor Christus ist kein Stammesname für diesen Raum schriftlich überliefert, und ob es eine politische Einheit gab, die in der Kontinuität des später genannten Stammes stand, wissen wir nicht. Dass sich die Region um Blies und Saar in späterer Zeit zum Gebiet der Mediomatriker rechnen lässt, macht eine Verbindung plausibel, aber sie bleibt eine Deutung. Auch eine Zuordnung zum Treverergebiet lässt sich nicht ausschließen, da die Grenze unscharf ist. Wer die Frau also „die Mediomatrikerin“ nennt, setzt einen Namen auf ein Grab, das ihn nicht trägt. Auf unserer Seite heißt sie deshalb, wie in der Fachliteratur, „Fürstin von Reinheim“.
Ihr erster Auftritt in einer Handlung steht im siebten Buch von Caesars Bellum Gallicum, und er ist nüchtern. Caesar belagert um 52 vor Christus Vercingetorix in Alesia, einem Oppidum der Mandubier (siehe Mandubier). Auf einer Versammlung der gallischen Stammesführer beschließt man, zur Entsetzung der Eingeschlossenen ein Heer aufzustellen, und zwar nicht, wie Vercingetorix es wünschte, durch Aufgebot aller Waffenfähigen, sondern indem man jedem Stamm ein festes Kontingent auferlegt, damit im Heer weder Gedränge noch Nachschubmangel entstehe. In der Liste (VII, 75) stehen die Haeduer und die Arverner mit je 35 000 Mann an der Spitze, gefolgt von Stämmen mit 12 000, 10 000, 8 000 und weniger. Fünftausend Mann sollen laut Text unter anderen die Ambianer, die Petrokorier, die Nervier, die Moriner, die Nitiobriger und, in derselben Reihe, die Mediomatriker stellen („Suessionibus, Ambianis, Mediomatricis, Petrocoriis, Nerviis, Morinis, Nitiobrigibus quina milia“). Das erste Glied, die Suessionen, steht in der Ausgabe, die wir einsahen, in eckigen Klammern; die Textüberlieferung ist dort offenbar nicht ganz sicher.
Was lässt sich aus dem Satz machen? Gesichert ist: Die Mediomatriker standen im Jahr 52 vor Christus auf der Liste der Stämme, die zum Entsatzheer beitragen sollten, und ihr Soll lag mit 5 000 in der Mitte der Skala. Nicht gesichert ist, ob sie diese Zahl tatsächlich gestellt haben; Caesar vermerkt in demselben Kapitel ausdrücklich, dass die Bellovaker nur 2 000 der verlangten 10 000 schickten (siehe Bellovaker), und er sagt zu den Mediomatrikern nichts Vergleichbares. Auch das Wort Mediomatricis steht nur in diesem Kapitel; in Buch VII kommt der Stamm laut unserer Abfrage nicht weiter vor. Im ersten Buch (Zug der Helvetier) fanden wir ihn nicht. Das passt zu dem, was die Sekundärliteratur sagt: Caesar nennt ihn nur an zwei Stellen, in IV, 10 und in VII, 75.
Eine Deutung, die man liest, lautet, die Mediomatriker seien damit am gesamtgallischen Aufstand beteiligt gewesen. Als Aussage über ihre Haltung ist das zu dünn: Ein Kontingent auf einer Liste ist eine Verpflichtung, die der Rat der Gallier festlegte, nicht der Nachweis eines freiwilligen Entschlusses des Stammes. Wie die Mediomatriker in die römische Herrschaft kamen, wann sie sich unterwarfen oder ob ein Feldzug nötig war, steht in den Stellen, die wir lasen, nicht. Eine Quellenangabe dazu, die wir sicher nennen könnten, haben wir nicht.
