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„Drachenzähmen leicht gemacht“ im Faktencheck: Wie viel Wikingerzeit steckt in Berk, Hicks und Ohnezahn?

Geschichte & Funde „Drachenzähmen leicht gemacht“ im Faktencheck: Wie viel Wikingerzeit steckt in Berk, Hicks und Ohnezahn?

Ein schmächtiger Junge, ein Vater wie ein Felsblock, ein Dorf voller Hörnerhelme und ein schwarzer Drache, der zum besten Freund wird: „Drachenzähmen leicht gemacht“ hat seit dem ersten Buch von Cressida Cowell 2003 und den DreamWorks-Filmen ab 2010 das Wikingerbild einer ganzen Generation von Kindern geprägt. Seit 2025 gibt es die Geschichte auch als Realfilm. Dieser Beitrag nimmt die Reihe ernst, ohne ihr den Spaß abzusprechen. Er prüft Namen, Helme, Bärte und Drachenschiffe an Funden und Texten, stellt den Filmdrachen die Drachen der nordischen Überlieferung gegenüber und zeigt, was Kinder der Wikingerzeit wirklich in den Händen hielten. Wo die Belege dünn sind, steht das dabei.

Bücher, Trickfilme, Realfilm: was zur Reihe gehört

Am Anfang stand ein Kinderbuch. Die britische Autorin Cressida Cowell veröffentlichte 2003 „How to Train Your Dragon“, auf Deutsch beim Arena Verlag erschienen. Daraus wurde eine Reihe von zwölf Romanen, deren letzter Band 2015 herauskam. Erzählt wird von Hiccup Horrendous Haddock dem Dritten, dem wenig heldenhaften Sohn eines Häuptlings, der sich auf seine Art durchschlagen muss.

Weltbekannt wurde der Stoff durch DreamWorks Animation. Der erste Animationsfilm kam 2010 in die Kinos, unter der Regie von Chris Sanders und Dean DeBlois. In Deutschland lief er im März 2010 an. Es folgten „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ (2014, deutscher Kinostart im Juli 2014) und „Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt“ (2019, deutscher Kinostart im Februar 2019), beide unter der Regie von DeBlois. Dazu kamen Kurzfilme und Fernsehserien.

2025 folgte die Realverfilmung. Dean DeBlois schrieb das Drehbuch und führte Regie, also derselbe Mann, der schon den Trickfilm von 2010 mitgestaltet hatte. Mason Thames spielt Hicks, Nico Parker spielt Astrid, und Gerard Butler, der dem Vater im Trickfilm die Stimme gegeben hatte, steht nun selbst als Häuptling vor der Kamera. In Deutschland startete der Film am 12. Juni 2025. Gedreht wurde vor allem in Belfast in Nordirland, für Flugszenen kamen Felsen der Färöer ins Bild. Eine Fortsetzung, die Realfassung von Teil 2, ist für den 11. Juni 2027 angekündigt (US-Start). Die Dreharbeiten liefen laut Berichten von Januar bis Mai 2026 in den Sky Studios Elstree bei London, Cate Blanchett übernimmt wieder die Rolle der Mutter Valka. Ein angekündigter Termin ist allerdings keine Garantie.

Für den Faktencheck ist eine Unterscheidung wichtig, die oft verloren geht: Bücher und Filme erzählen in vielem verschiedene Geschichten. In Cowells Romanen ist Ohnezahn ein kleiner, grüner, ziemlich frecher Alltagsdrache ohne Zähne, in den Filmen ein großer schwarzer „Nachtschatten“. Eine Astrid gibt es in den Büchern nicht, ihre Rolle füllt dort zum Teil die Heldin Camicazi aus einem anderen Stamm. Wenn hier von „der Reihe“ die Rede ist, sind meist die Filme gemeint, weil sie das Bild der meisten Familien geprägt haben.

Berk: eine erfundene Insel mit einem wahren Kern

Die Insel Berk gibt es nicht. Ein Ort dieses Namens ist aus der Wikingerzeit nicht überliefert. Im britischen Englisch ist „berk“ übrigens ein umgangssprachliches Wort für einen Dummkopf. Ob Cowell das bewusst eingebaut hat, ist mir nicht belegt, es würde aber zu ihrem Humor passen.

