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Hrafna-Flóki Vilgerðarson: drei Raben, ein verlorener Viehbestand und der Name einer ganzen Insel

Geschichte & Funde Hrafna-Flóki Vilgerðarson: drei Raben, ein verlorener Viehbestand und der Name einer ganzen Insel

Ein Mann nimmt drei Raben mit auf See, lässt sie fliegen und folgt dem dritten. Er überwintert in einem Fjord im Nordwesten Islands, verliert sein Vieh, sieht im Frühjahr Treibeis und nennt das Land „Ísland“. So erzählt es die Landnámabók, das „Buch der Landnahme“, in Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts, also gut vierhundert Jahre nach den Ereignissen. Hrafna-Flóki Vilgerðarson ist die Figur, an der sich der Name Islands festmacht, und zugleich eine der am wenigsten greifbaren Gestalten der Landnahmezeit. Dieser Beitrag legt die Fassungen nebeneinander, trennt Erzählung von Beleg und sagt dort, wo es nötig ist, schlicht: Das lässt sich nicht eindeutig belegen.

Einordnung: ein Beiname, ein Winter und eine einzige Hauptquelle

Flóki Vilgerðarson, genannt Hrafna-Flóki, „Raben-Flóki“, gilt in der isländischen Überlieferung als der dritte Nordmann, der nach Island fuhr, und als derjenige, der der Insel ihren heutigen Namen gab. Der Beiname selbst steht in der Landnámabók: Im vierten Kapitel der Sturlubók ist von dem Land die Rede, „das Hrafna-Flóki gefunden hatte“. Alles, was wir über ihn wissen, geht auf diese Textfamilie zurück. Es gibt keine Inschrift, keinen Grabfund, keine Münze und keine zeitgenössische Chronik, die seinen Namen nennt.

Die Landnámabók beschreibt ihn als „großen Wikinger“ (víkingr), der aufbricht, um das Land zu suchen, das der Schwede Garðarr entdeckt hatte. Zu seiner Familie nennt der Text, den ich lesen konnte, nur die Tochter Geirhildr, die auf Shetland ums Leben kommt. Wer seine Eltern waren und woher der Name Vilgerðarson stammt, steht dort nicht; Spekulationen dazu lasse ich aus. Über seine Herkunft sagt der Text, er sei von einem Ort namens Flókavarði aufgebrochen, an der Grenze zwischen Hörðaland und Rogaland, also in Westnorwegen. Ob Flóki dort lebte oder nur ablegte, lässt sich dem Wortlaut nicht entnehmen.

Neuere Darstellungen setzen seine Fahrt auf das Jahr 868. Eine solche Zahl steht in den Handschriften nicht. Sie ist eine moderne Rückrechnung aus der Saga-Chronologie und taucht in Nachschlagewerken und Reiseführern als Tatsache auf. Ein Naturschutzhinweis zum Vatnsfjörður formuliert vorsichtiger: Falls der Bericht stimme, habe Flóki zwischen etwa 860 und 870 dort gelegen. Mehr als ein grober Rahmen von einigen Jahren vor der eigentlichen Besiedlung ist nicht zu holen.

Ein Wort zu den Fachbegriffen, die im Folgenden vorkommen. Landnámabók heißt „Buch der Landnahme“ und verzeichnet, wer sich wo in Island niedergelassen hat. Landnám ist die Besitznahme von Land, landnámsmaðr der Mann, der sie vollzieht. Die Sturlubók, die Hauksbók und die Melabók sind die drei mittelalterlichen Fassungen, die weiter unten beschrieben werden. Eine Saga ist eine in Prosa erzählte Geschichte, die auf mündlicher Überlieferung fußen kann, aber literarisch geformt ist.

