Ein cheruskischer Junge, von Varus wie ein Sohn erzogen, eine Fürstentochter, die einen römischen Adler stiehlt, und ein Freund aus Kindertagen, der zum Rivalen wird: So erzählt die deutsche Netflix-Serie „Barbaren“ den Weg in die Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr. Die antiken Berichte dazu passen auf wenige Seiten. Dieser Beitrag legt die beiden Staffeln neben Velleius Paterculus, Tacitus, Cassius Dio, Florus, Strabon und Sueton und neben die Funde von Kalkriese. Er zeigt, wo das Drehbuch eine Lücke der Quellen füllt, wo es ihnen widerspricht und wo es überraschend genau ist. Die Geschichte der Cherusker selbst steht im Hauptbeitrag über Arminius und die Cherusker; hier geht es um die Serie.
„Barbaren“ ist eine deutsche Produktion der Gaumont GmbH für Netflix. Die erste Staffel mit sechs Folgen erschien am 23. Oktober 2020, die zweite, ebenfalls mit sechs Folgen, am 21. Oktober 2022. Die erste Staffel entwickelten Arne Nolting und Jan Martin Scharf, die Drehbücher schrieben sie mit Andreas Heckmann; die zweite Staffel inszenierte überwiegend Stefan Ruzowitzky. Gedreht wurde in Ungarn und in Polen.
Im Zentrum stehen drei Figuren: Laurence Rupp spielt Arminius, der in der Serie meist Ari heißt, Jeanne Goursaud spielt Thusnelda, David Schütter den Krieger Folkwin. Gaetano Aronica gibt Varus, Bernhard Schütz den Cheruskerfürsten Segestes. In der zweiten Staffel kommen Daniel Donskoy als Flavus, Murathan Muslu als Marbod, Alessandro Fella als Germanicus und Giovanni Carta als Tiberius dazu.
Eine dritte Staffel gibt es nicht. Im März 2024 berichtete das Portal What’s on Netflix, Hauptdarsteller Laurence Rupp habe auf eine Frage geantwortet, es werde „so bald“ keine dritte Staffel geben; die Produktionsfirma habe mitgeteilt, die Serie sei nicht offiziell abgesetzt, die Produktion aber abgeschlossen. Eine spätere Änderung ist mir nicht bekannt.
Es gibt keinen einzigen germanischen Bericht über die Varusschlacht. Alles Schriftliche stammt von Römern und Griechen, und keiner von ihnen war dabei.
Der früheste Autor ist Velleius Paterculus, ein Offizier des Tiberius, der um 30 n. Chr. schrieb. Er beschreibt Varus und Arminius in wenigen Sätzen (2,117–119). Der Geograph Strabon, ein Zeitgenosse, erwähnt den Vertragsbruch der Cherusker und den Triumphzug des Germanicus im Jahr 17. Tacitus schildert rund hundert Jahre später in den Annalen (Bücher 1 und 2) vor allem die Feldzüge des Germanicus. Die einzige zusammenhängende Schilderung des Kampfes gibt Cassius Dio (Buch 56) im frühen 3. Jahrhundert. Florus, ein Autor des 2. Jahrhunderts, liefert eine kurze, rhetorisch zugespitzte Fassung, Sueton in seiner Augustus-Biographie die Reaktion des Kaisers.
Für zwölf Folgen ist das kaum Stoff. Die Autoren mussten erfinden. Die Frage ist nicht, ob „Barbaren“ erfindet, sondern wo und wie.
Die Serie beginnt mit einem Kind. Der Sohn des Cheruskerfürsten Segimer wird den Römern als Pfand übergeben, wächst bei Varus auf und kehrt als römischer Offizier in seine Heimat zurück. Varus behandelt ihn wie einen Sohn, und daraus bezieht die Serie ihren stärksten Konflikt: Ari verrät nicht einen Vorgesetzten, sondern einen Ziehvater.
