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Das „Wikingergebet“: Woher „Lo, there do I see my father“ wirklich stammt

Mythos-Check Das „Wikingergebet“: Woher „Lo, there do I see my father“ wirklich stammt

Das berühmte „Wikingergebet“ – „Siehe, dort sehe ich meinen Vater …“ – ist kein überliefertes Gebet der Wikinger, sondern ein Filmtext aus „Der 13. Krieger“ von 1999. Trotzdem wird es als uralter Text geteilt, auf Grabsteine graviert und unter die Haut tätowiert. Sein echter Kern steckt in einem arabischen Reisebericht aus dem Jahr 922. Dort spricht allerdings kein Krieger vor der Schlacht, sondern eine junge Sklavin kurz vor ihrem Tod. Wir zeigen dir, was echt ist, was erfunden wurde und welche echten nordischen Verse du stattdessen nehmen kannst.

Gemälde von Siemiradzki: Bestattung eines Anführers der Rus mit Schiff, Scheiterhaufen und Trauernden
Henryk Siemiradzki: Bestattung eines vornehmen Rus (1883), nach dem Bericht Ibn Faḍlāns. Staatliches Historisches Museum, Moskau. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.

Ein Gebet, das jeder kennt

Wenn bei uns in der Werkstatt jemand nach einem „Wikingerspruch für einen Grabstein“ fragt, fällt früher oder später dieser Satz: „Lo, there do I see my father.“ Die Zeilen tauchen bei Trauerfeiern auf, in Abschiedspostings für verstorbene Freunde, auf Unterarmen und Schulterblättern, auf Schiefertafeln und Urnen. Fast immer stehen sie unter einer Überschrift wie „altes Wikingergebet“ oder „Gebet der Wikinger für Walhall“.

Man versteht sofort, warum. Der Text hat einen Rhythmus, der sich einbrennt, und er verspricht, dass die Toten auf uns warten. Wer jemanden verloren hat, sucht genau solche Worte.

Das Problem ist nur die Überschrift. Das Gebet ist keine tausend Jahre alt, sondern gut fünfundzwanzig. Und die Geschichte dahinter ist deutlich verwickelter, als es ein Grabspruch vermuten lässt. Sie führt von einem Hollywood-Studio über einen Bestseller der 1970er-Jahre zurück an das Ufer der Wolga, in den Herbst des Jahres 922.

Der Film: „Der 13. Krieger“ (1999)

Ende August 1999 kam „Der 13. Krieger“ in die Kinos, mit Antonio Banderas als arabischem Gesandten Aḥmad ibn Faḍlān. Ein gebildeter Höfling aus Bagdad wird gegen seinen Willen Teil einer Schar von zwölf Nordmännern, die ihrem Anführer Buliwyf in den Norden folgen. Dort bedroht ein geheimnisvolles Volk, die „Wendol“, eine Königshalle. Der Fremde ist der dreizehnte Krieger, den eine Seherin verlangt hat.

Vor der letzten Schlacht tritt der tödlich verwundete Buliwyf noch einmal vor seine Männer, und die Krieger sprechen das Gebet, das später als „Wikingergebet“ um die Welt ging. Es beginnt mit „Lo, there do I see my father“ und wiederholt dann dieselbe Formel: Mutter, Schwestern und Brüder, schließlich die ganze Reihe der Vorfahren bis zum Anfang. Am Ende rufen die Ahnen den Sprecher, seinen Platz unter ihnen in den Hallen Walhalls einzunehmen, wo die Tapferen ewig leben. Den Filmtext zitieren wir bewusst nicht vollständig, er ist urheberrechtlich geschützt.

Die Szene bündelt alles, was das Publikum mit Wikingern verbindet: Todesmut, Gemeinschaft, Ahnen, Walhall. Nur ist sie für die Kinoleinwand geschrieben. Kein Text aus der Wikingerzeit und keine Handschrift des nordischen Mittelalters enthält dieses Gebet.

Ein Film mit schwieriger Geburt

Dass ausgerechnet diese Szene so stark wirkt, ist fast ein kleines Wunder, denn der Film hatte eine holprige Entstehung. Gedreht wurde ab Sommer 1997 unter Regie von John McTiernan, damals bekannt für „Stirb langsam“ und „Jagd auf Roter Oktober“. Der Arbeitstitel lautete wie der Roman: Eaters of the Dead.

