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Was bedeutet „Wikinger“? Ein Wort für eine Fahrt, das zum Namen eines Zeitalters wurde

Geschichte & Funde Was bedeutet „Wikinger“? Ein Wort für eine Fahrt, das zum Namen eines Zeitalters wurde

„Wikinger“ klingt wie ein Volksname, war aber ursprünglich keiner. Im Altnordischen bezeichnete víkingr einen Mann, der auf Raub- oder Kriegsfahrt über See ging, und víking die Fahrt selbst. Woher das Wort stammt, ist bis heute nicht geklärt: Bucht, Landschaft am Oslofjord, Ruderschicht oder englischer Handelsplatz – jede Deutung hat Fürsprecher und Schwächen. Dieser Beitrag geht den Belegen nach, von Runensteinen und altenglischen Glossen über die Namen, die Franken, Iren, Araber und Byzantiner den Nordleuten gaben, bis zu den Dichtern des 19. Jahrhunderts, die aus dem Seeräuber einen Helden und aus seinem Namen eine Epoche machten.

Die kurze Antwort: Wikinger war ein Beruf auf Zeit

Wer wissen will, was „Wikinger“ heißt, bekommt eine einfache und eine schwierige Antwort. Die einfache: In den mittelalterlichen Quellen ist ein Wikinger ein Seeräuber, ein Krieger auf Beutefahrt, gleich welcher Herkunft. Das Wort sagt etwas darüber, was jemand tat, nicht darüber, woher er kam. Ein Bauer aus Jütland, der im Frühjahr auf Fahrt ging und im Herbst zurückkehrte, war für diese Monate ein Wikinger und danach wieder Bauer; der Händler auf dem Markt von Haithabu musste es nie sein.

Die schwierige Antwort betrifft die Herkunft des Wortes: Sie ist bis heute ungeklärt. Sicher ist nur, dass das Wort sowohl im Altnordischen als auch im Altenglischen vorkommt, dass es in beiden Sprachen einen Seeräuber meint und dass die englischen Belege zum Teil älter sind als die nordischen.

Dass wir heute von „den Wikingern“ als einem Volk sprechen und eine ganze Epoche „Wikingerzeit“ nennen, ist eine Gewohnheit der Neuzeit. Sie entstand im frühen 19. Jahrhundert in Skandinavien. Der Beitrag Wikinger, Normannen, Waräger, Rus hat die Grundzüge schon skizziert; hier geht es tiefer in die Belege.

Zwei Wörter: víkingr und víking

Das Altnordische, also die Sprache Skandinaviens in der Wikingerzeit und im Hochmittelalter, kennt zwei eng verwandte Wörter. Víkingr ist ein Maskulinum und bezeichnet eine Person. Víking ist ein Femininum und bezeichnet eine Unternehmung: die Fahrt über See, auf der geraubt, gekämpft und oft auch gehandelt wurde. Die feste Wendung dafür lautet fara í víking, wörtlich „in die Wiking fahren“, sinngemäß „auf Kriegsfahrt gehen“. Wer im Kampf fiel, starb í víkingu, „auf Wiking“.

Das Wort beschreibt also eine Tätigkeit, an der man teilnahm, wie an einem Feldzug. In den isländischen Sagas des 13. und 14. Jahrhunderts fahren junge Männer oft ein paar Sommer „in víking“, bevor sie einen Hof übernehmen; dort sind víkingar aber ebenso oft Räuber, die der Held bekämpft. Ob das die Wikingerzeit spiegelt oder ein späteres Erzählmuster ist, lässt sich im Einzelfall schwer sagen. Zum Quellenwert siehe die Isländersagas.

