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Wie christlich ist die Edda? Christliche Schreiber, heidnische Stoffe und eine Debatte, die seit 140 Jahren läuft

Geschichte & Funde Wie christlich ist die Edda? Christliche Schreiber, heidnische Stoffe und eine Debatte, die seit 140 Jahren läuft

Alles, was wir aus der Edda über Odin, Thor und Ragnarök wissen, haben Christen aufgeschrieben – rund zwei bis drei Jahrhunderte, nachdem Island das Christentum angenommen hatte. Das ist keine Nebensache, sondern die Grundfrage jeder Beschäftigung mit nordischer Mythologie: Lesen wir in der Edda die Glaubenswelt der Wikingerzeit oder das, was gelehrte Isländer des 13. Jahrhunderts aus ihr gemacht haben? Dieser Beitrag zeigt, wann und in welchem Umfeld Prosa-Edda und Lieder-Edda entstanden, prüft die Stellen, an denen man christlichen Einfluss vermutet, stellt die Gegenargumente daneben und ordnet die Positionen der Forschung ein. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Aber es gibt ziemlich gute Gründe für eine differenzierte.

Die kurze Antwort: christliche Hände, nicht nur christliche Stoffe

Wer die Frage „Wie christlich ist die Edda?“ stellt, meint meistens zwei verschiedene Dinge. Das erste ist eine Frage nach der Überlieferung: Wer hat die Texte aufgeschrieben, und mit welcher Absicht? Darauf gibt es eine klare Antwort. Die Prosa-Edda stammt von Snorri Sturluson, einem christlichen isländischen Großbauern, Politiker und Gelehrten, der sie um 1220 verfasste. Die Lieder-Edda ist vor allem in einer einzigen Handschrift erhalten, dem Codex Regius, den ein unbekannter isländischer Schreiber in den 1270er-Jahren anlegte. Beide Werke sind also Produkte einer christlichen Schriftkultur. Heidnische Schreiber, heidnische Bücher oder heidnische Handschriften gibt es im Norden nicht.

Die zweite Frage ist schwieriger: Wie viel von dem, was in den Texten steht, ist durch christliche Vorstellungen geformt oder gar erst erfunden worden? Hier gehen die Meinungen seit dem späten 19. Jahrhundert auseinander. Die Extreme – unverändertes Heidentum hier, aus Bibel und Predigt zusammengebaute Mythologie dort – vertritt heute kaum noch jemand. Die meisten Fachleute rechnen mit alten Stoffen, die in christlicher Zeit weitergegeben, ausgewählt, geordnet und an einzelnen Stellen sichtbar umgefärbt wurden. Wo genau diese Stellen liegen und wie tief die Färbung reicht, ist der eigentliche Streitpunkt.

Was „Edda“ bedeutet, erklärt der Artikel Die Edda.

Island um 1000: ein Religionswechsel per Beschluss

Island wurde ab etwa 870 vor allem von Norwegen aus besiedelt. Um das Jahr 1000 – manche Historiker setzen das Ereignis auf 999 – nahm das Allthing, die Versammlung der freien Männer, das Christentum an. Die wichtigste Quelle ist das „Íslendingabók“ des Ari Þorgilsson, geschrieben um 1122 bis 1133. Ari berichtet, der heidnische Gesetzessprecher Þorgeirr habe einen Tag und eine Nacht unter seinem Mantel gelegen und dann verkündet: Alle Isländer werden getauft. Private Opfer, das Aussetzen von Kindern und das Essen von Pferdefleisch blieben vorerst erlaubt.

Der Wechsel war ein politischer Kompromiss und löschte das alte Wissen nicht sofort aus. Die Generation, die um 1000 getauft wurde, kannte die Götter aus eigener Praxis. Ihre Enkel kannten sie noch aus Erzählungen und aus der Skaldendichtung. Wie der Religionswechsel im übrigen Norden ablief, beschreibt unser Beitrag zur Christianisierung der Germanen; die norwegische Seite verkörpert Olaf Tryggvason, der Island unter Druck setzte.

