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Fimbulwinter: drei Winter ohne Sommer, ein verdunkelter Himmel im Jahr 536 und die Frage, ob ein Mythos sich erinnert

Geschichte & Funde Fimbulwinter: drei Winter ohne Sommer, ein verdunkelter Himmel im Jahr 536 und die Frage, ob ein Mythos sich erinnert

Bevor die Götter fallen, kommt die Kälte. So erzählt es Snorri Sturluson um 1220: drei Winter hintereinander, Schnee aus allen Richtungen, eine Sonne, die nichts mehr nützt, und davor drei Jahre Krieg. Das Wort dafür, fimbulvetr, steht schon in einem Eddalied, das älter ist als Snorri. Seit einigen Jahrzehnten fragen Archäologen und Klimaforscher, ob hinter diesem Bild eine wirkliche Katastrophe steckt: die Vulkanausbrüche von 536 und um 540, die den Norden in das wohl kälteste Jahrzehnt der letzten zweitausend Jahre stürzten. Dieser Beitrag legt die Textstellen offen, prüft, was die Naturwissenschaft tatsächlich gemessen hat, und trennt sauber zwischen Befund und Deutung. Die kurze Antwort vorweg: Die Klimakrise ist belegt, der Fimbulwinter als Text ist belegt. Dass das eine vom anderen erzählt, lässt sich nicht beweisen.

Was das Wort bedeutet

Fimbulvetr, eingedeutscht Fimbulwinter, ist ein altnordisches Kompositum aus fimbul- und vetr, „Winter“. Das Vorderglied kommt nie allein vor. Es verstärkt, ungefähr im Sinn von „gewaltig“, „ungeheuer“ oder „groß“, und taucht auch in anderen Wörtern der Eddadichtung auf: Die Völuspá nennt Odin in einer ihrer letzten Strophen Fimbultýr, den „gewaltigen Gott“, und in den Hávamál ist von fimbulljóð die Rede, mächtigen Liedern, die Odin gelernt haben will. Woher fimbul- sprachgeschichtlich stammt, ist ungeklärt; die Wörterbücher geben die Bedeutung an, die Herkunft nicht.

Wichtig für alles Weitere ist ein schlichter Befund. Das Wort fimbulvetr ist in der mittelalterlichen Literatur selten. Es gibt genau zwei Texte, die den großen Winter als Vorzeichen des Weltendes nennen: ein Lied der Lieder-Edda und Snorris Prosaerzählung, die dieses Lied kennt und zitiert. Ein Überblick über die beiden Edden findet sich im Beitrag Edda.

Vafþrúðnismál 44–45: der Winter als Frage

Die älteste Nennung steht im Vafþrúðnismál, dem Lied von Vafþrúðnir. Odin, der sich Gagnráðr nennt, besucht einen weisen Riesen und fordert ihn zu einem Wissenswettstreit heraus, bei dem der Verlierer seinen Kopf verliert. Die Fragen wandern von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Ende. In Strophe 44 fragt Odin, welche Menschen am Leben sein werden, wenn der berühmte fimbulvetr unter den Menschen vergangen ist. Im Altnordischen lauten die beiden entscheidenden Zeilen hvat lifir manna, þá er inn mæra líðr / fimbulvetr með firum? Das Beiwort mærr heißt „berühmt“ oder „herrlich“. Der Winter ist im Lied also schon eine bekannte Größe, über die man spricht. Die Strophe erklärt ihn nicht, sie setzt ihn voraus.

Vafþrúðnir antwortet in Strophe 45 mit zwei Namen: Líf und Lífþrasir verbergen sich in Hoddmímis holt, dem Gehölz des Hoddmímir, ernähren sich vom Morgentau und werden die Stammeltern einer neuen Menschheit. Karl Simrock hat das 1851 so übertragen, dass man den Klang der Langzeilen noch hört.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,
Befrug der Wesen viel.
Wer lebt und leibt noch, wenn der lang besungne
Schreckenswinter schwand?
Lif und Lifthrasir leben verborgen
In Hoddmimirs Holz.
Morgenthau ist all ihr Mal:
Von ihnen stammt ein neu Geschlecht.Vafþrúðnismál, Strophen 44 und 45, Übersetzung Karl Simrock, Die Edda (gemeinfrei); Wortlaut nach dem Text bei Projekt Gutenberg gelesen, dort nach einer späteren Auflage (1878), Schreibung wie dort