Ein Teil davon ist belegt. Velleius nennt Arminius einen jungen Mann von vornehmer Herkunft, tapfer und schnell im Denken, Sohn des Sigimer, eines Fürsten seines Volkes. Er sei ein ständiger Begleiter der römischen Kriegszüge gewesen und habe neben dem römischen Bürgerrecht den Rang eines Ritters erlangt. Im Lateinischen heißt es, er sei „adsiduus militiae nostrae prioris comes“ gewesen, ein beständiger Gefährte unserer früheren Feldzüge. Tacitus ergänzt, Arminius habe im römischen Lager seine Landsleute befehligt und darum ins Gespräch mit seinem Bruder lateinische Worte eingestreut (Annalen 2,10).
Nicht belegt ist dagegen die Kindheit als Geisel. Keine antike Quelle sagt, dass Arminius als Junge nach Rom gebracht wurde. Die Annahme ist verbreitet, weil Rom oft Fürstensöhne an sich band, bleibt aber eine Folgerung. Varus übernahm Germanien erst um 7 n. Chr.; eine Bekanntschaft aus Kindertagen ist nirgends überliefert. Cassius Dio schreibt lediglich, Arminius und Segimerus hätten zu den ständigen Begleitern des Varus gehört und oft an seiner Tafel gegessen. Das genügt für einen Verrat aus nächster Nähe, nicht für eine Vater-Sohn-Geschichte.
Auch der Name „Ari“ ist eine Erfindung. „Arminius“ ist die lateinische Form, wie die Römer ihn nannten. Seinen germanischen Namen kennen wir nicht.
Die Serie macht aus Thusnelda die eigentliche Hauptfigur. Sie stiehlt mit Folkwin den Adler einer Legion, tritt Varus entgegen, wird von anderen als Seherin verehrt und schmiedet die Stämme mit zusammen. Sie liebt Folkwin und heiratet Ari aus politischen Gründen.
Die Quellen geben ihr eine andere Rolle. Ihren Namen überliefert nur Strabon. Tacitus nennt sie nie beim Namen, sondern spricht von der Tochter des Segestes und der Gattin des Arminius. Er berichtet, Arminius habe die Tochter des Segestes geraubt, die einem anderen versprochen war („filiam eius alii pactam rapuerat“, Annalen 1,55). Wann dieser Brautraub geschah, ob vor oder nach der Varusschlacht, sagt Tacitus nicht; dazu gibt es in der Forschung unterschiedliche Angaben. Wer der andere Bräutigam war, ist unbekannt. Die Serie füllt diese Lücke mit dem erfundenen Chattenfürsten Hadgan.
Im Jahr 15 n. Chr. holte Germanicus den von seinen eigenen Leuten belagerten Segestes zu den Römern. Mit ihm kamen Angehörige, darunter Thusnelda, die zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Vater lebte, nach seinen Worten nicht freiwillig. Tacitus beschreibt die Szene so:
inerant feminae nobiles, inter quas uxor Arminii eademque filia Segestis, mariti magis quam parentis animo, neque victa in lacrimas neque voce supplex, compressis intra sinum manibus gravidum uterum intuens.
„Darunter waren auch vornehme Frauen, unter ihnen die Gattin des Arminius, die zugleich die Tochter des Segestes war, mehr von der Gesinnung ihres Mannes als der ihres Vaters erfüllt: Sie ließ sich weder zu Tränen bezwingen, noch flehte sie mit Worten, sondern hielt die Hände im Bausch ihres Gewandes verschränkt und blickte auf ihren schwangeren Leib.“Tacitus, Annalen 1,57; lateinischer Wortlaut in Teilstücken über ein Abrufwerkzeug von der Ausgabe der Latin Library gelesen, nicht in einer kritischen Edition; deutsche Fassung eigene Übersetzung
Tacitus zeichnet hier keine Kriegerin und keine Seherin, sondern eine Gefangene, die ihre Haltung bewahrt. Der Sohn, den sie in römischer Gefangenschaft zur Welt brachte, wuchs nach Tacitus in Ravenna auf. Strabon nennt ihn Thumelicus und berichtet, er sei beim Triumph des Germanicus am 26. Mai 17 n. Chr. drei Jahre alt gewesen. Was später aus dem Jungen wurde, wollte Tacitus „an passender Stelle“ erzählen; dieser Teil der Annalen ist verloren. Die oft wiederholte Behauptung, Thumelicus sei Gladiator geworden, lässt sich nicht belegen.
