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Wikinger-Filme und -Serien im Überblick: ein Leitfaden nach Quellen und Funden statt nach Geschmack

Geschichte & Funde Wikinger-Filme und -Serien im Überblick: ein Leitfaden nach Quellen und Funden statt nach Geschmack

Kaum ein Abschnitt der europäischen Geschichte ist so stark vom Kino geprägt wie die Wikingerzeit. Die meisten Menschen haben ihre ersten Wikinger nicht in einem Museum gesehen, sondern auf einer Leinwand oder im Streamingdienst. Dieser Leitfaden ordnet die bekanntesten Filme und Serien nicht danach, wie unterhaltsam sie sind, sondern nach fünf nachprüfbaren Prüfsteinen: Kleidung und Ausrüstung, Schiffe, Religion, Chronologie und Figuren. Wo das Urteil auf Fundlage und Schriftquellen steht, sage ich es. Wo es meine Deutung ist, steht es ausdrücklich dabei. Für Titel, die bei uns schon einen eigenen Faktencheck haben, verweise ich dorthin, statt alles zu wiederholen.

Warum ein Leitfaden und keine Bestenliste

Ranglisten von Wikinger-Filmen urteilen meist nach Geschmack. Uns wird dagegen am häufigsten eine andere Frage gestellt: „Stimmt das so?“ Darauf gibt es selten ein schlichtes Ja oder Nein. Ein Film kann bei den Wollstoffen hervorragend recherchiert sein und gleichzeitig drei Generationen in eine einzige Lebensspanne pressen.

Deshalb trennt dieser Text die Ebenen. Er fragt bei jedem Titel, was er zeigt, womit sich das vergleichen lässt und wie belastbar dieser Vergleich ist. Ein Film, der historisch weit weg ist, kann trotzdem ein großartiger Film sein. „Valhalla Rising“ von 2009 etwa ist eher ein Gedicht über Gewalt und Glauben als ein Geschichtsfilm, und genau so sollte man ihn auch prüfen.

Die fünf Prüfsteine und was als Beleg zählt

Kleidung und Ausrüstung. Hier ist die Lage vergleichsweise gut. Textilreste aus Gräbern wie Birka, Haithabu oder Oseberg, Fibeln, Gürtelbeschläge, Waffen und Bildquellen wie die gotländischen Bildsteine erlauben recht genaue Aussagen. Grundstoffe waren Wolle und Leinen, oft gefärbt. Der einzige weitgehend erhaltene Helm aus der Wikingerzeit stammt aus Gjermundbu in Norwegen, und er hat keine Hörner. Mehr dazu bei Kleidung der Wikinger, Wie sahen Wikinger aus? und Helme des Nordens.

Schiffe. Auch hier gibt es harte Befunde: die Grabschiffe von Oseberg und Gokstad, die bei Roskilde geborgenen Skuldelev-Wracks und zahlreiche Nachbauten, die tatsächlich gesegelt wurden. Damit lässt sich prüfen, ob ein Filmschiff Klinkerbauweise, Rahsegel und eine plausible Größe hat. Bei geschnitzten Drachenköpfen wird es schwieriger: Schriftquellen und Bilder kennen Tierköpfe am Steven, erhaltene Exemplare aus der Wikingerzeit sind aber rar. Siehe Langschiffe der Wikinger.

Religion. Das ist der heikelste Prüfstein. Fast alles, was wir über Götter, Kult und Jenseits lesen, wurde von Christen aufgeschrieben, oft zwei bis drei Jahrhunderte nach den Ereignissen: Snorri Sturluson um 1220, Saxo Grammaticus um 1200, Adam von Bremen um 1075. Dazu kommen archäologische Spuren von Opferplätzen und Kulthallen, Amulette und Bestattungen. Ein Film, der Rituale zeigt, füllt fast immer Lücken. Die Frage ist nur, ob er sie mit Material aus den Quellen füllt oder mit freier Erfindung.

Chronologie. Hier lässt sich am klarsten prüfen. Die Wikingerzeit reicht nach gängiger Einteilung etwa von 793, dem Überfall auf Lindisfarne, bis 1066. Wer Personen nebeneinanderstellt, die Generationen trennen, oder Ereignisse um Jahrzehnte verschiebt, macht das bewusst, und das darf man so benennen.