Der wahre Kern liegt woanders. Cowell erzählt auf ihrer Website, dass sie als Kind die Sommer auf einer winzigen, unbewohnten Insel vor der Westküste Schottlands verbrachte. Sie stellte sich vor, in den Höhlen der Klippen lebten Drachen, und ihr Vater erzählte ihr von den Wikingern, die vor rund zwölfhundert Jahren in diese Inselwelt gekommen waren. Das ist historisch gut abgesichert: Ab dem späten 8. Jahrhundert segelten Skandinavier, vor allem aus Norwegen, an die Küsten Schottlands. Auf den Hebriden, den Orkney- und Shetlandinseln siedelten sie dauerhaft. Viele Ortsnamen dort gehen bis heute auf das Altnordische zurück, und Gräber mit skandinavischen Beigaben sind von mehreren Inseln bekannt.

Berk ist also kein Abbild einer bestimmten Siedlung, wohl aber ein Echo jener nordatlantischen Inselwelt, in der Wikinger tatsächlich lebten: windig, felsig, vom Meer abhängig. Die Häuser im Film mit ihren steilen Dächern, Schnitzereien und Drachenköpfen an den Giebeln sind dagegen frei gestaltet. Ausgegrabene Wohnhäuser der Wikingerzeit waren meist lange, eher niedrige Langhäuser mit Wänden aus Holz, Torf oder Stein, je nachdem, was die Gegend hergab.

Hicks, Haudrauf, Astrid, Ohnezahn: die Namen im Test

Der Held heißt im Original Hiccup, auf Deutsch Hicks, beides nach dem Schluckauf. Sein Vater heißt im Englischen Stoick the Vast, im deutschen Film Haudrauf. Im ersten Film erklärt Hicks sinngemäß, Eltern glaubten, ein scheußlicher Name halte Gnome und Trolle fern. Das ist ein Gag, kein Brauch, der aus Quellen bekannt wäre.

Wie hießen Menschen der Wikingerzeit wirklich? Ihre Namen kennen wir vor allem von Runensteinen und aus späteren isländischen Texten. Typisch sind zusammengesetzte Namen wie Þorsteinn („Thor-Stein“) oder Ásgeirr („Gott-Speer“) und einfache Namen nach Tieren wie Ulfr („Wolf“), Bjǫrn („Bär“) oder Ormr („Schlange, Wurm“). Dazu kam meist der Vatersname: Ein Sohn von Stoick hieße auf nordische Art etwa „Stoicksson“. Eine Zählung wie „der Dritte“, wie sie Cowells Hiccup Horrendous Haddock III. trägt, kennt man aus der Wikingerzeit nicht. Sie ist eine Anspielung auf europäische Königsnummern späterer Jahrhunderte.

Ein echter Anknüpfungspunkt sind die Beinamen. Die Nordleute liebten Spitznamen, die Aussehen, Eigenart oder ein Ereignis festhielten: Sveinn tjúguskegg, „Gabelbart“, Haraldr hárfagri, „Schönhaar“, oder der legendäre Ragnarr loðbrók, „Zottelhose“. Ein Häuptling mit dem Beinamen „der Gewaltige“ wäre in dieser Welt nicht fremd. Ein Name wie „Schluckauf“ dagegen ist in den Quellen nicht belegt, Beinamen konnten aber durchaus spöttisch sein. Mehr dazu im Beitrag über Wikingernamen.

Astrid ist der Name mit dem besten historischen Fundament. Er geht auf altnordisch Ástríðr zurück, in Ostskandinavien auch Æstriðr, und ist auf Runensteinen gut belegt. Besonders bekannt ist eine Estrid aus dem 11. Jahrhundert, die in der Gegend von Täby nördlich von Stockholm lebte. Mehrere Runensteine nennen sie, darunter Steine zum Bau von Brücken und Wegen, die sie zusammen mit ihrem Enkel Jarlabanke errichten ließ. Auch in den späteren Königssagas tragen mehrere Frauen diesen Namen. Wer seine Tochter Astrid nennt, wählt also einen Namen, den es vor tausend Jahren wirklich gab. Weitere Beispiele stehen in unserem Beitrag über nordische Mädchennamen.

