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Thorfinn Karlsefni und Gudrid: der Siedlungsversuch in Vinland, wie Sagas, Spaten und Baumringe ihn zeigen

Geschichte & Funde Thorfinn Karlsefni und Gudrid: der Siedlungsversuch in Vinland, wie Sagas, Spaten und Baumringe ihn zeigen

Thorfinn Karlsefni, ein isländischer Kaufmann, und seine Frau Gudrid gelten als Anführer des größten überlieferten Versuchs der Nordleute, in Nordamerika zu siedeln. Die Erzählung steht in zwei Sagas, die 200 bis 300 Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden und sich widersprechen. Dieser Beitrag trennt, was die Sagas erzählen, was L'Anse aux Meadows und die Baumring-Datierung auf das Jahr 1021 zeigen und was spätere Zeiten hinzugefügt haben, und er sagt offen, wo sich nichts belegen lässt.

Einordnung: ein Kaufmann, eine Weitgereiste und ein Neuanfang am Rand der Welt

Von Leif Eriksson kennt fast jeder den Namen, von Thorfinn Karlsefni (altnordisch Þorfinnr Þórðarson, mit dem Beinamen karlsefni) deutlich weniger. Dabei beschreibt eine der beiden Vinland-Sagas, die Eiríks saga rauða, praktisch nur ihn und seine Frau: Sie erzählt von einer Fahrt mit mehreren Schiffen, mit Vieh, mit Handel, mit Streit, mit einem Kind, das in der Fremde zur Welt kam, und mit einem Rückzug nach Island. In der Karlsefni-Erzählung sieht nicht ein Mann ein Land, sondern eine Gruppe will bleiben. Die Vorgeschichte findet sich in den Beiträgen zu Vinland, Leif Eriksson und Erik dem Roten; hier geht es um das, was danach kam.

Wer war er? Der Beiname karlsefni wird als „Stoff zu einem tüchtigen Mann“ gedeutet. Sein Vater hieß Thord (mit dem Zusatz Hrosshöfði, „Pferdekopf“); aufgewachsen sein soll er in Reynines im nordisländischen Skagafjörður. Geburt und Tod sind unbekannt, Schätzungen reichen von etwa 980 bis 995; das Dictionary of Canadian Biography führt ihn als „tätig um 1000 bis 1020“. Die Sagas nennen ihn einen reichen Händler guter Herkunft.

Gudrid, altnordisch Guðríðr Þorbjarnardóttir, stammte aus Laugarbrekka auf der Halbinsel Snæfellsnes im Westen Islands; ihr Vater Thorbjorn war ein Sohn des freigelassenen Sklaven Vífill. Ihr Beiname víðförla bedeutet „die Weitgereiste“. In den Sagas heiratet sie nacheinander drei Männer: den Norweger Thorir (nur Grœnlendinga saga), Thorstein Eiriksson, den Bruder Leifs, und schließlich Karlsefni. Ihre Geburt wird um 980 vermutet; belegt ist das nicht. Als Sohn von Gudrid und Karlsefni gilt Snorri Þorfinnsson, der nach den Sagas in Vinland zur Welt kam.

Die Quellenlage: wer schreibt wann

Zwei Sagas, ein Stoff. Die Geschichte der Fahrten nach Westen ist in zwei isländischen Texten überliefert, die man zusammen die Vinland-Sagas nennt: der Grœnlendinga saga („Saga der Grönländer“) und der Eiríks saga rauða („Saga Eriks des Roten“). Sagas sind in Prosa verfasste Erzählungen, die im 13. und 14. Jahrhundert in Island aufgeschrieben wurden und von Ereignissen der Landnahme- und Wikingerzeit handeln. Sie beruhen auf mündlicher Überlieferung und Genealogien, haben aber Autoren, die formten und deuteten.

