Als „The Northman“ im April 2022 in die Kinos kam, warb man mit einem großen Versprechen: Dies sei einer der genauesten Wikingerfilme, die je gedreht wurden. Tatsächlich haben Robert Eggers und sein Co-Autor Sjón eng mit Fachleuten zusammengearbeitet, darunter der Archäologe Neil Price. Doch Genauigkeit bedeutet in diesem Film etwas anderes als im Geschichtsbuch. Die Handlung folgt einer Sage, die Saxo Grammaticus um 1200 aufschrieb, die Bilder mischen archäologische Funde mit Szenen aus Isländersagas, einem arabischen Reisebericht und schlichter Erfindung. Dieser Beitrag nimmt die wichtigsten Szenen einzeln vor und trennt, was belegt ist, was aus späten Texten stammt und was das Kino hinzugefügt hat.
„The Northman“ ist der dritte Spielfilm des US-Regisseurs Robert Eggers nach „The Witch“ und „Der Leuchtturm“. Das Drehbuch schrieb er mit dem isländischen Autor Sjón, der auch als Textdichter für Björk bekannt ist. Nach Vorab-Vorführungen im März 2022 und Starts in Skandinavien ab dem 13. April kam der Film am 21. April 2022 in die deutschen und am 22. April in die US-Kinos, freigegeben ab 16 Jahren. Die Kosten werden mit 70 bis 90 Millionen US-Dollar angegeben, hierzu gibt es unterschiedliche Zahlen.
Alexander Skarsgård spielt Amleth, Ethan Hawke seinen Vater Aurvandill, Claes Bang den Onkel Fjölnir, Nicole Kidman die Mutter Gudrún, Anya Taylor-Joy die Sklavin Olga, Willem Dafoe den Narren Heimir und Björk eine Seherin. Gedreht wurde größtenteils nicht in Island, sondern in Nordirland, ergänzt um Aufnahmen in Donegal und Island.
Als historische Berater werden drei Namen genannt: der Archäologe Neil Price von der Universität Uppsala, der Folklorist Terry Gunnell von der Universität Island und die Historikerin Jóhanna Katrín Friðriksdóttir. Price war also beteiligt, aber nicht allein. Er betont, gründlich recherchiert sei vor allem die materielle Kultur: Kleidung, Schmuck, Häuser, Alltag. Wo die Quellen schweigen, etwa bei vielen Riten, habe man bewusst erfunden, aber passend zur Welt. Das ist der Schlüssel zum Film: Er will nicht zeigen, was um 900 geschah, sondern wie Menschen ihre Welt erlebt haben könnten. Götter und Wiedergänger sind darin so wirklich wie Schafe und Torfhäuser.
Die Grundgeschichte stammt aus den „Gesta Danorum“, den „Taten der Dänen“, die der Geistliche Saxo Grammaticus um 1200 im Umfeld des Erzbischofs Absalon von Lund auf Latein verfasste. Die Erzählung von Amleth steht in Buch III und wird in Buch IV fortgesetzt. Saxo verlegt sie in eine ferne heidnische Vorzeit Dänemarks, lange vor der Wikingerzeit, ohne genaues Datum. Ein historischer Amleth ist nirgends sonst bezeugt. Es handelt sich um eine Sage, nicht um eine Chronik.
Bei Saxo verwalten die Brüder Horwendil und Feng für den Dänenkönig Rorik Jütland. Horwendil gewinnt Ruhm und Roriks Tochter Gerutha zur Frau, ihr Sohn ist Amleth. Feng ermordet den Bruder aus Neid und heiratet die Witwe. Amleth überlebt, weil er sich dumm stellt.
