Wer altnordische Preislieder zum ersten Mal liest, stolpert über Wendungen wie „Hengst der Woge“, „Eis der roten Schildränder“ oder „Fütterer der Kampfmöwe“. Gemeint sind ein Schiff, ein Schwert und ein Krieger. Solche Umschreibungen heißen Kenningar, Einzahl Kenning, und sie sind das auffälligste Werkzeug der Skalden, der Hofdichter Skandinaviens und Islands zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert. Dieser Beitrag erklärt, wie eine Kenning gebaut ist, was Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert darüber schrieb, welche Mythen hinter den bekanntesten Bildern stehen und wie man eine Strophe Schritt für Schritt entschlüsselt. Dazu kommen ein Dutzend Beispiele zum Mitraten, ein Blick auf das schlichte Gegenstück, die Heiti, und auf die altenglische Dichtung, in der der „Walweg“ eigentlich zu Hause ist.
Eine Kenning ersetzt ein gewöhnliches Wort durch eine Umschreibung aus mindestens zwei Gliedern. Das erste Glied, das Grundwort, nennt etwas anderes als das Gemeinte: einen Baum, ein Pferd, ein Feuer. Das zweite Glied, das Bestimmungswort, lenkt den Hörer zurück auf die richtige Spur. „Baum“ allein ist ein Baum. „Baum der Waffen“ ist ein Mann, genauer ein Krieger, denn er steht aufrecht zwischen Speeren und Schwertern wie ein Stamm im Wald. „Pferd“ allein ist ein Pferd. „Pferd der Woge“ ist ein Schiff, denn es trägt seinen Reiter über das Wasser.
Der Reiz liegt in der Spannung zwischen den Gliedern. Das Grundwort passt nicht, das Bestimmungswort macht es passend. Wer zuhört, muss kurz nachdenken: Was ist wie ein Pferd, gehört aber zur Welle? Die Antwort stammt fast immer aus der Welt der Kriegerhalle: Schiff, Schwert, Schild, Gold, Kampf, Blut, Krieger, Fürst, Dichtung, Himmel, Meer und die Götter selbst.
Das Wort stammt vom altnordischen Verb kenna, das „kennzeichnen, erkennen, benennen“ bedeutet. Der deutsche Germanist Rudolf Meißner hat 1921 mit „Die Kenningar der Skalden. Ein Beitrag zur skaldischen Poetik“ das bis heute grundlegende Verzeichnis vorgelegt, in dem Tausende Belege nach Bedeutungen geordnet sind.
Eine Kenning ist keine freie Metapher, die sich jeder Dichter neu ausdenkt. Sie folgt Mustern. Für das Meer gab es Dutzende Grundwörter, für das Gold ebenso. Das hatte praktische Gründe: Das Versmaß dróttkvætt verlangt sechs Silben pro Zeile, Stabreim und Binnenreime. Wer für „Gold“ zwanzig Möglichkeiten hatte, fand leichter das Wort mit dem passenden Anlaut. Zugleich verliehen Kenningar Glanz, forderten das Publikum heraus und trugen Wissen weiter: Wer „Sifs Haar“ verstand, kannte die Geschichte dahinter.
Unser wichtigster Führer ist ein Isländer, der selbst Skalde war: Snorri Sturluson (1178/79–1241). Seine sogenannte Prosa-Edda, um 1220 bis 1230 entstanden, ist im Kern ein Lehrbuch für junge Dichter. Der zweite Teil, die Skáldskaparmál („Sprache der Dichtkunst“), ist als Gespräch zwischen dem Meeresriesen Ægir und dem Dichtergott Bragi gestaltet. Ægir fragt, Bragi antwortet, und zwischen den Antworten stehen Hunderte Strophenzitate älterer Skalden, die sonst verloren wären.