Die Eiríks saga rauða ist trotz ihres Titels die Karlsefni-Saga. Ein früherer Titel lautete Þorfinns saga karlsefnis, und Árni Magnússon hat ihn in der Hauksbók so eingetragen. Der Text wird allgemein ins 13. Jahrhundert gesetzt; eine Seite der Canadian Mysteries gibt „vor 1265“ an. Überliefert ist er in zwei deutlich abweichenden Fassungen: in der Hauksbók, einer Sammelhandschrift aus der Zeit von 1302 bis 1310, und in der Skálholtsbók aus dem 15. Jahrhundert. Die Hauksbók wurde von dem Gesetzessprecher Haukr Erlendsson (gestorben 1334) und seinen Helfern zusammengestellt; er hat nach dem, was ich lesen konnte, den Text sprachlich geglättet, während die Skálholtsbók als treue, aber nachlässige Abschrift gilt. Haukr zählte Karlsefni zu seinen Vorfahren, und am Ende der Saga steht in seiner Fassung eine entsprechende Ahnenreihe. Die Saga war damit zugleich Familiengeschichte.

Die Grœnlendinga saga steht nur in der Flateyjarbók, einer riesigen Handschrift aus dem späten 14. Jahrhundert, wo sie als zwei kurze Erzählungen in die Saga von König Olaf Tryggvason eingeschoben ist. Wann der Text entstand, ist umstritten: Jón Jóhannesson dachte 1956 an etwa 1200, Ólafur Halldórsson 1978 an das frühe 13. Jahrhundert, Helgi Þorláksson 2001 an das 14. Jahrhundert. Viele halten sie für die ältere und verlässlichere der beiden Sagas, einen schlüssigen Beweis dafür gibt es nicht. Inzwischen geht man überwiegend davon aus, dass beide unabhängig voneinander entstanden sind, so ein Satz aus einer Acta-Archaeologica-Arbeit von 2012, den ich nur über eine Übersicht kenne.

Was die Texte unterscheiden. Die Grœnlendinga saga erzählt mehrere Fahrten: Bjarni Herjólfsson sichtet Land, Leif erkundet es, Thorvald stirbt im Kampf, Thorstein scheitert, dann kommt Karlsefni mit rund 60 Männern und fünf Frauen, zuletzt Freydis mit den Brüdern Helgi und Finnbogi. Die Eiríks saga fasst alles zu einer einzigen großen Unternehmung unter Karlsefni zusammen, lässt Leif nur zufällig auf Vinland stoßen und rechnet die Taten anderer Personen auf Karlsefni um. Die Grœnlendinga saga kennt nur eine Siedlung namens Vinland; die Eiríks saga kennt zwei Basen, Straumfjörðr im Norden und Hóp im Süden.

Warum die Texte so verschieden sind. Die Canadian Encyclopedia hält die Grœnlendinga saga für die zuverlässigere und bringt die Veränderungen in der Eiríks saga um 1200 mit dem Versuch in Verbindung, den Bischof Björn Gilsson, einen Nachkommen Karlsefnis, heiligsprechen zu lassen. Helgi Þorláksson entwirft ein anderes Bild: Er sieht die Eiríks saga als Werbung für das Kloster Reynisnes, das 1295 gegründet wurde, und die Grœnlendinga saga als später überarbeitet, mit Gudrids Umzug von Reynisnes nach Glaumbær, ihrer Nonnenzeit und der Reise nach Süden als Zutaten. Beide Thesen sind Deutungen, keine Beweise. Beide zeigen, dass die Sagas den Interessen ihrer Zeit dienten.

Weitere Quellen. Das Landnámabók, das „Buch der Landnahme“, verzeichnet isländische Siedler und Familien; seine Urfassung wird ins späte 11. oder frühe 12. Jahrhundert gesetzt, erhalten ist es in Fassungen des 13. und 14. Jahrhunderts, darunter in der Hauksbók. Eine Karlsefni-Stelle im Wortlaut habe ich nicht geprüft. Ganz unabhängig von den Sagas steht Adam von Bremen, der um 1075 Vinland nennt (siehe unten).