Was die Runensteine verraten

Die ältesten skandinavischen Belege für das Wort stehen nicht in Büchern, sondern auf Steinen. Runensteine sind Gedenksteine, meist aus dem späten 10. und dem 11. Jahrhundert, die Angehörige für Verstorbene setzen ließen. Die Siglen bezeichnen die Editionen: DR für Dänemark, U, Sm, Vg und G für Uppland, Småland, Västergötland und Gotland. Zur Schrift selbst siehe den Beitrag zu den Runen. Mehrere Steine nennen das Wort:

Víking ist eine Fahrt, bei der man sterben kann und für die man gelobt wird. Víkingar sind Männer, mit denen man reist, aber auch solche, vor denen man die Küste schützt. Auf dem Stein von Bro erwirbt ein Adliger Ansehen, weil er Wikinger abwehrte: Hier ist das Wort ein Gefahrenbegriff.

Ebenso aufschlussreich ist, was fehlt. Die vielen Steine für Männer, die nach England, nach Griechenland oder mit Ingvar nach Osten zogen, kommen meist ohne das Wort aus; sie sagen „er fuhr nach Westen“ oder „er starb in Serkland“ (siehe die Ingvar-Steine).

Was gesichert ist

  • Altnordisch víkingr (Person) und víking (Fahrt, Unternehmung) sind sicher belegt, unter anderem auf Runensteinen wie DR 334, DR 330, Vg 61, G 370, DR 216, Sm 10 und U 617.
  • Das Wort bezeichnet in allen frühen Belegen eine Tätigkeit oder die Männer, die sie ausübten, nie ein Volk oder eine Herkunft.
  • Altenglisch wīcing ist in Glossen des 8. Jahrhunderts belegt und meint dort einen Seeräuber; diese Belege sind älter als die skandinavischen.
  • Die Herkunft des Wortes ist nicht geklärt; mehrere Deutungen werden in der Forschung vertreten.
  • Die Verwendung von „Wikinger“ als Sammelname für alle Skandinavier und die Epochenbezeichnung „Wikingerzeit“ stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Woher kommt das Wort? Die Deutungen im Überblick

Die Etymologie, die Herleitung aus älteren Sprachstufen, ist offen. Das Wort sieht aus wie eine Ableitung mit der Endung -ing, die in germanischen Sprachen Zugehörigkeit ausdrückt: Ein víkingr wäre „einer, der zu einer vík gehört“ oder „einer, der mit vík- zu tun hat“. Was dieses vík- ist, darüber gibt es vier Hauptdeutungen.

Die Bucht. Altnordisch vík heißt „Bucht, kleine Meeresbucht“. Ein Wikinger wäre einer, der aus Buchten heraus angreift. Diese Deutung ist alt und anschaulich, hat aber eine Schwäche: Buchten gab es überall, und Händler, Fischer und Bauern lagen genauso in Buchten wie Räuber. Warum gerade der Seeräuber nach der Bucht benannt sein sollte, erklärt sie nicht recht.

Die Landschaft Viken. Víkin, „die Bucht“, hieß im Mittelalter das Gebiet um den Oslofjord. Ein víkingr wäre ursprünglich „einer aus Viken“, so wie ein Hamburger einer aus Hamburg ist. Der Beitrag über Vestfold beschreibt die Westseite dieses Fjords. Gegen die These spricht, dass das Wort in Dänemark, Schweden und England gleichermaßen verbreitet war und dort nirgends auf Viken bezogen wird.

Der Handelsplatz. Lateinisch vicus bedeutet „Dorf, Siedlung“. Daraus wurde im Altenglischen wīc, im Friesischen und Altsächsischen ähnliche Formen, für Siedlung, Lager oder Handelsplatz; man denkt an Hamwic (Southampton). Ein Wikinger wäre dann einer, der Handelsplätze aufsucht, oder einer, der im Lager liegt. Das passt zu den frühen englischen Belegen und dazu, dass gerade Handelsplätze wie Dorestad oder Quentovic Ziel von Überfällen wurden. Viele Sprachwissenschaftler halten die Ableitung trotzdem für schwierig. Weitere Vorschläge, etwa aus dem Wortfeld von víg, „Kampf“, haben weniger Anhänger; bewiesen ist keine Deutung.