Snorri ordnet den Stoff nach Fragen wie „Wie soll man den Himmel umschreiben?“ und liefert Listen. Für den Himmel nennt er etwa „Ymirs Schädel“, „Last der Zwerge“ und „Helm von Westri, Ostri, Südri und Nordri“, den vier Zwergen, die den Himmel an seinen Ecken tragen. Zu vielen Kenningar erzählt er die Geschichte, aus der sie stammen. Anthony Faulkes, Herausgeber der maßgeblichen Ausgabe, hebt hervor, dass Snorri fast jede Kenning auf eine Erzählung zurückführt. Das ist Snorris Methode, kein Beweis, dass jede Kenning aus einem Mythos entstand.
Gleich zu Beginn des Gesprächs teilt Bragi die Dichtkunst in zwei Bereiche: mál ok hættir, „Sprache und Versmaße“. Die Sprache wiederum hat drei Arten. Die Stelle ist der Ausgangspunkt aller späteren Kenning-Lehre:
„Die dritte Art der Dichtersprache ist die, die Kenning genannt wird, und diese Art ist so beschaffen: Wir nennen Odin oder Thor oder Týr oder einen der Asen oder Alben, und zu jedem von ihnen, den ich nenne, nehme ich eine Bezeichnung für etwas hinzu, das einem anderen Asen gehört, oder ich erwähne irgendwelche seiner Taten. Dann erhält dieser den Namen und nicht jener, der genannt wurde. So wie wir Sieg-Týr oder Týr der Gehenkten oder Týr der Lasten sagen: Das ist dann ein Name Odins, und wir nennen das einen umschriebenen Namen. Ebenso, wenn man Wagen-Týr sagt.“
Snorri Sturluson, Skáldskaparmál, Abschnitt „Einkenni skáldskapar“ (altnordischer Text nach heimskringla.no, dort Kap. 7); eigene Übersetzung aus dem Altnordischen
Davor nennt Snorri die beiden anderen Arten: „jedes Ding so zu nennen, wie es heißt“, und die fornǫfn, wörtlich „Fürnamen“, also Ersatznamen. Er spricht auch von kent heiti, „umschriebenen Bezeichnungen“, im Gegensatz zu ókend heiti, schlichten Einzelwörtern. Faulkes betont, dass sich Snorris Fachwörter überschneiden und kein sauberes System bilden.
Im dritten Teil seiner Edda, dem Háttatal („Verzeichnis der Versmaße“), gibt Snorri eine knappe Stufenleiter. Kenningar würden auf drei Arten unterschieden: „zuerst heißen sie Kenningar, zweitens tvíkennt, drittens rekit“. Sein Beispiel: Es sei eine Kenning, den Kampf fleinbrak zu nennen, „Speerlärm“. Es sei tvíkennt, also „doppelt umschrieben“, das Schwert fleinbraks fúr zu nennen, „Feuer des Speerlärms“. Und rekit, „gereckt, ausgedehnt“, sei es, „wenn es länger ist“.
Das Prinzip ist einfach: Jedes Glied einer Kenning kann selbst wieder durch eine Kenning ersetzt werden. Aus „Feuer des Kampfes“ (Schwert) wird „Feuer des Speerlärms“, weil „Speerlärm“ den Kampf vertritt. Ein schönes Beispiel steht im Kehrreim der Ragnarsdrápa des Bragi Boddason, des ältesten Skalden, von dem Verse erhalten sind. Er dankt für Ræs reiðar máni, den „Mond von Rærs Wagen“. Rær ist ein Seekönig, sein Wagen das Schiff, der Mond des Schiffes der runde Schild an der Bordwand. Gemeint ist ein bemalter Schild, den ein Fürst namens Ragnarr dem Dichter geschenkt hatte.
Snorri hielt nach verbreiteter Darstellung bis zu fünf Glieder noch für vertretbar; darüber hinaus gerate das Bild aus der Form. Als längste bekannte Kette gilt eine siebengliedrige Umschreibung für einen Krieger bei dem Skalden Þórðr Sjáreksson. Solche Monster waren die Ausnahme. Die übergroße Mehrheit der Kenningar hat zwei oder drei Glieder.
Die folgenden Beispiele sind in Snorris Lehrbuch, in erhaltenen Skaldenstrophen oder in der Fachliteratur belegt. Lesen Sie zuerst nur die Umschreibung und überlegen Sie kurz, bevor Sie zur Auflösung springen. Der Trick ist immer derselbe: Fragen Sie, was dem Grundwort ähnelt, aber zum Bestimmungswort gehört.
