Wer waren die Götter der Wikingerzeit wirklich – und wie viele gab es überhaupt? Dieser Überblick ist ein Nachschlagewerk: Er ordnet die nordischen Götter in Asen und Wanen, stellt die wichtigsten Gestalten in kurzen Porträts vor und verlinkt für die Tiefe auf die Einzelartikel. Wichtig vorweg: Vieles, was heute so ordentlich klingt, verdanken wir Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert – die alten Götter waren vielschichtiger und widersprüchlicher, als jede Tabelle zeigen kann.

Man stellt sich das nordische Götterreich gern vor wie ein sauber sortiertes Regal: hier der Kriegsgott, dort die Liebesgöttin, dahinter der Donnergott mit dem Hammer. Genau dieses Bild ist der erste Irrtum. Die Menschen der Wikingerzeit haben ihren Göttern kein Lexikon gewidmet, sondern Namen in Kultorte, Wochentage und Sagen eingewoben. Was wir heute „Götterkunde" nennen, ist die Rekonstruktion aus Bruchstücken – aus Skaldenversen, Runensteinen, Ortsnamen und vor allem aus zwei isländischen Textsammlungen, die Jahrhunderte nach der Bekehrung entstanden.
Dieser Artikel will kein zweites großes Pantheon-Porträt sein, sondern ein Wegweiser. Er gliedert die Götterwelt, gibt zu jeder wichtigen Gestalt ein Kurzporträt und schickt Sie für die volle Geschichte zum jeweiligen Einzelartikel. Wer lieber die Göttinnen sucht, findet sie gebündelt im Hub der nordischen Göttinnen.
Die nordischen Quellen kennen zwei Göttergeschlechter. Die Asen (altnordisch æsir) sind die Götter um Odin: Herrschaft, Krieg, Recht, Dichtung, Ordnung. Die Wanen (vanir) stehen für Fruchtbarkeit, Wohlstand, Meer und Wetter – zu ihnen gehören Njörðr, Freyr und Freyja. Zwischen beiden Geschlechtern gab es der Überlieferung nach den ersten Krieg der Welt, den Wanenkrieg, der mit einem Frieden und einem Geiseltausch endete: Die Wanen zogen zu den Asen, und seither werden beide gemeinsam verehrt.
Genau dieser Geiseltausch erklärt, warum die Trennung im Alltag verschwimmt. Freyr und Freyja gelten als Wanen, wohnen aber unter den Asen; Njörðr sitzt im Rat der Götter. Wer also fragt „Ist Freyja eine Asin oder eine Wanin?", bekommt eine ehrliche Antwort nur mit einem „beides, der Reihe nach". Eine ausführliche Einordnung beider Geschlechter bietet der Pantheon-Artikel.
An der Spitze steht Odin, doch „Kriegsgott" greift viel zu kurz. Er ist der Gott der Dichtung und der Ekstase, der Runen und der Weisheit, der Herrscher Walhalls und zugleich ein rastloser Wanderer, der ein Auge für einen Schluck aus Mimirs Brunnen gab und neun Nächte am Weltenbaum hing, um die Runen zu gewinnen. Sein Name selbst hängt mit einem Wort für Rausch, Wut und dichterische Besessenheit zusammen (óðr) – Odin ist der Gott des Grenzüberschreitenden, nicht der geordneten Schlachtreihe. Begleitet wird er von den Raben Hugin und Munin, die ihm Kunde aus allen Welten bringen, von den Wölfen Geri und Freki und vom achtbeinigen Ross Sleipnir. Odin ist listig, unheimlich, unzuverlässig gegenüber seinen eigenen Helden – ein Gott, der Könige erhöht und fallen lässt, wenn die Zeit gekommen ist. Wer ihn nur als bärtigen Feldherrn denkt, hat die Hälfte verpasst. Sein festländisches Gegenstück ist Wodan (dazu unten).
Thor (altnordisch Þórr) war vermutlich der volksnächste Gott des Nordens. Mit dem Hammer Mjöllnir hält er die Riesen in Schach; er steht für Wetter, Schutz, Ordnung und schiere Kraft. Thorshammer-Amulette gehören zu den häufigsten Kultobjekten der Wikingerzeit, und die Weiheformel Þórr vígi („Thor weihe") steht auf mehreren Runensteinen. Wo Odin die Könige und Skalden umgab, war Thor der Gott, an den sich Bauer und Seefahrer wandten. Sein festländischer Verwandter ist Donar.