„So beschloss er, Stumpfsinn vorzutäuschen und sich ganz ohne Verstand zu geben. […] Bisweilen saß er über dem Feuer, scharrte mit den Händen die Glut zusammen, schnitzte hölzerne Haken und härtete sie im Feuer, wobei er an ihren Spitzen Widerhaken formte, damit sie an ihren Befestigungen umso fester hielten. Fragte man ihn, was er da tue, so sagte er, er bereite scharfe Speere vor, um seinen Vater zu rächen.“
Saxo Grammaticus, Gesta Danorum, Buch III (Amleth-Erzählung); eigene deutsche Übertragung nach der gemeinfreien englischen Übersetzung von Oliver Elton, 1894
Feng stellt ihm Fallen: eine junge Frau als Lockvogel, einen Lauscher im Gemach der Mutter, den Amleth tötet, schließlich eine Reise nach Britannien mit einem geheimen Brief, der um Amleths Hinrichtung bittet. Amleth vertauscht den Brief und kehrt nach einem Jahr zurück, als man gerade sein Totenmahl feiert. Er macht die Gäste betrunken, wirft die Wandbehänge über die Schlafenden, verankert sie mit seinen Holzhaken und zündet die Halle an. Feng tötet er mit dessen eigenem Schwert, das er zuvor gegen seine festgenagelte Waffe getauscht hat.
In Buch IV wird Amleth König, heiratet zusätzlich die schottische Königin Hermutrude und fällt im Kampf gegen Wiglek. Saxos Held stirbt also in einer Schlacht in Jütland, nicht im Vulkan, und seine Mutter hilft ihm am Ende. Die Erzählung erinnert stark an Livius’ Lucius Junius Brutus, der sich ebenfalls dumm stellte, um einen Tyrannen zu überleben. Wie viel an Saxos Amleth nordische Überlieferung und wie viel gelehrte Ausschmückung ist, lässt sich nicht eindeutig sagen.
Dass „Amleth“ wie „Hamlet“ klingt, ist kein Zufall. Saxos Werk wurde 1514 gedruckt, François de Belleforest erzählte die Geschichte 1570 in seinen „Histoires tragiques“ nach, und so gelangte der Stoff nach England. Shakespeares „Hamlet“ entstand um 1600 und übernahm Brudermord, Heirat mit der Witwe, gespielten Wahnsinn, Lauscher und vertauschten Brief, machte aus dem listigen Rächer aber einen Grübler.
Auch im Norden war der Name bekannt: Snorri Sturluson zitiert eine Strophe des Dichters Snæbjörn, die das Meer als „Mühle des Amlóði“ umschreibt. Das zeigt nur, dass es eine Figur Amlóði gab, nicht, dass ihre Geschichte Saxos glich. Die isländische „Ambáles saga“ ist erst frühneuzeitlich.
Eggers und Sjón gehen hinter Shakespeare zurück und kehren zu Saxo zurück. Den zweifelnden Prinzen gibt es bei ihnen nicht. Ihr Amleth ist ein Mensch, der von Kindheit an auf eine einzige Aufgabe festgelegt ist: Rache. Damit stehen sie näher an Saxo und an den Isländersagas, in denen Blutrache als Pflicht erscheint, als an der Bühnenfigur.
Der Film übernimmt Saxos Muster, ändert aber fast jedes Detail. Aus Horwendil wird Aurvandill, und das ist klug gewählt: Aurvandill ist in Snorris Edda eine mythische Gestalt, deren erfrorenen Zeh Thor als Stern an den Himmel wirft. Sprachlich gelten beide als Formen desselben Namens. Fjölnir ist in der Edda ein Beiname Odins, Gudrún kennt man aus den Nibelungenliedern der Edda.
Die Handlung beginnt 895 auf der fiktiven Insel Hrafnsey, „Rabeninsel“. Fjölnir verliert später sein Reich an König Harald von Norwegen und wird Schafbauer auf Island. Das greift ein Saga-Motiv auf: Die Landnahme Islands ab etwa 870 wird dort oft als Flucht vor Harald Schönhaar erklärt. Ob das der Hauptgrund war, bezweifeln viele Historiker, als Erzählmotiv ist es gut belegt. Mehr dazu im Beitrag über die Isländer.
Die größte Änderung betrifft die Mutter. Bei Saxo hilft Gerutha ihrem Sohn. Im Film enthüllt Gudrún, dass sie den Mord an Aurvandill selbst gewollt hat, weil sie einst geraubt und zur Ehe gezwungen worden war. Das ist Erfindung des Drehbuchs und stellt Amleths Rachepflicht infrage. Auch Olga fehlt bei Saxo. Ihr Name passt aber: „Olga“ ist die ostslawische Form des nordischen Helga.