Die Ruderschicht. Altnordisch vika heißt nicht nur „Woche“, sondern in der Verbindung vika sjóvar auch eine Strecke auf See, eine Art Seemeile. Die Woche, vika, begegnet auch in der alten nordischen Zeitrechnung, die der Beitrag Wikinger-Zeitrechnung beschreibt; beiden Bedeutungen liegt vermutlich die Vorstellung von Wechsel und Abfolge zugrunde. Darauf baut die jüngste These auf.

Die Ruderschicht-These: Daggfeldt und Heide

Der schwedische Forscher Bertil Daggfeldt schlug 1983 vor, víking mit einem altschwedischen Wort vika im Sinn von „Wechsel, Wende“ zu verbinden. Gemeint wäre der Wechsel der Ruderer: Auf einem Langschiff ruderte eine Mannschaft eine bestimmte Strecke, dann löste die nächste sie ab. Die Strecke zwischen zwei Wechseln, die vika, wurde so zu einem Wegmaß auf See.

Der norwegische Philologe Eldar Heide griff die Idee 2005 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Arkiv för nordisk filologi auf. Er hielt die gängigen Herleitungen für unbefriedigend und baute Daggfeldts Vorschlag aus. Nach dieser Lesart wäre víking ursprünglich eine Fahrt, auf der in Schichten gerudert wird, also eine lange Ruderfahrt, und víkingr einer, der an einer solchen Fahrt teilnimmt.

Die These hat Vorzüge. Sie erklärt, warum das Wort eine Tätigkeit meint und kein Volk. Sie verbindet es mit etwas, das tatsächlich typisch für die Fahrten war: Kriegsschiffe wurden gerudert, wenn der Wind fehlte, und lange Strecken verlangten Ablösung. Und sie passt zu einem anderen Namen: Der Name der Rus wird häufig über finnisch Ruotsi auf eine nordische Wurzel für „Rudern, Ruderer“ zurückgeführt, wie der Beitrag zur Kiewer Rus erläutert.

Die Schwäche: Die älteren englischen Belege erklärt die These nicht ohne Zusatzannahmen. Manche Darstellungen nennen sie die sprachlich am besten begründete Deutung; bewiesen ist sie nicht.

Wīcing: das Wort auf der anderen Seite der Nordsee

Das größte Rätsel liegt in England. Dort ist wīcing früher belegt als in Skandinavien, und zwar in Glossaren. Glossare sind Wörterlisten, in denen Mönche schwierige lateinische Wörter mit Wörtern der Volkssprache erklärten.

Im Épinal-Glossar, einer Handschrift aus dem frühen 8. Jahrhundert, steht beim lateinischen piraticum, „Seeraub“, die altenglische Glosse uuicingsceadan. Das jüngere Erfurter Glossar aus dem späten 8. oder frühen 9. Jahrhundert hat an derselben Stelle uuicingsceadae. Der zweite Wortteil, sceaþa, heißt „Schädiger, Räuber“. Die Handschriften sind älter als die Runensteine und wohl auch als der Überfall auf Lindisfarne im Jahr 793. Am Ende des 10. Jahrhunderts erklärt der Abt Ælfric in seiner lateinischen Grammatik pirata mit wicing oððe scegðman, „Wikinger oder Mann eines Kriegsschiffs“.

Dazu kommen Belege in der Dichtung. Das Gedicht Widsith, eine Art Katalog von Völkern und Herrschern, nennt ein wicinga cynn, ein „Geschlecht der Wikinger“. Das Bibelgedicht Exodus bezeichnet ausgerechnet die Israeliten beim Zug durch das Rote Meer als sǣwīcingas, „Seewikinger“. Beide Gedichte sind schwer zu datieren, doch der Exodus-Beleg zeigt, dass das Wort auch ohne Bezug auf Skandinavien Seekrieger meinen konnte.

