In den Sagas ist Gunnhild die gefährlichste Frau Norwegens: schön, klug, zauberkundig, rachsüchtig, die eigentliche Macht hinter Erik Blutaxt und später hinter ihren Söhnen. Sie vergiftet, verflucht, verwandelt sich in einen Vogel und endet, so eine Überlieferung, ertränkt in einem dänischen Moor. Nur stammt fast alles, was wir über sie lesen, aus Texten, die zwei bis drei Jahrhunderte nach ihrem Tod in Norwegen und vor allem auf Island geschrieben wurden. Schon ihre Herkunft ist umstritten. Dieser Beitrag geht den Spuren nach: was die Quellen erzählen, wo sie sich widersprechen, was die Forschung für wahrscheinlich hält und warum eine Moorleiche, die 1835 als „Königin Gunnhild“ einen prunkvollen Sarg bekam, rund anderthalb Jahrtausende älter ist.
Gunnhild, altnordisch Gunnhildr, war die Frau Eriks Blutaxt (Eiríkr blóðøx), des Sohnes Harald Schönhaars, der um 930 für kurze Zeit über Norwegen herrschte und später in York regierte. Ihr Beiname konungamóðir bedeutet „Mutter der Könige“. Er erklärt sich aus der Zeit nach 961, als mehrere ihrer Söhne gemeinsam über große Teile Norwegens herrschten, allen voran Harald Graufell (Haraldr gráfeldr). Wer den Mann an ihrer Seite genauer kennenlernen will, findet ihn im Beitrag Erik Blutaxt; hier geht es um Gunnhild selbst.
Ihre Lebensdaten sind nicht überliefert. Geburt im frühen 10. Jahrhundert und Tod um 980 sind Schätzungen; der norwegische Historiker Claus Krag schreibt im Store norske leksikon nur, sie habe „um 950“ gelebt.
Ihr Bild in den Texten ist dagegen erstaunlich scharf gezeichnet. Die Egils saga nennt sie „die schönste und klügste aller Frauen und sehr zauberkundig“ (allra kvenna vænst ok vitrust ok fjölkunnig mjök, Kap. 37). Schönheit, Klugheit, Magie: Diese drei Eigenschaften kehren in fast allen Erzählungen über sie wieder, meist mit einem vierten Zug, der Grausamkeit.
Aus Gunnhilds eigener Zeit gibt es keine Erzählung über sie. Keine Inschrift nennt ihren Namen, keine englische Chronik erwähnt sie, auch wenn die Angelsächsische Chronik einen König Erik in York kennt. Was bleibt, sind vier Gruppen späterer Texte.
Die erste bilden die sogenannten norwegischen Synoptiker, knappe Königsgeschichten aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts: die lateinische Historia Norwegie, deren Datierung umstritten ist, die lateinische Geschichte des Mönchs Theodoricus (um 1180) und das altnordische Ágrip af Nóregskonungasögum (um 1190). Die zweite Gruppe sind die großen Königssagas des frühen 13. Jahrhunderts, die Fagrskinna und Snorri Sturlusons Heimskringla (um 1230). Die dritte sind Isländersagas, also Erzählungen über isländische Familien, in denen Gunnhild als Nebenfigur auftritt: vor allem die Egils saga, die Laxdæla saga und die Njáls saga. Dazu kommen die Orkneyinga saga und die Jómsvíkinga saga.
Die vierte Gruppe ist am ältesten, aber am schwersten zu greifen: Skaldenstrophen, also Preis- und Gelegenheitsgedichte, die in den Sagas zitiert werden und teils aus dem 10. Jahrhundert stammen könnten. Eine Strophe, die die Egils saga Egill selbst in den Mund legt, macht Gunnhild für seine Vertreibung aus Norwegen verantwortlich, ohne Gründe zu nennen. Der Skalde Eyvindr skáldaspillir dagegen gibt für den Mord am Hlaðir-Jarl Sigurd allein ihren Söhnen die Schuld. Ob die Strophen echt sind und wie alt, ist Gegenstand langer Debatten. Einen Überblick über die Gattung bietet der Beitrag Isländersagas.