Viele Kenningar sind mehrdeutig, und die Auflösung hängt am Zusammenhang der Strophe. Genau deshalb verlangt die Lektüre Übung.
Kein Gegenstand hat so viele Kenningar wie das Gold. Ein Fürst wurde vor allem dafür gerühmt, dass er Gold verschenkte, und der Dichter brauchte dafür ständig neue Wörter. Snorri zählt unter anderem auf: „Ægirs Feuer“, „Laub von Glasir“, „Sifs Haar“, „Fullas Stirnband“, „Freyjas Weinen“, „Saat der Fýrisvellir“ sowie „Otterbuße“.
„Ægirs Feuer“ erklärt Snorri mit einem Gastmahl: Als die Götter beim Meeresriesen Ægir zu Gast waren, ließ er leuchtendes Gold in die Halle tragen, das statt eines Feuers brannte. Weil Ægir das Meer verkörpert, kann Gold auch „Feuer der Wellen“ oder „Feuer der Flüsse“ heißen. „Sifs Haar“ geht auf die Erzählung zurück, nach der Loki der Göttin Sif das Haar abschnitt und Zwerge ihr Haar aus Gold schmiedeten; Faulkes merkt an, dass diese Geschichte außerhalb von Snorri keine erhaltene Parallele hat. „Freyjas Weinen“ spielt auf die goldenen Tränen an, die Freyja um ihren Mann Óðr weinte. Die „Saat der Fýrisvellir“ stammt aus der Sage um König Hrólfr kraki, der auf der Flucht Gold über die Ebene bei Uppsala streute, um seine Verfolger aufzuhalten.
Dazu kommt „Fródis Mehl“: Im Lied Grottasǫngr mahlen die Riesenmägde Fenja und Menja auf einer Zaubermühle für König Fróði Gold. Eyvindr skáldaspillir verbindet in einer berühmten Strophe gleich zwei dieser Bilder, die „Saat der Fýrisvellir“ und das „Mehl der Mägde Fródis“, um zu klagen, dass in einer Hungerzeit kein Gold mehr zu sehen sei.
Ein zweiter großer Kreis von Kenningar stammt aus dem Schöpfungsmythos. Nach Gylfaginning, dem ersten Teil von Snorris Edda, töteten Odin und seine Brüder den Urriesen Ymir und bauten aus seinem Körper die Welt: aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut das Meer, aus den Knochen die Berge, aus dem Schädel den Himmel. Ähnliches erzählen die eddischen Lieder Vafþrúðnismál und Grímnismál.
Daraus ergeben sich Kenningar, die man nur versteht, wenn man den Mythos kennt. „Ymirs Schädel“ ist der Himmel, „Ymirs Blut“ das Meer. Für die Erde gibt es auch einen Umweg über Thor, denn seine Mutter heißt Jǫrð, „Erde“. Eyvindr nennt den Boden in derselben Hungerstrophe „Fleisch der Mutter des Feindes der Riesin“: Der Feind der Riesin ist Thor, seine Mutter Jǫrð, ihr Fleisch die Erde.
Für das Meer listet Snorri außerdem „Mann der Rán“, „Vater der Ægirstöchter“ und „Land der Rán und der Ægirstöchter“ auf. Die neun Töchter tragen Namen für Wellen, etwa Bylgja („Woge“), Bára („Welle“) und Hrǫnn („Brecher“). Auch hier gilt: Wer die Familie kennt, kann das Bild auflösen.
Am liebsten sprachen die Skalden über ihr eigenes Handwerk. Die Dichtung heißt in den Kenningar fast immer ein Getränk. Snorri erzählt die Geschichte dazu ausführlich: Aus dem Speichel der Asen und Vanen entsteht der weise Kvasir. Zwei Zwerge töten ihn, mischen sein Blut mit Honig und brauen daraus einen Met, der jeden zum Dichter macht, der davon trinkt. Über Umwege gelangt der Trank zu dem Riesen Suttungr, und Odin raubt ihn schließlich in Gestalt eines Adlers.