Tyr (Týr) ist der Gott des Rechts und des Eides – jener Ase, der seine Hand in den Rachen des Wolfes Fenrir legte, damit die Götter ihn fesseln konnten. Sein Name ist der älteste greifbare germanische Göttername überhaupt und steckt im Dienstag.
Baldr ist der strahlende, geliebte Sohn Odins, dessen Tod durch Lokis Ränke den Untergang der Welt einläutet – eine der ergreifendsten Erzählungen der Edda: Alle Dinge hatten geschworen, ihm nicht zu schaden, nur die Mistel nicht, und genau sie wird ihm zum Verhängnis. Heimdall ist der wachsame Wächter an der Brücke Bifröst, der das Gjallarhorn zu Ragnarök blasen wird; er sieht und hört fast alles, braucht weniger Schlaf als ein Vogel und gilt als Vater der Menschenstände. Bragi schließlich ist der Gott der Dichtkunst, der Skalde unter den Göttern – ein Bindeglied zwischen der Welt der Götter und dem Handwerk der Verse, das den Wikingern so viel bedeutete.
Keine Gestalt sperrt sich so gegen jede Schublade wie Loki. Er lebt unter den Asen, ist aber von Riesen abstammend – weder ganz das eine noch ganz das andere. Loki ist der listige Grenzgänger, der Helfer und der Zerstörer in einer Person: Mal beschafft er den Göttern ihre kostbarsten Schätze und rettet sie aus selbstverschuldeter Not, mal stiftet er das Unheil, das zum Tod Baldrs und damit zum Weltuntergang führt. Er ist Vater der Midgardschlange, des Wolfes Fenrir und der Totengöttin Hel – und zugleich, in Gestalt einer Stute, Mutter von Odins achtbeinigem Ross Sleipnir. Loki ist kein „Teufel" der Edda, auch wenn spätere christliche Deutung ihn gern so las; er ist die notwendige Unruhe im System, ohne die die Geschichten stillstehen würden.
Freyr ist der Wanengott der Fruchtbarkeit, des Friedens und des guten Jahres – ein Gott, den man um Ernte und Gedeihen bat, verbunden mit Sonne, Regen und dem Wohlstand der Höfe. Snorri nennt ihn den vornehmsten der Wanen; sein heiliges Tier ist der Eber, sein Faltschiff Skíðblaðnir ein Wunderwerk der Zwerge. Sein Vater Njörðr ist der Gott des Meeres, der Seefahrt und des Reichtums, der aus dem Handel und vom Fischfang kommt; wer eine gute Fahrt und volle Netze wollte, rief ihn an. Beide zeigen, dass der Norden nicht nur Krieg und Walhall kannte, sondern ebenso das nüchterne Bitten um Frieden und Gedeihen (ár ok friðr) – die Formel, mit der die großen Opferfeste verbunden waren. Freyrs Schwester Freyja ist die bekannteste Wanin – ihr Porträt steht im Göttinnen-Hub.
Nicht jeder Gott hat einen großen Mythos. Ullr ist der Gott des Bogens, der Eibe und des Winters – vermutlich sehr alt und einst bedeutend, doch in den Geschichten kaum greifbar; sein Name lebt in vielen schwedischen Ortsnamen.
Vidar und Vali sind die stillen Rächer: Vidar tötet nach Odins Fall den Wolf Fenrir, Vali rächt Baldr – beide überleben Ragnarök und tragen die Welt in die neue Zeit. Forseti, ein Sohn Baldrs, ist der Gott des Rechtsspruchs und der Schlichtung, dessen Halle Glitnir mit ihren goldenen Pfeilern und silbernem Dach der beste Ort für ein gerechtes Urteil sein soll – kein Streit verlässt sie ungeschlichtet. Hœnir schließlich gab dem Menschen laut der Völuspá den Verstand (óðr), begleitete Odin bei der Erschaffung von Ask und Embla aus zwei Baumstämmen am Strand und überlebt als einer der wenigen Götter das Weltende, wo er der neuen Welt die Zukunft aus den Losstäben deuten soll – auffällig oft schweigsam und schwer zu fassen.