Figuren. Ist eine Figur historisch, legendarisch oder erfunden? Ragnar Lodbrok etwa ist eine Sagengestalt, deren Verhältnis zu realen Personen des 9. Jahrhunderts ungeklärt ist. Uhtred in „The Last Kingdom“ ist eine Romanfigur. Thorkell in „Vinland Saga“ dagegen hat ein historisches Vorbild.

Für die Einordnung nutze ich drei Stufen, die sich je Prüfstein unterscheiden können: nah am Befund (das Gezeigte lässt sich mit Funden oder zeitnahen Quellen stützen), angelehnt (es gibt eine Quelle, aber eine späte oder sie wird stark verändert) und frei (keine Grundlage oder bewusste Erfindung). Die Gesamteinschätzung je Titel ist als Deutung gekennzeichnet.

Was gesichert ist

  • Aus der Wikingerzeit ist kein Helm mit Hörnern bekannt. Der Helm von Gjermundbu (10. Jahrhundert) hat eine runde Kappe mit Augen- und Nasenschutz.
  • Kleidung bestand überwiegend aus Wolle und Leinen. Gefärbte Stoffe sind durch Textilfunde und Farbanalysen belegt.
  • Die großen Grabschiffe von Oseberg (Bestattung 834) und Gokstad (um 900) sind klinkergebaute Schiffe mit Rahsegel und Riemen.
  • Die meisten Texte über nordische Götter entstanden im christlichen Hochmittelalter, nicht in der Wikingerzeit selbst.
  • Ibn Fadlan begegnete 922 an der Wolga Leuten, die er „Rus“ nennt; in Skandinavien war er nie.
  • Ragnar Lodbrok ist in erster Linie eine Gestalt der Sagaliteratur; eine eindeutige historische Person lässt sich nicht nachweisen.

„Die Wikinger“ (1958): das Urbild des Kinowikingers

Richard Fleischers „The Vikings“ kam 1958 in die Kinos, mit Kirk Douglas als Einar, Tony Curtis als Eric, Janet Leigh als Morgana und Ernest Borgnine als Ragnar. Die Vorlage war der Roman „The Viking“ von Edison Marshall aus dem Jahr 1951, der lose auf den Sagas um Ragnar Lodbrok und seine Söhne aufbaut. Aellas Burg ist das reale Fort-la-Latte in der Bretagne, eine Anlage des Spätmittelalters.

Kleidung und Ausrüstung: frei bis angelehnt. Der Film arbeitet mit Fellen, Lederwesten und Helmen nach dem Geschmack der 1950er-Jahre. Schiffe: angelehnt. Die Langschiffe wirken im Ganzen stimmig. Religion: angelehnt. Eine Seherin warnt vor Odins Fluch, Ragnar will mit dem Schwert in der Hand sterben, um nach Walhall zu gelangen. Der Gedanke, dass der Tod im Kampf den Weg nach Walhall öffnet, stammt aus der späteren Literatur und ist dort keineswegs so eindeutig, wie er hier wirkt; siehe Walhall. Chronologie und Figuren: angelehnt. Ragnar stirbt in einer Wolfsgrube Aellas. Das ist eine Variation der Sagaszene, in der Ragnar in Ællas Schlangengrube endet. Die Saga selbst ist eine Quelle des 13. Jahrhunderts und keine Chronik, dazu mehr bei Ragnar Lodbrok.

Einordnung (Deutung): Der Film ist das Urbild fast aller späteren Kinowikinger. Der Kritiker der New York Times, Bosley Crowther, verglich ihn damals mit einem Western. Er erzählt ein Abenteuer mit Sagamotiven, keine Geschichte der Wikingerzeit.

„Der 13. Krieger“ (1999): ein echter Augenzeuge, ein erfundenes Abenteuer

John McTiernans „The 13th Warrior“ startete im August 1999, mit Antonio Banderas als arabischem Gesandten Ahmad ibn Fadlan und Vladimir Kulich als Buliwyf. Vorlage ist Michael Crichtons Roman „Eaters of the Dead“ von 1976, der zwei Texte verschmilzt: den Reisebericht des historischen Ibn Fadlan und das altenglische Epos „Beowulf“. Buliwyf ist erkennbar Beowulf, die Wendol übernehmen die Rolle Grendels. Nach schwachen Testvorführungen drehte Crichton nach; finanziell wurde der Film ein großer Misserfolg.