Neu ist auch die Prophezeiung vom „Jungfrauenkönig“. Die stolze Mädchenkönigin, altnordisch meykóngr, stammt aus isländischen Abenteuersagas des Spätmittelalters und ist für die Zeit um 900 nicht bezeugt.
Zwei Szenen prägen das Bild der Krieger. In der ersten führt der Narr Heimir den jungen Amleth und seinen Vater in ein unterirdisches Heiligtum, wo beide wie Hunde oder Wölfe auf allen vieren kriechen und heulen. In der zweiten versetzen sich erwachsene Krieger in Wolfs- und Bärenfellen am Feuer in Raserei, bevor sie ein Dorf überfallen.
Für die Kriegerszene gibt es echte Anknüpfungspunkte. Das Wort Berserker bedeutet wahrscheinlich „Bärenhemd“, die Úlfheðnar sind die „Wolfspelze“. Ein Preislied auf König Harald Schönhaar, das Haraldskvæði aus der Zeit um 900, beschreibt in der Schlacht am Hafrsfjord Berserker, die brüllen, und Wolfspelze, die heulen. Snorri Sturluson schreibt im 13. Jahrhundert in der Ynglinga-Saga, Odins Männer seien ohne Brünne in den Kampf gegangen, wild wie Hunde oder Wölfe, hätten in ihre Schilde gebissen und seien stark wie Bären gewesen. Bildlich kennt man von den Pressblechen aus Torslunda auf Öland, die aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammen, eine Gestalt im Wolfsfell mit Waffe neben einem tanzenden Mann mit Hörnerhelm. Genau diese Figurengruppe hat der Film erkennbar nachgestellt.
Diese Belege zeigen Kriegergruppen, die sich mit Bär und Wolf identifizierten. Ein Ritual vor dem Überfall beschreibt keine Quelle, die Szene am Feuer ist plausible Ausgestaltung. Für die Einweihung mit Heimir gibt es nach dem Archäologen Christopher Nichols keine archäologische oder schriftliche Parallele, sie ist eine Erfindung der Autoren.
Vorsicht verdient der Rauschtrank. Im Film spielen Fliegenpilze eine Rolle, und populär gelten sie als Ursache der Berserkerwut. Diese Idee stammt von einem schwedischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts. Keine altnordische Quelle erwähnt Pilze, die Sagas beschreiben die Wut als Wesenszug oder Gabe Odins.
Der Überfall spielt im Osten, in einem Land, das der Film Garðaríki nennt. So heißt das Reich der Rus in altnordischen Texten, allerdings erst im Hochmittelalter. Die Rus waren im 9. und 10. Jahrhundert eine Herrscher- und Händlerschicht skandinavischer Herkunft an den Flüssen Osteuropas, mehr dazu im Beitrag über die Kiewer Rus.
Menschenraub ist hier gut belegt. Der Geograf Ibn Rusta schreibt im frühen 10. Jahrhundert, die Rus überfielen die Slawen mit Schiffen, nähmen sie gefangen und verkauften sie bei Chasaren und Wolgabulgaren. Dazu passen die vielen Tausend arabischen Silbermünzen in skandinavischen Funden. Der Film zeigt den Überfall nicht als Abenteuer, sondern als Menschenjagd für einen Markt.
Am Ende brennt ein Gebäude, in dem Menschen eingeschlossen sind. Eine bestimmte Quelle dafür gibt es nicht. Das Verbrennen von Feinden im Haus, altnordisch brenna, ist aber ein festes Motiv: Die Njáls saga erzählt, wie Njáll mit seiner Familie im Hof verbrennt, und auch Saxos Amleth zündet die Halle an. Der Film verlegt das Fehdemotiv in einen Raubzug. Ob Wikinger im Osten so vorgingen, lässt sich nicht eindeutig belegen.
Nach dem Überfall begegnet Amleth in einem Heiligtum einer Seherin, gespielt von Björk, die ihn an seinen Schwur erinnert und ihm ein Schicksal mit einem Jungfrauenkönig voraussagt. Inhaltsangaben verorten die Szene im Tempel des slawischen Gottes Svetovit. Den Namen der Statue habe ich nicht unabhängig prüfen können.