Ohnezahn, im Original Toothless, ist dagegen ein moderner Kosename. In den Büchern hat der kleine Drache tatsächlich keine Zähne, im Film kann er sie einziehen und wieder ausfahren. Drachen der nordischen Überlieferung tragen keine solchen Spitznamen, sondern Eigennamen mit eher düsterem Klang: Fáfnir, Níðhöggr, Jǫrmungandr. Dazu unten mehr.

Hörnerhelme: ein Theaterkostüm aus dem 19. Jahrhundert

In Berk trägt fast jeder Erwachsene Hörner auf dem Kopf, Haudrauf voran. Die Filmemacher wussten, was sie taten: Die Hörner sind ein Erkennungszeichen, an dem Kinder sofort ablesen, dass hier „Wikinger“ auftreten. Mit der Wikingerzeit hat das nichts zu tun. Aus Skandinavien ist bisher nur ein einziger annähernd vollständiger Helm der Wikingerzeit bekannt, der Helm von Gjermundbu aus Norwegen, gefunden 1943 und ins 10. Jahrhundert datiert. Er ist eine runde Eisenkappe mit einer Brillenmaske vor den Augen. Hörner hat er nicht. Mehr dazu im Beitrag zum Helm von Gjermundbu.

Gehörnte Helme gibt es in Skandinavien durchaus, aber aus einer ganz anderen Zeit. Die beiden Bronzehelme von Veksø in Dänemark stammen aus der Bronzezeit, rund 900 v. Chr., also fast zwei Jahrtausende vor den Wikingern. Den Sprung in die Köpfe des Publikums schaffte der Hörnerhelm im 19. Jahrhundert: Romantische Maler setzten ihn ihren Germanen und Nordmännern auf, und Carl Emil Doepler stattete 1876 die Bayreuther Uraufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ mit gehörnten und geflügelten Helmen aus. Von der Opernbühne wanderte das Bild in Comics, Werbung und Kinderfilme. Die ganze Geschichte steht im Beitrag zum Hörnerhelm-Mythos.

Felle, Pelze und die Frage, was Wikinger anzogen

Im Film tragen die Erwachsenen dicke Pelze über den Schultern, Fellstiefel und Lederriemen. Das wirkt warm und wild, gibt aber nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Kleidung wieder. Die Grundstoffe der Wikingerzeit waren Wolle und Leinen. Grabfunde, etwa aus Birka in Schweden, zeigen gefärbte Stoffe, Brettchenborten und sogar Seide aus dem Fernhandel. Männer trugen meist eine Tunika mit Hose, darüber bei Kälte einen Mantel, der mit einer Fibel an der Schulter gehalten wurde. Frauen trugen häufig ein Trägerkleid, das mit zwei ovalen Schalenfibeln befestigt war.

Pelz kam selbstverständlich vor, als Futter, Besatz oder Mantel, und Felle waren ein wichtiges Handelsgut. Der Ganzkörper-Fellumhang als Alltagskleidung ist jedoch eine Filmkonvention, die „Wildheit“ signalisieren soll. Einen Überblick gibt der Beitrag über Wikingerkleidung.

Riesen mit roten Bärten? Körpergröße und Haarfarbe

Haudrauf ist ein Hüne mit gewaltigem roten Bart, seine Männer sind kaum kleiner. Hicks wirkt neben ihnen wie ein Strich in der Landschaft. Was sagen Skelette dazu? Anthropologen schätzen die Körpergröße aus den langen Beinknochen. Für Männer der Wikingerzeit in Skandinavien ergeben sich so Durchschnittswerte um 170 bis 176 Zentimeter, für Frauen um 157 bis 161 Zentimeter. Das ist etwas kleiner als heute, für die damalige Zeit aber nicht klein. Riesen waren die Nordleute nicht. Wenn der arabische Reisende Ibn Faḍlān im 10. Jahrhundert die Rus an der Wolga als groß wie Palmen beschreibt, sagt das vor allem etwas über die Menschen, mit denen er sie verglich.