Figuren: Hier liegt der interessante Kern. Ibn Fadlan hat es gegeben. Er reiste 921 und 922 im Auftrag des Kalifen al-Muqtadir von Bagdad zu den Wolgabulgaren und beschrieb dort Händler, die er Rus nennt. Was der Film daraus macht, ist erfunden: Ibn Fadlan zieht nicht mit Nordleuten nach Skandinavien, und dort kämpft er auch nicht gegen bärenhafte Kannibalen. Religion und Ausrüstung: angelehnt. Die Feuerbestattung im Schiff, die der Film früh zeigt, geht auf Ibn Fadlans Bericht über die Bestattung eines Rus-Anführers zurück, eine der meistzitierten Stellen der arabischen Literatur über den Norden. Der tote König heißt im Film übrigens Hygelak, ein Name aus dem „Beowulf“. Ein Unterschied im Detail: Bei Ibn Fadlan wird das Schiff an Land auf einem Holzgerüst verbrannt; im Film treibt es brennend aufs Wasser hinaus. Ibn Fadlan erwähnt auch, dass jeder Mann Axt, Schwert und Messer bei sich trage. Chronologie: frei. Beowulf spielt im 6. Jahrhundert, Ibn Fadlan reiste im 10. Jahrhundert, dazwischen liegen rund 400 Jahre.

Einordnung (Deutung): Ein Film, der eine echte Quelle als Rahmen nutzt und damit vielen Zuschauern zum ersten Mal den Namen Ibn Fadlan nahebrachte. Den Bericht selbst zu lesen lohnt mehr; wir haben ihn ausführlich in Ibn Fadlan: der Bericht über die Rus an der Wolga vorgestellt, inklusive eines eigenen Abschnitts zum Film.

Beowulf auf der Leinwand: Skandinavien vor den Wikingern

Zwei Verfilmungen sind hierzulande bekannt: „Beowulf & Grendel“ von 2005 unter der Regie des isländisch-kanadischen Filmemachers Sturla Gunnarsson, mit Gerard Butler in der Titelrolle und in Island gedreht, und Robert Zemeckis’ „Beowulf“ von 2007, ein mit Performance-Capture-Technik animierter Film nach einem Drehbuch von Neil Gaiman und Roger Avary, mit Ray Winstone, Anthony Hopkins und Angelina Jolie.

Entscheidend ist: Beowulf ist kein Wikinger-Stoff. Das Epos ist in altenglischer Sprache überliefert, in einer einzigen Handschrift aus der Zeit um 1000. Seine Handlung spielt aber unter Dänen und Gauten des 6. Jahrhunderts. Der Gautenkönig Hygelac, Beowulfs Onkel, entspricht wahrscheinlich einem König, dessen Raubzug ins Frankenreich Gregor von Tours für die Zeit um 520 erwähnt. Die passende Archäologie ist daher die Vendelzeit mit ihren prunkvollen Helmen, wie sie etwa aus Valsgärde oder dem angelsächsischen Sutton Hoo bekannt sind.

Chronologie: Wer Beowulf mit Langschiffen, Drachensteven und Wikingerhelmen ausstattet, versetzt ihn um zwei bis drei Jahrhunderte. Religion: Das Gedicht selbst ist von einem christlichen Dichter verfasst, der von heidnischen Vorfahren erzählt. Einordnung (Deutung): Beide Filme sind Literaturverfilmungen mit großer Freiheit. „Beowulf & Grendel“ bemüht sich um eine raue, landschaftsnahe Welt, Zemeckis um Mythos und Spektakel. Als Bild der Wikingerzeit taugen beide nicht, weil sie eine andere Epoche meinen.

