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Die Leute von Vestfold – Kaupang, Borre und ein dänischer Schatten

Geschichte & Funde Die Leute von Vestfold – Kaupang, Borre und ein dänischer Schatten

Die erste Nachricht über Vestfold kommt nicht aus Norwegen, sondern aus dem Frankenreich. Im Jahr 813 notieren die fränkischen Reichsannalen, zwei dänische Könige seien mit einem Heer nach „Westarfolda" gezogen, weil dort Fürsten und Volk nicht gehorchen wollten. Das äußerste Ende ihres Reiches, schreibt der Annalist. Das ist der Schlüssel zu dieser Landschaft am Westufer des Oslofjords: prächtige Schiffsgräber, der älteste Handelsplatz Norwegens, eine Königsgenealogie mit Göttern am Anfang – und über allem der lange Schatten Dänemarks.

Grabhügel im Gräberfeld von Borre bei Horten
Ein Grabhügel im Gräberfeld von Borre bei Horten in Vestfold. Nach den Funden aus einem Schiffsgrab, das hier 1852 geöffnet wurde, heißt ein ganzer Kunststil der Wikingerzeit: der Borre-Stil. Foto: Helen Simonsson, CC BY-SA 4.0.

Ein Land am Fjord

Vestfold ist die Landschaft westlich der Einfahrt in den Oslofjord, von Horten im Norden bis Larvik im Süden. Flaches, fruchtbares Land, geschützte Buchten, kurze Wege übers Wasser nach Süden. Wer von hier aus nach Jütland wollte, war in wenigen Tagen dort. Wer nach Trøndelag wollte, brauchte Wochen.

Diese Lage erklärt fast alles, was folgt. Vestfold war im 9. Jahrhundert eine der reichsten Gegenden Skandinaviens, und es blickte nach Süden. Die berühmtesten Funde der norwegischen Wikingerzeit stammen von hier: das Oseberg-Schiff, das 834 in einem Grabhügel versenkt wurde, und das Gokstad-Schiff aus einem Grab um 900. Beiden haben wir eigene Artikel gewidmet. Hier geht es um die Leute, die sie hinterlassen haben.

Westarfolda: der erste Name

Die fränkischen Reichsannalen berichten zum Jahr 813, die dänischen Könige Harald und Reginfrid seien nicht zu Hause gewesen, als fränkische Gesandte eintrafen. Sie waren mit einem Heer nach Westarfolda gezogen, sinngemäß: in die äußerste Gegend ihres Reiches zwischen Norden und Westen, gegenüber der Nordspitze Britanniens, deren Fürsten und Volk sich ihnen nicht unterwerfen wollten. Die Könige unterwarfen sie und kehrten zurück – und wurden gleich darauf von den Söhnen König Godfreds aus dem Land gejagt.

Das ist die älteste schriftliche Erwähnung Vestfolds, und sie sagt zweierlei. Erstens: Aus Sicht des fränkischen Hofes gehörte Vestfold zum Reich der Dänenkönige. Zweitens: Die Leute dort sahen das nicht unbedingt genauso. Beides wird uns durch das ganze Jahrhundert begleiten.

Sciringes heal: Ottars Hafen

Achtzig Jahre später saß ein Mann aus dem hohen Norden am Hof König Alfreds von Wessex und beschrieb seine Reisen: Ottar von Hålogaland. Sein Bericht, aufgeschrieben in altenglischer Sprache, nennt einen Hafen im Süden Norwegens:

Þonne is ān port on sūðeweardum þǣm lande, þone man hǣt Sciringeshēal.

„Dann gibt es einen Handelsplatz im südlichen Teil des Landes, den man Sciringes heal nennt."Bericht Ottars, eingefügt in die altenglische Orosius-Übersetzung, spätes 9. Jahrhundert; Übertragung von uns

Von dort, sagt Ottar, segelte er in fünf Tagen nach Haithabu, und dabei lag Dänemark an Backbord. Mehr zu diesem Hafen im Artikel über Haithabu. Der Name Sciringes heal entspricht dem altnordischen Skíringssalr, der Halle von Skiring. In Tjølling bei Larvik ist der Name bis ins Spätmittelalter bezeugt. Bei Huseby, nicht weit vom Ufer, wurde 2000 und 2001 eine große Halle ausgegraben, mehr als dreißig Meter lang, die etwa von der Mitte des 8. Jahrhunderts bis um 900 stand. Dazu gehören ein Thingplatz und, nach späterer Überlieferung, ein Opferfest, zu dem die Leute der ganzen Viken-Region kamen.