Die Quellenlage: wer schreibt wann

Die Hauptquelle ist die Landnámabók, und sie liegt in mehreren Fassungen vor. Die Sturlubók schrieb Sturla Þórðarson wohl zwischen 1275 und 1280, erhalten ist sie in einer Abschrift des 17. Jahrhunderts. Die Hauksbók entstand im frühen 14. Jahrhundert und geht auf Haukr Erlendsson zurück, der 1334 starb; sie stützt sich auf die Sturlubók und auf die verlorene Fassung des Styrmir Kárason, die Styrmisbók. Die Melabók stammt von etwa 1300, doch von ihr sind nur zwei Blätter erhalten. Daneben stehen spätere Mischfassungen des 17. Jahrhunderts, die Skarðsárbók und die Þórðarbók. Der Kern des Werks wird in das späte 11. oder frühe 12. Jahrhundert gesetzt, die älteste Fassung ist verloren. Wie weit die erhaltenen Texte diesen Kern treu wiedergeben, ist unsicher.

Wichtig für Flóki: Die Fassungen erzählen nicht dasselbe. Die Sturlubók, die ich in einer online zugänglichen Ausgabe in modernisierter Schreibung teilweise einsehen konnte, bringt die Raben, den Winter im Vatnsfjörður und die Namensgebung in einem knappen zweiten Kapitel. Nach einem Fachaufsatz, den ich nur über eine Zusammenfassung kenne, bietet die Hauksbók dagegen mehr: ein Opfer vor der Abfahrt in Rogaland, einen Zwischenhalt auf den Färöern, wo eine Tochter verheiratet wird, und Ortsnamen wie Hafnarfjörðr, Hvaleyri und Bríanslækr. Auch der Überwinterungsort nach dem Winter im Nordwesten unterscheidet sich: Die Sturlubók nennt den Borgarfjörðr, die Hauksbók den Hafnarfjörðr. Die Melabók kann zu diesem Abschnitt wenig beitragen, weil von ihr nur Bruchstücke blieben.

Der zweite große Text, Íslendingabók, das „Buch der Isländer“, stammt von dem Gelehrten Ari Þorgilsson (1067/68 bis 1148) und wird auf die Jahre um 1122 bis 1133 datiert. Ari ist knapp und nüchtern und gilt als die verlässlichste Quelle zur frühen isländischen Geschichte. Er rechnet die Besiedlung nach Norwegern in der Zeit König Haralds Schönhaar und nennt Ingólfr als den ersten. Von Flóki, Naddoddr und Garðarr berichtet er nach meinem Kenntnisstand nichts; den Text selbst konnte ich nicht einsehen, das ist also eine Angabe aus zweiter Hand und gehört geprüft. Ein neuerer Aufsatz deutet das Schweigen so, dass Ari die Flóki-Erzählung als Sondertradition bewusst überging, weil Flóki nicht zu seinem Bild vom norwegischen Landnehmer passte. Das ist eine Deutung, kein Befund.

Adam von Bremen, der um 1075 seine Hamburger Kirchengeschichte schrieb, beschreibt in der Beschreibung der nördlichen Inseln (Buch IV, Kapitel 36) auch Island. Nach einer Inhaltsangabe der dänisch-englischen Ausgabe von Lund und Wallace erklärt er den Namen mit dem Eis, das das Meer fest mache, und erwähnt weder Flóki noch Raben. Das ist bemerkenswert, weil Adam damit einen Namensgrund kennt, der ohne die Flóki-Erzählung auskommt. Er beweist nichts gegen Flóki, zeigt aber, dass die Namensdeutung „Eisland“ im 11. Jahrhundert auch ohne ihn existierte.

Älter als alle diese Texte ist ein Satz des irischen Gelehrten Dicuil, der 825 in De mensura orbis terrae von Geistlichen auf einer Insel namens Thule berichtet. Ob damit Island gemeint ist, lässt sich dem Text nicht eindeutig entnehmen. Für Flóki bringt Dicuil nichts, er zeigt nur: Island war im Nordatlantik schon vor den Nordmännern ein Gerücht.