Die bekannteste Version ihrer Herkunft erzählt Snorri in der Saga von Harald Schönhaar. Der junge Erik fährt nach Norden, über die Finnmark bis nach Bjarmaland, das Land am Weißen Meer. Auf dem Rückweg finden seine Männer in einer Hütte der Finnen, wie die altnordischen Texte die Samen nennen, ein Mädchen von unvergleichlicher Schönheit. Sie heißt Gunnhild, ihr Vater sei Özurr tóti aus Hålogaland, der Landschaft im Norden Norwegens, und sie sei hier, um bei zwei Finnen die Zauberei zu lernen. Beide wollen sie heiraten. Gunnhild versteckt Eriks Männer, schläfert die Zauberer ein, zieht ihnen Säcke aus Seehundsfell über die Köpfe und gibt das Zeichen. Die Männer erschlagen die beiden, Erik nimmt Gunnhild mit nach Süden und heiratet sie mit Zustimmung ihres Vaters.
Samuel Laing übersetzte 1844 die Stelle, an der Eriks Leute das Mädchen finden, mit den Worten: „his men found a girl in a Lapland hut, whose equal for beauty they never had seen“. Andere Texte erzählen es anders. Die Fagrskinna sagt nur, Gunnhild sei bei Mǫttull, einem König der Finnen, aufgezogen und erzogen worden. Die Egils saga verlegt die Heirat ebenfalls auf eine Bjarmalandfahrt und nennt den Vater Özurr tóti. Das Ágrip nennt ihn Özurr lafskegg.
Die Geschichte ist erzählerisch geschickt gebaut. Gunnhild erscheint vom ersten Auftritt an als Frau, die Magie gelernt hat und Männer, auch mächtige, mit List aus dem Weg räumt. Der australische Historiker Matthew Firth hält die Begegnung für eine literarische Konstruktion. Die Nordländer, die Samen und die Zauberei gehören in der altnordischen Literatur eng zusammen; der Beitrag Die Samen in den nordischen Quellen zeigt, wie oft samische Figuren dort als Zauberkundige auftreten. Ein Özurr tóti ist außerhalb dieser Erzählungen übrigens nirgends belegt.
Eine einzige Quelle erzählt etwas völlig anderes. Die Historia Norwegie macht Gunnhild zur Tochter des dänischen Königs Gorm des Alten und seiner Frau Thyra; Erik habe sie bei einem Fest an Gorms Hof kennengelernt. Damit wäre sie eine Schwester Harald Blauzahns. Mehr zu den Eltern in den Beiträgen Gorm der Alte und Thyra Danebod.
Diese Version hat in der Forschung viele Anhänger. Claus Krag schreibt, fast alle neueren Historiker hielten die dänische Herkunft für zutreffend, weil die Historia Norwegie teilweise unabhängig von der isländischen Tradition sei. Schon Guðbrandur Vigfússon hielt im 19. Jahrhundert die Özurr-Version für falsch. Dazu kommt ein politisches Argument: Eine Ehe zwischen dem Haus Harald Schönhaars und dem jungen dänischen Königshaus passt gut in eine Zeit, in der beide Dynastien ihre Macht ausbauten. Und Eriks Söhne suchten nach dem Tod ihres Vaters tatsächlich Schutz bei Harald Blauzahn, was bei einem Onkel naheliegt. Firth nennt als weiteres Argument die Namen der Söhne; Krag deutet den Namen des ältesten, Gamli, als Benennung nach dem Großvater Gorm. Das ist ein Indiz, kein Beweis.
Es gibt aber einen gewichtigen Einwand, auf den Firth aufmerksam macht. Das Ágrip, Theodoricus und die Jómsvíkinga saga berichten übereinstimmend, Harald Blauzahn habe der verwitweten Gunnhild die Ehe angeboten. Wäre sie seine Schwester gewesen, wäre dieses Angebot undenkbar. Eine der beiden Angaben muss also falsch sein, vielleicht beide. Die englischsprachige Wikipedia hält fest, dass die neueren Herausgeber des Ágrip und des Theodoricus dem walisischen Historiker Gwyn Jones folgen und die Angaben dieser Texte zu ihrer Herkunft für unzuverlässig halten. Jones' eigene Darstellung von 1968 habe ich nicht gelesen; ich kenne seine Position nur aus dieser Zusammenfassung.