Später, als die Angriffe aus dem Norden Alltag waren, bekam das Wort im Englischen den bekannten Bezug. Die Angelsächsische Chronik verwendet es selten; zum Jahr 879 heißt es, es habe sich on hloþ wicenga gesammelt, „eine Schar von Wikingern“, und bei Fulham an der Themse gelagert; zu 885 erwähnt sie sechzehn Wikingerschiffe. Das Gedicht über die Schlacht von Maldon (991) lässt einen wicinga ar, einen „Boten der Wikinger“, auftreten, und Erzbischof Wulfstan klagt in seiner Predigt an die Engländer um 1014, dass ein entlaufener Sklave „zum Wikinger“ werde.

Wie hängen das altenglische und das altnordische Wort zusammen? Drei Möglichkeiten werden erwogen. Beide könnten aus einem gemeinsamen älteren Wort stammen; das Altenglische könnte das Wort aus dem Nordischen entlehnt haben; oder das Nordische hat es aus dem Englischen oder Friesischen übernommen. Eine Entscheidung erlauben die Quellen nicht.

Ein Wort für Seeräuber jeder Herkunft

Der dänische Historiker John Lind hat 2012 in der Zeitschrift Kuml zusammengefasst, was die frühen Belege gemeinsam haben: Vom 7. bis etwa ins 13. Jahrhundert bezeichnet das Wort Seeräuber, nicht Skandinavier. Ein Wikinger musste kein Skandinavier sein. Lind bezieht außerdem ein slawisches Wort in die Diskussion ein: Urslawisch *vitędzь, aus dem etwa tschechisch vítěz, „Sieger“, und serbokroatisch vitez, „Ritter, Held“, hervorgegangen sind, wird häufig als frühe Entlehnung aus einer germanischen Vorform von „Wikinger“ angesehen. Wenn das stimmt, bekam das Wort bei den Slawen einen ehrenvollen Klang; gesichert ist das nicht.

Ein zweites Zeugnis kommt aus Norddeutschland. Adam von Bremen, Domscholaster in Bremen, schrieb um 1075 eine Geschichte des Erzbistums Hamburg-Bremen und beschrieb darin auch die dänischen Inseln. Über Seeland berichtet er im vierten Buch, dort liege viel Gold, durch Seeraub zusammengebracht. Dann folgt der Satz: Ipsi vero pyratae, quos illi Wichingos appellant, nostri Ascomannos, regi Danico tributum solvunt – „Diese Seeräuber aber, die jene Wichingi nennen, die Unseren Ascomanni, zahlen dem dänischen König Tribut.“ Adam fügt hinzu, dass sie auch über die eigenen Leute herfielen.

Für Adam war „Wikinger“ also ein dänisches Wort für eine bestimmte Gruppe von Seeräubern, nicht für die Dänen insgesamt. Sein eigenes Wort, Ascomanni, wird meist als „Eschenmänner“ gedeutet, nach dem Eschenholz, aus dem man Schiffe oder Speere fertigte; auch diese Deutung ist üblich, aber nicht zweifelsfrei.

Wie die Zeitgenossen die Nordleute nannten

Die Nachbarn der Skandinavier benutzten eigene Namen, und kaum einer davon war „Wikinger“.

Angelsachsen: Die Angelsächsische Chronik spricht meist von Dene, „Dänen“, gleich ob die Männer aus Dänemark, Norwegen oder anderswo kamen, oder vom hǣþen here, dem „heidnischen Heer“. Dazu kommen Norþmenn, „Nordmänner“. Mehr dazu bietet der Beitrag über die Wikinger in England.