Zwei Dinge fallen auf. Simrock schreibt „Schreckenswinter“, nicht „Fimbulwinter“; er übersetzt das Vorderglied, statt es stehen zu lassen. Und das Lied sagt nichts über die Dauer, nichts über drei Winter, nichts über ausbleibende Sommer. Es nennt einen großen Winter und zwei Überlebende. Mehr steht nicht da. Dass das Vafþrúðnismál den Fimbulwinter als drei Winter ohne Sommer „beschreibe“, liest man oft, auch in guten Darstellungen. Genau genommen stammt diese Ausmalung erst von Snorri.

Wann das Lied entstand, ist offen. Üblich ist eine Datierung ins 10. Jahrhundert, sicher ist sie nicht. Überliefert ist es im Codex Regius, einer isländischen Handschrift um 1270.

Gylfaginning 51: Snorri malt das Bild aus

Die ausführliche Fassung steht in der Gylfaginning, dem ersten erzählenden Teil der Prosa-Edda, die Snorri Sturluson um 1220 bis 1225 verfasste. Der Schwedenkönig Gylfi fragt in Verkleidung drei rätselhafte Gestalten über die Götter aus. Nach dem Tod Baldrs und der Fesselung Lokis kommt das Gespräch auf das Ende. In Kapitel 51 (die Kapitelzählung folgt der üblichen Einteilung; einzelne Ausgaben zählen abweichend) heißt es, hier in eigener Übertragung nach dem normalisierten altnordischen Text: Es kommt ein Winter, der fimbulvetr heißt. Dann treibt Schnee aus allen Himmelsrichtungen. Die Fröste sind groß und die Winde scharf. Die Sonne nützt nichts. Diese Winter gehen drei zusammen, und kein Sommer dazwischen. Vorher aber kommen drei andere Winter, in denen über die ganze Welt große Kämpfe sind. Dann erschlagen Brüder einander aus Habgier, und niemand schont Vater oder Sohn beim Totschlag und beim Bruch der Sippe.

Der Satz über die Sonne lautet im Original nur drei Wörter: Ekki nýtr sólar. Man kann ihn verstehen als „Die Sonne hilft nicht mehr“ oder „Von der Sonne hat man keinen Nutzen“. Wer an 536 denkt, liest hier unwillkürlich mehr hinein, als dasteht. Snorri sagt nicht, dass die Sonne verdunkelt ist; er sagt, dass sie nichts mehr bewirkt.

Bemerkenswert ist die Reihenfolge. Der Text nennt zuerst den Fimbulwinter, schiebt dann aber mit dem Wort áðr, „vorher“, die drei Kriegswinter davor. Wer die Abfolge nachrechnet, kommt auf sechs Winter: drei Jahre Krieg und Sippenmord, dann drei Jahre Kälte ohne Sommer. Erst danach verschlingt der Wolf die Sonne, ein zweiter Wolf packt den Mond, die Sterne fallen, die Erde bebt, und Fenrir reißt sich los. Die Wölfe bleiben an dieser Stelle namenlos; Snorri hat sie schon in Kapitel 12 als Skǫll und Hati vorgestellt (mehr dazu im Beitrag Skoll und Hati).

Zur Bekräftigung zitiert Snorri gleich im Anschluss eine Strophe der Völuspá, die mit „Brüder werden sich bekämpfen“ beginnt. Die drei Kriegswinter verbinden die Bruderkrieg-Strophe der Völuspá mit dem Fimbulwinter des Vafþrúðnismál. Ob Snorri für die Zahl drei und das Fehlen der Sommer eine weitere, heute verlorene Quelle hatte, oder ob er selbst systematisiert, lässt sich nicht entscheiden. Beides ist möglich, und die Forschung ist hier uneins.

Die Völuspá: Verdunklung und Bruderkrieg, aber kein Fimbulwinter

Das berühmteste Endzeitgedicht des Nordens, die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, kennt das Wort fimbulvetr nicht. Zwei Strophen kommen dem Bild aber nahe.