Archäologisch und naturwissenschaftlich sieht es so aus: Eine Ascheschicht, die sogenannte Landnám-Tephra, wird heute um 877, mit einer Unsicherheit von einem Jahr, datiert. Siedlungsspuren häufen sich erst danach. Ein Fund, der mit Flókis Winter zu verbinden wäre, ist nicht bekannt.

Die Vorgänger: Naddoddr, Garðarr, Flóki, dann Ingólfr

In der Sturlubók reiht sich Flóki in eine kleine Kette von Entdeckern. Zuerst nennt der Text einen Wikinger Naddoddr, der auf dem Weg von Norwegen zu den Färöern nach Westen abgetrieben wird und ein großes Land findet. Seine Leute besteigen in den Ostfjorden einen hohen Berg und sehen keinen Rauch, kein Zeichen von Menschen. Beim Abfahren fällt Schnee auf die Berge, und sie nennen das Land Snæland, „Schneeland“. Dann folgt der Schwede Garðarr Svavarsson, der das Land gezielt sucht, es umsegelt und so feststellt, dass es eine Insel ist. Er überwintert bei Húsavík am Skjálfandi und baut dort ein Haus. Im Frühjahr wird sein Mann Náttfari mit einem Sklaven und einer Magd auf See abgetrieben und bleibt zurück; nach ihm heißt später ein Landstrich. Garðarr kehrt heim, lobt das Land, und es heißt Garðarshólmr, „Garðars Inselchen“.

Flóki ist in dieser Reihe der Dritte, und er hat einen Auftrag: Er will Garðarshólmr finden. Damit wird eine verbreitete Behauptung unscharf. Manchmal heißt es, Flóki habe als Erster auf Island überwintert. Nach der Sturlubók war das Garðarr. Wer die Ortsangaben nachliest, findet das Versehen schnell, es wiederholt sich aber in Reise- und Museumstexten.

Ingólfr Arnarson bildet das Ende der Kette, und die Sturlubók verbindet ihn ausdrücklich mit Flóki: Ingólfr und sein Ziehbruder machen ein großes Schiff bereit und suchen das Land, das Hrafna-Flóki gefunden hatte und das nun Ísland hieß. Wie die Landnahme des Ingólfr gedeutet wird und warum er in den Quellen als der „berühmteste aller Landnehmer“ gilt, steht im Beitrag zu Ingólfr Arnarson. Für Flóki ist wichtig: Die Erzählung der Landnámabók setzt voraus, dass der Name Ísland schon vor Ingólfr feststand. Das ist ein erzählerischer Zusammenhang, keine Urkunde.

Chronologie der berichteten Reise

Was folgt, ist die Erzählung, nicht der gesicherte Ablauf. Ich stütze mich auf die Sturlubók und kennzeichne, was nur die Hauksbók bringt. Wo ich eine Wendung nur über eine Zusammenfassung des Textes kenne, steht das dabei.

Aufbruch. Flóki legt in Flókavarði ab, an der Grenze von Hörðaland und Rogaland. In der Hauksbók geht ein Opfer voraus: Er bringt ein großes Opfer dar, bevor er in See sticht. Was genau geopfert wurde, entnehme ich nur einer Inhaltsangabe, und der Wortlaut ist zu prüfen. Ein Fachaufsatz bezeichnet die Raben in dieser Fassung als Opfervögel; ob der Text das so sagt, ist zu prüfen.

Shetland. Zuerst geht es nach Hjaltland, in die Shetlandinseln. Flóki ankert in einer Bucht, die der Text Flókavogr nennt, „Flókis Bucht“. Dort kommt seine Tochter Geirhildr in einem Gewässer, dem Geirhildarvatn, ums Leben. Auf Shetland erzählt man heute, der See bei Girlsta sei gemeint; der Anklang von Girlsta und Geirhildarstaðir macht die Deutung reizvoll, sie ist eine lokale Überlieferung und nicht gesichert. Orkney kommt in dem Abschnitt, den ich lesen konnte, nicht vor.

