Ein dänischer Kriegsherr verheert Friesland, wird vom fränkischen König nicht besiegt, sondern belehnt, und hält danach über Jahre einen der reichsten Handelsplätze Europas. So lesen sich die Annalen zu Rorik von Dorestad, der von 850 bis 873 mit vier Herrschern aus dem Haus der Karolinger zu tun hat und danach aus den Quellen verschwindet. Alles, was wir über ihn wissen, stammt von fränkischen Geistlichen, die ihn mal als Gefahr, mal als Vertragspartner beschreiben. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, prüft die Verwandtschaft mit Harald Klak, ordnet Godfrid, Rodulf und das Große Heer ein und sagt dort, wo es nötig ist, schlicht: Das lässt sich nicht eindeutig belegen.
Rorik von Dorestad, in den lateinischen Quellen Roricus oder Rorich, nordisch wohl Hrœrekr, hielt im 9. Jahrhundert Teile Frieslands für die fränkischen Könige. Friesland meint in dieser Zeit die Nordseeküste mit ihren Marschen und Inseln; Roriks Gebiet lag im Raum der heutigen Niederlande. Sein Name hängt an Dorestad, einem Handelsplatz am Krummen Rhein beim heutigen Wijk bij Duurstede, den der Beitrag Dorestad beschreibt. Die Annalen belegen ihn von 850 bis 873; zu 882 heißt es, das Reich der Friesen, das „einst“ Rorik innegehabt habe, gehe an einen anderen Dänen.
Was fehlt, ist erstaunlich viel. Kein Text nennt sein Geburtsjahr; moderne Darstellungen schwanken zwischen etwa 800 und 810, und das ist eine Schätzung. Seine Eltern sind unbekannt, eine Inschrift, ein Siegel oder eine Münze mit seinem Namen ist mir nicht bekannt, und sein Tod ist nur als Frist greifbar: nach 873, vor 882.
Drei Begriffe vorweg. Annalen sind jahrweise geführte Aufzeichnungen, meist aus Klöstern, die knapp festhalten, was ihre Verfasser für berichtenswert hielten. Ein Lehen, im Quellenlatein beneficium, „Wohltat“, ist Land oder Amt, das ein Herrscher zur Nutzung vergibt, gegen Treue und Dienst; das ausgebildete Lehnswesen des Hochmittelalters ist jünger, der Begriff ist für das 9. Jahrhundert eine Hilfskonstruktion der Forschung. Der Treueeid ist der Schwur, der den Empfänger an den Geber bindet.
Alle Zeugnisse über Rorik stammen von Franken, und keines ist ein Selbstzeugnis. Eine nordische Überlieferung, die ihn eindeutig nennt, habe ich nicht gefunden; das ist keine Aussage über alle nordischen Texte. Das Bild stammt von Gegnern und Vertragspartnern.
Die Annales Bertiniani, die Annalen von St-Bertin, sind die westfränkische Stimme, benannt nach dem Kloster, in dem eine Handschrift lag. Prudentius von Troyes führte sie nach heutiger Lesart ab den frühen 840er Jahren bis zu seinem Tod 861, danach schrieb Erzbischof Hinkmar von Reims bis 882. Es sind Kirchenmänner im Umfeld Karls des Kahlen, die Wikinger vor allem als Gefahr für Klöster sehen; Prudentius nennt einen Harald, der 841 Walcheren erhielt, nach der von mir gelesenen Zusammenfassung einen Verfolger des Glaubens und die Belehnung ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Ausgabe: Georg Waitz 1883, englisch Janet Nelson 1991.
Die Annales Fuldenses, die Annalen von Fulda, sind die ostfränkische Gegenstimme. Bis 863 oder 864 werden sie dem Mönch Rudolf von Fulda zugeschrieben, nicht unumstritten; danach teilen sie sich in eine Mainzer und eine bayerische Fortsetzung mit eigenen Interessen. Ausgabe: Friedrich Kurze 1891, englisch Timothy Reuter 1992.