Geschrieben wurde auf Island in der Volkssprache erst ab dem frühen 12. Jahrhundert, zunächst Gesetze, Genealogien und Kirchliches. Die Schreibkunst kam mit der Kirche, gelernt wurde sie an Bischofssitzen wie Skálholt und Hólar und auf großen Höfen mit Schulen wie Oddi und Haukadalur. Wer im 13. Jahrhundert über die alten Götter schrieb, hatte Latein gelernt, kannte die Bibel, Heiligenleben und die Weltchroniken des Mittelalters. Das ist das Umfeld beider Eddas.

Snorri Sturluson und die Prosa-Edda um 1220

Snorri Sturluson, geboren 1178 oder 1179 und 1241 in Reykholt erschlagen, wuchs in Oddi auf, im Haushalt von Jón Loftsson, dem mächtigsten Mann Islands seiner Zeit und einem Enkel des norwegischen Königs Magnus Barfuß. Oddi war ein Zentrum der Gelehrsamkeit. Snorri wurde Gesetzessprecher, reiste 1218 bis 1220 an den norwegischen Hof und schrieb danach die Prosa-Edda. Genauer als „um 1220 bis 1225“ lässt sich das nicht datieren. Mehr zu seinem Leben steht im Porträt Snorri Sturluson.

Die Prosa-Edda ist ein Lehrbuch für Dichter. Sie besteht aus dem Prolog, der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), den Skáldskaparmál („Sprache der Dichtkunst“) mit Hunderten von Kenningar und dem Háttatal, einem Preisgedicht, an dem Snorri über hundert Versformen vorführt. Snorri wollte junge Dichter befähigen, die alte Skaldenkunst zu verstehen und fortzuführen. Dafür musste er die Mythen erzählen, auf die sich die Umschreibungen beziehen. Er erzählt sie in Prosa, ordnet sie und zitiert dazu Strophen aus älteren Liedern, darunter viele, die wir aus dem Codex Regius kennen, und manche, die nur bei ihm stehen.

Der Codex Regius: eine Sammlung aus den 1270er-Jahren

Die Lieder-Edda ist kein Buch, das jemand verfasst hat, sondern eine moderne Bezeichnung für eine Gruppe anonymer Gedichte. Ihr Kern ist der Codex Regius, Signatur GKS 2365 4to, eine kleine Pergamenthandschrift mit heute 45 Blättern. Acht Blätter fehlen, mitten in den Heldenliedern um Sigurd. Die Handschrift wird in die 1270er-Jahre datiert. 1643 kam sie in den Besitz von Brynjólfur Sveinsson, dem Bischof von Skálholt, 1662 schenkte er sie dem dänischen König Friedrich III., und am 21. April 1971 kehrte sie nach Reykjavík zurück. Die Völuspá steht außerdem in der Hauksbók, die der Gesetzesmann Haukr Erlendsson im frühen 14. Jahrhundert anlegen ließ.

Wann die Lieder selbst gedichtet wurden, sagt keine Handschrift. Die Datierungen beruhen auf Sprache, Versbau, Anspielungen und Vergleichen, und sie streuen enorm – für die Völuspá zwischen etwa 900 und 1150. Der Herausgeber Edward Pettit hält in seiner zweisprachigen Ausgabe (2023) fest, dass Ort, Zeit und Verfasser der Völuspá unsicher sind; häufig werde Island um die Bekehrungszeit 999/1000 bevorzugt. Einen ungefähren spätesten Zeitpunkt sieht er um 1065, weil der Skalde Arnórr Þórðarson in seiner Þorfinnsdrápa offenbar eine Strophe der Völuspá aufgreift. Für Teile der Hávamál verweist Pettit auf Verse, die schon um 960 bei dem Skalden Eyvindr skáldaspillir anklingen.

Snorris Prolog: Götter als Menschen aus Troja

Am deutlichsten christlich ist der Prolog der Prosa-Edda. Er beginnt nicht bei Ymir, sondern bei der biblischen Schöpfung: Gott schafft Himmel und Erde, dann Adam und Eva; die Sintflut folgt. Danach verloren viele Menschen die Kenntnis des wahren Gottes, erkannten aber aus der Ordnung der Natur, dass ein Herrscher über allem stehen müsse. Die Asen werden zu Menschen, Nachkommen des trojanischen Königs Priamos. Thor heißt Tror, Odin ist ein weiser Herrscher, der aus der Gegend von Troja nach Norden zieht, Reiche gründet und dort schließlich als Gott verehrt wird. Den Namen „Asen“ leitet der Text von „Asien“ ab.