Auch beim Haar lohnt ein zweiter Blick. Eine große genetische Studie, 2020 in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht, untersuchte das Erbgut von über 400 Menschen aus der Wikingerzeit und leitete daraus auch Wahrscheinlichkeiten für Haarfarben ab. Das Ergebnis ist ein gemischtes Bild: Blond kam häufig vor, aber eben nicht bei allen, und dunklere Haarfarben waren ebenfalls verbreitet. Rotes Haar gab es auch, aber kein Beleg macht es zum Kennzeichen „der“ Wikinger.

Woher kommt dann der rote Bart? Eine Spur führt in die Literatur des Mittelalters. In isländischen Texten des 13. und 14. Jahrhunderts erscheint der Gott Thor als rotbärtiger Mann, der etwa dem christlichen König Óláfr Tryggvason begegnet. Der rotbärtige Kraftprotz ist also tatsächlich eine alte Figur, nur eben die eines Gottes in später Überlieferung, nicht das Abbild des durchschnittlichen Bauern. Bärte selbst waren verbreitet, doch auch hier gab es Moden: Auf dem Wandteppich aus dem Oseberg-Grab von 834 tragen die Männer keine erkennbaren Bärte. Mehr dazu im Beitrag Wie sahen Wikinger aus?

Der Drachenkopf am Steven: belegt, aber anders als gedacht

Die Schiffe von Berk tragen geschnitzte Drachenköpfe am Bug. Hier ist die Reihe näher an der Geschichte als bei den Helmen, allerdings mit Einschränkungen. Der Steven, also der hochgezogene Vorder- oder Achterbalken des Schiffes, konnte tatsächlich in einem Tierkopf enden. Das schönste Beispiel ist das Oseberg-Schiff aus Norwegen, in dem 834 zwei Frauen bestattet wurden. Sein Vordersteven läuft in einer Spirale aus, an deren Ende ein Schlangenkopf sitzt. Das Original wurde 1904 in Bruchstücken geborgen und ist nur teilweise erhalten. Nach Röntgenaufnahmen besteht etwa die Schnauze aus moderner Ergänzung, und auf dem ausgestellten Schiff sitzt seit 1927 eine Kopie. Im selben Grab lagen außerdem mehrere geschnitzte Tierkopfpfosten, deren Zweck bis heute nicht geklärt ist.

Auch die Schriftquellen kennen solche Köpfe. Das altnordische Wort dreki, „Drache“, bezeichnete in den Sagas große, prächtige Kriegsschiffe. Das isländische Landnahmebuch, die Landnámabók, überliefert in der Fassung der Hauksbók vom Ende des 13. Jahrhunderts eine Bestimmung aus dem angeblich ältesten Gesetz Islands: Wer mit einem Schiff mit Kopf am Steven ankomme, solle den Kopf abnehmen, bevor Land in Sicht kommt, und nicht mit gähnenden Köpfen und aufgerissenen Mäulern auf die Küste zusegeln, damit die Landgeister, die landvættir, nicht erschrecken. Ob dieses Gesetz im 10. Jahrhundert wirklich galt, ist umstritten. Es zeigt aber, dass man sich die Köpfe als abnehmbare, Furcht einflößende Zeichen vorstellte, nicht als feste Ausstattung jedes Bootes. Auf dem Teppich von Bayeux aus dem späten 11. Jahrhundert, also aus normannischer Sicht, tragen viele Schiffe ebenfalls Tierköpfe am Steven.

Ein berühmtes Fundstück muss man dagegen aus der Wikingerzeit streichen: den geschnitzten Tierkopf aus der Schelde bei Appels in Belgien, heute im British Museum. Er wird noch oft als „Wikinger-Drachenkopf“ abgebildet. Eine Radiokarbondatierung des Museums ergab jedoch ein Alter, das in das 4. bis 6. Jahrhundert weist, also lange vor die Wikingerzeit. Das Museum ordnet ihn spätrömischen oder germanischen Handwerkern zu. Die Idee des Tierkopfs am Schiff ist also älter als die Wikingerzeit. Wie die Schiffe selbst gebaut waren, erklärt der Beitrag über Langschiffe.