Die erste ist die Strophe über die Wolfsbrut im Eisenwald (in der verbreiteten Zählung nach Neckel und Kuhn Strophe 41, in anderen Ausgaben 40). Ein Wesen aus diesem Geschlecht füllt sich mit dem Lebensblut todgeweihter Männer und rötet den Sitz der Götter mit Blut. Dann folgt: svǫrt verða sólskin of sumur eptir, veðr ǫll válynd, „schwarz wird der Sonnenschein in den Sommern danach, alle Wetter tückisch“. Hier steht tatsächlich ein verdunkelter Sonnenschein, und zwar in Sommern. Für die 536-These ist das die verlockendste Zeile der ganzen Edda. Eine Einschränkung gehört dazu: Der Codex Regius hat an dieser Stelle nach der Ausgabe von Parsons svǫrt var ða, also eine Vergangenheitsform, die jüngere Hauksbók verða. Ob die Seherin hier vorhersagt oder zurückblickt, hängt also schon an der Handschrift.

Die zweite ist die Strophe vom Bruderkrieg (nach Neckel und Kuhn 45). Brüder werden einander bekämpfen und töten, Verwandte die Sippe zerbrechen, es ist eine Beilzeit, Schwertzeit, Windzeit, Wolfszeit, bevor die Welt stürzt, und kein Mensch wird den anderen schonen. Von Kälte, Schnee oder ausbleibenden Sommern spricht diese Strophe nicht. Sie beschreibt den Zerfall der sozialen Ordnung. Snorri hat aus ihr seine drei Kriegswinter gemacht.

Wer also schreibt, die Völuspá schildere den Fimbulwinter, verschmilzt drei Texte zu einem. Für die Frage nach einem historischen Kern ist die Trennung aber entscheidend, denn jedes Detail, das man mit 536 vergleichen will, steht in einem anderen Text mit anderem Alter. Den Gesamtablauf des Weltendes beschreibt der Beitrag Ragnarök.

Das Jahr 536: was Zeitgenossen gesehen haben

Für den Norden des 6. Jahrhunderts gibt es keine schriftlichen Zeugnisse. Aus dem Mittelmeerraum dagegen schon, und sie sind auffällig übereinstimmend. Der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop, der als Sekretär des Feldherrn Belisar den Krieg gegen die Vandalen und Goten begleitete, notiert für das Jahr 536, die Sonne habe das ganze Jahr ihr Licht ohne Glanz gegeben, wie der Mond, und sie habe ausgesehen wie bei einer Finsternis.

Cassiodor, ein hoher Beamter im ostgotischen Italien, schreibt in einem Brief an seinen Stellvertreter Ambrosius (Variae 12, 25), die Sonne erscheine bläulich, mittags würfen Körper keinen Schatten, es habe einen Winter ohne Stürme, einen Frühling ohne Milde und einen Sommer ohne Wärme gegeben, und die Ernte sei vom Frost bedroht. In den folgenden Briefen geht es um Getreidevorräte gegen den Hunger. Die Chronik Michaels des Syrers aus dem 12. Jahrhundert, die ältere Werke auswertet, spricht von anderthalb Jahren schwachen Sonnenlichts.

Diese Texte beschreiben einen Schleier in der oberen Atmosphäre, wie ihn große Vulkanausbrüche erzeugen: feine Schwefelsäuretröpfchen, sogenannte Aerosole, streuen das Sonnenlicht zurück ins All. Lange war die Herkunft unklar; populäre Katastrophenthesen der 1990er Jahre stießen in der Fachwelt auf Skepsis. Dann kamen neue Messreihen.