Diese Deutung heißt Euhemerismus, nach dem Griechen Euhemeros, der um 300 v. Chr. Götter als vergöttlichte Könige erklärte. Christliche Gelehrte hatten die Methode längst auf Jupiter und Saturn angewandt, und auch Saxo Grammaticus macht um 1200 aus Odin einen zauberkundigen Menschen.

Was wollte der Verfasser damit? Der britische Skandinavist Anthony Faulkes hat 1983 im Aufsatz „Pagan Sympathy“ argumentiert, der gelehrte Rahmen habe auch dazu gedient, kirchlicher Kritik vorzubeugen: Wer die alten Götter als irrende, aber vernünftige Menschen beschreibt, darf ihre Geschichten erzählen, ohne sie zu verherrlichen. Der Prolog ist damit christliche Gelehrsamkeit über heidnische Götter – kein Beleg dafür, dass die Mythen selbst christlich sind. Ob er in allen Teilen von Snorri stammt, ist nicht einhellig geklärt.

Gylfaginning: eine Erzählung, die sich selbst als Täuschung ausgibt

Auch die Gylfaginning hat einen Rahmen, der Abstand schafft. Der schwedische König Gylfi reist verkleidet als Gangleri zu den Asen, um das Geheimnis ihrer Macht zu erfahren. Doch sie sehen ihn kommen und empfangen ihn mit einer Sinnestäuschung, altnordisch sjónhverfing. In einer prächtigen Halle sitzen drei Gestalten übereinander: Hár („der Hohe“), Jafnhár („der Ebenso-Hohe“) und Þriði („der Dritte“). Sie beantworten seine Fragen nach Schöpfung, Göttern und Weltende. Am Schluss kracht es, die Halle ist verschwunden, und Gylfi steht auf freiem Feld.

Die Rahmung lässt sich als Schutz lesen: Der ganze Mythenbericht wird als Gaukelei markiert, ein christlicher Leser konnte die Geschichten genießen, ohne sie zu glauben. Hilda Ellis Davidson vermutete 1964, der Rahmen habe es erlaubt, eine schwindende Überlieferung gefahrlos festzuhalten. Die drei Throninhaber haben einige Forscher, etwa Anne Holtsmark, an eine Parodie der Dreifaltigkeit denken lassen.

Inhaltlich am christlichsten klingt das dritte Kapitel. Der Allvater lebe durch alle Zeitalter, habe Himmel und Erde geschaffen und dem Menschen eine unvergängliche Seele gegeben; die Rechtschaffenen würden mit ihm in Gimlé oder Vingólf wohnen, die Bösen zu Hel und nach Niflhel fahren. Schöpfergott, unsterbliche Seele, Lohn und Strafe nach dem Tod: Diese Verbindung kennt man aus der christlichen Lehre, nicht aus den älteren Liedern. Rudolf Simek und vor ihm Lee M. Hollander haben Snorris Gimlé als vom Bild des himmlischen Jerusalem geprägt beschrieben. Zugleich erzählt dieselbe Gylfaginning Geschichten, die kein christlicher Autor erfinden musste, etwa die Fesselung des Fenriswolfs, bei der Týr seine Hand verliert. Snorri ordnet und deutet, aber er erfindet nicht im großen Stil.

Völuspá: Gimlé, der Mächtige von oben und die Sibylle

Die Völuspá, die Weissagung der Seherin, ist das Hauptschlachtfeld der Debatte, und unser Artikel über das Gedicht hat dem Streit einen eigenen Abschnitt gewidmet. Hier die wichtigsten Punkte im Überblick. Eine Seherin erzählt Odin die Geschichte der Welt von der Schöpfung bis zum Untergang und darüber hinaus. Nach dem Weltbrand taucht eine grüne Erde aus dem Meer auf, Baldr kehrt zurück, und die Seherin sieht einen Saal, heller als die Sonne, mit Gold gedeckt, auf Gimlé; dort sollen treue Scharen wohnen und sich ewig freuen. Diese Strophe steht in beiden Handschriften.