„Pathfinder“ und „Valhalla Rising“: Wikinger als Gegenbild

Der norwegische Film „Ofelaš“ (international „Pathfinder“) von Nils Gaup aus dem Jahr 1987 ist in nordsamischer Sprache gedreht und spielt um das Jahr 1000 in der Finnmark. Die Angreifer sind dort die Tschuden, eine Gestalt der samischen Überlieferung, keine Wikinger im engeren Sinn. Der Film war 1988 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Die amerikanische Neuverfilmung „Pathfinder“ von Marcus Nispel aus dem Jahr 2007 mit Karl Urban verlegt den Stoff nach Nordamerika und macht daraus einen Kampf gegen riesenhafte Nordmänner.

Kleidung und Ausrüstung: frei. Die Krieger des Films von 2007 tragen überdimensionierte Rüstungen und Masken, die eher an Fantasy-Monster erinnern. Chronologie und Figuren: angelehnt. Dass Nordleute um das Jahr 1000 in Nordamerika waren, ist durch L’Anse aux Meadows auf Neufundland archäologisch gesichert. Die Vinland-Sagas berichten auch von Kämpfen mit Einheimischen, die sie Skrælingar nennen. Eine Invasion, wie der Film sie zeigt, ist nicht überliefert; die Sagas schildern kleine Gruppen, die nach wenigen Jahren wieder abzogen. Siehe Thorfinn Karlsefni.

Nicolas Winding Refns „Valhalla Rising“ (Premiere 2009 in Venedig) mit Mads Mikkelsen als stummem, einäugigem Kämpfer geht einen anderen Weg. Der Film wurde komplett in Schottland gedreht und folgt christlichen Nordleuten, die ins Heilige Land wollen und im Nebel an einer fremden Küste landen. Wann genau er spielt, lässt der Film selbst offen; die Kreuzzugsidee verweist auf die Zeit nach 1096. Norwegische Kreuzfahrer sind historisch belegt, am bekanntesten König Sigurd Magnusson, genannt Jórsalafari („Jerusalemfahrer“), dessen Fahrt in die Jahre zwischen 1107 und 1111 fällt. Einordnung (Deutung): „Valhalla Rising“ ist ein Film über das Ende einer Welt, in der alte und neue Religion aufeinanderprallen. Die Ausstattung ist karg und plausibel, die Erzählung bewusst symbolisch. Als Geschichtsunterricht ist er nicht gemeint.

„Vikings“ und „Vikings: Valhalla“: zwei Serien, zwei Faktenchecks

Michael Hirsts „Vikings“ lief ab März 2013 beim Sender History und endete nach sechs Staffeln; die letzten Folgen erschienen Ende 2020, in Kanada liefen sie im Fernsehen bis März 2021. Die Nachfolgeserie „Vikings: Valhalla“ von Jeb Stuart lief von 2022 bis 2024 bei Netflix, drei Staffeln mit je acht Folgen, und setzt mit dem Massaker am Brictiustag 1002 ein, also mehr als ein Jahrhundert nach der Handlung der Mutterserie.

Beide Serien haben bei uns eigene, ausführliche Prüfungen: den Faktencheck zu „Vikings“ und den Check zu „Vikings: Valhalla“. Hier deshalb nur die Einordnung nach unseren fünf Prüfsteinen.

Kleidung und Ausrüstung: frei bis angelehnt. Beide Serien zeigen eine Mode, die mit dunklem Leder, Nieten und rasierten Schläfen arbeitet. Schiffe: angelehnt; die Schiffe sehen in der Grundform richtig aus. Religion: frei. Hirst selbst hat erklärt, er habe sich Freiheiten nehmen müssen, weil über die Zeit wenig bekannt sei. Der Tempel von Uppsala etwa erscheint als Stabkirchenbau, eine Bauform, die erst aus christlicher Zeit bekannt ist. Chronologie: frei. „Vikings“ stellt Figuren nebeneinander, die Generationen trennen, etwa Ragnar und Rollo, der erst 911 in der Normandie greifbar wird. „Valhalla“ zieht Ereignisse von 1002 bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts zusammen. Figuren: gemischt. Ragnar und Lagertha sind Sagagestalten, König Ecbert, Aelle und Alfred sind historische Könige, Athelstan ist erfunden. In „Valhalla“ sind Leif Eriksson, Freydís, Harald Sigurdsson, Knut und Emma historisch, ihr Zusammentreffen aber weitgehend nicht.