Testvorführungen fielen schlecht aus. Daraufhin übernahm Michael Crichton, der Autor der Vorlage, selbst das Ruder. Es gab Nachdrehs, an denen Crichton nach übereinstimmenden Berichten selbst Regie führte, ohne dafür im Abspann genannt zu werden, einen neuen Schnitt, ein neues Ende und neue Musik: Statt Graeme Revell schrieb Jerry Goldsmith die Filmmusik. Der Titel wurde in The 13th Warrior geändert, der Start um mehr als ein Jahr verschoben.

Wirtschaftlich wurde der Film ein Fehlschlag. Das Budget war ursprünglich auf rund 85 Millionen Dollar angesetzt, die Gesamtkosten sollen mit Nachdrehs und Werbung deutlich höher gelegen haben. Weltweit spielte der Film etwa 61,7 Millionen Dollar ein. Ausgerechnet dieser Kassenflop lieferte einen der meistgeteilten „Wikingertexte“ überhaupt.

Crichtons Roman: Ibn Faḍlān trifft Beowulf

Die Vorlage erschien 1976: Eaters of the Dead, im Untertitel ausgegeben als „Das Manuskript des Ibn Faḍlān über seine Erlebnisse mit den Nordmännern im Jahr 922“. Crichton baute sein Buch wie eine wissenschaftliche Edition. Es gibt eine Einleitung, Fußnoten, Kommentare zu angeblichen Handschriften und ein Literaturverzeichnis, in dem echte und erfundene Titel nebeneinanderstehen. Viele Leser hielten das Ganze deshalb lange für eine echte Quelle.

Die Konstruktion ist raffiniert. Die ersten Kapitel folgen tatsächlich dem echten Bericht Ibn Faḍlāns: die Reise, die Begegnung mit den Nordmännern, ihre Gewohnheiten, die Bestattung des Anführers. Dann biegt die Erzählung in die Fiktion ab und erzählt im Kern das altenglische Heldenepos Beowulf nach, das in Skandinavien spielt und von einem Helden handelt, der eine Königshalle von einem Ungeheuer befreit. Aus Beowulf wird Buliwyf, aus dem Ungeheuer Grendel und seiner Mutter ein ganzes Volk von Höhlenmenschen.

In seinem Nachwort erzählt Crichton, wie es dazu kam: Ein Bekannter hatte Beowulf in einer Vorlesung zu den langweiligsten Büchern der Weltliteratur gezählt. Crichton widersprach und wollte zeigen, dass die Geschichte packend sein kann, wenn man sie wie einen Augenzeugenbericht erzählt. Dafür brauchte er einen Augenzeugen, und den fand er in Ibn Faḍlān.

Der echte Kern: Ibn Faḍlān an der Wolga

Ibn Faḍlān hat es wirklich gegeben. Im Juni 921 brach er als Sekretär einer Gesandtschaft des Abbasiden-Kalifen al-Muqtadir von Bagdad auf. Ziel war der Herrscher der Wolgabulgaren, der um religiöse Unterweisung und Hilfe beim Bau einer Festung gebeten hatte. Im Mai 922 erreichte die Gesandtschaft das Gebiet an der mittleren Wolga. Dort begegnete Ibn Faḍlān Händlern, die er ar-Rūsiyya nennt, die Rus. Gemeint sind nach heutigem Forschungsstand vor allem Skandinavier, die über die großen Flüsse Osteuropas mit Pelzen, Sklaven und Silber handelten. Mehr über sie steht im Beitrag über die Rus im Osten.

Seinen Bericht nennt man die Risāla, das „Sendschreiben“. Lange kannte man nur Auszüge, die der Geograph Yāqūt im 13. Jahrhundert in sein großes geographisches Wörterbuch übernommen hatte. 1923 entdeckte der Gelehrte Ahmed Zeki Validi Togan in der Bibliothek des Imam-Reza-Schreins in Maschhad (Iran) eine Sammelhandschrift aus dem 13. Jahrhundert, die einen deutlich vollständigeren Text enthält. Togan veröffentlichte ihn 1939 in Leipzig mit deutscher Übersetzung. Auf dieser Handschrift beruhen alle modernen Ausgaben.