Färöer. Die Hauksbók fügt einen Halt auf den Färöern hinzu, wo Flóki eine Tochter verheiratet. In der Sturlubók, wie ich sie las, fehlt die Färöer-Station. Mehrere moderne Darstellungen nennen sie trotzdem, ohne die Fassung anzugeben. Wer liest, die Raben seien auf den Färöern ausgesetzt worden, liest also eine Erzählung, die je nach Fassung anders sortiert ist.

Begleiter. An Bord sind ein Bauer namens Þórólfr, ein Mann namens Herjólfr und ein Faxi, der als Mann von den Südinseln (Suðreyjar, den Hebriden) bezeichnet wird. Alle drei spielen später eine Rolle bei der Frage, wie gut das Land ist.

Die Raben. In der Sturlubók steht der Satz: Flóki hatte drei Raben mit auf See. Der erste, losgelassen, flog zurück über das Heck. Der zweite stieg in die Luft und kehrte zum Schiff zurück. Der dritte flog über den Bug voraus, in die Richtung, in der sie das Land fanden. Mehr sagt der Text zur Methode nicht: weder, wie weit vom Land entfernt die Raben aufstiegen, noch, wann der Aufbruch des dritten Raben erfolgte. Die Hauksbók gibt dazu eine Erklärung, die ein Fachaufsatz so wiedergibt: Die Männer im Norden hätten damals keinen leiðarsteinn gehabt, wörtlich einen „Leitstein“, und deshalb sei Flóki auf die Vögel angewiesen gewesen. Was ein leiðarsteinn war, ist in der Forschung umstritten; mehr dazu im Beitrag Sonnenstein und Navigation.

Landfall und Faxaóss. Dem dritten Raben folgend, kommen sie ans Land. Als sie westlich an Reykjanes vorbeisegeln, öffnet sich eine große Bucht, und man sieht Snæfellsnes. Faxi sagt, das müsse ein großes Land sein, das sie gefunden hätten: Hier gebe es große Flüsse. Die Bucht heißt seitdem Faxaóss. Moderne Texte schreiben dafür meist Faxaflói, „Faxa-Bucht“; in der Sturlubók steht, soweit ich es sehe, Faxaóss.

Vatnsfjörður. Danach queren sie den Breiðafjörður im Westen und gehen im Vatnsfjörður bei Barðaströnd an Land. Der Fjord sei voller Fische gewesen, heißt es, und die Männer hätten über dem Fischen vergessen, Heu zu machen. Im Winter starb das Vieh. Das Frühjahr sei ziemlich kalt gewesen.

Der Name. Flóki steigt auf einen hohen Berg, blickt nach Norden und sieht einen Fjord voller Eis. Deshalb nannten sie das Land Ísland, „so, wie es seitdem heißt“. Welcher Berg das war, sagt der Text, den ich las, nicht. Neuere Darstellungen geben mal den Lónfell, mal den Nónfell an, eine andere nennt Hornatær. Die Namen wechseln von Darstellung zu Darstellung. Das kann darauf hindeuten, dass die Stelle im Gelände erst später gesucht wurde.

Verhinderte Heimfahrt. Sie wollten im Sommer abfahren, waren aber nicht rechtzeitig fertig. Eine Zusammenfassung der Sturlubók-Stelle berichtet, ihr Boot habe sich bei Reykjanes losgerissen und sei zu Herjólfr getrieben, der an einer Stelle landete, die später Herjólfshöfn hieß. Der Satz ist in der Zusammenfassung unklar, und ich konnte ihn nicht am Wortlaut prüfen. Fest steht in der Textfassung, dass Flóki den zweiten Winter im Borgarfjörðr verbrachte, wo man Herjólfr wiedertraf; im Sommer darauf fuhren sie zurück nach Norwegen. Eine Reisezusammenfassung auf einer Webseite lässt dagegen „mehrere Jahre“ vergehen, bis die Männer heimkamen. Das passt nicht zu zwei Wintern.