Der Stand lässt sich so beschreiben: Die dänische Herkunft gilt vielen als wahrscheinlicher, weil sie nicht nach Märchen klingt und politisch Sinn ergibt. Gesichert ist sie nicht. Hierzu gibt es unterschiedliche Angaben, und keine Quelle ist zeitgenössisch.
Harald Schönhaar soll Erik, seinen Lieblingssohn, zum Oberkönig bestimmt haben. Nach Haralds Tod, nach der traditionellen Chronologie um 930 bis 933, setzte sich Erik gegen mehrere Halbbrüder durch; die Sagas schreiben ihm die Tötung mehrerer von ihnen zu. Gunnhild erscheint in diesen Jahren als Königin, die mitregiert, Ratschläge gibt und Feinde ihres Mannes verfolgt. Was davon reale Politik war und was späteres Bild der bösen Ratgeberin, lässt sich nicht trennen.
Um 934 oder 935 kehrte Eriks jüngster Halbbruder Hákon aus England zurück, wo er am Hof König Æthelstans aufgewachsen war. Die Großbauern fielen ihm zu, Erik musste gehen. Der Beitrag Hákon der Gute erzählt diese Wende aus Hákons Sicht. Für Gunnhild beginnt damit eine zwanzigjährige Wanderschaft zwischen den Britischen Inseln, Orkney und Dänemark, bis ihre Söhne Hákon schließlich besiegen. In den Sagas bleibt sie über diese ganze Zeit die Gegenspielerin Hákons, und das Ágrip schreibt seinen Tod im Jahr 961 sogar ihrer Zauberei zu.
Am lebendigsten ist Gunnhild in der Egils saga, in der sie die wichtigste Feindin des isländischen Skalden Egill Skallagrímsson ist. Die Feindschaft beginnt mit einem Fest auf der Insel Atley. Der Gastgeber Bárðr, ein Gefolgsmann des Königs, und die Königin mischen nach der Saga Gift in Egills Trinkhorn. Egill ritzt Runen in das Horn, bestreicht sie mit Blut, und das Horn zerspringt (Kap. 44). Dann tötet er Bárðr und flieht. Der Beitrag Runenzauber ordnet diese Szene ein.
Später stiftet Gunnhild ihre Brüder Eyvindr skreyja und Álfr askmaðr an, einen der Söhne Skalla-Gríms zu töten, am besten beide. Weil Eyvindr nicht an Egills Bruder Þórólfr herankommt, tötet er bei einem Opferfest dessen Gefolgsmann Þorvaldr ofsi und wird dafür geächtet (Kap. 48–49). Dass Egill beide Brüder erschlagen habe, wie man mitunter liest, gibt die Saga nicht her: Egill überfällt Eyvindr zwar vor Jütland, doch dieser rettet sich schwimmend an Land.
Den Höhepunkt bildet Kapitel 57. Egill hat einen Erbstreit verloren, wird geächtet, tötet seinen Gegner Berg-Önundr und erschlägt auf der Insel Herðla, heute Herdla bei Bergen, Eriks jungen Sohn Rögnvaldr mit dessen Gefolge. Bevor er Norwegen verlässt, errichtet er auf einer Felsnase eine níðstöng, eine Neidstange: eine Stange aus Haselholz, auf die er einen Pferdekopf setzt, mit dem Kopf zum Land gewandt. In die Stange ritzt er Runen mit einer Verwünschungsformel.
Hér set ek upp níðstöng, ok sný ek þessu níði á hönd Eiríki konungi ok Gunnhildi dróttningu … sný ek þessu níði á landvættir þær, er land þetta byggva, svá at allar fari þær villar vega, engi hendi né hitti sitt inni, fyrr en þær reka Eirík konung ok Gunnhildi ór landi.