Einordnung (Deutung): „Vikings“ hat mehr Menschen zur Wikingerzeit gebracht als jedes Buch. Die Serie ist aber ein Drama über Sagastoffe, kein Geschichtspanorama. Am nächsten an der Geschichte ist sie dort, wo sie das Große Heer von 865 schildert, wie es auch die Angelsächsische Chronik kennt; siehe Ragnars Söhne.

„The Last Kingdom“: Romanfigur in historischem Rahmen

„The Last Kingdom“ beruht auf den „Saxon Stories“ von Bernard Cornwell. Die ersten beiden Staffeln liefen 2015 und 2017 bei BBC Two, die Staffeln drei bis fünf bis 2022 bei Netflix, insgesamt 46 Folgen. 2023 folgte der Film „Seven Kings Must Die“. Die Hauptfigur Uhtred von Bebbanburg ist fiktiv. Cornwell nutzte für ihn einen Namen, den später mehrere Herren der Burg Bamburgh trugen, am bekanntesten Uhtred der Kühne, der aber erst rund ein Jahrhundert nach der Handlung lebte.

Chronologie: angelehnt bis nah am Befund. Das Gerüst stimmt erstaunlich gut: der Angriff des Großen Heeres auf Northumbria und East Anglia, der Tod König Edmunds 869, Alfreds Flucht in die Sümpfe von Athelney, der Sieg bei Edington 878, die Teilung des Landes, später die Herrschaft Æthelflæds in Mercien. Das ist das Fundament, das die Angelsächsische Chronik und Assers Lebensbeschreibung Alfreds liefern. Dazu mehr bei Alfred der Große. Figuren: gemischt. Alfred, Guthrum, Ubba, Æthelflæd und Edward sind historisch, viele Dänen der Serie wie Ragnar der Furchtlose sind erfunden. Kleidung, Schiffe: angelehnt. Die Serie wirkt im Detail oft bodenständiger als „Vikings“, greift aber ebenfalls zu viel dunklem Leder.

Einordnung (Deutung): Wer den Ablauf der Wikingerkriege in England in groben Zügen kennenlernen will, ist mit dieser Serie besser bedient als mit den meisten anderen Titeln, solange klar ist, dass die Hauptfigur und ihre Taten erfunden sind. Ein eigener Faktencheck erscheint unter „The Last Kingdom“ im Faktencheck.

„The Northman“ (2022): Sorgfalt im Detail, Mythos als Methode

Robert Eggers drehte „The Northman“ nach einem Drehbuch, das er gemeinsam mit dem isländischen Autor Sjón schrieb. Der Film kam im April 2022 in die Kinos, mit Alexander Skarsgård als Amleth, dazu Nicole Kidman, Anya Taylor-Joy, Ethan Hawke, Willem Dafoe und Björk. Beraten wurde die Produktion unter anderem vom Archäologen Neil Price, dem Folkloristen Terry Gunnell und der Literaturwissenschaftlerin Jóhanna Katrín Friðriksdóttir. Die Handlung beginnt im Jahr 895 und führt über das Land der Rus nach Island bis in den Krater der Hekla.

Figuren: angelehnt. Amleth stammt aus den „Gesta Danorum“ des Saxo Grammaticus, einem Werk um 1200, und ist dieselbe Sagengestalt, aus der später Shakespeares Hamlet wurde. Bei Saxo spielt die Geschichte in Jütland, nicht in Island. Kleidung und Ausrüstung: nah am Befund. Stoffe, Schnitte, Schmuck und Waffen orientieren sich spürbar an Funden; die Ausstattung gehört zu den sorgfältigsten, die das Genre bisher gesehen hat. Religion: angelehnt. Der Film zeigt Rituale, Seherinnen, einen Wolfskrieger-Ritus und Walküren. Vieles davon greift Motive aus Sagas, Eddas und der Forschung zu Wolfskriegern und Seiðr auf, wird aber zu Szenen verdichtet, die so nirgends überliefert sind. Chronologie: nah am Befund. Das späte 9. Jahrhundert mit Raubzügen im Osten und der Besiedlung Islands passt in den zeitlichen Rahmen.