In der Hauksbók folgt eine halbe Strophe, die im Codex Regius fehlt. Sie lautet im Original:

Þa kemr hinn riki at regin domi / oflugr ofan sa er ollv ræðr.

„Da kommt der Mächtige zum Gericht der Götter, der Starke, von oben, der über alles herrscht.“Völuspá 65 (Hauksbók, AM 544 4to, dort Strophe 57; Wortlaut nach der Handschriftentranskription), eigene Übertragung

Wer ist dieser Mächtige? Für viele Leser ist er Christus, der zum Jüngsten Gericht kommt. Pettit nennt in seinem Kommentar mehrere Möglichkeiten: Christus selbst oder Heimdall, Odin oder Baldr als Gestalten, in denen Christus vorgebildet sein könnte. Ob die Halbstrophe ein später christlicher Zusatz ist, darüber sind sich die Forscher nicht einig. Auffällig ist, dass sie nur in der jüngeren Handschrift steht. Auch regindómr ist doppeldeutig: regin heißt „die Götter“, kann aber bloß verstärken; Pettit versieht seine Übersetzung „göttliches Gericht“ mit einem Fragezeichen.

Daneben gibt es weitere Anklänge. Pettit verweist auf Parallelen zur Offenbarung des Johannes 21,8 (Völuspá 37–38) und zu Markus 13,24–26 bei verdunkelter Sonne und fallenden Sternen. Im Sammelband „The Nordic Apocalypse“ (2013), herausgegeben von Terry Gunnell und Annette Lassen, vergleichen Gro Steinsland und Karl G. Johansson die Völuspá mit den Sibyllinischen Weissagungen, im Mittelalter beliebten apokryphen Prophezeiungen; Kees Samplonius führt Surt auf das christliche schwarze Höllenfeuer zurück und erwägt eine Herleitung des Namens Loki von Luzifer. Im selben Band steht aber auch John McKinnells Überblick über das Heidentum in der Völuspá; McKinnell beschreibt den Dichter an anderer Stelle sinngemäß als christlich beeinflusst, aber selbst nicht christlich.

Gegen eine christliche Herleitung des Gedichts als Ganzes spricht, dass sein Gerüst ohne biblische Entsprechung ist: der Weltenbaum Yggdrasil, die Nornen, der Krieg zwischen Asen und Wanen, die Zwerge, der Wolf, der die Sonne verschlingt, Götter, die sterben. Auch die letzte Strophe passt schlecht zu einem frommen Schluss: Im Codex Regius fliegt nach dem Bild der erneuerten Welt der dunkle Drache Níðhǫggr heran, Leichen im Gefieder. Das Ende bleibt unruhig.

Baldr: Christusfigur oder alter Mythos?

Kein Gott der Edda wird so oft mit Christus verglichen wie Baldr. Der norwegische Philologe Sophus Bugge vertrat ab 1881 in seinen „Studier over de nordiske Gude- og Heltesagns Oprindelse“, der Baldr-Mythos sei unter christlichem und antikem Einfluss entstanden: der schöne, schuldlose Sohn des höchsten Gottes, getötet durch List, beweint von der ganzen Schöpfung, wiederkehrend in einer neuen Welt. Für den blinden Höðr verwies er auf die Legende vom blinden Longinus, der Christus die Lanze in die Seite stieß. Oft genannt wird auch das altenglische „Dream of the Rood“, in dem die ganze Schöpfung um den Gekreuzigten weint – bei Snorri sollen alle Dinge Baldr aus der Unterwelt weinen.

Die Gegenseite hat einen starken Zeugen. Um 985 trug der isländische Skalde Úlfr Uggason die Húsdrápa vor, ein Preisgedicht auf die geschnitzten Bilder in der neuen Halle des Óláfr pái. Die Bilder zeigten unter anderem Baldrs Leichenbrand mit Odin, Freyr, Heimdall, den Walküren und der Riesin, die das Schiff ins Meer stößt. Das war vor dem Beschluss am Allthing. Die Strophen sind zwar nur in Snorris Skáldskaparmál überliefert, aber Skaldenverse gelten wegen ihres strengen Versmaßes als vergleichsweise fest gegen nachträgliche Änderungen. Snorris Bestattungsszene ruht also auf alter Grundlage.