Chronologie des Gesicherten

Absolute Daten sind selten. Die Sagas rechnen in Wintern und Tagesfahrten; Jahre wie „1007“ stammen von modernen Herausgebern. Deshalb zwei Spalten. Zuerst das, was durch Funde oder zeitnahe Quellen gestützt ist:

Und das, was nur die Sagas berichten, in ihrer relativen Abfolge: Karlsefni kommt nach Grönland und heiratet im Winter in Brattahlíð Gudrid; im Frühjahr brechen drei Schiffe mit Vieh auf (Eiríks saga: 140 oder 160 Mann; Grœnlendinga saga: 60 Männer und fünf Frauen); der erste Winter in Straumfjörðr, im Herbst wird Snorri geboren; dann Hóp mit Handel und Kampf; ein dritter Winter in Straumfjörðr; die Rückkehr nach Grönland und im Jahr darauf nach Island. Spätere Ereignisse wie Karlsefnis Tod, Snorris Heirat und Gudrids Romreise stehen nur in der Grœnlendinga saga.

Die Dauer des Aufenthalts in der Neuen Welt geben die Fassungen unterschiedlich an: Nach einer Darstellung hat die Hauksbók für den Hóp nur zwei Sommermonate, andere Lesarten sprechen von einem Winter. Das Dictionary of Canadian Biography rechnet mit zwei Monaten oder, wahrscheinlicher, einem Jahr. Insgesamt rechnet die Eiríks saga mit drei Wintern, denn Snorri ist bei der Abreise drei Jahre alt; wie sich Straumfjörðr und Hóp darauf verteilen, bleibt unklar.

Führung, Handel und Konflikt: die Expedition nach der Eiríks saga

Die Vorbereitung. Nach der Eiríks saga rüsten Karlsefni und Snorri Thorbrandsson ein Schiff, Bjarni Grímólfsson und Thorhall Gamlason ein zweites, Thorvard und Thorvald das dritte; Freydis, Eriks Tochter, fährt mit. Zusammen sollen es 140 oder 160 Menschen gewesen sein; die Fassungen und Herausgeber zählen unterschiedlich. Das mitgeführte Vieh gilt als Zeichen von Siedlungsabsicht. Wie solche Schiffe aussahen, steht in den Beiträgen zu Langschiffen und zur Navigation der Wikinger.

Der Weg. Die Route führt an Helluland („Steinplatten-Land“), Markland („Waldland“) und dem Kiel-Kap Kjalarnes vorbei und entlang einer langen Sandküste, den Furðustrandir („Wunderstrände“), nach Straumfjörðr. Die Namen beschreiben, die Orte sind unbekannt; Helluland wird oft mit der Baffininsel, Markland mit Labrador gleichgesetzt, das bleibt Deutung. Die Sage schickt schottische Läufer an Land, die nach drei Tagen mit Trauben und einer Ähre Wildweizen zurückkehren. Dasselbe Bild kennt Adam von Bremen schon um 1075: Wein und selbstgesäte Frucht sind das Kennzeichen des guten Landes.

Straumfjörðr, der erste Winter. Der Name bedeutet etwa „Strömungs-Fjord“; an seiner Mündung liegt Straumey, die „Strömungs-Insel“, auf der so viele Eiderenten brüteten, dass man nicht gehen konnte, ohne auf Eier zu treten. Die Gruppe hatte nicht genug Vorräte angelegt, der Winter war hart, der Fischfang schlug fehl. Ein Wal strandet; wer davon isst, wird krank. Der Jäger Thorhall, den die Sage einen schlechten Christen nennt, sagt, der rotbärtige Thor habe ihm mehr geholfen als Christus. Die Gruppe wirft den Wal ins Meer und betet, danach bessert sich das Wetter. Im Herbst wird Gudrids Sohn Snorri geboren.