Daraus folgt eine ganze Reihe von Umschreibungen, die Snorri auflistet: „Kvasirs Blut“, „Schiff der Zwerge“, „Met der Zwerge“, „Met der Riesen“, „Suttungs Met“, „Odins Met“, „Met der Asen“. Das „Schiff der Zwerge“ wirkt zunächst seltsam. Faulkes erklärt es über ein Wortspiel: Das altnordische líð kann sowohl „Trank“ als auch „Schiff“ bedeuten. Snorri selbst nennt dieses Doppelspiel.
Die Skalden setzten diese Bilder gern an den Anfang eines Gedichts. Egill Skallagrímsson eröffnet seine Hǫfuðlausn („Haupteslösung“) mit dem Bild, er trage „Odins Met“ über das Meer nach England. Einarr skálaglamm beginnt seine Vellekla mit der Bitte an den Jarl, „Kvasirs Blut“ zu hören. In der Forschung wird diese Zeile gern angeführt, weil das Bild, Blut zu „hören“, nicht zusammenpasst. Die Kenning war offenbar so fest, dass niemand mehr das Bild dahinter sah.
Das Kriegsvokabular ist der zweite große Block. Der Kampf erscheint als Lärm, Sturm oder Wetter der Waffen: „Speerlärm“, „Speersturm“, „Unwetter Odins“. Das Schwert ist „Feuer des Kampfes“ oder, über das Blut, „Wundfeuer“ (ben-fúrr), weil es in der Wunde glänzt wie eine Flamme. Es ist „Eis der Schildränder“, weil es kalt und hell ist. Snorri überliefert sogar die rätselhafte Wendung, das Schwert heiße „Heimdalls Haupt“, und verweist dazu auf ein heute verlorenes Gedicht über Heimdall.
Der Rabe, Begleiter jedes Schlachtfelds, wird als Vogel des Blutes, als „Kampfmöwe“ oder „Schwalbe der Feindschaft“ bezeichnet, und daraus entsteht eine der häufigsten Krieger-Kenningar: der „Fütterer des Raben“. Wer Leichen hinterlässt, nährt die Aasvögel. Der Rabe im Norden hat deshalb eine erstaunliche Karriere in der Dichtung gemacht.
Für den Mann selbst gibt es zwei Grundmuster. Das erste ist der Baum: Snorri sagt ausdrücklich, die Skalden nannten den Mann nach Bäumen, etwa „Esche“, „Ahorn“ oder „Hain“, und verbanden dieses Grundwort mit Waffen, Gold oder Schiffen. Ein „Baum des Schwertes“ ist ein Krieger, ein „Baum des Goldes“ ein reicher Mann. Das zweite Muster ist der Gott: Man setzt einen Götternamen als Grundwort und hängt ein Bestimmungswort an. „Odin des Kampfes“ ist ein Krieger, „Njǫrðr des Schildes“ ebenso. Frauen werden entsprechend als Göttinnen mit Schmuck- oder Gewandwörtern umschrieben.
Snorri beginnt seine Listen mit den Göttern. Thor soll man nennen „Sohn Odins und der Jǫrð, Vater von Magni, Móði und Þrúðr, Gatte der Sif, Stiefvater Ulls, Lenker und Besitzer von Mjǫllnir, dem Kraftgürtel und der Halle Bilskírnir, Schützer von Ásgarðr und Miðgarðr, Feind und Töter der Riesen und Trollweiber, Erschlager Hrungnirs, Geirrǫðrs und Þrívaldis, Herr von Þjálfi und Rǫskva, Feind der Midgardschlange“ und so fort. Jede dieser Wendungen ist eine Kenning für Thor, und die meisten verweisen auf eine bekannte Erzählung. Der Thorshammer ist also nicht nur Amulett, sondern auch sprachliches Erkennungszeichen.