Kaupang: die erste Stadt Norwegens

Wenige Kilometer von der Halle entfernt liegt Kaupang, altnordisch „Kaufhafen". Schon 1867 untersuchte Nicolay Nicolaysen dort Grabhügel. Charlotte Blindheim grub ab den 1950er-Jahren über Jahrzehnte Gräber und Teile der Siedlung aus. Das heutige Bild aber stammt vom Kaupang-Projekt der Universität Oslo unter Dagfinn Skre, das von 1998 bis 2003 lief und dessen Ergebnisse ab 2007 in mehreren Bänden erschienen.

Nach Skre wurde Kaupang um 800 gegründet, mit abgesteckten Parzellen entlang des Ufers, auf denen Häuser und Werkstätten standen. Hier arbeiteten Schmiede, Perlenmacher und Bernsteinschnitzer, hier wurde mit Gewichten und Hacksilber gehandelt. Unter den Funden sind arabische Silbermünzen, fränkisches Glas, Keramik vom Kontinent, Speckstein aus Norwegens Bergen und Eisen aus dem Binnenland. Der Handelsplatz lebte davon, Waren aus dem Norden gegen Waren aus dem Süden zu tauschen. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts wurde er aufgegeben; Skre bringt das mit dem Wandel der religiösen und politischen Ordnung in der Region in Verbindung.

Dass Kaupang Ottars Sciringes heal ist, gilt heute als sehr wahrscheinlich. Ganz unumstritten ist es nicht, denn kein Fund trägt den Namen. Aber Lage, Zeit und Bedeutung passen, und kein anderer Kandidat bietet sich an.

Borre: Hügel, Hallen und ein Stil

Im Norden Vestfolds, bei Horten, liegt das Gräberfeld von Borre: sieben große und über zwanzig kleinere Grabhügel, dazu Steinhügel. Die ältesten Hügel reichen in die Zeit um 600 zurück, also vor die Wikingerzeit. Hier wurde über Jahrhunderte Macht zur Schau gestellt.

1852 nutzten Straßenbauer einen der großen Hügel als Kiesgrube und zerstörten dabei ein Schiffsgrab. Nicolaysen rettete, was zu retten war: Waffen, Reitzeug, Beschläge. Darunter waren vergoldete Bronzebeschläge eines Pferdezaumzeugs mit einem Ornament aus ineinandergreifenden Ringketten und Tieren, die mit ihren Pfoten nach allem greifen, was um sie herum ist. Nach diesen Stücken nennt die Kunstgeschichte einen ganzen Stil: den Borre-Stil, grob von der Mitte des 9. bis in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts in Gebrauch, von Island bis Russland verbreitet. Mehr dazu in unserem Überblick über die Kunststile der Wikingerzeit.

Seit 2007 hat Bodenradar bei Borre die Grundrisse großer Hallen sichtbar gemacht. Eine 2020 veröffentlichte Studie beschreibt drei Bauten, der größte rund 63 Meter lang. Zwei davon datieren in die Zeit vor der Wikingerzeit, der dritte ist nicht datiert. Die Hügel standen also nicht allein in der Landschaft, sondern neben Hallen, in denen gefeiert, beraten und geherrscht wurde.

Das Ynglingatal: ein schwieriger Zeuge

Wer die Könige von Vestfold beim Namen nennen will, landet beim Ynglingatal. Das Gedicht wird dem Skalden Þjóðólfr aus Hvinir zugeschrieben und zählt die Vorfahren eines Königs Rǫgnvaldr auf, bis zurück zu den Ynglingern in Uppsala und zum Gott Freyr. Für jeden König nennt es Tod und Grab, und zwei der Gräber liegen in Vestfold:

Ok Skereið í Skíringssal of brynjalfs beinum drúpir.