Der Zug nach Süden. Thorhall fährt mit neun Mann nach Norden, um Vinland zu finden, wird von einem Sturm nach Irland getrieben und, so berichten Kaufleute, dort geschlagen und versklavt. Karlsefni, Snorri Thorbrandsson und Bjarni fahren nach Süden und finden die Mündung eines flachen Flusses, Hóp („Gezeitenlagune“ oder „Gezeitenteich“, die Deutung ist nicht ganz sicher). Dort sehen sie nach der Saga wild wachsenden Weizen auf niedrigem Land und Reben auf höherem, Fisch in jedem Bach und Tiere im Wald; im Winter fiel kein Schnee, und das Vieh graste draußen. Vom Hóp berichtet die Sage das Wesentliche: Handel, Hass und Abbruch.

Die Skrælingar. So nennen die Sagas die Menschen, denen sie begegnen. Das Wort bezeichnet Menschen, die anders aussahen, lebten und sprachen als die Nordleute, und trägt einen abwertenden Klang. Die Sage beschreibt sie als dunkel und unschön, mit grobem Haar auf dem Kopf; sie kamen in Kanus. Snorri Thorbrandsson riet, einen weißen Schild als Friedenszeichen zu erheben. Im Frühjahr kam es zum Handel: Die Fremden wollten roten Stoff, den sie sich um den Kopf banden, und boten Felle und echtes Pelzwerk. Karlsefni verbot, Schwerter und Speere zu verkaufen. Als der Stoff knapp wurde, schnitten die Nordleute ihn in immer schmalere Streifen, und die Käufer zahlten dafür nicht weniger.

Dann kippte es. Ein Stier, der Karlsefni gehörte, lief brüllend aus dem Wald; die Skrælingar flohen in Panik, und drei Wochen lang war niemand zu sehen. Sie kamen in großer Zahl zurück, mit Schleudern und einer großen blauen Kugel, die mit furchtbarem Lärm niederging. Karlsefnis Leute wichen zu den Felsen. Freydis, schwanger, schalt sie und fand einen toten Mann mit einem Schwert; sie entblößte die Brust und schlug mit dem Schwert darauf, und die Angreifer flohen, so die Sage. Zwei von Karlsefnis Leuten fielen. Mehr zu Freydis findet sich im Beitrag Freydis Eiriksdottir.

Die Grœnlendinga saga erzählt den Bruch anders. Hier zerbricht der Handel, nachdem ein Mann getötet wurde; die Gruppe schlägt einen größeren Angriff zurück und verlässt das Land im folgenden Frühjahr. Beide Sagas widersprechen einander hier deutlich.

Rückzug. Karlsefni befand, das Land sei zu gefährlich, um dort zu siedeln. Auf dem Weg nach Norden töteten seine Leute nach der Sage fünf schlafende Fremde. Zurück in Straumfjörðr erschoss ein Einbeiniger, ein „Uniped“, Thorvald Eriksson mit einem Pfeil. Der dritte Winter brachte Streit um unverheiratete Männer und verheiratete Frauen. Auf der Heimfahrt fingen die Nordleute in Markland zwei Jungen und tauften sie. Das Schiff Bjarni Grímólfssons wurde vom Bohrwurm zerfressen, das Boot trug nicht alle; Bjarni gab seinen Platz an einen Isländer ab und ging unter.

Was sich über Führung sagen lässt. Karlsefni führt als Kaufmann: Er verbietet den Waffenverkauf, sucht Frieden und bricht ab, als der Aufwand den Ertrag übersteigt. Die Grœnlendinga saga lässt Gudrid die Idee der Siedlung vorbringen, die Eiríks saga erwähnt sie auf der Reise kaum. Wie weit das historisch ist, lässt sich nicht entscheiden.