Wichtig für die Einordnung: Ibn Faḍlān schreibt als gläubiger Muslim und Hofbeamter, für Leser in Bagdad. Er ist neugierig, oft angewidert, manchmal bewundernd. Er verstand die Sprache nicht und verließ sich auf einen Dolmetscher; was er wiedergibt, ist übersetzt und gedeutet. Mehr zu ihm selbst findest du im Beitrag über Ibn Faḍlān.

Zehn Tage bis zum Feuer: der Bestattungsbericht

Der längste und berühmteste Abschnitt über die Rus ist die Beschreibung, wie ein vornehmer Mann bestattet wurde. Ibn Faḍlān sagt, er habe gehört, dass bei ihnen mit den Anführern seltsame Dinge geschehen, und habe dabei sein wollen. Wir fassen den Ablauf sachlich zusammen, in eigenen Worten.

Zunächst legte man den Toten für zehn Tage in ein provisorisches, überdachtes Grab, während seine Kleider zugeschnitten und genäht wurden. Sein Besitz wurde in drei Teile geteilt: einer für die Familie, einer für die Totenkleidung, einer für das berauschende Getränk, das während der Tage getrunken wurde. Man fragte seine Sklavinnen und Diener, wer mit ihm sterben wolle. Eine junge Frau meldete sich. Von da an wurde sie bewacht und bedient, sie trank und sang, als wäre es ein Fest.

Am Tag der Verbrennung zog man das Schiff des Toten an Land und stellte es auf ein Holzgerüst. Eine alte Frau, die Ibn Faḍlān den „Todesengel“ nennt, leitete die Zeremonie. Der Tote wurde in prächtige Kleider gehüllt und in einem Zelt auf dem Schiff gebettet, umgeben von Getränk, Speisen, Waffen und Tieropfern: ein Hund, Pferde, Rinder, ein Hahn und eine Henne.

Dann folgt die Szene, um die es hier geht. Man führte die junge Frau zu einem Gestell, das wie ein Türrahmen aussah, und hoben sie dreimal darüber. Ibn Faḍlān ließ sich übersetzen, was sie sagte. Sinngemäß: Beim ersten Mal sah sie ihren Vater und ihre Mutter. Beim zweiten Mal sah sie alle ihre verstorbenen Verwandten beisammensitzen. Beim dritten Mal sah sie ihren Herrn im Paradies sitzen, das Paradies sei schön und grün, Männer und junge Diener seien bei ihm, und er rufe sie, man solle sie zu ihm bringen.

Danach wurde sie auf das Schiff gebracht. Was folgt, beschreibt Ibn Faḍlān ohne Beschönigung: sexuelle Handlungen der Männer als Teil des Rituals, ein Rauschtrank, und schließlich ihre Tötung durch die alte Frau und mehrere Männer, während andere auf ihre Schilde schlugen, damit ihre Schreie nicht zu hören waren. Anschließend zündete der nächste Verwandte des Toten das Schiff an. Innerhalb kurzer Zeit war alles zu Asche verbrannt. Darüber schüttete man einen runden Hügel auf und stellte einen Pfahl mit dem Namen des Toten auf.

Ein Detail wird gern übersehen. Ein Mann der Rus soll Ibn Faḍlān über den Dolmetscher gesagt haben, die Araber seien töricht: Sie legten ihre Liebsten in die Erde, wo Würmer sie fräßen. Die Rus dagegen verbrennten sie, damit sie sofort ins Paradies gelangten. Auch hier steht im Arabischen das Wort für Paradies, nicht Walhall. Die vollständige Passage kannst du in unserer Lesefassung des Berichts nachlesen.

Was ist echt, was ist erfunden?

Echt ist die Abfolge der Visionen: erst Vater und Mutter, dann die verstorbenen Verwandten, dann der Herr im Jenseits. Echt ist die Dreizahl, echt das wiederholte „Siehe, ich sehe“ am Satzanfang, und echt ist der Gedanke, dass die Toten die Lebenden zu sich rufen.

Erfunden sind die Schwestern und Brüder, die Ahnenreihe zurück bis zum Anfang und vor allem Walhall mit den Tapferen, die ewig leben. Bei Ibn Faḍlān steht „das Paradies“, formuliert von einem muslimischen Gelehrten, der die Worte durch einen Dolmetscher hörte und in eigene Begriffe fasste. Ob die junge Frau an etwas dachte, das wir mit Walhall verbinden würden, wissen wir nicht. Ein grünes Paradies klingt eher nach der Bildwelt seiner Leser in Bagdad.