Einordnung (Deutung): Unter den Kinofilmen ist „The Northman“ bei der materiellen Kultur derzeit wohl der Maßstab. Bei der Religion zeigt er, was gebildete Fantasie aus lückenhaften Quellen machen kann. Eine ausführliche Prüfung folgt im Faktencheck zu „The Northman“.

„Vinland Saga“: ein Anime mit historischem Gerüst

„Vinland Saga“ beginnt als Manga von Makoto Yukimura, der 2005 startete und im Juli 2025 nach rund 20 Jahren mit Kapitel 220 endete. Die Anime-Fassung entstand in zwei Staffeln zu je 24 Folgen: 2019 beim Studio Wit, 2023 beim Studio MAPPA. Die Handlung setzt im frühen 11. Jahrhundert ein und führt durch die dänische Eroberung Englands unter Sven Gabelbart und Knut.

Figuren: gemischt. Thorfinn hat ein Vorbild in Thorfinn Karlsefni, der nach den Vinland-Sagas eine Siedlungsfahrt nach Nordamerika unternahm; seine Jugend als Rachekrieger ist erfunden. Thorkell hat in Thorkell dem Hohen ein historisches Vorbild, einem dänischen Heerführer, der ab 1009 in England kämpfte und später die Seiten wechselte; die Überlieferung bringt ihn auch mit den Jomswikingern in Verbindung. Knut ist der spätere König von England, Dänemark und Norwegen, siehe Knut der Große. Askeladd ist erfunden, sein Name stammt aus dem norwegischen Märchen. Chronologie: angelehnt bis nah am Befund. Die großen Linien der Jahre 1013 bis 1016 stimmen. Kleidung, Schiffe: angelehnt; für ein Zeichentrickwerk bemerkenswert sorgfältig, aber mit den Freiheiten des Mediums.

Einordnung (Deutung): Ein Werk, das Gewalt und ihren Preis zum Thema macht und dafür ein historisches Gerüst nutzt. Mehr im Faktencheck zu „Vinland Saga“ und bei Thorfinn Karlsefni.

Komödie, Fantasy, Superhelden: wo die Prüfsteine nicht greifen

Manche Titel wollen gar nicht historisch sein. „Norsemen“, im Original „Vikingane“, lief von 2016 bis 2020 beim norwegischen Sender NRK und international bei Netflix, drei Staffeln zu je sechs Folgen. Jede Szene wurde zweimal gedreht, auf Norwegisch und auf Englisch. Die Komödie spielt um 790 in einem erfundenen Dorf und lebt davon, moderne Büro- und Beziehungsprobleme in die Wikingerzeit zu verlegen.

„Drachenzähmen leicht gemacht“ (2010, Regie Chris Sanders und Dean DeBlois, nach den Büchern von Cressida Cowell; 2025 als Realfilm neu verfilmt) zeigt Hörnerhelme ganz bewusst als Kennzeichen einer Fantasy-Welt. „Ragnarök“ (Netflix, 2020 bis 2023, drei Staffeln, geschaffen von Adam Price) verlegt Götter und Riesen in eine fiktive westnorwegische Kleinstadt namens Edda der Gegenwart. Und Marvels „Thor“-Filme ab 2011 erfinden eine eigene Mythologie, in der etwa Loki Thors Adoptivbruder ist; dazu unser Faktencheck zu Marvels Thor. Für Spiele gibt es eigene Prüfungen zu „Assassin’s Creed Valhalla“ und „God of War“.

Einordnung (Deutung): Diese Titel an Funden zu messen, wäre unfair. Sinnvoll ist eine andere Frage: Welche Bilder setzen sie in die Köpfe? Der Hörnerhelm lebt heute vor allem durch Animationsfilme und Fanartikel weiter, siehe Der Hörnerhelm-Mythos.

Abgrenzung: „Barbaren“ zeigt keine Wikinger

Die Netflix-Serie „Barbaren“ (2020 und 2022, zwei Staffeln) wird oft in Wikinger-Listen geführt, gehört dort aber nicht hin. Sie erzählt von Arminius und der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr., also rund 800 Jahre vor Lindisfarne. Gelobt wurden die lateinischen Dialoge der Römer und deren Ausrüstung; Archäologen kritisierten das Bild eines finsteren Urwalds und Fehler bei Kleidung und Ernährung der Germanen. Warum „Germanen“ und „Wikinger“ zwei verschiedene Dinge sind, erklärt Germanen und Wikinger: der Unterschied.