Die Annales Xantenses, benannt nach Xanten, liegen dem Niederrhein am nächsten. Nach Heinz Löwe schrieb ein königlicher Kaplan, Gerward, die Einträge bis etwa 860 wohl in Lorsch; um 871 wurden in Köln Einträge ab 861 angefügt, die dem Kölner Erzbischof Gunthar feindlich sind. Über Rorik urteilen sie am schärfsten. Dazu kommen die Annales Vedastini (nach Saint-Vaast benannt; zu ihrem Verfasser habe ich nichts geprüft) und zwei Briefe Hinkmars von Reims um 863, deren Inhalt ich nur aus der Zusammenfassung Flodoards von Reims kenne, der im 10. Jahrhundert schrieb.
Spätere Zeugnisse sind mit Vorsicht zu lesen. Das Heiligenleben Adalberts von Egmond aus dem späten 10. Jahrhundert nennt Rorik nach der englischen Wikipedia „Roricus barbarorum rex“, „Rorik, König der Barbaren“; es ist eine Hagiografie, über ein Jahrhundert jünger als Rorik. In Rimberts Leben Ansgars, das Haralds Taufe erzählt, fand ich Rorik in den gelesenen Kapiteln nicht; ein Aufsatz in der Zeitschrift Gripla spricht von einer engen Beziehung zu Ansgar, die ich nicht belegen kann.
Harald Klak, ein dänischer Prätendent, also Thronanwärter, ließ sich 826 taufen; Ludwig der Fromme empfing ihn nach Rimbert aus der Taufe. Als Ort nennt Thegan nach einer Anmerkung in Robinsons Ansgar-Übersetzung Ingelheim, andere Berichte sprechen von Mainz. Nach der Sekundärliteratur erhielt Harald die Grafschaft Rüstringen in Friesland (die Quellenstelle habe ich nicht geprüft) und verlor 827 seine Stellung in Dänemark. Das Muster, das später Rorik betrifft, ist älter als er: Ein Däne bekommt Küstenland vom Kaiser, damit er andere Dänen abhält.
Zu Roriks Verwandtschaft liefern die drei Annalen zu 850 drei Aussagen, die nicht glatt zusammenpassen. Fulda: Rorik hielt Dorestad zu Lehen „mit seinem Bruder Harald“ (englische Übersetzung, wie die Wikipedia sie wiedergibt). Xanten: Er ist der Bruder des „jüngeren Harald“, Herioldus iunior. St-Bertin: Er ist nepos Herioldi, in der Edition als „Rorich, nepos Herioldi“ zitiert.
Nepos bedeutet im Mittellatein Neffe, aber auch Enkel oder allgemein Verwandter. „Neffe Haralds Klak“ ist daher eine Auslegung. Möglich ist, dass Rorik und Harald der Jüngere Söhne eines Bruders von Klak waren; als dessen Brüder gelten in der Forschung Anulo, Ragnfrid und Hemming, und einige halten aus Zeitgründen Hemming für den Vater. Die Wikipedia nennt das plausibel, nicht gesichert. Möglich ist auch, dass St-Bertin einen anderen Harald meint. Gesichert ist nur, was alle drei verbindet: Rorik gehört in einen Kreis von Dänen um einen Harald. Wie eng er mit Harald Klak verwandt war, lässt sich nicht eindeutig belegen. Zusätzlich hat ältere Forschung die beiden Haralds verwechselt; Simon Coupland korrigierte das 1998.
Harald der Jüngere erscheint als Empfänger der Insel Walcheren (841). Dass Rorik auf Wieringen in Nordholland saß, steht in modernen Darstellungen als Tatsache; eine Quellenstelle dafür habe ich nicht gefunden, die Zuordnung ist bis zur Prüfung eine Rekonstruktion.
Godfrid, in der Literatur „Godfrid Haraldsson“, erscheint zu 855 als Godofridus neben Rorik; die Stelle, die ich lesen konnte, nennt kein Verwandtschaftsverhältnis. „Haraldsson“ ist ein moderner Zusatz: Die englische Wikipedia macht ihn zum Sohn Haralds Klak und zu Roriks Vetter, ohne dass ich die Belege prüfen konnte. Rodulf, den die Xantener Annalen Roriks nepos nennen, gilt in der Literatur als Sohn Haralds des Jüngeren; auch hier ist Neffe oder Vetter denkbar.
Zur Einordnung: belegt heißt, eine zeitnahe Annale sagt es ausdrücklich, soweit ich es über Zitate und Zusammenfassungen kenne; plausibel heißt, es folgt aus dem Belegten; Vermutung heißt, die Forschung rät. Einen Annalentext habe ich nie vollständig gelesen.