Gudrid: Seherin, Christin, Pilgerin

Die Seherin Thorbjorg. In Grönland besucht nach der Eiríks saga eine völva (Seherin) namens Thorbjorg ein Fest auf dem Hof eines gewissen Thorkel und bittet die anwesenden Frauen um Hilfe bei den varðlokkur, den „Wächterliedern“, die den Zauber unterstützen. Gudrid hatte sie von ihrer Pflegemutter Halldís gelernt. Sie sagte, sie sei eine Christin und wolle damit nichts zu tun haben, ließ sich aber überreden, weil es den Anwesenden helfen und ihr nicht schaden würde, und sang. Thorbjorg sagt ihr voraus, dass sie zwei gute Ehen eingehen wird, eine in Grönland und eine in Island. Mehr zu Seherinnen in den Beiträgen zur Völva und zum Seiðr. Die Szene wird teils als Zeugnis nordischer Religion gelesen, teils als polemische Darstellung aus christlicher Feder.

Die Pilgerin. Nach der Grœnlendinga saga starb Karlsefni in Island. Snorri heiratete, und Gudrid unternahm eine Pilgerreise nach Rom. Währenddessen ließ Snorri bei Glaumbær eine Kirche bauen. Gudrid kehrte zurück, wurde Nonne und lebte als Einsiedlerin in der Kirche. Die Eiríks saga kennt die Reise nicht. Helgi Þorláksson fand genau das „rätselhaft“ und sieht darin eine spätere Zutat zur Aufwertung des Hofes Glaumbær. Ob Gudrid den Papst traf, wie oft behauptet wird, ist nicht belegt. Die Webseite des Museums in Glaumbær nennt sie eine Frau, die Europa zweimal zu Fuß durchquert und acht Ozeanfahrten gemacht habe; das ist ein Museumsslogan, kein Quellenbefund. Die Sagas nennen diese Zahlen nicht.

Archäologie: L'Anse aux Meadows, die Baumringe und Glaumbær

L'Anse aux Meadows. Der Platz liegt an der Nordspitze Neufundlands. Der Norweger Helge Ingstad wurde 1960 von dem Ortsansässigen George Decker zu überwachsenen Wällen geführt, die man dort „altes Indianerlager“ nannte. Zusammen mit der Archäologin Anne Stine Ingstad grub er von 1961 bis 1968; später folgten Grabungen von Parks Canada. Freigelegt wurden die Fundamentreste von acht Gebäuden des 11. Jahrhunderts, Torfwände über Holzgerüst wie in Island und Grönland, mit langen schmalen Herdstellen. Dazu kamen eine Schmiede, eine Zimmerei, ein Meiler für Holzkohle, Schlacke aus Raseneisenerz und viele Schiffsnieten, die den Platz als nordisch auswiesen. Funde wie eine Bronzenadel mit Ring, eine Öllampe, ein Spinnwirtel und eine Knochennadel zeigen, dass nicht nur Männer dort arbeiteten. Seit 1978 ist der Ort UNESCO-Welterbe.

Was der Platz ist. Ein Autor der Canadian Mysteries nennt ihn eine „hoch spezialisierte Siedlung ohne Landwirtschaft“: keine Viehställe, keine Spuren von Weide oder Anbau, bestimmbare Knochen nur von Robben und Walen. Eleanor Barraclough sieht eine zeitweilige Werft, die geordnet aufgegeben wurde. Die Gebäude hätten 30 bis 160 Menschen fassen können. Das passt zu einer Basis, nicht zu einem Hof mit Vieh. Im nordischen Fundhorizont lagen Butternüsse, die nicht nördlich von New Brunswick wachsen; daraus schließt man auf Fahrten weiter nach Süden, nicht auf Karlsefnis Route.