Ganz umgedreht ist die Situation. Im Film spricht ein freier Krieger vor der Schlacht ein Gebet voller Stolz. In der Quelle spricht eine unfreie junge Frau, nach Tagen voller Rauschtrank, Augenblicke vor ihrer rituellen Tötung. Was im Kino nach Heldenmut klingt, ist im Original das Zeugnis eines Menschenopfers. Wie das Leben unfreier Menschen in dieser Welt aussah, haben wir im Beitrag über die Sklaverei bei den Wikingern beschrieben.

Mythos-Check: Das „Wikingergebet“ ist kein überliefertes Gebet der Wikinger. Es ist ein Filmtext von 1999, der Motive aus Ibn Faḍlāns Bericht von 922 aufgreift und umdeutet. Kein altnordischer Text, keine Saga, kein Eddalied und kein Runenstein kennt diese Worte.

Wie glaubwürdig ist Ibn Faḍlān?

Bleibt die Frage, ob der Bericht selbst stimmt. Die Forschung nimmt ihn ernst, liest ihn aber vorsichtig. Ibn Faḍlān war Augenzeuge, das unterscheidet ihn von vielen späteren Schreibern. Zugleich schrieb er für ein Publikum, das Exotisches erwartete. Manche Einzelheiten können missverstanden oder zugespitzt sein.

Dazu kommt eine zweite Unsicherheit: Wer genau die Rus an der Wolga waren, ist nicht restlos geklärt. Vieles spricht für Skandinavier, doch sie lebten seit Generationen unter slawischen, finnischen und türkischen Nachbarn. Ihre Bräuche müssen nicht dem entsprechen, was in Norwegen oder Schweden üblich war. Ibn Faḍlān beschreibt eine Bestattung, an einem Ort, zu einer Zeit. Kein allgemeines Wikinger-Ritual.

Was die Archäologie dazu sagt

Trotzdem gibt es Funde, die zu Ibn Faḍlāns Beschreibung passen, zumindest in Teilen. Schiffs- und Bootsbestattungen sind aus Skandinavien gut belegt, sowohl als Brand- als auch als Körpergräber. Tieropfer im Grab, Pferde, Hunde, Rinder, Geflügel, gehören zu den häufigen Befunden. Einen Überblick gibt unser Beitrag über die Bootsbestattung.

Ballateare, Isle of Man: In einem Grabhügel bestattete man einen Mann mit Schwert, Speer und Schild. Weiter oben im Hügel lag eine junge Frau ohne Beigaben, mit schwer verletztem Schädel und hoch erhobenen Armen, darüber verbrannte Tierknochen. Der Archäologe Gerhard Bersu grub den Hügel in den 1940er-Jahren aus. Die Deutung als Begleitopfer ist naheliegend, aber nicht bewiesen.

Mehr zu diesem und anderen Funden der Insel steht im Beitrag über die Nordleute auf der Isle of Man. Ähnliche Fragen stellen sich bei Gräbern aus Flakstad auf den Lofoten: Dort lagen enthauptete Menschen zusammen mit anderen Toten. Isotopenanalysen zeigten, dass die Enthaupteten sich anders ernährt hatten, mit mehr Fisch, und DNA-Analysen, dass sie mit den Mitbestatteten mütterlicherseits wohl nicht verwandt waren. Die Forscherinnen um Elise Naumann deuteten sie vorsichtig als Unfreie, die mit ihren Herren ins Grab gingen.

Und dann ist da Oseberg in Norwegen, das prächtigste Schiffsgrab überhaupt, angelegt 834. Im Schiff lagen zwei Frauen, eine deutlich ältere und eine jüngere. Früher hielt man die eine für die Herrin und die andere für eine mitgegebene Dienerin. Heute ist das offen, beide könnten auch gleichrangig gewesen sein. Wir haben den Fund im Beitrag über das Oseberg-Schiff und die zwei Frauen genauer beschrieben. Auch in anderen Gräberfeldern, etwa in Birka, gibt es Doppelbestattungen, bei denen niemand sicher sagen kann, ob ein Mensch freiwillig, unfreiwillig oder zufällig zur gleichen Zeit starb.

Das ehrliche Fazit der Archäologie: Menschenopfer bei Bestattungen hat es im Norden sehr wahrscheinlich gegeben, aber selten und vor allem bei sehr hochgestellten Toten. Ein festes Ritual für alle lässt sich daraus nicht ablesen.