„Und Skereið in Skiringssal neigt sich über den Gebeinen des Brünnen-Elfen."Ynglingatal, Strophe auf Hálfdan hvítbeinn, zitiert in Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kap. 44; Übertragung von uns
Ok buðlung á Borrói sigrhafendr síðan fǫlu.

„Und den Fürsten bargen die Siegreichen danach in Borre."Ynglingatal, Strophe auf Hálfdan inn mildi, zitiert in Ynglinga saga, Kap. 47; Übertragung von uns

Das sieht nach einem Fund aus: Königsgräber in Borre und Skiringssal, bezeugt in einem Gedicht des 9. Jahrhunderts. Das Problem ist das „des 9. Jahrhunderts". Der norwegische Historiker Claus Krag hat argumentiert, das Gedicht sei erst im 12. Jahrhundert entstanden, als man für das norwegische Königshaus einen würdigen Stammbaum brauchte. Andere, darunter Dagfinn Skre, halten an einer Entstehung in der Wikingerzeit fest, unter anderem weil die Ortsnamen im Gedicht nur in dieser Zeit Gewicht hatten. Die Debatte ist nicht entschieden.

Selbst wenn das Gedicht alt ist: Welcher König in welchem Hügel liegt, sagt es nicht so, dass man es ausgraben könnte. Die Gleichsetzung des Gokstad-Hügels mit dem Grab Óláfs Geirstaðaálfr aus der Saga ist eine alte Vermutung, keine Tatsache. Und die Linie von diesen Königen zu Harald Schönhaar, die Snorri zieht, ist genau die Stelle, an der Genealogie zu Politik wird.

Der dänische Schatten

Zurück zu den Franken. Die Nachricht von 813 steht nicht allein. Ottar segelt von Sciringes heal nach Haithabu mit Dänemark an Backbord und sagt, Haithabu gehöre zu den Dänen. Kaupangs Funde weisen stark nach Süden, in den dänischen Raum. Skre hat daraus die These entwickelt, dass Kaupang auf Betreiben des dänischen Königs gegründet wurde, der damals die beherrschende Macht im südwestlichen Skandinavien war, und dass Vestfold von etwa 800 bis 950 zum dänischen Machtbereich gehörte. Seine Leseart des Ynglingatal spielt dabei eine Rolle, was die These nicht sicherer macht.

Um 965 ließ Harald Blauzahn in Jelling in Stein meißeln, er habe „ganz Dänemark und Norwegen" für sich gewonnen. Die Herrschaft über Viken, das Land um den Oslofjord, war für die Dänenkönige keine Eroberung in der Ferne, sondern der Anspruch auf eine Nachbarregion, die schon ihre Vorgänger beansprucht hatten. Ob die Leute von Vestfold sich als Untertanen dänischer Könige sahen, als Verbündete oder als Eigenständige, die gelegentlich Tribut zahlten, wissen wir nicht. Die Annalen von 813 zeigen immerhin, dass sie gelegentlich Nein sagten.

Grab, Gedicht, Annalen – sauber getrennt

Archäologisch belegt sind der Handelsplatz Kaupang von etwa 800 bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts, die Halle von Huseby in Skiringssal, das Gräberfeld von Borre mit seinen Hallen, die Schiffsgräber von Oseberg und Gokstad und die Funde, nach denen der Borre-Stil benannt ist.

Zeitgenössisch schriftlich belegt sind die Nachricht der fränkischen Reichsannalen von 813 über Westarfolda und Ottars Bericht über Sciringes heal aus dem späten 9. Jahrhundert.

Umstritten ist das Ynglingatal: Gedicht des 9. oder Konstruktion des 12. Jahrhunderts. Spätere Überlieferung ist Snorris Ynglinga saga mit ihren Zuordnungen von Königen zu Hügeln.

Moderne Deutung sind die Gleichsetzung von Kaupang mit Sciringes heal, die dänische Gründung Kaupangs und die Frage, welcher König wo begraben liegt. Vestfold braucht keine erfundenen Könige. Es hat genug echte Hügel. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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