Franken: Die fränkischen Annalen schreiben Nordmanni oder Normanni, „Nordleute“, eine Himmelsrichtung, kein Volksname, daneben Dani und, aus kirchlicher Sicht, pagani, „Heiden“. Aus Normanni wurde später der Name der Normannen in der Normandie, die ihrerseits bis nach Süditalien gelangten (Normannen in Süditalien).

Iren: Die irischen Annalen sagen Gaill, „Fremde“, oder gennti, „Heiden“, und unterscheiden ab der Mitte des 9. Jahrhunderts Finngaill und Dubgaill, „helle“ und „dunkle Fremde“. Was genau damit gemeint war, ist umstritten. Für die gemischten nordisch-gälischen Gruppen entstand der Name Gall-Goídil (Gall-Goídil).

Araber in al-Andalus: Die Quellen der Iberischen Halbinsel nennen die Angreifer von 844 al-Madjus, ursprünglich ein Wort für die zoroastrischen Priester Persiens, dann allgemein für Heiden (Madjus).

Der Osten: Arabische Geographen, byzantinische Autoren und die ostslawische Chronistik sprechen von den Rus beziehungsweise Rhos. Im Byzantinischen Reich kommt später Varangoi hinzu, altnordisch Væringjar, eine Bezeichnung, die meist mit várar, „Gelöbnis, Treueid“, verbunden wird und vor allem die Söldner der kaiserlichen Garde meint (Miklagard und die Waräger). Der arabische Gesandte Ibn Fadlan beschreibt 921/922 an der Wolga eine Gruppe, die er Rusiyya nennt (Ibn Fadlan).

Die Liste macht etwas deutlich, das man leicht übersieht: Die Zeitgenossen ordneten die Nordleute nach Himmelsrichtung, Religion, Herkunftsland oder Fremdheit ein. „Wikinger“ war für sie ein Wort für eine bestimmte Art von Gewalt auf See, keine Bezeichnung für ein Volk. Das zeigt schon der Bericht über den ersten Zusammenstoß in Wessex.

„Und in seinen Tagen kamen zuerst drei Schiffe der Nordmänner aus dem Land der Räuber. Der Vogt ritt dorthin und wollte sie zur Königsstadt treiben, denn er wusste nicht, wer sie waren; und dort wurde er erschlagen. Das waren die ersten Schiffe dänischer Männer, die das Land des englischen Volkes aufsuchten.“Angelsächsische Chronik, Eintrag zum Jahr 787, nach der englischen Übersetzung von James Ingram (1823), ins Deutsche übertragen

Drei Einzelheiten verdienen Beachtung. Erstens nennt derselbe Eintrag die Ankömmlinge in einem Atemzug „Nordmänner“ und „dänische Männer“: Für den Chronisten waren das Synonyme. Zweitens steht das Wort „Wikinger“ hier nicht. Drittens ist „Land der Räuber“ eine Eigenheit von Ingrams Übersetzung. Einige Handschriften nennen hier einen Ortsnamen, den die Forschung als Hordaland in Westnorwegen deutet. Die Datierung ist ebenfalls unsicher; der Vorfall wird meist auf 789 angesetzt.

Vom Seeräuber zum Volksnamen: der Weg durch die Jahrhunderte

In England verschwand wīcing nach der normannischen Eroberung von 1066 aus der Sprache. Im Norden lebte víkingr in den Sagas weiter, in der alten Bedeutung „Seeräuber“, oft mit negativem Beiklang. In den dänischen und schwedischen Volkssprachen der frühen Neuzeit war es ein seltenes, gelehrtes Wort.

Wie fremd es geworden war, zeigt ein Detail, auf das John Lind hinweist: Als 1633 eine dänische Übersetzung von Snorris Königsgeschichte Heimskringla im Druck erschien, versah der Übersetzer das Wort fast an jeder Stelle mit einer Erklärung. Die Leser kannten es offenbar nicht mehr.

Im 17. und 18. Jahrhundert wetteiferten dänische und schwedische Gelehrte um die ruhmreichere Vergangenheit, und die isländischen Sagas lieferten den Stoff. Den letzten Schritt tat die Romantik.