Wie der Filmtext zum „uralten Gebet“ wurde

Der Weg vom Kinosaal zum Grabstein führte über das Internet. In den Jahren nach dem Kinostart verbreitete sich der Text in Foren und später in sozialen Netzwerken, häufig ohne Hinweis auf den Film. Mit jeder Weitergabe wurde die Herkunft unschärfer. Aus „Gebet aus Der 13. Krieger“ wurde „Wikingergebet“, dann „altnordisches Gebet“, manchmal sogar „Gebet aus der Edda“.

Heute begegnet man ihm in sehr verschiedenen Zusammenhängen: als Tattoo, oft neben Runen oder einem Valknut; in Traueranzeigen und auf Gedenksteinen; bei Trauerfeiern, bei denen Kameradschaft und Tapferkeit im Mittelpunkt stehen sollen; in Abschiedsvideos und Musikstücken. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht, aber wer einmal danach sucht, merkt schnell, wie weit der Text verbreitet ist. Zu Runen auf der Haut lohnt übrigens ein Blick in unseren Beitrag Waren die Wikinger tätowiert?

Dass der Text so gut funktioniert, liegt auch an seiner Form: Er ist eine Litanei mit wiederkehrender Formel, wie man sie aus christlichen Gottesdiensten kennt. Dadurch klingt er vertraut und zugleich fremd.

Was echte nordische Texte über Tod und Jenseits sagen

Wer wissen will, wie die Menschen im Norden selbst über den Tod sprachen, muss zu anderen Texten greifen. Die meisten wurden im 13. Jahrhundert in Island aufgeschrieben, also nach der Christianisierung, enthalten aber oft ältere Vorstellungen. Ein einheitliches Jenseits zeigen sie nicht.

Walhall ist die Halle Odins, in die nach den Eddaliedern ein Teil der im Kampf Gefallenen einzieht. Nach dem Lied Grímnismál wählt aber auch Freyja jeden Tag die Hälfte der Gefallenen für ihren Wohnort Fólkvangr aus. Wer an Krankheit oder Alter stirbt, kommt nach Snorri Sturluson zu Hel, in die Totenwelt. Daneben kennen die Sagas Tote, die in Bergen weiterleben: In der Eyrbyggja saga sieht ein Hirte, wie sich der Berg Helgafell öffnet und drinnen ein Verstorbener in fröhlicher Runde empfangen wird. Wie diese Vorstellungen zusammenpassen, erklären wir im Beitrag Walhall, Hel, Fólkvangr: Wohin kamen die Toten?

Die berühmtesten Verse über den Tod stehen in der Hávamál, den „Sprüchen des Hohen“. Die Strophen 76 und 77 lauten in eigener Übertragung:

Es stirbt das Vieh, es sterben die Verwandten, auch du selbst stirbst. Doch der Nachruhm stirbt niemals dem, der sich guten erwirbt. […] Eines weiß ich, das niemals stirbt: das Urteil über jeden Toten.Hávamál 76–77, eigene Übertragung

Hier geht es nicht um ein Wiedersehen im Jenseits, sondern um das, was bleibt: der Ruf eines Menschen, die Erinnerung der Lebenden. Den Originaltext neben einer Übersetzung findest du in unserer zweisprachigen Hávamál.

Ein ganz anderes Bild zeichnet die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“. Nach dem Weltuntergang sieht die Seherin einen Saal stehen, schöner als die Sonne, mit Gold gedeckt, auf Gimlé. Dort, so heißt es sinngemäß, sollen treue Scharen wohnen und alle Tage Freude genießen. Ob dieses Bild christlich beeinflusst ist, wird in der Forschung diskutiert. Mehr dazu im Beitrag über die Völuspá.

Kannten die Wikinger überhaupt Gebete?

Ja, aber anders, als wir das Wort heute verstehen. Feste, auswendig gesprochene Gebetstexte wie das Vaterunser sind aus dem vorchristlichen Norden kaum überliefert. Was es gibt, sind Anrufungen, Formeln und Segenssprüche, meist eingebettet in Dichtung, dazu Berichte über Trinksprüche beim Opferfest, etwa auf Odin, auf Njörd und Freyr für gutes Jahr und Frieden.