Urteil über das Land. In Norwegen fragen die Leute nach dem Land. Flóki redet schlecht darüber. Herjólfr nennt Gutes und Schlechtes. Þórólfr sagt, von jedem Grashalm im Land tropfe Butter, und heißt seitdem Þórólfr smjör, „Butter-Þórólfr“.

Spätere Ansiedlung. Hier endet das Kapitel, soweit ich es gelesen habe. Mehrere moderne Seiten schreiben, Flóki sei später nach Island zurückgekehrt, habe sich dort niedergelassen und sei dort gestorben. Die Sturlubók-Passage, die ich einsehen konnte, sagt das nicht, und ich konnte die Stelle, aus der die Angabe stammt, nicht finden. Das lässt sich derzeit nicht eindeutig belegen. Gesichert ist nur die Erzählabsicht: Aus dem Mann, der das Land schlechtredet, und dem Mann, der es preist, entsteht die Spannung, auf die Ingólfr antwortet.

Quellenkritik: Raben, Namen, Zahlen

Das Rabenmotiv. Die Szene erinnert an die Sintflutgeschichte im ersten Buch Mose (Genesis 8), in der Noah einen Raben und mehrmals eine Taube fliegen lässt, um zu erfahren, ob das Wasser gefallen ist. Der isländische Historiker Gunnar Karlsson hat auf diese Parallele hingewiesen; er hält sie nicht für einen Beweis, dass die Erzählung erfunden ist. Der britische Historiker Raymond Ian Page nennt die Ähnlichkeit wohl kein Zufall und die Geschichte in dieser Form verdächtig. Paul Edwards und Hermann Pálsson sahen 1972 ein direktes Entlehnungsverhältnis. Andere Forscher führen das Motiv auf ältere Opferbräuche und mündliche Erzählmuster zurück. Der Unterschied: Bei Noah gibt es zwei Vogelarten, bei Flóki drei Raben mit drei verschiedenen Verhaltensweisen, und das Verhalten des dritten zeigt die Richtung an, die Taube Noahs zeigt dagegen das Ende der Flut. Wenn ein Entlehnungsverhältnis besteht, so ist es also frei, nicht wörtlich.

Dazu kommt eine weitere Hypothese, die ich ausdrücklich nur als solche nenne: Landsuchende Vögel kennen auch ältere Quellen anderswo. Plinius der Ältere schreibt in der Naturalis historia (Buch 6) von Seeleuten der Insel Taprobane, die Vögel mitführten und freiließen, um Land zu finden. Ich habe die Stelle nicht nachgelesen und kenne sie nur aus der Forschungsdiskussion. Ob es einen Weg von solchen Mittelmeer-Traditionen zu einem isländischen Schreiber gab, weiß ich nicht. Ebenso gut kann das Verfahren, Vögel zur Landsuche zu nutzen, unabhängig mehrfach entstanden sein; es ist praktisch, und Seeleute werden es gekannt haben.

Der Raben-Beiname. Dass der Beiname „Raben-Flóki“ in der Sturlubók steht, spricht für eine feste mündliche Tradition. Er kann ebenso gut aus der Erzählung gewachsen sein: Die Geschichte erklärt den Namen, der Name erklärt die Geschichte. Beides ist denkbar. Wer die Raben als Odins Vögel Hugin und Munin liest, wie das im Netz oft geschieht, geht über den Text hinaus: Die Landnámabók stellt die Raben als Wegzeichen dar, ohne sie mit Odin zu verbinden. Zum Raben im Norden insgesamt siehe Der Rabe in der nordischen Welt.