Was gesichert ist

  • Die Romane von Cressida Cowell erschienen von 2003 bis 2015 in zwölf Bänden, die Animationsfilme 2010, 2014 und 2019, der Realfilm von Dean DeBlois 2025 (deutscher Start 12. Juni 2025). Eine Fortsetzung ist für Juni 2027 angekündigt.
  • Berk ist erfunden. Skandinavische Siedlung auf den schottischen Inseln ist dagegen archäologisch und durch Ortsnamen gut belegt.
  • Der Name Astrid (altnordisch Ástríðr) ist auf Runensteinen des 11. Jahrhunderts belegt.
  • Kein Helm der Wikingerzeit mit Hörnern ist bekannt. Der einzige annähernd vollständige Helm aus Skandinavien, Gjermundbu, hat keine.
  • Tierköpfe am Steven sind durch das Oseberg-Schiff (Bestattung 834) und durch Schriftquellen belegt, aber nicht für jedes Schiff.
  • Kinderspielzeug wie kleine Holzboote, Holzpferdchen und Miniaturschwerter ist aus Siedlungen der Wikingerzeit bekannt.

Was die Nordleute unter einem Drachen verstanden

Die Filme zeigen Dutzende Drachenarten mit Flügeln, Feueratem und Fantasienamen, sauber sortiert in einem Drachenhandbuch. Die nordische Überlieferung kennt so etwas nicht. Ihr wichtigstes Wort für die großen Ungeheuer ist ormr, und das heißt schlicht „Wurm“ oder „Schlange“. Daneben steht dreki, ein Lehnwort aus dem lateinischen draco. Die einheimische Vorstellung war die einer riesigen, giftigen Schlange, die am Boden kriecht, sich ringelt und Schätze oder Wurzeln umschlingt. Flügel und Feuer gehören eher zu Drachenbildern, die über die gelehrte und kirchliche Kultur nach Norden kamen. Einen Überblick gibt der Beitrag Der Drache im Norden.

Drei Drachen ragen heraus. Fáfnir war nach der Edda und der Völsunga saga ursprünglich ein Mann, der sich aus Gier nach einem verfluchten Goldschatz in einen Wurm verwandelte. Er speit Gift, kein Feuer, und wird von Sigurd getötet, der sich in einer Grube versteckt und ihm von unten das Schwert in den Leib stößt. Eine Drachenfreundschaft ist das nicht, eher eine Warnung vor Habgier. Mehr dazu in den Beiträgen zu Fáfnir und Sigurd.

Jǫrmungandr, die Midgardschlange, liegt im Weltmeer und umschlingt die bewohnte Welt, bis sie sich in den eigenen Schwanz beißt. Thor versucht in der Edda, sie zu angeln, und beim Weltuntergang töten sich die beiden gegenseitig. Níðhöggr schließlich nagt an den Wurzeln des Weltbaums Yggdrasil und saugt in der Unterwelt die Leichen der Toten aus. Beide sind kosmische Wesen, keine Tiere, die man füttern oder reiten könnte. Ausführlich stehen sie in den Beiträgen zu Jörmungandr und Níðhöggr.

Gerade Níðhöggr bietet eine überraschende Brücke zu Ohnezahn. In der letzten Strophe der Völuspá, des „Liedes der Seherin“ aus der Lieder-Edda, fliegt er nämlich. Nach dem Weltuntergang, als die Welt neu ergrünt ist, taucht der dunkle Drache noch einmal auf:

Þar kemr inn dimmi / dreki fljúgandi, / naðr fránn, neðan / frá Niðafjǫllum; / berr sér í fjǫðrum / – flýgr vǫll yfir – / Níðhǫggr nái. / Nú mun hon søkkvask.
„Dort kommt der finstere Drache geflogen, die schimmernde Natter, von unten her aus den Niðafjöll, den dunklen Bergen. In seinem Gefieder trägt er – er fliegt über das Feld – Leichen, Níðhöggr. Nun wird sie versinken.“Völuspá, Strophe 66 nach gängiger Zählung (Lieder-Edda, Codex Regius, 13. Jh.), altnordischer Text gemeinfrei, deutsche Übertragung eigene

Hier fliegt also tatsächlich ein dunkler Drache mit Federn über das Land, das Wort dreki steht sogar im Text. Mit einem treuen Gefährten hat er trotzdem nichts gemein: Er trägt Tote, und wer mit „sie“ gemeint ist, die nun versinkt, ob die Seherin selbst oder der Drache, ist in der Forschung umstritten. Die Völuspá ist uns in Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts überliefert. Wie alt das Gedicht selbst ist, lässt sich nicht genau sagen.