Für eine aktive Rolle Thusneldas im Krieg gibt es keinen Beleg. Eine Fürstentochter, die einen Legionsadler raubt, hätten römische Autoren kaum verschwiegen. Ihre Gefangennahme am Ende der zweiten Staffel nähert sich der Überlieferung an, verlegt sie aber zeitlich und lässt sie von Tiberius statt von Germanicus ausgehen. Mehr zur Lebenswelt von Frauen in den Quellen steht im Beitrag über germanische Frauen.
Folkwin Wolfspeer, der zweite Held der Serie, ist frei erfunden. Er verkörpert den Teil der Cherusker, der Arminius misstraut, weil er zu römisch ist. Diese Spannung gab es wirklich. Tacitus berichtet, dass Arminius später von eigenen Verwandten getötet wurde, weil er nach der Königswürde strebte (Annalen 2,88). Eine Liebesgeschichte Folkwins mit Thusnelda ist dagegen reine Fiktion. Dass das Kind Thusneldas in der Serie von Folkwin stammt, widerspricht der Überlieferung, die es eindeutig als Sohn des Arminius führt.
Ebenso erfunden sind die Seherin Runa, Thusneldas Mutter Irmina, ihr jüngerer Bruder Ansgar und der Chattenfürst Hadgan. Der Name Ansgar ist vor allem durch den Missionar des 9. Jahrhunderts bekannt. Historisch hatte Thusnelda einen Bruder namens Segimundus, der laut Tacitus Priester am Altar der Ubier gewesen war, die Priesterbinden im Jahr 9 zerriss und zu den Aufständischen überlief.
Segestes, der Vater Thusneldas, ist in der Serie ein Opportunist, der die Römer über Folkwin informiert und am Ende seine eigene Tochter verrät. Das Bild hat einen wahren Kern. Velleius berichtet, Segestes, „ein treuer Mann aus diesem Volk“, habe Varus vor der Verschwörung gewarnt und verlangt, die Verschwörer in Ketten zu legen; Varus habe ihm nicht geglaubt. Tacitus bestätigt das (Annalen 1,58). Segestes war also kein Wendehals, sondern stand beständig auf der Seite Roms.
Seine Hinrichtung durch Tiberius am Ende der zweiten Staffel ist erfunden. Historisch lebte Segestes nach 15 n. Chr. auf einem Wohnsitz, den ihm Germanicus in der römischen Provinz am Rhein zuwies, und sah zwei Jahre später als Ehrengast zu, wie seine Tochter und sein Enkel im Triumph vorgeführt wurden. Mehr zu dieser Grenzregion steht im Beitrag über die Germanen im Rheinland.
Segimer, der Vater des Arminius, stirbt in der Serie bereits in der ersten Staffel, und sein Tod ebnet Ari den Weg an die Spitze der Cherusker. Dafür gibt es keinen Beleg. Wann und wie der Vater starb, ist nicht überliefert. Cassius Dio nennt sogar einen Segimerus neben Arminius als Anführer der Verschwörung; ob damit der Vater gemeint ist oder ein gleichnamiger Verwandter, lässt sich nicht eindeutig klären.
Gaetano Aronica spielt Varus als harten, von seiner Überlegenheit überzeugten Statthalter, der hohe Abgaben eintreibt und Widerstand brutal bestraft. In der Serie lässt er die Familie Folkwins kreuzigen. Die harte Abgabenpolitik deckt sich mit Cassius Dio, nach dem Varus den Germanen Befehle gab, als wären sie Sklaven, und Geld eintrieb wie von Unterworfenen.
Die anderen Quellen zeichnen allerdings ein weniger finsteres Bild. Velleius beschreibt ihn als milden, ruhigen Mann, langsam an Geist wie an Körper, und fügt den berühmten Spott hinzu, er sei arm in die reiche Provinz Syrien gekommen und reich aus der armen Provinz gegangen. Florus macht ihn zum Richter, der Barbaren mit römischem Recht bändigen will. Beide schrieben nach der Katastrophe, und ein unfähiger Varus entlastete alle anderen, auch Tiberius, unter dem Velleius gedient hatte.