Der amerikanische Skandinavist John Lindow hat 1997 in „Murder and Vengeance among the Gods“ einen anderen Schlüssel vorgeschlagen: Baldrs Tod als Geschichte von Totschlag und Rache innerhalb einer Familie, wie sie die Sagas prägt. Das erklärt Züge, die zu keiner Christusgeschichte passen, etwa den eigens gezeugten Rächer. Wahrscheinlich ist beides wahr: ein alter Mythos, den christliche Isländer neu erzählten und dabei mit Farben der Passionsgeschichte versahen.

Odin am Baum: Kreuzigung oder Opferbrauch?

Die zweite große Christus-Parallele steht in den Hávamál, in den Strophen, die man Runatal nennt. Odin berichtet in Strophe 138, er habe neun Nächte am windigen Baum gehangen, mit dem Speer verwundet und Odin gegeben, „selbst mir selbst“. Ohne Brot und Trank habe er hinabgespäht, die Runen aufgenommen und sei schreiend zurückgefallen. Bugge sah darin den Gekreuzigten, den die Nordleute in England und Irland kennengelernt hätten: der Baum, der Speer des Longinus, der Durst, der Schrei. Dass das Kreuz im Mittelalter „Baum“ heißen konnte, stützt diese Lesart.

Die Einwände sind ebenso handfest. Christus opfert sich nicht sich selbst, und er hängt nicht am Kreuz, um geheimes Wissen zu erwerben. Erhängen gehört in Odins Kult: Adam von Bremen berichtet um 1075 von Menschen und Tieren, die im heiligen Hain bei Uppsala an Bäumen hingen, und Odin trägt Beinamen wie „Gott der Gehängten“. Pettit nennt den Mythos trotz offenkundiger Entsprechungen zur Kreuzigung „fast sicher heidnisch“, weil Skaldenkenningar ihn voraussetzen und die Hávamál sonst keinerlei christliche Lehre enthalten. Er räumt ein, dass ein später christlicher Antiquar einzelne Teile umgeformt haben könnte.

Ragnarök, Muspilli und das Jüngste Gericht

Weltende mit Feuer, verdunkelter Sonne und Gericht – das klingt nach christlicher Endzeit. Den Vergleich drängt das althochdeutsche „Muspilli“ auf, ein bairisches Gedicht über die Seele und das Jüngste Gericht, im 9. Jahrhundert in die Ränder einer Handschrift eingetragen, die Bischof Adalram von Salzburg zwischen 821 und 827 Ludwig dem Deutschen geschenkt hatte. Darin kämpft Elias gegen den Antichrist, sein Blut tropft auf die Erde, und die Welt verbrennt. Das Wort muspilli steht dort einmal, der altsächsische „Heliand“ hat mudspelli, ebenfalls beim Weltende. In der Edda ist Múspell eine Feuerwelt, deren Söhne bei Ragnarök gegen die Götter ziehen; Snorri macht daraus Muspelheim.

Das Wort ist eine echte Brücke, nur weiß niemand, in welche Richtung sie führt. Mehr als zwanzig Herleitungen wurden vorgeschlagen: als christlicher Neologismus, der aus dem Altsächsischen nach Norden wanderte, oder als älteres germanisches Wort für Weltvernichtung. Gustav Neckel verglich Elias mit Freyr, der gegen Surtr fällt; spätere Germanisten leiteten die Bilder aus Bibel und Kirchenvätern ab. Die Frage ist offen.

Die Unterschiede sind deutlich. In der christlichen Endzeit richtet ein Gott, der nicht stirbt. Bei Ragnarök sterben die Götter selbst: Odin wird vom Wolf verschlungen, Thor stirbt am Gift der Midgardschlange. Was danach kommt, steht im Beitrag Nach Ragnarök.