Die Seherin selbst ist gut bezeugt. Die Völva deutete Schicksal und Zukunft. In der Saga von Erik dem Roten, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert, kommt eine Seherin namens Þorbjörg mit blauem Mantel und Katzenfellhandschuhen auf einen Hof in Grönland und sagt das Ende einer Hungersnot voraus. Frauengräber mit eisernen Stäben, etwa in Fyrkat in Dänemark, werden oft als Gräber von Seherinnen gedeutet. Ihre Technik hieß Seiðr.
Problematisch ist der Tempel. Svantevit ist der Gott der westslawischen Ranen auf Rügen. Seinen Tempel in Arkona beschreibt ausgerechnet Saxo im 14. Buch, bei der dänischen Eroberung 1168. Für die Ostslawen nennt die Nestorchronik andere Götter, allen voran Perun. Ein Svantevit-Heiligtum im Osten um 900 deckt keine Quelle. Die Szene verdichtet Kulturen und Jahrhunderte zu einem Bild.
Um zu seinem Onkel zu gelangen, lässt Amleth sich als Sklave mit gefangenen Slawen nach Island bringen. Die Sklaverei nimmt der Film ernster als die meisten Wikingerfilme: Unfreie werden angekettet, geschlagen, vergewaltigt und geopfert.
Unfreie, altnordisch þrælar, waren auch auf Island allgegenwärtig. Sagas und Landnahmebuch nennen viele Sklaven mit irischen oder schottischen Namen, und genetische Studien deuten auf einen hohen Anteil von Siedlerinnen aus Irland und Schottland. Wie viele davon verschleppt wurden, lässt sich nicht beziffern. Die Figur Halldóra, im Film eine Piktin, passt dazu. Ungewöhnlich ist die Richtung des Handels: Die großen Ströme liefen nach Osten und Süden zu den islamischen Märkten. Dass Rus-Händler Slawen bis Island verkauften, ist nicht belegt. Mehr dazu im Beitrag zur Sklaverei bei den Wikingern.
Verstörend ist die Totenfeier für Fjölnirs Sohn Thórir: Gunnar köpft ein Pferd, im Hintergrund wird eine singende Frau erstochen, damit sie dem Toten folgt. Das Vorbild ist der Bericht von Ibn Fadlan über eine Rus-Bestattung an der Wolga 922. Dort erklärt sich eine Sklavin bereit, mit ihrem Herrn zu sterben, wird gewürgt und von einer alten Frau, dem „Todesengel“, erstochen. Auch Pferde werden geopfert, bei ihm allerdings zerstückelt.
Ibn Fadlan war Augenzeuge, aber ein fremder, der über Dolmetscher verstand. Er beschreibt Rus an der Wolga, nicht Bauern auf Island. Gräber mit einem gewaltsam getöteten zweiten Menschen kennt man aus Skandinavien und von den Britischen Inseln, sie sind aber selten. Pferdeopfer sind in isländischen Gräbern häufig. Beides hat eine Grundlage, die Kombination auf einem isländischen Hof ist Kinoerzählung.
Auf Island nimmt Amleth an einem wüsten Ballspiel teil, bei dem Spieler mit Schlägern um einen harten Ball kämpfen und sich gegenseitig verletzen. Im Film endet es tödlich: Als ein Spieler den jungen Gunnar bedroht, greift Amleth ein und erschlägt ihn. Dieses Spiel hat ein echtes Vorbild, den Knattleikr, über den der Beitrag Glíma und Knattleikr ausführlich berichtet.
Knattleikr wird in mehreren Isländersagas erwähnt, darunter in der Egils saga, der Gísla saga, der Grettis saga und der Eyrbyggja saga. Gespielt wurde mit einem Holz, das die Sagas einfach tré nennen, und einem Ball, der hart genug war, um Verletzungen zu verursachen. Mehrere Stellen nennen Eis oder gefrorenen Grund als Spielfläche, und die Spiele fanden oft auf großen Treffen im Herbst und Winter statt. Streit, Blut und gelegentlich Totschlag gehören in den Sagas fast zum Spiel: In der Egils saga erschlägt der junge Egill nach einem verlorenen Spiel seinen Gegner mit der Axt.