„Hier richte ich eine Neidstange auf, und ich wende diese Schmähung gegen König Eiríkr und Königin Gunnhildr … Ich wende diese Schmähung gegen die Landgeister, die dieses Land bewohnen, sodass sie alle in die Irre gehen und keiner seine Heimstatt findet oder erreicht, bis sie König Eiríkr und Gunnhildr aus dem Land vertreiben.“Egils saga Skalla-Grímssonar, Kap. 57; altnordischer Wortlaut über ein Abrufwerkzeug in Abschnitten aus einer normalisierten Online-Ausgabe (bookdown.org) gelesen, nicht in einer gedruckten Edition; deutsche Fassung eigene Übersetzung
Die Formel ist bemerkenswert, weil sie nicht den König selbst verflucht, sondern die landvættir, die Schutzgeister des Landes, gegen ihn aufbringt. Das Wort níð bezeichnet eine Schmähung, die Ehre und Ansehen eines Menschen zerstören soll. Ob es solche Stangen im 10. Jahrhundert gab, ist eine andere Frage. Neidstangen sind in mehreren Sagas und in mittelalterlichen Gesetzen erwähnt; dass Egill genau diese Stange gegen genau dieses Paar errichtet hat, wissen wir nur aus einer Saga, die rund 300 Jahre später entstand. Die Pointe der Saga: Erik und Gunnhild verlassen Norwegen tatsächlich bald darauf, aus politischen Gründen, doch der Leser darf an die Landgeister denken.
Nach seiner Vertreibung taucht Erik in York auf, dem Zentrum des skandinavisch geprägten Königreichs Northumbrien. Die Angelsächsische Chronik nennt einen König Erik dort für 947/948 und erneut für 952 bis 954; ob dieser Erik mit Erik Blutaxt identisch ist, hat die Historikerin Clare Downham bezweifelt. Der Beitrag Jórvík beschreibt die Stadt jener Zeit. Dass Gunnhild mit ihm in York war, bezeugt allein die nordische Überlieferung; englische Quellen schweigen über sie.
In York spielt auch die berühmteste Gunnhild-Szene der Egils saga. Kapitel 59 beginnt mit dem Satz: „So wird gesagt, dass Gunnhild einen Seiðr ausführen ließ und dabei bewirkte, dass Egill Skalla-Grímsson auf Island niemals Ruhe finden sollte, bevor sie ihn gesehen hätte.“ Seiðr ist eine Form der Zauberei, die in den Quellen oft mit Frauen, mit Weissagung und mit Schadenszauber verbunden ist; der Beitrag Seiðr erklärt den Begriff genauer. Egill sticht tatsächlich in See, erleidet an der Humbermündung Schiffbruch und steht plötzlich in Eriks Reich. Sein Freund Arinbjörn, Eriks Ziehbruder, bringt ihn vor den König und erreicht einen Aufschub.
In der Nacht soll Egill ein Preisgedicht auf Erik verfassen, doch eine Schwalbe sitzt am Fenster und zwitschert ununterbrochen. Arinbjörn setzt sich ans Fenster und sieht bei Tagesanbruch eine hamhleypa davonziehen, ein Wesen, das in fremder Gestalt umgeht. Den Namen nennt die Saga an dieser Stelle nicht, doch jeder Hörer wusste, wer gemeint war. Am Morgen trägt Egill die Höfuðlausn vor, die „Haupteslösung“, und erhält sein Leben. Ob das Gedicht von Egill stammt, ist umstritten; sein Endreim ist für skaldische Dichtung des 10. Jahrhunderts ungewöhnlich, und manche Forscher halten es für jünger.
Erik fiel nach einer späteren englischen Überlieferung 954 bei Stainmore in den Pennines. Die Sagas lassen die Nachricht von seinem Tod zu Gunnhild und ihren Söhnen gelangen, die daraufhin England verlassen. Nach Snorri ziehen sie nach Orkney, setzen sich dort fest und nehmen von den Jarlen Abgaben. Die Orkneyinga saga erzählt von Gunnhilds Tochter Ragnhild, die dort nacheinander mehrere Angehörige der Jarlsfamilie heiratet und nach der Saga an der Ermordung zweier von ihnen beteiligt ist. Ihr erster Mann war Arnfinnr, ein Sohn des Jarls Þorfinnr Hausspalter. Wie sich das in die Geschichte der Inseln einfügt, zeigt der Beitrag Die Jarle von Orkney.
Von Orkney aus ging Gunnhild mit ihren übrigen Kindern nach Dänemark zu Harald Blauzahn, der ihnen nach der Saga Lehen gab. Von dort aus unternahmen die Söhne Kriegszüge gegen Hákon in Norwegen. Der älteste, Gamli, fiel nach der Saga in einem dieser Kämpfe. Um 961 kam es zur Schlacht bei Fitjar auf der Insel Stord; Hákon siegte, wurde aber von einem Pfeil getroffen und starb an der Wunde. Damit war der Weg für die Eiríkssynir frei.