Unter römischer Verwaltung wurde aus dem Stammesverband eine civitas Mediomatricorum in der Provinz Gallia Belgica, mit Divodurum als Hauptort. Aus Strabo (frühes 1. Jahrhundert nach Christus), Plinius, Tacitus und Ptolemäus ergibt sich, dass der Name in der Kaiserzeit überall bekannt war. Über die Stadt selbst sagt die englischsprachige Überblicksliteratur Folgendes, wobei wir es als Sekundärstand ausweisen: Divodurum lag an einem Knoten mehrerer Straßen und soll größer und wohlhabender gewesen sein als das damalige Lutetia, das spätere Paris, nicht zuletzt durch den Weinhandel; es besaß eines der größten Amphitheater Galliens, und ein etwa 23 Kilometer langer Aquädukt mit 118 Bögen führte im 2. Jahrhundert nach Christus Wasser von Gorze zu den Thermen. Reste dieser Leitung stehen bei Jouy-aux-Arches und Ars-sur-Moselle; sie sind heute eine der sichtbarsten Spuren der Stadt. Die Angaben stammen aus der englischsprachigen Wikipedia (mit Verweis auf Vigneron 1986 und eine Sammelpublikation von 2006), nicht aus einer eigenen Prüfung.
Über die Romanisierung des Stammes heißt es in der Sekundärliteratur, sie sei bei den Mediomatrikern offenbar langsamer verlaufen als bei den benachbarten Treverern (Wightman 1985 und Demougin 1995, nach Wikipedia). Was „langsamer“ meint, an welchen Funden man das festmacht und ob der Befund für den ganzen Stamm oder nur für einzelne Regionen gilt, konnten wir nicht klären; wir geben die Aussage deshalb nur als Hinweis weiter, nicht als Ergebnis.
Die dramatischste Stelle zu den Mediomatrikern steht bei Tacitus. Im Vierkaiserjahr 69 nach Christus marschieren die Truppen des Vitellius vom Rhein aus nach Italien, um den Thron gegen Otho zu behaupten. Der Weg führt durch Gallien. Tacitus erzählt (Historiae I, 63), wie die Soldaten die Treverer wie Verbündete besuchen und in Divodurum, „dem Ort der Mediomatriker“, mit großer Freundlichkeit aufgenommen werden. Dann kippt die Szene. Aus ungeklärtem Anlass greift die Truppe zu den Waffen und fällt über die Einwohner her. Der Kontext weist auf das Heer des Fabius Valens, den Tacitus im Kapitel davor nach Gallien schickt, doch das Verb bleibt im Satz ohne Namen. Wir geben die Stelle in eigener, gekürzter Übersetzung wieder.
… in Divodurum – das ist die Stadt der Mediomatriker –, obgleich man sie mit aller Freundlichkeit aufgenommen hatte, packte sie plötzlich ein jäher Schrecken; sie griffen zu den Waffen, um eine schuldlose Bürgerschaft niederzumachen, nicht aus Beutegier oder Raublust, sondern aus Wut und Raserei, aus unklaren Gründen und deshalb nur schwer zu heilen, bis sie, durch die Bitten ihres Führers besänftigt, von der Vernichtung der Bürgerschaft abließen; getötet wurden dennoch etwa viertausend Menschen.Tacitus, Historiae I, 63; eigene, gekürzte Übersetzung nach dem lateinischen Text (thelatinlibrary.com, in Auszügen gelesen); die Auslassungen sind Kürzungen
Man sollte die Szene nicht größer machen, als sie bei Tacitus ist. Er nennt ausdrücklich keinen Grund und beschreibt weder eine Rebellion der Mediomatriker noch eine Strafaktion; das Wort für die Bürgerschaft ist „schuldlos“ (innoxia civitas). Die Zahl von etwa viertausend Toten ist seine Angabe; eine zweite Quelle, an der man sie prüfen könnte, kennen wir nicht, und antike Zahlen dieser Art sind ohnehin mit Vorsicht zu lesen. Dass die Stadt „ausgelöscht“ worden sei, steht nicht dort, im Gegenteil: Die Soldaten ließen sich bremsen. Und was folgte, lässt Tacitus ebenfalls erkennen: Der Vorfall verbreitete Schrecken in Gallien, sodass die nächsten Städte dem Heer mit Magistraten und Bittgesuchen entgegenkamen. Das ist eine Aussage über die Wirkung der Tat, nicht über das, was Divodurum danach war.