841. Lothar I. vergibt Walcheren und benachbarte Gebiete an einen Harald, im Streit mit seinen Brüdern Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen. Belegt, weil Prudentius es anprangert. Roriks Anteil ist nicht ausdrücklich bezeugt; Fulda setzt die Belehnung unter Ludwig den Frommen, was die Forschung nach der gelesenen Darstellung für einen Irrtum hält.
Um 844. Nach Fulda werden die Brüder fälschlich des Verrats gegen Lothar bezichtigt und eingesperrt; Rorik entkommt und geht zu Ludwig dem Deutschen. Die Jahreszahl 844 ist eine moderne Schätzung, Haralds Tod in Haft eine Vermutung.
850. Rorik kehrt mit einer Flotte zurück. St-Bertin berichtet, er habe Friesland und die Betuwe verheert, Rhein und Waal hinauf, und Lothar, der ihn nicht niederwerfen konnte, habe ihn in seine Treue aufgenommen und ihm Dorestad und weitere Grafschaften gegeben. Fulda ergänzt die Bedingung: Er solle die königlichen Abgaben einziehen und den Raubzügen der Dänen entgegentreten. Xanten schreibt, er habe, von Lothar gekränkt, Dorestad zurückgefordert und den Christen arglistig viel Böses getan. Nach der Wikipedia fiel auch Utrecht, und Godfrid kämpfte mit. Belegt ist das Wesentliche: Rorik wird mit Lothars Zustimmung Herr von Dorestad.
854 oder 855. Nach dem Tod König Horiks I. von Dänemark herrscht dort Bürgerkrieg. St-Bertin zu 855: Nachdem Lothar I. ganz Friesland seinem Sohn Lothar (II.) gegeben hatte, kehrten Rorik und Godfrid nach Dänemark zurück, „in der Hoffnung, die Königsmacht zu erlangen“ (spe potestatis regiae nanciscendae). Es gelang nicht. Am Ende des Eintrags: Roric et Godefridus … Dorestado se continent et parte maxima Fresia potiuntur, etwa „halten sich in Dorestad und beherrschen den größten Teil Frieslands“. Moderne Darstellungen schwanken zwischen 854 und 855; die Edition zählt 855. Danach verschwindet Godfrid aus den mir bekannten Zusammenfassungen; seinen Tod nennt die Wikipedia selbst nur „wahrscheinlich“.
857. Fulda: Rorik fährt mit Lothars Zustimmung mit einer Flotte an die Grenzen der Dänen und besetzt mit Einwilligung Horiks II. den Teil des Reiches „zwischen dem Meer und der Eider“. Coupland schätzt, das Gebiet habe nördlich der Eider gelegen und bis zur Schlei gereicht; dass Rorik damit Haithabu kontrollierte, nennt der Chronist nicht, es ist Vermutung. Im selben Jahr stürmen laut St-Bertin andere Dänen Dorestad und verwüsten die Betuwe. Dass Rorik zurückgerufen wurde, ist plausibel, aber nicht bezeugt.
863. Eine dänische Flotte plündert Dorestad und fährt rheinaufwärts. Als ein fränkisches Heer die Ufer besetzt, ziehen die Dänen nach St-Bertin „auf Roriks Rat“ ab. Gerüchte, er habe sie gerufen, gab es schon damals; Coupland hält sie für unbegründet. Es ist die letzte Nennung Dorestads in den Schriftquellen. Um diese Zeit schreibt Hinkmar zwei Briefe: an Bischof Hunger von Utrecht, er solle Rorik eine Buße auferlegen, falls das Gerücht stimme, und ihn davon abhalten, Balduin I. von Flandern zu beherbergen; und an Rorik, er solle Feinde der Christenheit nicht unterstützen. Dass Hinkmar ihn als Christen anspricht, setzt eine Taufe voraus; wann und wo sie stattfand, ist nicht überliefert.
867 bis 870. Ein Aufstand, den die Annalen laut Wikipedia den Cokingi zuschreiben (zum Namen habe ich nichts Verlässliches gefunden), vertreibt Rorik aus Friesland. Nach dem Tod Lothars II. 869 und der Teilung Lotharingiens im Vertrag von Meerssen trifft Karl der Kahle 870 in Nimwegen „den Normannen Hrørek“ und bindet ihn, so St-Bertin, durch einen Vertrag.