Bei Loki wird es boshafter: Er ist „Vater des Fenriswolfs und der Midgardschlange“ und „Dieb der Riesen“. Für Odin gilt das Prinzip aus dem Zitat oben: „Týr der Gehenkten“ meint Odin, wobei Týr hier fast ein Gattungswort für „Gott“ ist. Der Gott der Gehenkten ist der Herr der Galgen, der selbst am Baum hing.
Ein frühes Beispiel liefert die Haustlǫng des Þjóðólfr von Hvinir, der um 900 einen bemalten Schild beschrieb, den ihm ein Mann namens Þorleifr geschenkt hatte. Darauf waren der Raub der Iðunn durch den Riesen Þjazi und Thors Zweikampf mit Hrungnir zu sehen. Thor heißt dort unter anderem „Meilis Bruder“ und „Ulls Stiefvater“, Loki „Vater des Wolfes“. Ohne Kenntnis dieser Familienverhältnisse bleiben die Strophen unverständlich.
Gerade weil Kenningar Wissen speicherten, überlebten die heidnischen Bilder die Bekehrung. Christliche Skalden dichteten weiter mit „Ymirs Schädel“ und „Odins Met“ und umschrieben sogar Heilige mit Göttinnennamen, so die heilige Katharina als „Þrúðr der Kopftücher“. Snorri schrieb sein Lehrbuch ausdrücklich für junge Dichter, die die alten Lieder verstehen wollten. Seine Edda ist deshalb weniger Glaubenszeugnis als Sprachlehrbuch.
Wie mühsam und wie lohnend die Lektüre ist, zeigt eine Strophe aus der Egils saga (Kapitel 55). Nach der Schlacht gegen die Schotten sitzt Egill zornig in der Halle des englischen Königs Aðalsteinn, weil sein Bruder gefallen ist. Der König zieht einen goldenen Armring ab und reicht ihn Egill auf der Schwertspitze über das Feuer. Egill nimmt ihn mit seinem Schwert an, streift ihn über den Arm und spricht eine Strophe. Ihre erste Hälfte lautet:
Hrammtangar lætr hanga / hrynvirgil mér brynju / Hǫðr á hauki troðnum / heiðis vingameiði.
Der erste Schritt ist, die Wortstellung aufzulösen, die das Versmaß durcheinandergeworfen hat: Hǫðr brynju lætr hrynvirgil hrammtangar hanga mér á hauki troðnum heiðis vingameiði. Der zweite Schritt ist, die Kenningar einzeln zu lösen. „Hǫðr der Brünne“ ist ein Gott mit einem Rüstungswort, also ein Krieger, hier der König. „Klirrendes Seil der Prankenzange“ ist ein Ring: Die Prankenzange ist die greifende Hand, und was sich klirrend um sie windet, ist der Armreif. „Vom Habicht betretener Schaukelbaum des Falken“ ist der Arm, auf dem der Jagdvogel sitzt. Der dritte Schritt ist der Klartext: „Der Krieger lässt mir den Ring an meinem Arm hängen.“
In der zweiten Strophenhälfte folgen eine weitere Krieger-Kenning („Fütterer des Kampfhabichts“) und Umschreibungen, deren Auflösung in den Ausgaben unterschiedlich angegeben wird. Ob Egill den Vers so sprach, lässt sich nicht beweisen. Die Saga wurde rund drei Jahrhunderte später aufgeschrieben, und die Echtheit der ihm zugeschriebenen Strophen ist umstritten.
Neben den Kenningar steht eine zweite Gruppe dichterischer Wörter, die Heiti (Einzahl und Mehrzahl gleich, „Name, Bezeichnung“). Ein Heiti ist ein einzelnes Wort, das in der Dichtung anstelle des Alltagsworts steht, ohne Umschreibung und ohne Rätsel. Für „Pferd“ sagte man in Prosa hestr, im Vers gern jór. Für „Schwert“ steht im Alltag sverð, im Gedicht mækir oder hjǫrr. Für „Meer“ konnte der Dichter salt sagen, für „Männer“ fírar oder gotnar, ursprünglich der Name der Goten. Der Unterschied ist einfach: mækir ist ein Heiti für das Schwert, „Wundfeuer“ eine Kenning.