Nach Fitjar herrschten Gunnhilds Söhne über Norwegen, vor allem über den Westen; ihre Macht reichte nicht überall hin. Harald Graufell war der mächtigste der Brüder. Die Heimskringla nennt außerdem Guthormr, Ragnfrøðr, Erlingr, Guðrøðr und Sigurðr slefa, dazu die Tochter Ragnhild.
Die Sagas schildern diese Jahre als harte Herrschaft. Die Brüder lassen 962 den Jarl Sigurd von Hlaðir töten, dessen Sohn Hákon zum gefährlichsten Gegner der Familie wird. Snorri berichtet von Missernten und Hunger. Und er erzählt, wie Gunnhild nach dem Tod König Tryggvis die schwangere Witwe Ástríðr verfolgen lässt, die mit ihrem Neugeborenen, dem späteren Olaf Tryggvason, nach Schweden flieht. Claus Krag hält diese Verfolgungsgeschichte für eine Konstruktion, und für den Mord an Sigurd gibt der Skalde Eyvindr, wie erwähnt, den Söhnen allein die Schuld. Die Saga dagegen macht die Mutter zur treibenden Kraft.
Um 970 wurde Harald Graufell nach Dänemark gelockt und bei Hals am Limfjord getötet; als Drahtzieher gilt Hákon Jarl, der sich mit Harald Blauzahn verbündet hatte. Die Herrschaft der Eiríkssynir brach zusammen. Nach Snorri ging Gunnhild mit zwei ihrer Söhne erneut nach Orkney. Danach wird es still um sie.
Zwei Isländersagas erzählen eine Episode, die Gunnhild als ältere Frau mit einem jungen Liebhaber zeigt. In der Laxdæla saga (Kap. 19) und ausführlicher in der Njáls saga (Kap. 3–6) kommt der Isländer Hrútr Herjólfsson nach Norwegen, um ein Erbe einzufordern. Gunnhild nimmt ihn auf, macht ihn zu ihrem Geliebten und hilft ihm, an sein Geld zu kommen. Als er nach Island zurückkehren will, fragt sie, ob er dort eine Frau habe. Er verneint, obwohl er verlobt ist. Gunnhild beschenkt ihn beim Abschied reich und verflucht ihn zugleich: Mit der Frau, die er sich auf Island vorgenommen habe, solle er keine Freude haben.
Der Fluch erfüllt sich. Hrútrs Ehe mit Unnr, der Tochter Mörðr gígjas, bleibt unvollzogen; Unnr trennt sich von ihm, beraten von ihrem Vater, und aus dem Streit um ihre Mitgift entwickelt sich ein Erzählfaden, der weit in die Saga hineinreicht. Der Beitrag Njáls saga verfolgt ihn weiter.
Die Episode ist sicher keine Hofchronik. Sie verbindet zwei Motive, die isländische Erzähler an Gunnhild schätzten: die sexuelle Freizügigkeit einer mächtigen Frau und ihre magische Macht über Männer. Jóna Guðbjörg Torfadóttir betont, dass die Isländer in diesen Geschichten aus der Nähe zur Königin erheblichen Gewinn ziehen.
Wie Gunnhild starb, wissen wir nicht. Drei Texte erzählen eine dramatische Version. Nach dem Ágrip, nach Theodoricus und nach der Jómsvíkinga saga bot Harald Blauzahn ihr nach dem Tod ihres Sohnes die Ehe an. Gunnhild reiste nach Dänemark, wurde dort ergriffen und in einem Moor ertränkt. Theodoricus schließt seinen Bericht nach Firth mit der Bemerkung, damit hätten ihre Verbrechen und Zaubereien ein Ende gefunden.
Krag hält diese Geschichte für unwahrscheinlich und erwägt, dass Gunnhild ihre letzten Jahre auf Orkney verbrachte, wo ihre Tochter in die Jarlsfamilie eingeheiratet hatte. Auch das bleibt Vermutung. Die Moorgeschichte passt auffallend gut zum Bild der Hexe, die am Ende ihre Strafe erhält, und sie verträgt sich, wie gezeigt, schlecht mit der Annahme, Harald sei ihr Bruder gewesen. Moore als Orte, an denen Menschen in der Vorgeschichte versenkt wurden, behandelt der Beitrag Opfermoore; für Gunnhild selbst ist kein archäologischer Befund bekannt.