872 und 873. Im Januar 872 verhandelt Karl mit Rorik und Rodulf; im Oktober empfängt er Rorik in Maastricht freundlich und schickt Rodulf mit leeren Händen fort. Im Juni 873 wird Rodulf in Ostergo erschlagen, als er Tribut fordert; die Friesen antworten, sie schuldeten Abgaben nur Ludwig dem Deutschen. Im selben Jahr schwört Rorik laut Xanten Ludwig dem Deutschen den Treueid. Xanten nennt ihn nach der Wikipedia-Zusammenfassung „die Galle der Christenheit“; den Wortlaut kenne ich nur so. Danach schweigen die Quellen.
Vor 882. Rorik ist tot; wann und wie, bleibt offen. Zu 882 steht in den Annalen, Kaiser Karl III. habe Godfrid das Reich der Friesen gegeben, das einst Rorik hatte (Zitat unten). Die englische Wikipedia zur Belagerung von Asselt spricht hier von Kennemerland, dem Küstenstreifen in Westfriesland, als Roriks früherem Gebiet; die Quellenstelle dazu habe ich nicht gefunden.
Die Karolinger hatten für Dänen an der Küste ein erprobtes Verfahren: Wer die Seewege kannte und eigene Krieger mitbrachte, bekam Land und sollte dafür andere Plünderer abwehren. Ludwig der Fromme tat es 826 mit Harald Klak, Lothar I. 841 und 850 mit Roriks Familie. Die Fuldaer Annalen nennen die Bedingung für 850 ausdrücklich: Abgaben einziehen, Raubzüge abwehren. Ob die Franken damit Sicherheit kauften oder nur Zeit, hat die Forschung nicht einheitlich beantwortet.
Rorik diente nacheinander mehreren Herren, und die Reihenfolge zeigt sein Geschick. Lothar I. belehnte ihn 850, übergab 855 aber Friesland an seinen Sohn Lothar II., der nach Couplands Darstellung versuchte, Rorik zu verdrängen. Bei Ludwig dem Deutschen fand Rorik in den 840er Jahren Zuflucht und leistete 873 den Eid. Karl der Kahle band ihn 870 und 872 durch Verträge. Nach der Teilung Lotharingiens 870 lagen Roriks Besitzungen laut Coupland auf beiden Seiten der Grenze zwischen Ludwigs und Karls Reich, eine unbequeme Lage, wie die Wikipedia formuliert. Coupland nennt ihn nach der Wikipedia den mächtigsten und einflussreichsten aller Dänen, die in die karolingische Welt gezogen wurden, und zählt für etwa 23 Jahre nur zwei überlieferte Überfälle auf sein Gebiet, 857 und 863. Eine Schlussfolgerung aus dieser Zählung: Die Franken erhielten für Dorestad etwas, das sie mit eigenen Heeren nicht erreicht hatten.
Kriegführung hieß in Roriks Welt zuerst Schiffe. Die Annalen schildern 850 einen Zug den Rhein und die Waal hinauf, und das setzt eine Flotte voraus, die flache Flüsse befahren konnte; zu den Schiffstypen siehe Wikinger-Schiffstypen. Stützpunkte auf Inseln wie Walcheren und Wieringen wären für einen solchen Krieg naheliegend, sind aber, wie gesagt, eine moderne Zuordnung. Wie groß Roriks Gefolge war, nennt keine Quelle. Die fränkische Praxis, Wikingern Tribut zu zahlen, behandelt der Beitrag Danegeld, das Heerwesen der Gegenseite Karolingisches Heerwesen.
Ob Rorik sich „König“ nannte oder genannt wurde, ist unklar. Sedulius Scottus nennt jemanden rex, was manche auf Rorik beziehen, andere auf Rhodri den Großen von Wales; die Hagiografie von Egmond spricht von einem „König der Barbaren“. Die Annalen beschreiben ihn dagegen als Empfänger eines Lehens. Beides schließt sich nicht aus, denn ein Titel kann nach außen gelten und ein Lehen nach innen. Ein Königtum im karolingischen Sinn belegen die gelesenen Zusammenfassungen nicht.