Die Regeln kennt niemand, alle modernen Spielregeln sind Rekonstruktionen. Rezensionen beschreiben die Filmpartie so, dass Unfreie zur Unterhaltung ihrer Herren antreten. Dafür ist mir keine Quelle bekannt, in den Sagas spielen freie Männer bei geselligen Treffen. Die Zuspitzung zum Kampf auf Leben und Tod ist dagegen nicht ganz fremd: Die Sagas erzählen Knattleikr meist dann, wenn daraus eine Fehde entsteht.
Mithilfe eines Zauberers spricht Amleth mit dem abgeschlagenen Kopf des toten Narren Heimir. Der Kopf verrät ihm, wo ein besonderes Schwert liegt, das „Draugr“ heißt und sich nur nachts oder an den Toren Hels ziehen lässt. Amleth steigt in einen Grabhügel und kämpft mit dessen untotem Bewohner, um die Waffe zu gewinnen.
Fast jedes Element dieser Szene hat eine Entsprechung in der Literatur. Ein sprechender Kopf erinnert an Mímir, dessen abgeschlagenes Haupt Odin nach der Ynglinga-Saga mit Kräutern einbalsamierte und um Rat befragte. Der Kampf im Grabhügel ist ein klassisches Saga-Motiv. In der Grettis saga bricht Grettir in den Hügel des alten Kárr ein, ringt mit dem Toten und holt einen Schatz und ein Schwert heraus. In der Hrómundar saga Gripssonar gewinnt der Held auf ähnliche Weise das Schwert Mistilteinn. Untote, die in ihrem Grab weiterleben, heißen in den Sagas haugbúi, „Hügelbewohner“, oder Draugr. Der Film verwendet beide Begriffe.
Auch die Bedingungen, an die das Schwert gebunden ist, haben Vorbilder. Das berühmte Schwert Sköfnungr, das der Isländer Miðfjarðar-Skeggi aus dem Grabhügel des Sagenkönigs Hrólfr kraki geholt haben soll, durfte nach der Laxdæla saga nicht gezogen werden, wenn eine Frau in der Nähe war, und die Sonne durfte nicht auf seinen Griff scheinen. Solche Tabus sind literarische Motive, keine überlieferten Waffenbräuche. Bemerkenswert ist das Aussehen der Filmwaffe: Mit Gold, Granateinlagen und Ring am Knauf entspricht sie nach Nichols eher Schwertern der Vendelzeit, also des 6. bis 8. Jahrhunderts, als der Wikingerzeit. Das ist streng genommen ein Anachronismus, könnte aber gewollt sein. Ein Schwert aus einem alten Grab müsste ja älter sein als seine Finder. Wie echte Wikingerschwerter aufgebaut waren, beschreibt der Beitrag über das Wikingerschwert.
Den Höhepunkt bildet ein Zweikampf zwischen Amleth und Fjölnir am Rand eines ausbrechenden Vulkans, den der Film als „Tore Hels“ bezeichnet. In Inhaltsangaben wird er mit der Hekla gleichgesetzt. Beide Männer sterben, und eine Walküre trägt Amleth auf einem fliegenden Pferd davon, hinauf nach Walhall.
Walküren sind in der Edda gut bezeugt. Der Name bedeutet „Wählerin der Gefallenen“, und in den Helgi-Liedern der Edda reiten sie bewaffnet durch Luft und über das Meer. In einer Strophe tropft Tau aus den Mähnen ihrer Pferde in tiefe Täler. Geflügelte Pferde kennt die nordische Überlieferung dagegen nicht. Das Flügelpferd ist eher ein Erbe der antiken Pegasus-Bilder und der Romantik, wie man es aus Opernbühnen des 19. Jahrhunderts kennt. Dass ein Gefallener zu Odin kommt, entspricht dem Bild, das die Edda von Walhall zeichnet. Wie verbreitet dieser Glaube in der Bevölkerung war, ist allerdings umstritten. Viele Tote kamen nach den Quellen zu Hel, andere zu Freyja oder in ihren Grabhügel.