Varus’ Tod zeigt die Serie im Kern richtig. Velleius und Dio berichten, er habe sich selbst getötet, als die Niederlage unabwendbar war. Sein Leichnam wurde von den Germanen verstümmelt, der Kopf über Marbod an Augustus geschickt. Augustus soll nach Sueton seinen eigenen Kopf gegen eine Tür geschlagen und gerufen haben: „Quintilius Varus, gib die Legionen zurück!“
Den Adlerraub, mit dem Thusnelda und Folkwin die erste Staffel in Gang setzen, gibt es in keiner Quelle. Die Bedeutung des Adlers trifft die Serie dagegen genau. Der Adler, lateinisch aquila, war das heiligste Feldzeichen einer Legion, sein Verlust eine Schande. In der Varusschlacht gingen alle drei Adler der 17., 18. und 19. Legion verloren. Die Rückholung zog sich über Jahrzehnte: Ein Adler, nach Tacitus der 19. Legion, wurde 15 n. Chr. bei den Brukterern gefunden, ein zweiter 16 n. Chr. bei den Marsern, wo er in einem Hain vergraben lag. Den dritten holten die Römer nach Cassius Dio erst im Jahr 41 unter Kaiser Claudius von den Chauken zurück.
Im Finale der ersten Staffel lockt Ari Varus mit der Meldung, ein Stamm habe sich gegen Rom erhoben, in einen Hinterhalt. Die verbündeten Stämme warten im Wald, die Legionen werden in einer langen, blutigen Sequenz vernichtet, und Varus stürzt sich in sein Schwert. Das Grundmuster stimmt mit den Quellen überein. Cassius Dio berichtet, die Verschwörer hätten in einiger Entfernung einen Aufstand inszeniert, damit Varus ausrückte, ihn eine Strecke begleitet und dann auf dem Marsch angegriffen.
Abweichend ist vor allem die Dauer. Nach Dio zog sich der Kampf über mehrere Tage hin. Die Kolonne war mit Wagen und Tross belastet, Dio erwähnt „nicht wenige Frauen und Kinder“. Sturm und Regen machten den Boden rutschig, die Römer schlugen ein Lager auf, verbrannten Wagen und kämpften sich weiter. Am vierten Tag nennt Dio erneut heftigen Regen, der die Schilde durchnässte und den Einsatz von Bögen und Speeren erschwerte. Erst dann tötete sich Varus mit den ranghöchsten Offizieren.
Tacitus beschreibt sechs Jahre später das Schlachtfeld, das die Soldaten des Germanicus betraten: das erste Lager des Varus, das noch die Arbeit von drei Legionen erkennen ließ, einen halb eingestürzten Wall mit flachem Graben, wo sich die Reste gesammelt hatten, verstreute und aufgehäufte Knochen, an Baumstämme genagelte Schädel und in nahen Hainen die Altäre, an denen Tribunen und Zenturionen der ersten Ränge getötet worden waren.
Wie viele Römer starben, ist unbekannt. Gesichert sind drei Legionen, dazu nach Velleius drei Reiterabteilungen und sechs Kohorten Hilfstruppen. Gängige Schätzungen von 15.000 bis 20.000 Mann beruhen auf Sollstärken. Wie die Germanen kämpften, behandelt der Beitrag über germanische Kriegsführung.
Rezensenten bemängelten Steigbügel bei römischen Reitern; sie kamen in Europa erst Jahrhunderte später auf. Die übrigen römischen Rüstungen, Schilde und Helme gelten als sorgfältig nachgebaut.
Die Serie nennt keinen genauen Ort, und er ist bis heute nicht bewiesen. Der Name „Teutoburger Wald“ geht auf Tacitus zurück, der vom „saltus Teutoburgiensis“ spricht. Das Mittelgebirge bei Detmold erhielt diesen Namen erst in der Neuzeit.
Der wichtigste Fundplatz liegt weiter nordwestlich, in Kalkriese bei Bramsche im Osnabrücker Land. Seit 1987 fanden Archäologen in einer engen Senke zwischen dem Kalkrieser Berg und dem Großen Moor tausende römische Objekte: Münzen, Waffen, Ausrüstungsteile, Teile eines Schienenpanzers, eine eiserne Gesichtsmaske, Reste von Maultieren und Gruben mit menschlichen Knochen. Ein Wall, lange als germanische Sperre gedeutet, erwies sich nach Grabungen 2016 und 2017 möglicherweise als Teil einer hastig angelegten römischen Verteidigungsstellung.