Ältere Zeugen: Skalden, Steine, Amulette

Wer wissen will, ob die Mythen erst im 13. Jahrhundert erfunden wurden, braucht Zeugnisse, die älter sind als die Handschriften. Die wichtigsten sind Gedichte der Skalden, der höfischen Dichter, deren Verse oft einem Dichter und Anlass zugeordnet werden können. Um 900 beschrieb der Norweger Þjóðólfr ór Hvini in der Haustlǫng die Bilder eines Schildes: Þjazi raubt Iðunn, Thor kämpft gegen Hrungnir. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts dichtete Eilífr Goðrúnarson die Þórsdrápa. Allerdings sind auch diese Strophen erst in Handschriften des 13. Jahrhunderts erhalten, meist bei Snorri; ihre Datierung ist Forschungsergebnis, nicht Urkunde.

Dazu kommen Bilder in Stein. Thors Fischzug nach der Midgardschlange erscheint auf Bildsteinen und Runensteinen, etwa in Altuna (Schweden) und Hørdum (Dänemark). Das Gosforth-Kreuz in Cumbria, ein christliches Steinkreuz aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, zeigt neben der Kreuzigung Szenen, die man auf Ragnarök bezieht: einen gefesselten Loki, Vidar, der dem Wolf den Rachen aufreißt, einen Hornbläser. Mehr dazu im Beitrag über Steinkreuze. Diese Steine belegen kein reines Heidentum, sondern ein Nebeneinander: Christliche Steinmetzen fanden nordische Endzeitszenen offenbar passend, um vom Sieg Christi zu erzählen. Entscheidend ist, dass die Motive drei Jahrhunderte vor dem Codex Regius greifbar sind.

Auch die Kleinfunde reden mit. Nach der Übersicht des Archäologen Jörn Staecker (1999) waren damals 121 Thorshämmer von 86 Fundorten in Nordeuropa bekannt. Einzelne Hammeranhänger tauchen ab dem späten 9. Jahrhundert auf und häufen sich in Dänemark und Südschweden im 10. Jahrhundert, also vor oder neben den Kreuzanhängern, die dort eher im 11. Jahrhundert verbreitet sind. Ob sie eine bewusste Antwort auf das Kreuz waren, ist umstritten; Staecker warnt davor, den Gegensatz zu überzeichnen.

Was gesichert ist

  • Die Prosa-Edda schrieb der Christ Snorri Sturluson um 1220 bis 1225; sein Original ist verloren, die älteste Handschrift stammt von etwa 1300.
  • Der Codex Regius der Lieder-Edda (GKS 2365 4to) wurde in den 1270er-Jahren auf Island geschrieben, rund 270 Jahre nach der Annahme des Christentums um 999/1000.
  • Der Prolog der Prosa-Edda deutet die Asen ausdrücklich als vergöttlichte Menschen aus dem Umfeld Trojas und beginnt mit der biblischen Schöpfung.
  • Die Halbstrophe vom „Mächtigen von oben“ (Völuspá 65) steht nur in der Hauksbók, nicht im Codex Regius.
  • Mythische Szenen wie Thors Fischzug, Baldrs Leichenbrand und Ragnarök-Motive sind in Skaldik und Steinbildern des 10. und frühen 11. Jahrhunderts belegt, also vor den Handschriften.

Wie die Forschung urteilt: drei Phasen, viele Stimmen

Die Debatte lässt sich grob in drei Phasen teilen. Bis weit ins 19. Jahrhundert las man die Edda als Fenster in eine urgermanische Religion. Dann leiteten Bugges „Studier“ (1881–1889) zahlreiche Mythen aus christlichen und klassischen Stoffen ab. Der Widerspruch war heftig. Karl Müllenhoff warf ihm vor, kein Sagenforscher zu sein; das gewichtigste Gegenargument kam von dem Isländer Finnur Jónsson: Die Mythen der Eddalieder seien schon Skalden des 9. Jahrhunderts bekannt gewesen, zu früh für eine Herkunft aus den britischen Inseln. Bugges Einzelableitungen haben sich meist nicht gehalten, seine Grundfrage aber ist geblieben.