Heiti sind oft alte, im Alltag ausgestorbene Wörter, manchmal Lehnwörter wie sinjór, „Herr“, das über das Altfranzösische auf das lateinische senior zurückgeht. Eine besondere Gruppe bilden die Beinamen der Götter. Odin trägt Dutzende: Grímnir („der Maskierte“), Fjǫlnir, Viðrir, Yggr und viele mehr. Ein solcher Name ist ein Heiti, keine Kenning. Als Grundwort kann er aber Baustein einer Kenning werden.
Snorri hat diese Wörter gesammelt. Am Ende der Skáldskaparmál stehen die Þulur, Merkverse, die nur Namen aufzählen: für Riesen, Schwerter, Schiffe, Pferde, Wellen. Für einen jungen Skalden waren sie, was heute ein Reimlexikon wäre. Weitere altnordische Fachwörter erklärt die Begriffskunde.
Das wohl bekannteste Schulbuchbeispiel stammt gar nicht aus dem Norden: „Walweg“ oder „Walstraße“ für das Meer ist altenglisch. Im Beowulf heißt es in Vers 10, die Völker „über die Walstraße“ (ofer hronrāde) hätten dem König Scyld gehorchen müssen. In Vers 200 fährt der Held über die „Schwanenstraße“ (swanrād), in Vers 1429 ist von der „Segelstraße“ (seglrād) die Rede. Die Form hwælweg, „Walweg“ im wörtlichen Sinn, steht im altenglischen Gedicht The Seafarer (Vers 63). Eine altnordische Entsprechung „hvalvegr“ ist mir als feste Kenning nicht bekannt.
Weitere bekannte Beispiele aus dem Beowulf sind bānhūs, „Knochenhaus“, für den Körper (Vers 2508) und beadolēoma, „Kampflicht“, für das blitzende Schwert (Vers 1523). Das Glossar zur Beowulf-Ausgabe stellt dem letzten Wort ausdrücklich das altnordische gunnlogi, „Kampfflamme“, zur Seite. Der Unterschied ist trotzdem deutlich: Die altenglischen Kenningar sind fast immer einfache Zusammensetzungen aus zwei Gliedern. Geschachtelte Ketten wie „Mond von Rærs Wagen“ kennt die altenglische Dichtung nicht, und sie verweist viel seltener auf Mythen. In der kontinentalen westgermanischen Dichtung, etwa im altsächsischen Heliand, sind Kenningar nahezu nicht vorhanden.
Heißt es die Kenning oder das Kenning? Im Deutschen ist „die Kenning“ üblich, Mehrzahl „die Kenningar“ nach dem Altnordischen; man liest auch „Kennings“. Das Wort geht auf das Verb kenna, „kennzeichnen, erkennen“, zurück.
Was ist der Unterschied zwischen Kenning und Heiti? Eine Kenning ist eine Umschreibung aus mindestens zwei Gliedern („Hengst der Woge“ für Schiff). Ein Heiti ist ein einzelnes dichterisches Wort anstelle des Alltagsworts (jór statt hestr für Pferd).
Was bedeutet „Ymirs Schädel“? Den Himmel. Nach dem Schöpfungsmythos bauten die Götter aus dem Schädel des Urriesen Ymir das Himmelsgewölbe. „Ymirs Blut“ ist entsprechend das Meer.
Warum heißt Gold „Ægirs Feuer“? Snorri erzählt, der Meeresriese Ægir habe bei einem Fest für die Götter seine Halle mit leuchtendem Gold statt mit Feuer erhellt. Da Ægir für das Meer steht, kann Gold auch „Feuer der Wellen“ heißen.
Wo kann man Kenningar nachschlagen? In Snorris Skáldskaparmál, die auf Deutsch in mehreren Übersetzungen vorliegt, und im Verzeichnis von Rudolf Meißner (1921). Für einzelne Strophen bietet das internationale Projekt „Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages“ Texte mit Auflösung.

Egill Skallagrímsson · Bragi – Gott der Dichtkunst · Snorri Sturluson · Skål! Bedeutung, Herkunft und der Mythos vom Schädelbecher · Begriffskunde.
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