Umstritten ist Kalkriese trotzdem. Eine Minderheit der Forschung hält es für möglich, dass die Funde von einem der Feldzüge des Germanicus 15 oder 16 n. Chr. stammen, etwa von den Kämpfen seines Legaten Caecina. 2022 stellte das Museum Kalkriese Metallanalysen vor, nach denen Buntmetallfunde Übereinstimmungen mit dem früheren Standort der 19. Legion in Dangstetten zeigen. Das stützt die Varus-These, beweist sie aber nach den Beteiligten selbst nicht endgültig.
Die zweite Staffel setzt ein Jahr nach der Schlacht ein. Neue Legionen rücken an, Ari sucht das Bündnis mit Marbod, sein Bruder Flavus kämpft für Rom. Am Ende stirbt Folkwin auf dem Schlachtfeld, Flavus opfert sich für Marbod, und Tiberius lässt die Eltern Thusneldas hinrichten und nimmt sie mit ihrem Kind in seine Gewalt.
Einiges davon ist gut gewählt. Tiberius führte tatsächlich in den Jahren 10 und 11 n. Chr. Feldzüge am Rhein und darüber hinaus, um die Grenze nach der Katastrophe zu sichern, und Germanicus war zumindest 11 n. Chr. an seiner Seite. Die großen Feldzüge des Germanicus, von denen Tacitus ausführlich erzählt, fallen aber erst in die Jahre 14 bis 16.
Marbod ist eine historische Figur, aber die Serie stellt ihn falsch neben Arminius. Marbod, lateinisch Maroboduus, war seit etwa 9 v. Chr. König der Markomannen in Böhmen und hatte ein großes Reich aufgebaut. Nach der Varusschlacht gelangte der Kopf des Varus zu ihm, wohl als Werben um ein Bündnis; Marbod schloss sich nicht an und schickte ihn nach Rom. Im Jahr 17 kam es zum Krieg zwischen beiden; die Schlacht endete nach Tacitus unentschieden, doch Marbod verlor an Rückhalt und ging 19 n. Chr. ins römische Exil nach Ravenna. Dass er in der Serie erst zum König ausgerufen wird, verkehrt die Lage. Mehr dazu steht im Beitrag über die Markomannen.
Flavus, der Bruder des Arminius, ist ebenfalls bezeugt, und Tacitus gibt ihm eine der eindrucksvollsten Szenen der Annalen. 16 n. Chr. stehen die Brüder sich an der Weser gegenüber, jeder an einem Ufer. Flavus, der im römischen Dienst ein Auge verloren hat, zählt seine Auszeichnungen auf; Arminius verspottet sie als Lohn der Knechtschaft. Einen Seitenwechsel des Flavus, wie ihn die Serie zeigt, kennt die Überlieferung nicht, auch nicht seinen Tod. Bekannt ist dagegen sein Sohn Italicus, den Rom 47 n. Chr. als König zu den Cheruskern schickte.
Fachleute lobten die Ausstattung mit Einschränkungen. Der Prähistoriker Karl Banghard bemängelte in der FAZ zahlreiche Ungenauigkeiten bei Kleidung und Ernährung, der Archäologe Matthias Wemhoff das Bild einer dunklen, undurchdringlichen Waldlandschaft. Nordwestdeutschland war um die Zeitenwende eher ein Mosaik aus Laubwald, Weiden, Mooren und Siedlungen.
Bei der Kleidung trifft die Serie vieles: Hosen, Kittel und Umhänge in verschiedenen Farben statt Fellen und Lumpen. Tacitus beschreibt in der Germania einen Umhang, der mit einer Fibel oder notfalls einem Dorn geschlossen wurde; meist jüngere Moorfunde wie die Hose aus dem Thorsberger Moor zeigen gewebte, gefärbte Wollstoffe. Die vielen Pelze der Serie gehören eher zum Filmbild der „Barbaren“. Der Suebenknoten, ein seitlich gebundener Haarknoten, ist durch Tacitus und den Kopf von Osterby gut bezeugt und in der Serie zu sehen.