Ein Jahr später taucht der Name erneut auf, diesmal in der Erzählung vom Aufstand des Civilis und der Treverer. Als Valentinus und Tutor die Treverer erneut zu den Waffen rufen, ziehen sich die römischen Legionen, die zuvor in Treverergebiet gestanden hatten, zurück, und zwar „zu den Mediomatrikern, einer verbündeten Bürgerschaft“ (in Mediomatricos, sociam civitatem, Historiae IV, 70). Die Kommandeure Herennius und Numisius werden von den Aufständischen getötet. Kurz darauf lässt der römische Befehlshaber Cerialis die Truppen aus dem Mediomatrikerland auf kürzerem Weg gegen den Feind führen (IV, 71), und Tacitus beschreibt den traurigen Anblick der Legionen, die dorthin „geholt“ worden waren (IV, 72) und schweigend, mit zu Boden gesenkten Augen zurückkehrten.
Für die Mediomatriker ergibt sich daraus ein vorsichtiges Bild. Erstens: Tacitus nennt sie eine socia civitas, ein Ausdruck, der nach üblicher Lesart auf ein Bündnis- oder Freundschaftsverhältnis zu Rom hindeutet. Zweitens: Sie standen im Jahr 70 nicht auf der Seite der Treverer; auch ohne dass Tacitus es kommentiert, ist das aus der Stelle abzulesen. Drittens: Die Frage, warum, beantwortet er nicht. Ob das Massaker von 69 nachwirkte, ob die alte Konkurrenz zu den Treverern eine Rolle spielte oder ob schlicht die Lage ihres Landes den Ausschlag gab, sind Fragen, die wir nur stellen, nicht belegen können. Jahreszahlen nennt Tacitus an dieser Stelle selbst nicht; die Datierung auf 70 ergibt sich aus dem Zusammenhang der Konsulatsangaben im Text.
Wer sich ansehen will, wie das römische Leben im Gebiet der Mediomatriker aussah, kann das an der Blies tun, im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. Die Siedlung Bliesbruck war eine gallorömische Kleinstadt, ein vicus im oben erklärten Sinn. Gallo-römische Funde tauchten 1971 beim Kiesabbau auf; im Jahr darauf begannen die Ausgrabungen, weil die Ruinen, die sich über mehr als 30 Hektar erstrecken, vom Abbau bedroht waren. Nach der Pressemappe zu Bliesbruck (2022) erscheint der kleine Handwerks- und Handelsort in den Jahren um 40 bis 50 nach Christus. Die Thermen entstanden um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert und erreichten ihre größte Ausbauphase um die Mitte des 3. Jahrhunderts. Aus Grabungen der Jahre 1988 bis 1992 stammen Kaltbad, Laubad, Warmbad (frigidarium, tepidarium, caldarium) und ein Schwimmbecken im Hof. Im Westviertel standen 14 Häuser mit Säulengang, in denen unter anderem Bronze verarbeitet, geschmiedet und gebacken wurde; im Ostviertel acht lange Grundstücke, deren längstes Haus 80 Meter misst und vielleicht ein Versammlungsort einer Berufs- oder Kultgemeinschaft war. Ein monumentaler Brunnen, selten in Gallien, und eine Basilika als Markthalle gehörten zum öffentlichen Zentrum.