Eiskerne und Baumringe: Sigl 2015, Büntgen 2016

Den entscheidenden Schritt machte 2015 eine Studie in der Zeitschrift Nature unter Leitung des Glaziologen Michael Sigl (Sigl u. a., „Timing and climate forcing of volcanic eruptions for the past 2,500 years“, Nature 523, 2015, S. 543–549). Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis enthalten Jahresschichten, und in diesen Schichten lagert sich Sulfat großer Ausbrüche ab. Die Forscher stellten fest, dass die gängigen Eiskern-Chronologien im ersten Jahrtausend um einige Jahre falsch gingen, und eichten sie mit gut datierten Markern neu. Für das 6. Jahrhundert ergab sich ein Doppelereignis: ein großer Ausbruch auf der Nordhalbkugel in hohen Breiten im Jahr 536, ein noch stärkerer, wohl tropischer Ausbruch um 539/540. Nach der Pressemitteilung der Yale University folgten von den sechzehn kältesten Sommern zwischen 500 v. Chr. und 1000 n. Chr. fünfzehn auf große Vulkanausbrüche.

Ein Jahr später legte ein Team um den Dendroklimatologen Ulf Büntgen in Nature Geoscience Temperaturrekonstruktionen aus Baumringen des russischen Altai und der Alpen vor (Büntgen u. a., „Cooling and societal change during the Late Antique Little Ice Age from 536 to around 660 AD“, Nature Geoscience 9, 2016, S. 231–236). Die Breite der Jahresringe hängt dort vor allem von der Sommerwärme ab. Beide Reihen zeigen nach den Ausbrüchen von 536, 540 und 547 eine lange, gleichzeitige Abkühlung. Die 540er Jahre sind im Altai das kälteste, in den Alpen das zweitkälteste Jahrzehnt der Rekonstruktion. Die Autoren prägten dafür den Begriff „Late Antique Little Ice Age“, Spätantike Kleine Eiszeit, und setzten sie von 536 bis etwa 660 an.

Ebenfalls 2016 rechnete eine Gruppe um Matthew Toohey das Doppelereignis in Klimamodellen durch (Toohey u. a., Climatic Change, 2016). Nach der Pressemitteilung des GEOMAR kühlte die Nordhalbkugel im Mittel um bis zu zwei Grad ab, und gerade Nordeuropa, besonders Skandinavien, gehörte zu den Regionen, in denen die Landwirtschaft am stärksten leiden musste. Toohey nannte die Zeit „wahrscheinlich das kälteste Jahrzehnt der letzten 2000 Jahre“.

Welche Vulkane es waren, ist bis heute offen. Für 536 haben Glaspartikel in einem Eiskern aus den Schweizer Alpen auf Island gedeutet; für 539/540 wurde der Ilopango in El Salvador vorgeschlagen, doch eine spätere Datierung setzt dessen Ausbruch ins Jahr 431. Ich kenne diese Debatte nur aus Zusammenfassungen. Sicher ist der Befund im Eis, nicht der Name des Berges. Auch die Frage, ob die Pest, die ab 541 im Mittelmeerraum wütete, mit der Kälte zusammenhängt, ist umstritten; Büntgen und seine Mitautoren mahnen selbst zur Vorsicht bei Kausalaussagen.

Skandinavien im 6. Jahrhundert: Höfe, Gräber, Pollen

Im Norden setzt um die Mitte des 6. Jahrhunderts ein deutlicher Wandel im archäologischen Befund ein. In Schweden beginnt nach üblicher Einteilung die Vendelzeit, benannt nach reichen Bootgräbern in Uppland.

Die schwedischen Archäologen Bo Gräslund und Neil Price haben 2012 in der Zeitschrift Antiquity einen viel zitierten Aufsatz vorgelegt (Gräslund und Price, „Twilight of the gods? The ‚dust veil event‘ of AD 536 in critical perspective“, Antiquity 86, 2012, S. 428–443). Sie lassen die Frage nach der Ursache des Staubschleiers beiseite und stellen die Klimadaten neben den skandinavischen Befund: aufgegebene Höfe, schrumpfende Siedlungsflächen, Wüstungen in Gebieten, die vorher dicht bewohnt waren. Sie halten einen schweren Bevölkerungseinbruch für wahrscheinlich und vermuten, dass die Erfahrung in Dichtung und Bildkunst nachwirkte. Gelesen habe ich nur Abstract und Zusammenfassungen.