Zum Namen Godfrid braucht es Ordnung, denn es gibt mehrere Männer. Der dänische König Göttrik (lateinisch Godofridus) zerstörte 808 den Handelsplatz Reric und starb 810, Näheres im Beitrag Reric; seine Söhne, darunter Horik, vertrieben später Harald Klak. Godfrid, der mit Rorik 850 bis 855 auftaucht, ist nach heutiger Lesart ein Verwandter aus Haralds Linie. Und der Godfrid, der 882 Friesland erhielt, war Vasall Karls III. und wurde 885 am Rhein erschlagen; die englische Wikipedia nimmt an, er habe „wahrscheinlich“ im Großen Heer gedient. Ob er mit Godfrid Haraldsson identisch ist, wird in der Literatur offengehalten („kann, muss nicht“); ich habe keine belastbare Gleichsetzung gefunden. Das Große Heer, das in den 880er Jahren am Niederrhein stand, fällt in die Jahre nach Roriks letzter Nennung (873); kein mir bekanntes Zeugnis stellt Rorik selbst in dieses Heer (siehe Das Große Heer und Das Große Heer auf dem Kontinent).
Dorestad ist für Roriks Zeit der entscheidende Fundplatz. Die Grabungen von 1967 bis 1977 legten rund 30 Hektar frei, vor allem die Unterstadt am Fluss mit Holzstegen. Simon Coupland deutete 1988 die Münzfunde: Der Platz blühte demnach bis etwa 840, geprägt wurde mindestens bis um 850 und vielleicht bis 860, und um die Mitte der 860er Jahre war der Handel fast zum Erliegen gekommen. Münzen Lothars I. mit Tempelmotiv liegen in großer Zahl in nördlichen Schatzfunden der 840er und 850er Jahre; Prägungen Karls des Kahlen aus dem Jahr 864 fehlen in Dorestad ganz. Das passt zu einem Niedergang in Roriks Jahrzehnten. Ob Raubzüge, Roriks Herrschaft oder eine Laufverlagerung des Rheins die Ursache waren, ist umstritten; ein Zusammenspiel liegt nahe, beweisen lässt es sich nicht.
1996 fand man in Westerklief auf Wieringen einen Topf aus Badorfer Ware, mit Gras verstopft, mit 78 Silbermünzen, 16 Barren, Armringen und einer Halskette. Das Rijksmuseum van Oudheden setzt ihn in die Zeit 850 bis 880; die jüngsten Münzen stammen von etwa 850, zwei tragen den Namen Karls des Kahlen. Der Schmuckstil spricht nach dem Museum für eine dänische Herkunft. Ob der Besitzer zu Roriks Umfeld gehörte, wissen wir nicht; das Museum nennt Rorik nicht. Der Archäologe Jort Smit weist darauf hin, dass es sich um Oberflächenfunde handelt und niemand weiß, wo Häuser standen oder ob sie nach nordischer Art gebaut waren.
Roriks Welt liegt am Unterlauf von Rhein und Maas. Dorestad am Krummen Rhein, die Betuwe zwischen Rhein und Waal, Utrecht, Nimwegen, wo Karl der Kahle 870 mit ihm verhandelte, Maastricht, wo er 872 empfangen wurde: Das sind seine belegten Orte. Maastricht liegt etwa 30 Kilometer von Aachen entfernt, doch ein Aufenthalt in Aachen ist für Rorik nicht bezeugt, und ich behaupte ihn nicht. Aachen gehört zur Geschichte der Wikinger am Rhein erst 881, als das Heer, von dem Wikinger bei Aachen handelt, die Pfalzstadt traf; ob Rorik 881 noch lebte, ist offen, und ein Zusammenhang mit dem Heer ist nicht belegt.
Weiter rheinaufwärts liegt Duisburg. Regino von Prüm erzählt zu 883 von einem Überfall der Normannen auf die Siedlung, die zum Kloster Prüm gehörte, und von einem Winterlager in der Nähe; im Frühjahr zogen sie den Niederrhein hinab zurück. Auch das liegt nach Roriks letzter Nennung, und sein Name fällt dort nicht. Der Beitrag Wikinger in Deutschland ordnet Duisburg ein.