Im 20. Jahrhundert setzte sich ein Mittelweg durch. Sigurður Nordal datierte die Völuspá 1923 in die Umbruchszeit um 1000 und las sie als Werk eines Heiden, der das Christentum kannte. Später rückten die Schreiber selbst in den Blick. Margaret Clunies Ross untersuchte in „Prolonged Echoes“ (1994/1998), wie Isländer nach dem Religionswechsel mit den Mythen dachten. Faulkes las Snorris Rahmen als gelehrte Konstruktion, Lars Lönnroth beschrieb die „natürliche Religion“ des Prologs.

Die jüngste Forschung folgt zwei Strängen. Einer sucht nach christlich-gelehrten Vorlagen, wie der Band „The Nordic Apocalypse“ zeigt. Der andere betont die Mündlichkeit: Gísli Sigurðsson fragt, was es heißt, die Völuspá als Produkt mündlicher Tradition ernst zu nehmen, und Terry Gunnell hat Hinweise darauf gesammelt, dass eddische Lieder aufgeführt wurden. Beide Stränge schließen sich nicht aus. Wer annimmt, dass ein Gedicht mündlich lebte, muss damit rechnen, dass es sich mit seinem Publikum veränderte, und dieses Publikum war ab 1000 christlich. Für das Lesen heißt das: Wo Snorri Ordnung und Systeme bietet, lohnt die Frage, ob ältere Lieder sie stützen, und Strophen wie Völuspá 65, die nur in einer jüngeren Handschrift stehen, verdienen besondere Vorsicht.

Mythos-Check

  • „Die Edda ist reines Wikinger-Heidentum.“ Nein. Alle Texte wurden von Christen aufgeschrieben und geordnet, Snorris Prolog und einzelne Völuspá-Strophen zeigen christliche Gedanken deutlich.
  • „Die nordische Mythologie haben Mönche erfunden.“ Ebenso falsch. Skaldenstrophen, Steinbilder und Amulette des 10. Jahrhunderts belegen zentrale Mythen vor der Niederschrift.
  • „Odin am Baum ist eine Kopie der Kreuzigung.“ Unbewiesen. Die Parallele ist auffällig, aber Selbstopfer zum Wissenserwerb und Erhängen im Odinskult haben keine christliche Vorlage.
  • „Baldr ist ein nordischer Christus.“ Eine These seit Bugge 1881, keine Tatsache. Die Húsdrápa um 985 bezeugt Baldrs Bestattung schon vor der Bekehrung Islands.
  • „Die Edda wurde von Mönchen in Klöstern geschrieben.“ Das lässt sich nicht belegen. Snorri war Laie und Politiker; über den Schreiber des Codex Regius wissen wir nichts.

Häufige Fragen

Wurde die Edda von Christen geschrieben? Ja. Die Prosa-Edda verfasste Snorri Sturluson, ein christlicher Isländer, um 1220 bis 1225. Den Codex Regius der Lieder-Edda schrieb ein unbekannter Schreiber in den 1270er-Jahren. Die Gedichte selbst sind aber zum großen Teil älter und wurden zuvor mündlich überliefert.

Welche Stellen gelten als christlich beeinflusst? Am deutlichsten Snorris Prolog mit Schöpfung, Sintflut und Troja-Abstammung, das dritte Kapitel der Gylfaginning über den Allvater und Gimlé sowie die Halbstrophe vom „Mächtigen von oben“ in der Hauksbók-Völuspá. Umstritten sind Baldrs Tod, Odins Hängen am Baum und Einzelheiten von Ragnarök.

Ist Baldr Jesus nachempfunden? Das ist eine These, die Sophus Bugge 1881 bekannt gemacht hat. Gegen eine reine Ableitung spricht die Húsdrápa um 985, die Baldrs Leichenbrand vor der Bekehrung Islands beschreibt. Viele Forscher rechnen mit einem alten Mythos, der in christlicher Zeit Farben der Passionsgeschichte annahm.

Gibt es Belege für die Mythen aus der Zeit vor der Bekehrung? Ja, aber keine vollständigen Texte. Skaldengedichte wie Haustlǫng (um 900) und Húsdrápa (um 985), Bildsteine, das Gosforth-Kreuz und Thorshammer-Anhänger zeigen zentrale Gestalten und Szenen lange vor den Handschriften.

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