Der Namensgrund. Name und Anlass passen auffällig zusammen: Das Land heißt „Eisland“, weil der Gründer Eis sah. Auch die anderen Namen im Kapitel erklären Orte durch kleine Geschichten: Faxaóss durch Faxi, Herjólfshöfn durch Herjólfr, Þórólfr smjör durch den Butterspruch. Solche Namenserzählungen sind ein bekanntes Muster mittelalterlicher Landeskunde; ein Fachaufsatz nennt die Flóki-Passage deshalb eine ätiologische Legende, also eine, die erklären will, wie etwas zu seinem Namen kam. Das beweist nicht, dass Flóki erfunden ist. Es heißt aber, dass die Namensherleitung selbst eher Literatur als Beleg ist. Adam von Bremen kennt den Grund „Eis“ ohne Flóki.

Das Viehsterben. Raymond Ian Page weist darauf hin, dass der Verlust des Viehs durch fehlenden Heuvorrat in Berichten über frühe nordische Erkundungsfahrten mehrfach wiederkehrt und daher vorsichtig zu lesen ist. Er kann wahr sein. Er kann auch ein Erzählmuster sein, das sagt: Wer sich nicht vorbereitet, scheitert.

Die Datierung. Die Zahl 868 ist keine Handschriftenangabe. Sie entsteht aus der Saga-Reihenfolge: Garðarr um 860, danach Flóki, danach Ingólfr 870 oder 874 nach den Schriftquellen, und die Aschenschicht von 877 als Marke aus der Naturwissenschaft. Das ist eine relative Chronologie, die sich in absolute Zahlen übersetzen lässt, ohne dass diese stimmen müssten. Die Zahlen 870 (Ari) und 874 (Landnámabók) sind selbst Rückrechnungen des 12. und 13. Jahrhunderts.

Die Varianten. Dass die Fassungen sich bei Färöer-Station, Opfer, Winterort und Ortsnamen unterscheiden, ist nicht verwunderlich: Die Hauksbók wollte nach Meinung des genannten Aufsatzes enzyklopädischer sein als die Sturlubók, die sich auf mündliche Familientradition und verlorene Werke stützte. Für den Leser bedeutet es: Wo die Fassungen auseinandergehen, gibt es keinen Grund, eine für die „richtige“ zu halten. Eine Rangfolge der Fassungen nach Zuverlässigkeit kann ich nicht geben.

Warum Ingólfr? Der erwähnte Aufsatz schlägt vor, dass Flókis Verwandtschaft zu Menschen mit irischen Namen, bei Þórólfr und im Ortsnamen Bríanslækr, nicht zum Idealbild des norwegischen Landnehmers passte und deshalb Ingólfr in den Mittelpunkt rückte. Auch das ist eine Deutung.

Seefahrt und Navigation: was die Texte hergeben

Über Flókis Schiff sagt der Text, den ich las, nichts: keinen Schiffstyp, keine Besatzungsstärke, keine Fahrtdauer. Die Quellen lassen auch offen, wie er die Richtung hielt. Belegt ist nur, was die Erzählung nennt: eine Abfahrt in Westnorwegen, Halte auf den Shetlandinseln (und in der Hauksbók auf den Färöern), Raben als Wegzeichen, eine Landung an der Südwestseite Islands, dann eine Querung des Breiðafjörður. Dass Nordleute auf Fahrten durch den Nordatlantik Breite, Sonne und Küstenmarken beachteten, behandelt der Beitrag Wie die Wikinger navigierten; für Flóki selbst liefert er keine Belege. Das Rabenverfahren ist in dieser Erzählung das einzige genannte Hilfsmittel, und der Satz der Hauksbók über den fehlenden leiðarsteinn macht es zum Ersatz für etwas, das man nicht hatte. Welches Gerät oder Verfahren mit dem Wort gemeint ist, bleibt offen. Zur Schiffsfrage siehe Langschiffe; ob Flóki ein Langschiff oder einen Frachtsegler benutzte, lässt sich nicht sagen.