Das Jahr 1021. 2021 veröffentlichten Margot Kuitems, Michael Dee und elf weitere Autoren in Nature eine Datierung, die auf einem Sonnenereignis im Jahr 993 beruht: Kosmische Strahlung ließ den Gehalt an Kohlenstoff-14 in der Atmosphäre sprunghaft steigen, und dieser Ausschlag steht in den Jahrringen von Bäumen auf der ganzen Welt. Drei Holzstücke aus verschiedenen Bäumen, mit Metallwerkzeugen mit sauberen, flachen Schnitten bearbeitet, zeigten den Ausschlag. Zählt man die Jahrringe bis zur Rinde, ergibt sich als bester Wert für alle drei das Fälljahr 1021; einzelne Rechnungen lassen auch 1019, 1020 und 1022 zu. Die Autoren sprechen von einem starken Hinweis auf nordische Aktivität im Jahr 1021; wie das Jahr zur Gesamtgeschichte der Fahrten passt, lassen sie offen.

Was das bedeutet: Das erste Mal gibt es ein absolutes Datum für Europäer in Amerika. Was es nicht bedeutet: Es sagt nichts über Karlsefni, Leif oder irgendeinen Namen; es sagt auch nichts über Dauer oder Ankunft. Wer „Karlsefni 1021“ schreibt, verbindet Befund und Saga ohne Grundlage. Schätzungen der Belegungsdauer reichen von rund zwei Jahrzehnten bis zu einem Jahrhundert.

Ist L'Anse aux Meadows Straumfjörðr, Hóp oder keines von beiden? Birgitta Wallace (2003) suchte Straumfjörðr dort; Jónas Kristjánsson und andere (2012) sahen dort Kjalarnes und setzten Straumfjörðr nach Sop's Arm in Neufundland. Helge und Anne Stine Ingstad hielten Karlsefnis Basis für eine Erfindung nach dem Muster von Leifs Hütten. Mindestens 15 Orte zwischen der Ungava-Bucht und dem Hudson wurden vorgeschlagen. Wo Hóp lag, ist offen. Die Grabung in Point Rosee im Südwesten Neufundlands ergab 2015 und 2016 keine Spur nordischer Anwesenheit.

Die Skrælingar. Wer sie waren, ist offen. Zur Wahl stehen die Dorset-Kultur, die bis etwa 800 in Neufundland lebte, Vorfahren der Innu und Beothuk und Vorfahren der Mi'kmaq weiter südlich. Die Thule, Vorfahren der Inuit, erreichten die östliche Arktis nach einer Seite der Canadian Mysteries erst im 13. Jahrhundert; das Dictionary of Canadian Biography hält dagegen Inuit für wahrscheinlicher. Die Quellen sind uneins. Archäologische Spuren des Kontakts am Platz selbst gibt es nicht.

Glaumbær in Island. Im Skagafjörður, wo die Sagas Karlsefni nach der Rückkehr siedeln lassen, fand das Skagafjörður Archaeological Settlement Survey unter John Steinberg eine wikingerzeitliche Langhalle von etwa 29 Metern Länge, mit Torfwänden von 1,8 Metern Dicke. Die Halle hat drei Bauphasen; die jüngste war vor der Hekla-Asche von 1104 verlassen. Ein Rinderkiefer vom Fußboden ergibt kalibriert 983 bis 1034 (Mittelwert 1018). Der Autor stellt die Verbindung zu Snorri und Gudrid ausdrücklich nur als Möglichkeit dar: Es fehlen Funde, die zur Neuen Welt führen, nur ein kleiner Teil ist ausgegraben, die Datierung stützt sich auf eine Probe.