Näher an die Drachenjagd von Berk führt eine Sage um Ragnar loðbrók. Nach Saxo Grammaticus um 1200 und der isländischen Ragnars saga erhält die schwedische Fürstentochter Þóra von ihrem Vater eine kleine Schlange zum Geschenk, die zu einem Lindwurm heranwächst und ihr Haus umringelt. Ragnar besiegt das Tier in zotteligen, mit Teer behandelten Hosen, die ihn vor dem Gift schützen, und gewinnt so die Braut. Das Motiv vom Drachen als Haustier, das außer Kontrolle gerät, gibt es also. Es endet nur nicht mit Freundschaft, sondern mit einem Speer. Die Geschichte ist eine Legende, keine historische Nachricht. Mehr dazu im Beitrag über Ragnar Lodbrok.

Drachen in Holz und Stein: die echte Drachenkunst

Wo Texte schweigen, sprechen Bilder. Schlangen- und Drachenwesen ziehen sich durch die gesamte Kunst der Wikingerzeit. Auf vielen Runensteinen läuft die Inschrift im Leib einer stilisierten Schlange, der Text steht buchstäblich im Drachen. Auf dem großen Jelling-Stein, den König Harald Blauzahn um 965 errichten ließ, ringt ein großes Tier mit einer Schlange. In Ramsund in Schweden ist um 1030 die Geschichte von Sigurd und Fáfnir in eine Felswand geritzt: Der Drachenleib trägt die Runeninschrift, und darunter stößt Sigurd sein Schwert hinein. Der Runenstein von Altuna in Uppland zeigt Thor beim Angeln nach der Midgardschlange.

Am Ende der Wikingerzeit gipfelt diese Kunst im Urnes-Stil, benannt nach der Stabkirche von Urnes in Westnorwegen. Ihre geschnitzten Portalbretter aus dem 11. Jahrhundert zeigen schlanke Vierbeiner und dünne Schlangen, die sich in eleganten Achterschleifen umschlingen und beißen. Ob diese Tiere eine Geschichte erzählen oder reines Ornament sind, ist offen. Bezeichnend ist, dass sie an einer christlichen Kirche hängen: Die Drachenschlingen überlebten den Religionswechsel. Mehr dazu in den Beiträgen zum Urnes-Portal und zu den Kunststilen der Wikingerzeit.

Die Filmdrachen mit kompakten Körpern und großen Augen sind moderne Figurengestaltung. Die Drachen der Wikingerkunst sind schmal, verschlungen und fast abstrakt. Beide Bilder nebeneinander zeigen, wie weit sich das heutige Drachenbild von seinen nordischen Wurzeln entfernt hat.

Drachen zähmen: wofür es keine Quelle gibt

Den Kern der Reihe, die Freundschaft zwischen Mensch und Drache, sucht man in den Quellen vergeblich. Kein Text und kein Bild der Wikingerzeit zeigt einen gezähmten Drachen oder einen Menschen, der auf einem reitet. In den Sagen ist der Drache fast immer ein Gegner, dessen Tod einen Helden erst zum Helden macht. Cowell schreibt auf ihrer Website, die Wikinger hätten an Drachen geglaubt. Richtig daran ist, dass Drachen in ihren Mythen und Sagen eine große Rolle spielten. Ob die Menschen sie für Tiere hielten, denen man im Alltag begegnen konnte, lässt sich nicht eindeutig belegen.