Daneben stehen regionale Studien. Daniel Löwenborg untersuchte 2012 die Gräberfelder im Mälartal und deutet den Befund als Krise, nach der Besitzrechte an verlassenem Land neu verhandelt wurden; eine kleine Elite habe davon profitiert, und die Grabhügel der Vendelzeit könnten diesen neuen Besitz sichtbar gemacht haben. Für Südnorwegen haben Kjetil Loftsgarden und Frode Iversen vom Kulturhistorischen Museum Oslo fast 7000 datierte Bestattungen ausgewertet; nach ihrer Zusammenfassung von 2024 sinkt die Zahl der Gräber nach dem 6. Jahrhundert um mehr als drei Viertel. Pollenprofile aus Mooren zeigen an mehreren Orten in Norwegen, dass Weiden zuwuchsen und Wald zurückkehrte, etwa bei Storesætra in Stryn.

Die genannten Zahlen klingen eindeutig. Sie sind es nicht. Gräber sind keine Volkszählung: Wenn weniger Tote mit Beigaben bestattet werden, kann das an weniger Menschen liegen oder an anderen Sitten. Aufgegebene Höfe können auch zusammengelegt worden sein, statt leer zu fallen; Iversen selbst schlägt vor, dass kleine, wenig ertragreiche Höfe aufgegeben und Land konzentriert wurde. Die Auswirkungen waren regional verschieden, und manche Gegenden scheinen die Zeit gut überstanden zu haben. Schätzungen, nach denen in Teilen Skandinaviens bis zur Hälfte der Bevölkerung verschwand, kursieren in der populären Literatur und in Interviews; als gemessene Größe sollte man sie nicht lesen. Ob die Pest den Norden erreichte, ist nicht belegt.

Gold in der Erde: Opfer für die Sonne?

Am Ende der Völkerwanderungszeit, also im frühen bis mittleren 6. Jahrhundert, gelangt in Südskandinavien auffällig viel Gold in den Boden: Halsringe, Barren, Goldbrakteaten, das sind dünne, einseitig geprägte Anhänger nach dem Vorbild römischer Medaillons. Der dänische Archäologe Morten Axboe hat vorgeschlagen, einen Teil dieser Horte als Opfer zu verstehen, mit denen man das Sonnenlicht zurückholen wollte. Viele Brakteaten zeigen Bilder, die man mit Odin und mit Sonnensymbolik verbindet.

Sie bleibt aber Deutung. Horte lassen sich selten aufs Jahr datieren; datieren kann man meist nur die jüngsten Stücke darin, und das ergibt einen Zeitpunkt, vor dem der Hort nicht vergraben worden sein kann, aber kein genaues Datum. Gold kann man auch aus Furcht vor Krieg verstecken. Beim Hort von Vindelev, 2020 in Jütland gefunden, werden die Brakteaten in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts gesetzt; der Moment der Niederlegung ist unbekannt. Die Verbindung mit 536 ist dort ein denkbarer Hintergrund, kein Ergebnis. Zur Technik dieser Arbeiten lohnt der Beitrag über Goldschmiedekunst; die winzigen Goldblechfiguren, die man an Kultplätzen findet, sind eine eigene Fundgruppe mit eigener Deutung (siehe Guldgubber).

Die Hypothese: erinnert sich der Mythos an 536?

Die Idee, im Fimbulwinter das Echo eines echten Klimaereignisses zu sehen, ist älter als die Eiskerne. Schon der schwedische Botaniker Rutger Sernander verband um 1910 den Mythos mit einer Klimaverschlechterung am Ende der nordischen Bronzezeit, um 650 v. Chr.; Folke Ström griff solche Überlegungen in seinem Buch Nordisk hedendom auf. Seit 2012 hat sich die Debatte auf das 6. Jahrhundert verlagert, vor allem durch Gräslund und Price.

Was spricht dafür? Erstens die Übereinstimmung im Kern: ein Winter, der nicht endet, Sommer, die keine sind, eine Sonne ohne Kraft. Zweitens die Lage des Nordens. Ein Getreideanbau, der ohnehin am Rand des Möglichen arbeitet, reagiert auf zwei, drei verlorene Sommer weit empfindlicher als die Landwirtschaft am Mittelmeer. Drittens die Größe des Einschnitts im archäologischen Befund, der zeitlich gut zu den Klimadaten passt. Viertens die Verdunklungszeile der Völuspá, die schwarzen Sonnenschein in Sommern nennt. Und fünftens die Verbindung von Kälte, Krieg und Sippenzerfall bei Snorri, wie man sie nach einer Hungerkrise erwarten könnte, auch wenn bei ihm der Krieg vor dem Winter steht.