Im Jahr 1835 stießen Torfstecher auf dem Gut Haraldskær bei Vejle in Ostjütland auf den Körper einer Frau, erstaunlich gut erhalten. Der Fundort lag im Bereich eines Moores, das nach einer Angabe der Zeitschrift Archaeology den Namen Gunnelsmose trug, „Gunhilds Moor“. Der Gutsname Haraldskær enthält den Namen Harald. Die Deutung lag nahe: Hier lag Königin Gunnhild, auf Befehl Harald Blauzahns ertränkt.
König Friedrich VI. von Dänemark ließ für die vermeintliche Königin einen aufwendig geschnitzten Sarg anfertigen. Der Fund regte Gedichte und Theaterstücke an. Doch schon 1842 widersprach der Archäologe Jens Jacob Asmussen Worsaae und brachte Argumente vor, dass die Tote aus der Eisenzeit stamme. Eine Radiokarbondatierung von 1977 ergab ein Todesdatum um 490 v. Chr., also rund anderthalb Jahrtausende vor Gunnhild. Die Frau aus Haraldskær ist heute in der Sankt-Nicolai-Kirche in Vejle ausgestellt, noch immer in ihrem königlichen Sarg (eine Wikipedia-Seite nennt das Kulturmuseum Vejle; das konnte ich nicht klären).
Fast alle Texte, die Gunnhild ausführlich schildern, entstanden auf Island oder schöpfen aus isländischer Tradition. Für die Isländer war Gunnhild die Feindin ihres großen Skalden Egill, und die Egill-Tradition hat ihr Bild stark geprägt. Krag sieht in ihr zudem ein typisches Klischee der bösen Frau in den Sagas. Firth fasst zusammen, jenseits eines festen Kerns seien die Erzählungen über ihr Leben „umstritten, ausgeschmückt oder schlicht unglaubwürdig“. Dieser Kern lautet: Sie war Eriks Frau, Königin und Mutter von Königen.
Der Vorwurf der Zauberei verdient einen zweiten Blick. Die Masterarbeit von Nicola Ibbott (Durham 2020) verfolgt das Bild durch die Quellen und findet überall dieselben Themen: Grausamkeit, Magie und aktive Politik. Ihr Ergebnis ist, dass diese Darstellungen mehr über die Haltung der Autoren des 12. und 13. Jahrhunderts verraten als über eine Königin des 10. Jahrhunderts. Eine Frau, die tatsächlich politischen Einfluss hatte, wurde in der Erinnerung zur Hexe, weil sich ihre Macht für die Erzähler anders kaum erklären ließ. Schon Sigurður Nordal hat, so Torfadóttir, das magische Bild so gedeutet. Zum größeren Rahmen weiblicher Macht in der Wikingerzeit siehe Frauen in der Wikingerzeit.
Was bedeutet „konungamóðir“? „Mutter der Könige“. Der Beiname bezieht sich auf ihre Söhne, die nach 961 gemeinsam über Norwegen herrschten, allen voran Harald Graufell.
War Gunnhild Dänin oder Norwegerin? Das ist offen. Die meisten Sagas machen sie zur Tochter Özurrs aus Hålogaland, die Historia Norwegie zur Tochter Gorms des Alten. Viele Historiker bevorzugen die dänische Version, beweisen lässt sie sich nicht.
War Gunnhild wirklich eine Zauberin? Die Texte schreiben ihr Zauberei zu, oft nur als Gerücht („es wird gesagt“). Ob die historische Gunnhild magische Praktiken ausübte, lässt sich nicht belegen; die Forschung deutet das Bild meist als Erklärungsmuster für ihre politische Macht.
Was hat Gunnhild mit Egill zu tun? In der Egils saga ist sie seine Hauptfeindin: Giftanschlag auf Atley, die Mordaufträge an ihre Brüder, Egills Neidstange gegen das Königspaar und der Zauber, der ihn nach York treibt.
Wo ist Gunnhild begraben? Das ist nicht bekannt. Die Moorleiche von Haraldskær galt im 19. Jahrhundert als ihr Körper, stammt aber aus der Eisenzeit.

Erik Blutaxt · Egill Skallagrímsson · Die Nordleute von Jórvík · Harald Blauzahn · Seiðr – die Zauberkunst.
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