Archäologie und Ortsnamen

Am Vatnsfjörður zeigt man die Flókatóftir, die „Flóki-Ruinen“, oberhalb der Bucht bei Brjánslækur. Lange hielt man sie für Flókis Winterquartier. Ein Hinweis der isländischen Umweltbehörde zum Naturschutzgebiet beschreibt weder Grabungen noch Funde; die Stelle liegt außerhalb des Schutzgebiets. Die Angabe „Flókis Haus“ ist also eine Ortstradition, kein Grabungsergebnis. Dasselbe gilt für das Geirhildarvatn auf Shetland. Die Ortsnamen Faxaóss und Herjólfshöfn sind in der Landnámabók überliefert, ob sie in der Landnahmezeit entstanden, ist nicht zu entscheiden. Wer nach Grabungsbefunden zur ersten Besiedlung sucht, wird zu Reykjavík geführt, nicht in den Nordwesten; siehe Ingólfr Arnarson.

Regionaler Bezug

Einen Rheinland-Bezug gibt es nicht. Flóki gehört in die Welt des Nordatlantiks; was die Wikinger am Rhein taten, steht unter Wikinger in Aachen.

Nachleben und Legende: vom Namensgeber zur Serienfigur

Die Geschichte hat sich im Lauf der Jahrhunderte verselbständigt. Aus dem Mann, der das Land schlechtredet, wurde in vielen populären Darstellungen der Entdecker, der „aus Wut“ den Namen gab. Das ist eine Zuspitzung: Der Text sagt nur, dass das Land wegen des Eisfjords Ísland genannt wurde. Aus dem Winter im Fjord wurde ein Scheitern, aus dem Scheitern eine Lehre, und aus dem Namen ein Witz, den jede Fremdenführerin kennt. Das ist Nacherzählung, kein Beleg.

In der Fernsehserie Vikings trägt eine Figur den Namen Floki, gespielt von Gustaf Skarsgård. Sie ist nach den Angaben einer Nachschlageseite „lose“ nach dem historischen Flóki gestaltet; in der fünften Staffel gelangt sie nach Island und glaubt, Asgard gefunden zu haben. Mit der Landnámabók hat das wenig zu tun, die Serienfigur ist ein Bootsbauer und kein Entdecker mit Raben. Eine Einordnung der Serie bietet der Faktencheck zu Vikings.

Für die Frage, wie das Nordatlantik-Kapitel weitergeht, sind Erik der Rote, Leif Eriksson und Vinland die nächsten Stationen. Die Muster ähneln sich: ein Mann, der ein Land sucht, ein Winter, ein Name, der etwas verspricht oder verschweigt.

Flóki hafði hrafna þrjá með sér í haf, og er hann lét lausan hinn fyrsta, fló sá aftur um stafn; annar fló í loft upp og aftur til skips; hinn þriðji fló fram um stafn í þá átt, sem þeir fundu landið.
„Flóki hatte drei Raben mit sich auf See, und als er den ersten losließ, flog der zurück über das Heck; der zweite flog in die Luft und wieder zum Schiff; der dritte flog voraus über den Bug in die Richtung, in der sie das Land fanden.“Landnámabók (Sturlubók), Kapitel 2, altisländischer Text in modernisierter Schreibung nach der Netausgabe von Snerpa; Wortlaut über ein Abrufwerkzeug gelesen, das die Seite auswertete und diese Sätze wörtlich wiedergab; ein Vergleich mit einer kritischen Ausgabe steht aus; deutsche Fassung eigene Übersetzung