Bei der Hekla wird es schwierig. Ihr erster schriftlich bezeugter Ausbruch fand 1104 statt, davor hatte sie nach geologischen Befunden mindestens rund 250 Jahre geruht. Ein Hekla-Ausbruch im frühen 10. Jahrhundert ist also nicht belegt, wohl aber andere Ausbrüche auf Island, etwa der Eldgjá in den 930er-Jahren. Die Vorstellung von der Hekla als Höllentor taucht erst in kirchlichen Texten des 12. Jahrhunderts auf und hielt sich bis in die Neuzeit. Sie ist christlich. Hel war in der altnordischen Überlieferung ein Totenreich unter der Erde, kein Feuerort.
Bei der materiellen Kultur ist der Film am stärksten. Fachleute loben übereinstimmend die Kleidung, die Torfhäuser und die Gegenstände des Alltags. Christopher Nichols, ein auf Tierknochen spezialisierter Archäologe mit Abschluss in Uppsala, hebt in seiner Besprechung hervor, dass die Ausstattung die Kunststile Ringerike und Urnes meidet. Diese kamen erst um das Jahr 1000 auf und hätten in die Zeit um 900 nicht gepasst. Die ovalen Schalenfibeln der Seherin seien typisch weiblicher Schmuck der Wikingerzeit. Der Kopfschmuck mit Hörnern, den eine Kultfigur trägt, ist kein Kriegshelm, sondern ein Zitat der Torslunda-Bleche und anderer Kultbilder. Gehörnte Kriegshelme der Wikingerzeit sind archäologisch nicht nachgewiesen. Mehr dazu steht im Beitrag über den Hörnerhelm-Mythos.
Einige Details sind besonders sorgfältig. Weil es auf Island nie Wölfe gab, weist Amleth dort ein Polarfuchs den Weg, kein Wolf. Die Seherin lebt am Rand der Siedlung, wie es auch in den Sagas für Zauberkundige typisch ist. Kritik gibt es an den Pferden: Die Tiere im Film sind deutlich größer als die eher kleinen Pferde, die man aus Gräbern der Wikingerzeit kennt. Auch die Lage der Insel Hrafnsey bleibt bewusst unklar.
Abweichungen dienen meist der Wirkung. Die Krieger sind fast ständig wütend und grausam, Humor fehlt. Peter Konieczny vom Fachportal Medievalists.net bemerkte, die Saxo-Vorlage sei weniger gewalttätig und vielschichtiger als der Film. Die Sagas kennen auch Rechtsstreit, Witz, Handel und Gastfreundschaft, die der Film nur streift.
Ist „The Northman“ eine Verfilmung von Hamlet? Nicht direkt. Der Film greift auf Saxo Grammaticus zurück, dessen Amleth-Erzählung um 1200 entstand und später über Belleforest auch Shakespeare als Vorlage diente. Viele typische Hamlet-Elemente fehlen, andere stammen aus Isländersagas.
Wo wurde der Film gedreht? Der größte Teil entstand in Nordirland, unter anderem im County Antrim. Hinzu kamen Aufnahmen in Donegal in Irland und in Island. Die Vulkanszenen wurden nach Angaben zur Produktion in einem Steinbruch bei Belfast gedreht.
Wer hat den Film historisch beraten? Genannt werden der Archäologe Neil Price, der Folklorist Terry Gunnell und die Historikerin Jóhanna Katrín Friðriksdóttir. Price betont, dass vor allem Kleidung, Gegenstände und Lebenswelt gründlich recherchiert sind.
Gab es Knattleikr wirklich? Ja, das Ballspiel wird in mehreren Isländersagas erwähnt. Wie es genau gespielt wurde, weiß aber niemand, weil keine Regeln überliefert sind.
Woher stammt die Szene mit der getöteten Sklavin? Sie folgt erkennbar dem Bericht des arabischen Gesandten Ibn Fadlan über eine Rus-Bestattung an der Wolga im Jahr 922. Der Film versetzt diese Szene nach Island.

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