Die Unruhen zwischen 250 und 276, die die Pressemappe mit germanischen Einfällen verbindet, beendeten den Badebetrieb. Danach ging die Siedlung langsam zurück, bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts. Dass Bliesbruck zur civitas der Mediomatriker gehörte und im östlichen Teil lag, steht in der Fachliteratur (Petit/Santoro 2016, Antonelli/Petit 2017, nach Wikipedia); der antike Name des Ortes ist unbekannt. Die Pressemappe selbst nennt die Mediomatriker nicht, weshalb wir diese Zuordnung als Fachmeinung führen, die wir nicht an den Originalaufsätzen überprüft haben. Der Park zeigt außerdem seit 1999 eine begehbare Rekonstruktion des Fürstinnengrabes, und die römische Fernstraße, die an den beiden Vierteln vorbeiführte, verläuft unter der alten Landstraße.
Aus den Quellen ergibt sich ein Geflecht von Nachbarn, das sich so ordnen lässt. Im Norden saßen die Treverer, mit Trier als Hauptort; Strabo nennt sie „nach den Mediomatrikern und Tribokern“ am Rhein. Im Süden lagen die Sequaner und weiter südlich die Helvetier. Westlich und südwestlich nennt Strabo die Leuker (für sie gibt es bei uns noch keinen eigenen Beitrag) und einen Teil der Lingonen; bei den Remern und Leukern schließlich verortet Ptolemäus nach der Sekundärliteratur die Mediomatriker "dazwischen". Mehr als diese Nachbarschaftsangaben bieten die Quellen nicht: keine Grenzverträge, keine Fehden, keine Heiratsbündnisse, die wir mit einer Stelle belegen könnten. Dass es Konkurrenz mit den Treverern gab, ist plausibel, aber nicht bezeugt, und die Aussage, die Mediomatriker seien von Rom „bevorzugt“ worden, lässt sich nur aus der socia civitas von 70 nach Christus erschließen, also aus einem einzigen Wort.
Spannend ist die Lage zu den Rhein-Germanen. Strabo nennt die Triboker einen germanischen Stamm, der im Gebiet der Mediomatriker sitze, und Caesar zählt sie im ersten Buch (I, 51) neben Haruden, Markomannen, Vangionen, Nemetern, Sedusiern und Sueben zu Ariovists Aufgebot. Tacitus beschreibt in der Germania (Kap. 28) das Ufer des Rheins als zweifellos von Germanen bewohnt, nämlich von Vangionen, Tribokern und Nemetern (siehe Vangionen, Triboker, Nemeter), und fügt an, die Treverer und Nervier strebten ehrgeizig nach germanischer Abstammung, um sich vom Gallier-Image der Trägheit abzusetzen, ebenso wenig wollten die Ubier an ihrer Herkunft erinnert werden. Die Mediomatriker nennt er an dieser Stelle gar nicht, und in den Passagen, die wir lasen, wird kein Autor sie als Germanen bezeichnen. Sie erscheinen als gallisches Volk zwischen Gallien und dem Rhein, in dessen Nachbarschaft germanische Gruppen siedelten oder zuwanderten. Wer sie deshalb „halbe Germanen“ nennt, behauptet mehr, als die Texte hergeben. Mehr zum Verhältnis von Kelten und Germanen im Rheinland bietet unser Beitrag zu den Germanen im Rheinland.
Um 400 nach Christus erscheint Metz als civitas Mediomatricorum, so die Sekundärliteratur (Nègre 1990, nach Wikipedia). Das ist eine auffällige Kontinuität: Der Stammesname blieb in der Verwaltungssprache der Spätantike erhalten, als der Stamm selbst längst im Reich aufgegangen war, und er überlebte im Stadtnamen. Im Jahr 451 soll Attila mit seinen Hunnen die Stadt geplündert haben, so die englische Stadtgeschichte (Di Rocco 2009); die Angabe haben wir nicht an einer Primärquelle geprüft, und die Hunnen-Erzählungen der Region sind teils spätere Überlieferung. Eine ältere Legende erzählt, der heilige Clemens, der erste Bischof von Metz, habe im Amphitheater einen Drachen, den Graoully, bezwungen. Das ist ein Gründungsmythos des Christentums, nicht Geschichte; was an ihm historisch sein könnte, ist unsicher, und der erste sicher beglaubigte Bischof wird in der englischen Stadtgeschichte erst für das Jahr 535 genannt, dort ohne Beleg.