Was gesichert ist

  • Hrafna-Flóki ist nur in der Landnámabók überliefert (Sturlubók von etwa 1275 bis 1280, Hauksbók im frühen 14. Jahrhundert, Melabók von etwa 1300 nur in Resten); keine zeitgenössische Quelle, kein Fund und keine Inschrift nennen ihn.
  • Die Sturlubók erzählt Abfahrt in Westnorwegen, Shetland, drei Raben, Winter im Vatnsfjörður, Viehsterben, den Namen Ísland und Rückkehr nach Norwegen; die Hauksbók weicht in Färöer-Halt, Opfer, Winterort und Ortsnamen ab.
  • Garðarr, nicht Flóki, überwintert nach der Sturlubók als Erster; Ingólfr sucht ausdrücklich das Land, das Flóki gefunden hatte.
  • Das Jahr 868 steht in keiner Handschrift; es ist eine moderne Rückrechnung. Die Aschenschicht der Landnahmezeit wird um 877 datiert.
  • Ari Þorgilsson, Íslendingabók, nennt Flóki nach meinem Kenntnisstand nicht (ungeprüft); Adam von Bremen deutet den Inselnamen nach einer Inhaltsangabe als „Eisland“, ohne Flóki.
  • Die Flókatóftir am Vatnsfjörður sind eine Ortstradition; ein Grabungsbefund ist nicht bekannt.

Mythos-Check

  • „Flóki war der Erste, der auf Island überwinterte.“ Nach der Sturlubók überwinterte vor ihm Garðarr bei Húsavík.
  • „Flóki fuhr 868 nach Island.“ Die Jahreszahl ist eine moderne Rückrechnung aus der Saga-Reihenfolge, keine Quellenangabe.
  • „Flóki nannte das Land im Zorn Island.“ Der Text nennt den Eisfjord als Anlass, von Zorn steht dort nichts.
  • „Die Raben waren Odins Hugin und Munin.“ Die Landnámabók verbindet sie nicht mit Odin.
  • „Flóki segelte ohne Kompass und fand das Land durch Zufall.“ Die Quelle nennt Raben als Hilfsmittel; ein Zufallsfund steht dort nicht.
  • „Flóki ließ sich später auf Island nieder und starb dort.“ Mehrere moderne Seiten behaupten es, die gelesene Sturlubók-Passage nicht; derzeit nicht belegbar.
  • „Die Rabenszene ist wahr, weil sie so konkret ist.“ Die Parallele zu Noah und das Muster der Namenserzählung mahnen zur Vorsicht, beweisen aber keine Erfindung.

Was offen bleibt

Offen ist, ob es einen historischen Flóki gab oder ob eine Figur Namen, Motive und Wege der Vorgänger vereint. Offen ist, was die Hauksbók im Wortlaut zu Opfer, Färöern und Winterort sagt, und wie die Sturlubók-Stelle zur Heimfahrt genau zu lesen ist. Offen sind der Berg, die Dauer des Aufenthalts und eine spätere Ansiedlung. Ein Grabungsbefund an den Flókatóftir oder ein zeitgenössischer Text, der ihn nennt, würde vieles klären. Beides gibt es bisher nicht.

Häufige Fragen

Wer war Hrafna-Flóki? Nach der Landnámabók ein westnorwegischer Wikinger, der um die Zeit der Landnahme das von Garðarr entdeckte Land suchte, einen Winter im Vatnsfjörður verbrachte und der Insel den Namen Ísland gab. Außerhalb der Landnámabók ist er nicht belegt.

Warum heißt er Raben-Flóki? Er nahm drei Raben mit auf See und ließ sie fliegen. Der dritte flog voraus, in Richtung Land. Der Beiname steht in der Sturlubók im vierten Kapitel.

Wann fuhr Flóki nach Island? Die Quellen geben kein Jahr. Das oft genannte Jahr 868 ist eine moderne Rückrechnung; ein Naturschutzhinweis nennt vorsichtig die Zeit zwischen etwa 860 und 870.

Hat er Island entdeckt? Nach der Landnámabók waren Naddoddr und Garðarr vor ihm da; Garðarr überwinterte auch zuerst. Älter ist nur das Gerücht von Thule bei Dicuil, dessen Deutung unsicher bleibt.

Gibt es einen Bezug zu Aachen oder zum Rheinland? Nein, die Flóki-Erzählung spielt im Nordatlantik.

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