Romantik: Geijer, Tegnér und die Erfindung des Helden

1811 gründeten junge Männer in Stockholm den Gotischen Bund (Götiska förbundet), eine Gesellschaft, die das nordische Altertum als Vorbild für die Gegenwart pflegen wollte. In der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift Iduna erschien im selben Jahr das Gedicht Vikingen, „Der Wikinger“, von Erik Gustaf Geijer. Es zeichnet den Wikinger als freien, todesmutigen Seefahrer und gab dem Wort in Schweden einen positiven Klang. Esaias Tegnér, ebenfalls Mitglied des Bundes, veröffentlichte 1825 die Frithiofs saga, eine Nachdichtung einer isländischen Saga, die in ganz Europa gelesen und vielfach übersetzt wurde.

Der Wikinger war nun nicht mehr der Räuber vom Stein von Bro, sondern der Inbegriff nordischer Freiheit. Und weil diese Figur für die Vergangenheit ganzer Nationen stand, wurde das Wort zum Sammelnamen für die Skandinavier jener Zeit. Die Bilder, die daraus folgten, behandelt der Beitrag Typisch Wikinger?.

Im Englischen lässt sich der Weg recht genau verfolgen. 1801 benutzte eine Rezension von Sharon Turners History of the Anglo-Saxons die altnordische Form vikingr; 1807 schrieb George Chalmers in seinem Werk Caledonia, ein gewisser Torfin habe seine Laufbahn „als vikingr“ begonnen; 1816 erscheint in einer schottischen Zeitschrift die englische Mehrzahl Vikings. Das englische Wort ist also eine Neuentlehnung aus dem Nordischen, kein Erbe von wīcing.

Für das Deutsche ist mir ein genauer Erstbeleg von „Wikinger“ nicht bekannt. Das Wort setzte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts durch, zusammen mit der Begeisterung für nordische Stoffe, die auch Tegnérs Werk in deutscher Übersetzung verbreitete. Daneben steht bis heute die seltenere Form „Wiking“ mit der Mehrzahl „Wikinger“.

Wie aus dem Wort ein Zeitalter wurde

Parallel zur Dichtung arbeiteten die Archäologen an einer Ordnung der Vorzeit. Auf das Dreiperiodensystem des Dänen Christian Jürgensen Thomsen (Stein-, Bronze-, Eisenzeit) baute sein Schüler Jens Jacob Asmussen Worsaae auf; er wird häufig als derjenige genannt, der die Wikingerzeit als eigenen Abschnitt zwischen Eisenzeit und Mittelalter einführte. Wann genau und in welcher Schrift der Begriff erstmals auftaucht, konnte ich nicht sicher klären; fest steht, dass er sich bis zur Mitte und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der skandinavischen Forschung durchgesetzt hatte.

Die heute gängigen Eckdaten 793 und 1066 sind eine Konvention, keine Naturtatsache. 793 steht für den Überfall auf das Kloster Lindisfarne, den ersten Angriff, der in England breit dokumentiert ist. 1066 steht für die Schlacht von Stamford Bridge, in der der norwegische König Harald Hardråde fiel, und für die normannische Eroberung Englands wenige Wochen später. Beide Daten sind aus englischer Sicht gewählt.

Aus anderer Perspektive sehen die Grenzen anders aus. Der Zwischenfall in Wessex, den die Chronik zu 787 verzeichnet (wohl 789), liegt vor Lindisfarne. In Salme auf der estnischen Insel Saaremaa wurden zwei Schiffsbestattungen mit skandinavischen Kriegern ausgegraben, die meist um 750 datiert werden. John Lind schlägt vor, die Epoche im frühen 8. Jahrhundert beginnen zu lassen. In Skandinavien selbst endet die Wikingerzeit je nach Land und Betrachtung zwischen der Mitte des 11. und dem frühen 12. Jahrhundert, mit der Festigung von Königtum und Kirche.