Von da an lässt sich der Stamm als Gruppe nicht mehr verfolgen. Ob und wie die Mediomatriker Teil der gallorömischen Bevölkerung wurden, die später von Franken überlagert wurde, ist ein Prozess, den wir nicht mit Quellen belegen können. Für das Frühmittelalter von Metz haben wir keine Quellen eingesehen und treffen deshalb dazu keine Aussage.
Warum sollte das Rheinland oder die Eifel sich für Lothringer Kelten interessieren? Weil die Landkarte der Eisen- und Römerzeit nicht an heutigen Grenzen hält. Nördlich der Mediomatriker lagen die Treverer, deren Gebiet an Mosel und Eifel reichte; rund um Aachen nennt Caesar die Eburonen, denen wir einen eigenen Beitrag gewidmet haben (Eburonen), und weiter nordöstlich die Ubier. Die Mediomatriker lagen ein gutes Stück südlich dieser Gruppen, aber sie gehörten zu demselben dichten Netz von Stämmen, Straßen und Flusstälern. Die Wege, die Metz mit Trier und mit dem Rhein verbanden, durchquerten das Saarland, und römische Villen wie die in Borg und Nennig (Perl) oder der römische Bergbau in Wallerfangen zeigen, wie dicht diese Landschaft später besiedelt war (Sander, Überblick zur Saargeschichte). Dass Reinheim und Bliesbruck heute an der deutsch-französischen Grenze liegen, ist ein Zufall der Geschichte, aber ein schöner: Die Grenze von heute schneidet eine Landschaft, die in der Eisenzeit eine Einheit gewesen sein kann.
Am Ende steht eine kurze Ordnung der Aussagen. Gesichert ist, was eine Quelle mit klarem Wortlaut trägt: die Lage am Oberlauf von Maas, Mosel und Saar bis an den Rhein, die Hauptstadt Divodurum, das Kontingent von 5 000 auf Caesars Liste, der Tod von etwa 4 000 Menschen im Jahr 69 und die Bezeichnung als verbündete Bürgerschaft im Jahr 70. Plausibel, aber nicht bewiesen, sind eine Kontinuität zwischen den eisenzeitlichen Zentren an Mosel und Blies und dem später genannten Stamm sowie die Konkurrenz zu den Treverern. Deutung bleiben die Herleitung des Namens aus „Mitte-Mütter“, die Zuschreibung der Fürstin von Reinheim und die Rede von einem „langsameren“ Romanisierungsprozess. Und was Legende ist: alles, was man über Götter, Opferbräuche und Fürsten der Mediomatriker erzählen könnte. Die Quellen schweigen dazu, und in diese Lücke gehört keine Behauptung.
Ein Gedanke für den Weg: Wer von Aachen nach Süden fährt, über Trier, die Saar entlang und weiter nach Metz, folgt einer Linie, die schon in der Antike befahren wurde. In der Umgebung von Metz stehen die Reste des Aquädukts bei Jouy-aux-Arches noch heute, und im Blies-Tal lässt sich das Fürstinnengrab in einer Rekonstruktion betreten. Die Stämme, die einst in diesem Gebiet siedelten, verschwanden aus den Texten, aber ihre Namen stecken in den Städten, durch die wir fahren.
In unserer Familienmanufaktur in Alsdorf entstehen lasergravierte Schieferplatten mit nordisch-germanischen und keltischen Motiven. Für die Mediomatriker gibt es keine eigenen Bildzeichen, die wir belegen könnten, und deshalb erfinden wir keine. Ihre Geschichte lebt in Namen, Lagen und wenigen Zeilen antiker Autoren, und das ist ein Grund mehr, sie sorgfältig zu erzählen. Wer sich für keltische Motive interessiert, findet weiteres unter Kelten.

Die Treverer · Die Lingonen · Die Sequaner · Die Helvetier · Die Remer.
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