Regionaler Bezug: Nordsee, Hamburg-Bremen und kein Rheinland

Für das Rheinland und Aachen gibt es keinen belegten Bezug zu Karlsefni oder Gudrid. Die Wikinger am Niederrhein sind eine andere Geschichte (siehe Wikinger bei Aachen). Der nordwestdeutsche Bezug läuft über einen Chronisten: Adam von Bremen, Domherr beim Erzbistum Hamburg-Bremen, schrieb zwischen 1073 und 1076 seine Kirchengeschichte, die Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, und ergänzte sie bis zu seinem Tod, wohl 1081, spätestens vor 1085. Das Erzbistum war die „Mission des Nordens“ und beanspruchte Zuständigkeit für Skandinavien, Island und Grönland, bis 1105 in Lund ein eigener Sitz entstand. Adam besuchte den Hof des dänischen Königs Svein Estridsson, und von ihm stammt, was er über die Inseln im Nordmeer schrieb. Im vierten Buch, im Abschnitt über die Inseln des Nordens (Descriptio insularum Aquilonis, nach Ausgabe als Kapitel 38 oder 39 gezählt), erwähnt er eine Insel, die „von vielen im Ozean gefunden“ worden sei und „Vinland“ heiße, weil dort „wilde Reben wachsen, die den besten Wein geben“; dass dort ungesät Getreide reichlich wachse, sei „keine Fabel“, sondern wisse man „aus den Berichten der Dänen“. Jenseits liege kein bewohnbares Land, nur Eis und endloses Dunkel. Das ist, soweit ich sehe, die älteste schriftliche Nennung Vinlands in Europa, rund 60 bis 70 Jahre nach den Fahrten und unabhängig von den Sagas. Karlsefni nennt Adam nicht. Mehr zu ihm im Beitrag Adam von Bremen und zur Hamburger Mission im Beitrag zu Ansgar.

Nachleben und Legende

Die Nachkommen. Die Sagas schließen mit einer Ahnenreihe: Snorris Tochter Hallfríðr wurde die Mutter des Bischofs Thorlak Runólfsson von Skálholt, sein Sohn Thorgeir der Großvater des ersten Bischofs Brand von Hólar; ein Nachkomme von Snorris Bruder Thorbjorn, Björn Gilsson, wurde ebenfalls Bischof in Hólar. Der Gesetzessprecher Haukr Erlendsson führte sich auf Karlsefni zurück; die Sagas zeichnen die Stammeltern einer Elite entsprechend freundlich. Snorris Geburtsjahr wird mit 1004 bis 1013 angegeben; die Genealogien stimmen nicht in jedem Punkt überein. Mehr zu Erbe und Genen im Beitrag Vinland-DNA.

Statuen und Romane. 1920 wurde in Philadelphia eine Karlsefni-Statue von Einar Jónsson enthüllt, die 2018 gestürzt und danach restauriert wurde (aktueller Stand zu prüfen). Ásmundur Sveinsson schuf 1938 für die Weltausstellung 1939 eine Gudrid-Statue, die in Glaumbær steht. Maurice Hewlett schrieb 1918 den Roman Gudrid the Fair, Nancy Marie Brown 2015 The Saga of Gudrid the Far-Traveler; in Makoto Yukimuras Manga Vinland Saga trägt der Held den Namen Thorfinn, die Handlung ist freie Erzählung.

„There was born the first autumn, Snorri, Karlsefni's son, and he was three years old when they went away.“ … „The next summer went Karlsefni to Iceland, and Gudrid with him, and he went home to Reynisness.“
„Im ersten Herbst wurde Snorri geboren, Karlsefnis Sohn, und er war drei Jahre alt, als sie fortgingen.“ … „Im nächsten Sommer fuhr Karlsefni nach Island, und Gudrid mit ihm, und er zog heim nach Reynisnes.“Saga von Thorfinn Karlsefni (Eiríks-saga-Fassung), englische Übersetzung auf sacred-texts.com („The Norse Discovery of America“), über ein Abrufwerkzeug gelesen, das die Seite zusammenfasste und diese Sätze als Wortlaut wiedergab; deutsche Fassung eigene Übersetzung