Die Bezeichnung selbst hat einen merkwürdigen Effekt: Sie benennt dreihundert Jahre skandinavischer Geschichte nach einer Tätigkeit, die nur eine Minderheit ausübte. Dass der Name trotzdem trägt, liegt daran, dass er etwas Reales trifft: Die Fahrten über See, ob zum Raub, zum Handel oder zur Besiedlung, waren tatsächlich das, was diese Zeit von der vorhergehenden Vendelzeit unterscheidet.

Tätigkeit oder Volk: wie man das Wort heute benutzt

Viele Historiker unterscheiden heute streng: „Wikinger“ für die Männer auf Raubfahrt, „Skandinavier“ oder „Nordleute“ für die Bevölkerung insgesamt. Andere verwenden „Wikinger“ als eingeführten Namen im weiten Sinn.

Problematisch wird der weite Gebrauch, wenn falsche Schlüsse folgen: dass alle Skandinavier Krieger gewesen seien, dass es ein „Wikingervolk“ mit gemeinsamer Identität gegeben habe oder dass die Germanen der Römerzeit und die Wikinger dasselbe seien. Den letzten Punkt behandelt der Beitrag Germanen und Wikinger. Weitere Fachwörter erklärt die Begriffskunde.

Mythos-Check

  • „Die Wikinger nannten sich selbst Wikinger.“ Nicht als Volk. Einzelne Männer nannten sich so, etwa Tóki auf dem Stein Sm 10, und Fahrten hießen víking. Eine Selbstbezeichnung der Skandinavier insgesamt war das Wort nie.
  • „Wikinger heißt ‚Buchtbewohner‘.“ Das ist eine von mehreren Deutungen, nicht die gesicherte Bedeutung. Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt.
  • „Das Wort kommt aus Skandinavien und wurde von den Opfern übernommen.“ Die ältesten Belege stammen aus englischen Glossaren des 8. Jahrhunderts. Ob das Wort im Norden oder in England entstand, ist offen.
  • „Wikinger war ein Ehrentitel.“ Teils. Auf manchen Runensteinen ist die Fahrt Anlass zum Lob, auf U 617 ist der Wikinger der Feind. Das rein positive Bild stammt aus der Romantik.
  • „Die Wikingerzeit dauerte genau von 793 bis 1066.“ Diese Daten sind eine moderne, aus englischer Sicht gewählte Konvention. Skandinavische Fahrten über See sind schon vor 793 belegt, und in Skandinavien endet die Epoche nicht an einem Tag.

Häufige Fragen

Was heißt „Wikinger“ wörtlich? Eine wörtliche Übersetzung gibt es nicht, weil die Herkunft ungeklärt ist. In der Sache bedeutet altnordisch víkingr „Seekrieger, Seeräuber“, víking die Fahrt dazu.

Woher kommt das Wort „Wikinger“? Aus dem Altnordischen víkingr, das im Altenglischen als wīcing eine Entsprechung hat. Ins Deutsche und Englische kam es erst im 19. Jahrhundert.

Waren alle Skandinavier Wikinger? Nein. Im ursprünglichen Sinn war nur Wikinger, wer auf Raub- oder Kriegsfahrt ging, und das war eine Minderheit.

Was ist der Unterschied zwischen Wikingern und Normannen? „Normannen“ kommt von lateinisch Normanni, „Nordleute“, dem fränkischen Namen für die Skandinavier. Später wurde er zum Namen der Bewohner der Normandie. Mehr im Beitrag Wikinger, Normannen, Waräger, Rus.

Seit wann spricht man von der Wikingerzeit? Der Begriff stammt aus der skandinavischen Archäologie des 19. Jahrhunderts. Die Eckdaten 793 und 1066 sind eine spätere Konvention.

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