Das schönste Beispiel steht im Eddalied Sigrdrífumál. Die Walküre Sigrdrífa erwacht aus ihrem Zauberschlaf und grüßt als Erstes die Welt. In eigener Übertragung:

Heil dir, Tag! Heil euch, Söhne des Tages! Heil dir, Nacht, und deiner Tochter! Schaut mit freundlichen Augen auf uns und gebt uns, die wir hier sitzen, den Sieg. Heil euch, Asen! Heil euch, Asinnen! Heil dir, du reiche, nährende Erde! Rede und Verstand gebt uns beiden und heilende Hände, solange wir leben.Sigrdrífumál 3–4, eigene Übertragung

Diese Verse werden oft das einzige echte „heidnische Gebet“ der nordischen Überlieferung genannt. Aufgeschrieben wurden sie im 13. Jahrhundert, der Kern dürfte älter sein. Du kannst die Strophen in unserer Lesefassung der Sigrdrífumál nachlesen. Auffällig ist der Ton: kein Todesmut, kein Walhall, sondern die Bitte um Weisheit, Gesundheit und ein gutes Leben.

Abschied heute: Ásatrú-Bestattungen

Für Menschen, die sich heute der alten nordischen Religion zuwenden, ist die Frage nach dem richtigen Abschiedstext ganz praktisch. In Island ist die Gemeinschaft Ásatrúarfélagið seit 1973 als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt. Ihre Priester, die Goden, dürfen Namensgebungen, Hochzeiten und Bestattungen leiten. Auch in Norwegen, Dänemark und anderen Ländern gibt es anerkannte oder organisierte Gemeinschaften.

Solche Feiern sind meist schlicht. Es werden Verse aus der Edda gesprochen, oft aus der Hávamál, manchmal ein Trinkspruch auf den Verstorbenen erhoben, ganz im Sinn des Erinnerns. Viele Gemeinschaften legen Wert darauf, mit echten Quellen zu arbeiten und nicht mit Filmzitaten. Wer sich dafür interessiert, wie heutige Heiden organisiert sind, findet mehr im Beitrag Asatru heute.

Darf man das Gebet trotzdem benutzen?

Natürlich. Ein Text muss nicht tausend Jahre alt sein, um Menschen zu trösten oder Mut zu machen.

Wir finden nur, dass man wissen sollte, woher die Worte kommen. Auf einem Gedenkstein oder in einer Trauerrede ist „nach dem Film Der 13. Krieger“ ehrlicher als „altes Wikingergebet“. Und wer es ganz authentisch möchte, findet in den echten Quellen Verse, die genauso berühren.

Echte Verse für einen Gedenkstein

Ein paar Vorschläge, alle in eigener Übertragung und damit frei verwendbar:

Die letzte Zeile ist kein Zitat, sondern folgt dem Muster, das auf Hunderten Runensteinen in Skandinavien steht: Jemand errichtet einen Stein „nach“ einem Verstorbenen. Schlichter und echter geht es kaum. Wenn du so einen Vers auf Schiefer oder Stein haben möchtest, findest du auf unserer Seite zu Gedenktafeln Beispiele und Hinweise zur Schreibung.

Häufige Fragen

Ist das Wikingergebet „Lo, there do I see my father“ echt? Nein. Der Text stammt aus dem Film „Der 13. Krieger“ von 1999. Er greift Motive aus dem Bericht des Ibn Faḍlān von 922 auf, ist aber in keiner altnordischen Quelle überliefert.

Wer sprach die Worte im Original? Bei Ibn Faḍlān spricht eine junge Sklavin während einer Bestattung der Rus an der Wolga, kurz bevor sie getötet wird. Sie sieht Vater und Mutter, ihre toten Verwandten und ihren Herrn im Paradies.

Kommt Walhall bei Ibn Faḍlān vor? Nein. Im arabischen Text steht „Paradies“, ein Begriff Ibn Faḍlāns oder seines Dolmetschers. Walhall wurde erst für den Film eingefügt.

Gibt es ein echtes Gebet der Wikinger? Am nächsten kommt die Anrufung in der Sigrdrífumál, Strophe 3 bis 4, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert. Feste Gebetstexte im christlichen Sinn sind aus der Wikingerzeit nicht überliefert.

Welcher echte Spruch passt auf einen Grabstein? Besonders beliebt ist Hávamál 76: Der Nachruhm stirbt niemals dem, der sich guten erwirbt. Auch die schlichte Runensteinformel „ließ diesen Stein setzen nach …“ ist authentisch.

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