Was gesichert ist

  • Zwei Sagas, die Eiríks saga rauða (Hauksbók 1302 bis 1310, Skálholtsbók 15. Jahrhundert) und die Grœnlendinga saga (Flateyjarbók, spätes 14. Jahrhundert), erzählen Karlsefnis Fahrt; sie sind Jahrhunderte jünger als die Ereignisse und widersprechen sich.
  • L'Anse aux Meadows in Neufundland ist ein nordischer Platz des 11. Jahrhunderts mit acht Gebäuden, Schmiede und Zimmerei; seit 1978 UNESCO-Welterbe.
  • Drei dort geborgene Hölzer wurden nach Kuitems et al. (Nature 2021) mit Metallwerkzeugen im Jahr 1021 gefällt (Fenster 1019 bis 1022).
  • Adam von Bremen nennt um 1075 nach dänischen Berichten eine Insel Vinland mit wilden Reben und selbstgesätem Getreide.
  • In Glaumbær liegt eine Langhalle des frühen 11. Jahrhunderts (Datierung 983 bis 1034 aus einer Probe); der Bezug zu Gudrid und Snorri ist eine Möglichkeit, kein Befund.

Mythos-Check

  • „1021 ist das Jahr, in dem Karlsefni landete.“ Es ist das Fälljahr dreier Hölzer. Namen und Ankunft lassen sich daraus nicht ableiten.
  • „L'Anse aux Meadows ist Karlsefnis Siedlung.“ Strittig. Der Platz zeigt Werft, Schmiede und Zimmerei, keinen Hof mit Vieh. Die Zuordnung zu Straumfjörðr, Leifsbúðir oder keinem von beiden ist offen.
  • „Snorri war das erste europäische Kind in Amerika.“ Nur nach den Sagas und nur, wenn Grönland nicht zu Amerika zählt. Nachweisbar ist es nicht.
  • „Gudrid traf den Papst.“ Nicht belegt. Die Romreise steht nur in der Grœnlendinga saga, in einer womöglich später überarbeiteten Passage.
  • „Gudrid durchquerte Europa zweimal zu Fuß und fuhr achtmal über den Ozean.“ Museumsangabe, nicht Quelle.
  • „Die Skrælingar waren Inuit.“ Umstritten; Dorset, Vorfahren der Innu und Beothuk oder der Mi'kmaq kommen ebenso in Frage.
  • „Die Sagas sind Augenzeugenberichte.“ Sie wurden 200 bis 400 Jahre später niedergeschrieben, mit Interesse der Nachkommen.

Was offen bleibt

Offen sind Karlsefnis und Gudrids Lebensdaten, die Lage von Straumfjörðr und Hóp und die Frage, ob die zwei Sagas auf dasselbe Ereignis oder auf zwei Überlieferungen zurückgehen. Offen ist, ob Gudrid je in Rom war, wer die Skrælingar waren und wie lange der Aufenthalt dauerte. Ein Fund mit Namen oder ein weiterer nordischer Platz südlich von Neufundland könnte vieles klären; bisher hat die Suche (Point Rosee) nichts ergeben.

Häufige Fragen

Wer war Thorfinn Karlsefni? Ein isländischer Kaufmann, der nach den Sagas in Grönland Gudrid heiratete und eine Siedlungsfahrt nach Vinland leitete. Sein Lebenslauf stützt sich allein auf Sagas des 13. und 14. Jahrhunderts.

Gab es die Siedlung wirklich? Ein nordischer Platz in Neufundland ist archäologisch belegt, aber keine Siedlung mit Vieh. Ob er mit Karlsefnis Fahrt zu tun hat, ist offen.

Was bedeutet die Datierung auf 1021? Drei Hölzer wurden 1021 gefällt, mit Metallwerkzeugen. Das ist das erste absolute Datum für Europäer in Amerika, aber kein Karlsefni-Datum.

War Gudrid in Rom? Die Grœnlendinga saga sagt es, die Eiríks saga nicht. Nachweisen lässt es sich nicht.

Warum steht Adam von Bremen in diesem Zusammenhang? Er nannte um 1075 nach Berichten dänischer Gewährsleute Vinland, ohne Karlsefni zu erwähnen. Das ist ein von den Sagas unabhängiges Zeugnis.

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