Was spricht dagegen oder mahnt zur Vorsicht? Der zeitliche Abstand ist gewaltig. Zwischen 536 und dem Codex Regius liegen gut 700 Jahre, zwischen 536 und Snorri knapp 700. Selbst wenn man das Vafþrúðnismál ins 10. Jahrhundert setzt, bleiben rund vier Jahrhunderte mündlicher Überlieferung, für die es keinerlei Zwischenglieder gibt. Ein Mythos verändert sich in jeder Generation und kann andere Erfahrungen aufnehmen. Harte Winter gab es im Norden immer wieder. Dazu kommt die Vergleichsreligionsgeschichte: Ein vernichtender Winter vor dem Neubeginn kennt auch das iranische Avesta, wo Yima vor tödlichen Wintern gewarnt wird und Menschen und Tiere in einer umfriedeten Anlage birgt. Der Däne Axel Olrik hat diesen Vergleich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezogen. Das Motiv braucht also nicht zwingend ein bestimmtes historisches Ereignis.

Hinzu kommt ein Konkurrent. 2018 brachte ein Team um Clive Oppenheimer den isländischen Ausbruch der Eldgjá von 939/940 mit den Bildern der Völuspá in Verbindung, mit verdunkelter Sonne und Feuer. Das zeigt, wie dehnbar solche Zuordnungen sind: Dieselbe Strophe lässt sich mit zwei Ereignissen verbinden, die vierhundert Jahre auseinanderliegen. Auch der Rök-Stein aus Östergötland ist 2020 als Text über die Angst vor einer neuen Klimakatastrophe gedeutet worden, eine gut begründete, aber umstrittene Lesart.

Unterm Strich bleibt eine Hypothese, die viele Fachleute für plausibel halten und die sich mit den vorhandenen Mitteln nicht beweisen lässt. Widerlegen lässt sie sich ebenso wenig. Die Klimakrise selbst steht dabei nicht in Frage. Die ist so gut belegt, wie etwas aus dem 6. Jahrhundert nur belegt sein kann.

Was gesichert ist

  • Das Wort fimbulvetr steht im Vafþrúðnismál, Strophe 44, als Frage Odins; Strophe 45 nennt Líf und Lífþrasir als Überlebende. Dauer und Ablauf beschreibt das Lied nicht.
  • Snorri (Gylfaginning 51, um 1220–1225) schildert drei Winter ohne Sommer, Schnee aus allen Richtungen, eine nutzlose Sonne und davor drei Winter mit Kriegen und Sippenmord.
  • Die Völuspá nennt den Fimbulwinter nicht; sie kennt schwarzen Sonnenschein in Sommern (Str. 41 nach Neckel/Kuhn) und den Bruderkrieg (Str. 45).
  • Eiskerne belegen große Ausbrüche 536 (Nordhalbkugel, hohe Breiten) und um 539/540 (wohl tropisch), Baumringe eine lange Abkühlung ab 536 (Sigl u. a. 2015; Büntgen u. a. 2016).
  • Zeitgenossen im Mittelmeerraum (Prokop, Cassiodor) beschreiben 536 eine glanzlose Sonne und Sommer ohne Wärme.
  • In Skandinavien gehen im 6. Jahrhundert Grab- und Siedlungsbefunde regional stark zurück; das Ausmaß und die Ursachen sind umstritten.