Die auffälligste Nachwirkung ist eine Hypothese. Seit 1816 schlägt Hermann Hollmann vor, Rorik mit Rurik gleichzusetzen, dem Waräger, den die Nestorchronik 862 rufen lässt und mit dem die Rurikiden beginnen. Friedrich Kruse griff den Gedanken 1836 auf, Nikolai Beljajew vertrat ihn 1929 neu, später auch Boris Rybakow und Anatoli Kirpitschnikow; Alexander Nasarenko und andere lehnen ihn ab. Für die Gleichsetzung spricht die Namensähnlichkeit (Hrœrekr). Dagegen spricht, dass Rorik 863, 867, 870, 872 und 873 im Westen bezeugt ist, während die Chronik Rurik von 862 bis 879 im Osten herrschen lässt. Da die Chronikjahre rückgerechnet sind, lässt sich das nicht streng widerlegen. Gestützt wird die Gleichsetzung von nichts außer dem Namen. Mehr dazu im Beitrag Rurik.
Eine zweite, kleinere Legende hängt an Egmond. Ein Blog zur Küstengeschichte erzählt, Rorik habe die unter Sand begrabene Kirche von Egmond ausgraben lassen wollen, doch sie sei über Nacht von selbst aus dem Sand aufgetaucht, und verbindet das mit der Adalbert-Überlieferung. Ob die Vita das so erzählt, habe ich nicht geprüft; als Geschichte zählt sie nicht.
Drittens die nordische Überlieferung: Spätere Quellen wie die Ragnarssona þáttr und die Heimskringla machen Harald Klak zum Vater der Thyra, der Frau Gorms des Alten. Saxo gibt ihr andere Eltern, und die Forschung hält diese Zuordnungen für legendär (siehe Thyra Danebod). Rorik kommt in diesen Erzählungen, soweit ich sehe, nicht vor.
Godefridus vero rex ad eum exiit, cui imperator regnum Fresonum, quod olim Roricus Danus tenuerat, dedit.
„Der König Godfrid aber ging zu ihm hinaus, und ihm gab der Kaiser das Reich der Friesen, das einst der Däne Rorik innegehabt hatte.“Annales Vedastini, zum Jahr 882; lateinischer Wortlaut über ein Abrufwerkzeug von einer Zitatsammlung (Henry Project, mit Verweis auf die Edition von de Simson, MGH SS rer. Germ. 12) gelesen, nicht in der Edition selbst; ein Abgleich steht aus; deutsche Fassung eigene Übersetzung
Offen sind Roriks Eltern und sein Verwandtschaftsgrad zu Harald Klak, die Quellenstelle für Wieringen als Sitz, das Datum der Taufe und die Frage, ob der Godfrid von 882 mit dem von 855 identisch ist. Offen ist ebenso, wie die Annalen von St-Vaast zu 882 und die Fuldaer Mainzer Fortsetzung zu Kennemerland und Friesland im Wortlaut stehen. Ein Fund mit Roriks Namen oder eine ausgegrabene Hofstelle auf Wieringen würde viel klären. Beides gibt es bisher nicht.
Wer war Rorik von Dorestad? Ein Däne, dem Kaiser Lothar I. 850 Dorestad und weitere Grafschaften in Friesland zu Lehen gab und der bis 873 in den fränkischen Annalen erscheint. Er starb vor 882.
War Rorik mit Harald Klak verwandt? Die Annalen von St-Bertin nennen ihn nepos eines Harald, Fulda und Xanten Bruder eines Harald. Wie nah er Harald Klak stand, lässt sich nicht eindeutig belegen.
Hat Rorik Dorestad zerstört? Nein, die großen Angriffe lagen früher. Unter seiner Herrschaft melden die Annalen Überfälle anderer Dänen 857 und 863.
Ist Rorik der Rurik der russischen Chronik? Das wird seit 1816 erwogen, ist aber unbewiesen und wird von der Mehrheit abgelehnt.
Gibt es einen Bezug zu Aachen oder dem Rheinland? Rorik ist am Niederrhein, in Nimwegen und Maastricht bezeugt; ein Aufenthalt in Aachen ist nicht belegt. Die Wikinger bei Aachen 881 und Duisburg 883 fallen in die Jahre nach seiner letzten Nennung.
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Dorestad – der große Handelsplatz · Rurik · Die Friesen · Das Große Heer auf dem Kontinent · Wikinger-Spuren in Deutschland.
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