Schwieriger ist die Körperbemalung. Tacitus berichtet, die Harier hätten Schilde und Körper geschwärzt und nachts angegriffen. Das belegt Bemalung für den Kampf bei einem einzelnen Stamm, nicht dauerhafte Tätowierungen bei den Cheruskern. Für Tätowierungen bei den Germanen der Zeit um Christi Geburt gibt es keinen Beleg; was über spätere Jahrhunderte bekannt ist, steht im Beitrag über Tätowierungen bei den Wikingern.
Die Serie füllt die Religion der Cherusker mit Bildern aus der viel jüngeren nordischen Überlieferung. Nach einer englischsprachigen Rezension verletzt sich Thusnelda am Auge, um seherische Kraft zu gewinnen, ein Echo von Odins Augenopfer aus den Eddaliedern des 13. Jahrhunderts (siehe Odins Auge). Für das Germanien des 1. Jahrhunderts ist so etwas nicht belegt.
Seherinnen als solche sind dagegen gut bezeugt. Tacitus schreibt, die Germanen glaubten, Frauen wohne etwas Heiliges und Vorausschauendes inne, und nennt Aurinia und Veleda. Veleda vom Stamm der Brukterer spielte beim Bataveraufstand 69/70 n. Chr. eine politische Rolle, also sechzig Jahre nach der Varusschlacht. Runa ist daher nicht unplausibel, nur erfunden; siehe Veleda.
Opferhaine sind ebenfalls belegt. Tacitus berichtet von heiligen Hainen, in denen die Germanen ihre Götter verehrten, vom Hain der Semnonen mit Menschenopfern und von den Altären am Schlachtfeld, an denen römische Offiziere getötet wurden. Die Einzelheiten der Rituale in der Serie sind allerdings Inszenierung. Hintergründe bieten die Beiträge über heilige Bäume, den Semnonenhain und germanische Opfer.
Eine Entscheidung der Serie wurde fast einhellig gelobt: Die Römer sprechen Latein, in einer an der klassischen Aussprache orientierten Form. Die Germanen sprechen dagegen heutiges Deutsch. Die Cherusker sprachen eine frühe germanische Sprachform, die nirgends aufgeschrieben wurde und nur sprachwissenschaftlich erschlossen werden kann; mit heutigem Deutsch hätte sie kein Zuschauer verstanden.
Deutlich zurückhaltender ist die Serie beim Heldenpathos. Das Bild des Arminius als „Hermann“, des Befreiers der Deutschen, entstand erst seit dem 16. Jahrhundert, nach der Wiederentdeckung der Annalen. Im 19. Jahrhundert wurde Hermann zur Nationalfigur, sichtbar im Hermannsdenkmal bei Detmold, das Ernst von Bandel entwarf und das 1875 eingeweiht wurde. Tacitus nennt Arminius „liberator haud dubie Germaniae“, zweifellos den Befreier Germaniens, meint aber ein geographisches Gebiet, kein Volk und keinen Staat. Die Serie macht aus Ari keinen Nationalhelden, sondern einen zerrissenen Mann zwischen zwei Welten. Das liegt näher an Velleius und Tacitus als vieles aus dem 19. Jahrhundert.
Gibt es eine dritte Staffel von „Barbaren“? Nein. Nach einem Bericht von What’s on Netflix vom März 2024 ist die Produktion abgeschlossen; Netflix hat keine dritte Staffel bestellt.
Hat es Folkwin wirklich gegeben? Nein. Folkwin Wolfspeer ist eine erfundene Figur, ebenso die Seherin Runa und der Chattenfürst Hadgan.
Wurde Arminius wirklich von Varus erzogen? Das ist nicht überliefert. Belegt sind sein Dienst im römischen Heer und die Nähe zu Varus kurz vor der Schlacht, nicht eine Erziehung durch ihn.
Was wurde aus Thusnelda? Sie kam 15 n. Chr. schwanger in römische Hand, wurde 17 n. Chr. mit ihrem Sohn Thumelicus im Triumph des Germanicus vorgeführt und verschwindet danach aus den Quellen.
Wo fand die Varusschlacht statt? Die meisten Fachleute halten Kalkriese bei Osnabrück für den wahrscheinlichsten Ort. Ein endgültiger Beweis fehlt.
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