Mythos-Check

  • „Wikinger trugen Hörnerhelme.“ Falsch. Kein Helm der Wikingerzeit mit Hörnern ist bekannt. Das Bild stammt aus Malerei und Oper des 19. Jahrhunderts.
  • „Wikinger waren riesige, rotbärtige Kerle.“ Übertrieben. Männer waren im Schnitt etwa 170 bis 176 Zentimeter groß, die Haarfarben gemischt.
  • „Jedes Wikingerschiff hatte einen Drachenkopf.“ Nicht belegt. Tierköpfe gab es, vermutlich vor allem an prächtigen Schiffen, und sie waren nach isländischer Überlieferung abnehmbar.
  • „Der Drachenkopf aus der Schelde ist wikingisch.“ Nach der Radiokarbondatierung des British Museum nicht: Er stammt aus dem 4. bis 6. Jahrhundert.
  • „Nordische Drachen spien Feuer.“ In den Quellen meist nicht. Fáfnir speit Gift, die Midgardschlange ebenso.

Kinder der Wikingerzeit: Holzschwerter statt Drachensattel

Hicks und seine Freunde lernen in einer Drachenarena kämpfen. Wie wuchsen Kinder wirklich auf? Sie halfen früh mit, Mädchen meist bei Spinnen, Weben und Milchwirtschaft, Jungen bei Vieh, Feld und Fischfang. Söhne wurden oft für Jahre in eine Pflegefamilie gegeben, altnordisch fóstr. Zum Spielen blieb trotzdem Zeit. In Haithabu wurde ein Miniaturschwert gefunden, das heute im Wikinger Museum Haithabu ausgestellt ist. In Dublin kam bei Ausgrabungen in der Winetavern Street ein etwa 37 Zentimeter langes Holzboot zutage, das als Kinderspielzeug gedeutet wird. Aus Ørland in Mittelnorwegen stammt ein geschnitztes Spielzeugboot aus einem Brunnen, aus Kvívík auf den Färöern ein kleines Holzpferd. Dazu kommen Spielsteine für Brettspiele wie Hnefatafl und Schlittschuhe aus Knochen. Holz verrottet meist im Boden, die erhaltenen Stücke sind also nur ein Bruchteil dessen, was es gab. Mehr in den Beiträgen über Kinder der Wikingerzeit und Wikinger für Kinder erklärt.

Was die Reihe richtig macht

Bei allen Freiheiten trifft die Reihe einige Dinge erstaunlich gut: das Leben auf windigen Inseln, die Abhängigkeit vom Meer, eine Gemeinschaft, in der der Häuptling viel gilt, aber nicht alles bestimmen kann, und Frauen, die selbstbewusst auftreten. Ihre stärkste historische Pointe ist vielleicht unfreiwillig: Hicks besiegt die Drachen nicht, er versteht sie. Das ist das Gegenteil der nordischen Drachensage, und genau daran lässt sich mit Kindern gut zeigen, wie sich Geschichten über die Jahrhunderte wandeln. Unser Familienbetrieb in Alsdorf graviert nordische Drachenschlingen nach Vorbildern wie Urnes, und auch dort gilt: Die Vorlage ist alt, die Deutung neu.

Häufige Fragen

Gab es die Insel Berk wirklich? Nein. Berk ist erfunden. Cowell ließ sich von einer kleinen Insel vor der Westküste Schottlands inspirieren, wo sie als Kind die Sommer verbrachte. Wikinger siedelten tatsächlich auf den schottischen Inseln.

Ist der Name Astrid wirklich nordisch? Ja. Er geht auf altnordisch Ástríðr zurück und ist auf Runensteinen des 11. Jahrhunderts belegt, etwa für Estrid aus der Gegend von Täby in Schweden.

Glaubten Wikinger an Drachen? Drachen und Riesenschlangen spielen in Mythen, Sagen und Kunst eine große Rolle. Ob man sie für reale Tiere hielt, lässt sich nicht eindeutig sagen.

Hatten Wikingerschiffe Drachenköpfe? Manche ja. Das Oseberg-Schiff hat einen Schlangenkopf am Vordersteven. Nach der Landnámabók wurden solche Köpfe vor der Landung abgenommen.

Kommt eine Fortsetzung des Realfilms? Angekündigt ist die Realfassung von Teil 2 für Juni 2027 (US-Start), wieder unter der Regie von Dean DeBlois. Gedreht wurde 2026.

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