Fünf Dauerfehler, die fast jeder Titel wiederholt

Quer durch das Genre kehren dieselben Bilder wieder. Eine längere Liste der Klischees steht in Typisch Wikinger?.

Mythos-Check

  • „Wikinger trugen Hörnerhelme.“ Falsch. Kein Fund der Wikingerzeit stützt das. Das Bild verbreitete sich im 19. Jahrhundert, besonders durch die Kostüme Carl Emil Doeplers für Wagners „Ring“ in Bayreuth 1876.
  • „Wikinger trugen schwarzes Leder.“ Nicht belegt. Leder diente für Schuhe, Gürtel und Scheiden; Kleidung war aus Wolle und Leinen und oft farbig, siehe Farben der Wikingerzeit.
  • „Der Blutadler war eine übliche Hinrichtung.“ Unbelegt als Praxis. Die Belege sind späte Prosatexte und eine mehrdeutige Skaldenstrophe; ob es das Ritual gab, ist umstritten. Siehe Der Blutadler.
  • „Es gab Armeen aus Schildmaiden.“ Nicht belegt. Einzelne bewaffnete Frauen sind in Sagas und möglicherweise im Grab Bj 581 von Birka greifbar, die Deutung ist offen. Ganze Frauenheere kennt nur die Legende; siehe Schildmaiden.
  • „Ragnar Lodbrok war ein historischer König.“ Nicht gesichert. Fränkische Annalen nennen 845 einen Anführer namens Reginherus vor Paris; ob er mit dem Ragnar der Sagas identisch ist, lässt sich nicht eindeutig belegen.

Ruhm als Leitmotiv: was die Quellen tatsächlich sagen

Fast alle Titel lassen ihre Helden vom Ruhm nach dem Tod sprechen. Diese Idee hat tatsächlich eine alte Grundlage, nur klingt sie in den Quellen nüchterner als im Kino. Die bekannteste Stelle steht in den „Hávamál“, den Sprüchen des Hohen in der Lieder-Edda:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.Hávamál, Strophe 75 nach Zählung Simrocks; Lieder-Edda, Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei)

Von Walhall ist hier keine Rede, auch nicht vom Schwert in der Hand. Die Strophe spricht vom guten Ruf unter den Lebenden. Das Kino hat daraus häufig einen Todeswunsch gemacht.

Häufige Fragen

Welcher Wikinger-Film ist am historisch genauesten? Eine Gesamtnote wäre irreführend. Bei Kleidung und Ausrüstung gilt „The Northman“ derzeit als besonders sorgfältig, beim historischen Ablauf in England liegt „The Last Kingdom“ vergleichsweise nah an den Quellen. Beide erfinden ihre Hauptfiguren oder deren Taten.

Ist „Der 13. Krieger“ eine wahre Geschichte? Nein. Ibn Fadlan ist eine historische Person und sein Bericht von 922 existiert, doch der Film verbindet ihn frei mit dem „Beowulf“. In Skandinavien war Ibn Fadlan nie.

Hat es Ragnar Lodbrok wirklich gegeben? Das lässt sich nicht eindeutig belegen. Es gibt Anführer des 9. Jahrhunderts mit ähnlichem Namen, aber die Ragnar-Figur, wie wir sie kennen, entstammt Sagas und Saxo, also Texten des 12. und 13. Jahrhunderts.

Warum tragen Wikinger in Filmen so oft Hörnerhelme? Weil sich das Bild im 19. Jahrhundert durch Kunst und Oper festsetzte und seitdem als sofort erkennbares Zeichen dient. Neuere Produktionen wie „Vikings“ oder „The Northman“ verzichten darauf; Animationsfilme nutzen es bewusst.

Ist „Beowulf“ eine Wikinger-Geschichte? Nicht im strengen Sinn. Das Epos wurde um 1000 aufgeschrieben, spielt aber im 6. Jahrhundert und damit in der Vendelzeit vor der Wikingerzeit.

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