Mythos-Check

  • „Der Fimbulwinter ist die Erinnerung an 536, das ist bewiesen.“ Nein. Es ist eine begründete Hypothese. Zwischen Ereignis und Niederschrift liegen rund 700 Jahre ohne Zwischenglieder.
  • „Die Völuspá beschreibt den Fimbulwinter.“ Das Wort fehlt dort. Die Verbindung von Bruderkrieg und Winter stammt von Snorri, die der Verdunklungszeile mit dem Winter von späteren Lesern.
  • „Das Vafþrúðnismál spricht von drei Wintern ohne Sommer.“ Das Lied nennt nur den „berühmten“ großen Winter. Die drei Winter stehen bei Snorri.
  • „Der Fimbulwinter dauert drei Jahre.“ Nach Snorri sind es drei Winter ohne Sommer, davor drei Kriegswinter, insgesamt also sechs.
  • „Die Hälfte aller Skandinavier starb nach 536.“ Eine Schätzung aus Interviews und populären Darstellungen, keine Messung. Gräber und Höfe sind indirekte Zeugen.
  • „Die Goldhorte wurden geopfert, um die Sonne zurückzuholen.“ Eine Deutung von Morten Axboe und anderen. Die Niederlegung der Horte lässt sich meist nicht aufs Jahr datieren.

Fimbulwinter heute: Sprache und Spiele

In den skandinavischen Sprachen lebt das Wort weiter. Fimbulvinter bezeichnet im Dänischen, Norwegischen und Schwedischen einen ungewöhnlich langen, harten Winter, ganz ohne Weltende. Im Deutschen begegnet es vor allem in Fantasy und Spielen.

Die bekannteste moderne Verarbeitung ist die Spielreihe God of War von Santa Monica Studio. Im Teil von 2018, erschienen am 20. April, setzt am Ende der Fimbulwinter ein; die Fortsetzung God of War Ragnarök vom 9. November 2022 spielt in dieser Kälte, die nach Angaben des ersten Spiels drei Jahre dauert. Die Figuren bringen den Winter mit dem Tod Baldurs in Verbindung, ohne dass das Spiel eine genaue Ursache liefert. Die drei Jahre entsprechen Snorris drei Wintern; die Kriegswinter davor und die ursächliche Verknüpfung mit Baldrs Tod kennen die Quellen so nicht. Bei Snorri steht der Winter zwar erzählerisch nach Baldrs Tod, ist aber ein Vorzeichen unter vielen, keine Folge. Was das Spiel sonst aus der Mythologie macht, prüft der Beitrag God of War im Faktencheck.

Was nach dem Winter kommt

Der Fimbulwinter ist in beiden Quellen kein Endpunkt. Im Vafþrúðnismál ist er die Zeit, die Líf und Lífþrasir überstehen; im Lied folgt gleich danach die Frage nach der neuen Sonne, der Tochter der alten (siehe Sunna). Bei Snorri folgen auf den Winter die Wölfe, das Losbrechen von Fenrir, die Schlacht und der Weltbrand, den Surtr entfacht. Snorri verlegt das Versteck von Líf und Lífþrasir dabei in die Zeit des Feuers, nicht der Kälte, eine kleine Verschiebung gegenüber dem Lied. Danach steigt eine grüne Erde aus dem Meer; davon erzählt der Beitrag Was nach Ragnarök kommt.

Häufige Fragen

Was ist der Fimbulwinter? Der große Winter vor Ragnarök. Das Wort steht im Vafþrúðnismál, die Ausmalung mit drei Wintern ohne Sommer bei Snorri in der Gylfaginning (Kap. 51).

Wie lange dauert der Fimbulwinter? Nach Snorri drei Winter hintereinander ohne Sommer. Davor gehen drei Winter mit großen Kriegen. Das ältere Lied nennt keine Dauer.

Steht der Fimbulwinter in der Völuspá? Nein, das Wort kommt dort nicht vor. Die Völuspá kennt aber verdunkelten Sonnenschein in den Sommern und den Bruderkrieg; den Bruderkrieg verbindet Snorri mit dem Winter.

Was geschah im Jahr 536? Ein großer Vulkanausbruch auf der Nordhalbkugel, gefolgt von einem weiteren um 539/540, verschleierte die Sonne. Baumringe zeigen eine Abkühlung über Jahrzehnte. Welche Vulkane es waren, ist ungeklärt.

Ist der Fimbulwinter also historisch? Die Klimakrise ist historisch. Dass der Mythos sich an sie erinnert, ist eine plausible, aber unbeweisbare Hypothese.

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