Die Göttinnen des Nordens verdienen einen eigenen Raum, und den bekommen sie im Hub der nordischen Göttinnen. Dort finden Sie Frigg, die Königin der Asen und Odins Gemahlin; Freyja, die mächtigste Wanin mit ihrer Verbindung zu Liebe, Tod und Zauber (seiðr); Idun, die Hüterin der Äpfel; Sif mit dem goldenen Haar; sowie eine ganze Reihe kleinerer Gestalten, die Snorri auflistet. Snorri nennt in der Gylfaginning ausdrücklich, dass es der Asinnen nicht weniger und nicht weniger heilige gebe als der Asen – ein Hinweis darauf, wie unvollständig unser Bild der Göttinnen heute ist.
„Zwölf sind die göttlichen Asen; nicht minder heilig sind die Asinnen, und nicht geringer an Macht."Sinngemäß nach Snorri Sturluson, Gylfaginning (Prosa-Edda), 13. Jh.; Übersetzung angelehnt an Simrock 1851
Auf die Frage „Wie viele nordische Götter gab es?" gibt es keine saubere Zahl. Snorri zählt in seiner Prosa-Edda gern zwölf führende Asen und ebenso viele Asinnen, doch schon in seinem eigenen Werk tauchen mehr Namen auf, als in diese Zwölfergruppen passen. Das Grímnismál listet Hallen und Gestalten, die Þulur (Namenslisten der Skalden) reihen Dutzende Beinamen aneinander. Manche „Götter" sind womöglich nur Beinamen Odins; andere Gestalten sind so dünn belegt, dass wir nicht wissen, ob sie je Kult genossen. Die ehrliche Antwort lautet: Es gab keine feste Zahl und keinen Kanon – die Götterwelt war ein lebendiges, regional unterschiedliches Geflecht.
Götterkunde ist nicht nur eine Liste von Namen, sondern auch eine Frage der Praxis. Die Menschen der Wikingerzeit verehrten ihre Götter nicht in großen steinernen Tempeln nach römischem Vorbild, sondern an Höfen, in Hallen und an heiligen Orten in der Landschaft – an Hainen, Quellen und Steinen. Das zentrale Ritual war das blót, das Opfer: ein gemeinsames Fest mit Trunk, Speise und der Bitte um „gutes Jahr und Frieden". Wer welchen Gott anrief, hing von Anliegen und Region ab. Der Bauer bat Thor um Schutz und Freyr um die Ernte, der Seefahrer Njörðr um eine ruhige Überfahrt, der Skalde und der König Odin um Dichtung, Sieg und Nachruhm. Es gab keine Priesterkaste im christlichen Sinn; oft war der Hofherr oder die Hofherrin zugleich Kultvorsteher. Diese Bodenständigkeit erklärt, warum sich der Kult in Ortsnamen, Amuletten und Runensteinen niederschlug – und kaum in dogmatischen Texten. Mehr dazu im Überblick zur germanischen Religion.
Die nordischen Götter fielen nicht vom Himmel – sie sind die skandinavische Ausprägung eines gemeinsamen germanischen Erbes. Odin entspricht dem festländischen Wodan (bezeugt im Zweiten Merseburger Zauberspruch und im Mittwoch – englisch Wednesday, „Wodans Tag"). Thor entspricht Donar (Donnerstag), Tyr dem alten Himmels- und Kriegsgott Tiwaz/Ziu (Dienstag, alemannisch „Ziestag"). Wie diese Namen zusammenhängen und was die Weihesteine am Niederrhein verraten, behandeln die Artikel zu Wodan, Donar und Ziu und zur germanischen Religion im Detail.
Wichtig ist die Betonung von „verwandt, nicht identisch": Der festländische Wodan des 8. Jahrhunderts und der isländische Odin der Snorri-Edda trennen Jahrhunderte, Sprachräume und ein ganz anderes Quellenumfeld. Man darf die reiche nordische Mythologie nicht einfach über die dünneren festländischen Zeugnisse stülpen – und umgekehrt.
Kaum ein Bild sitzt so fest wie das der klar verteilten Ressorts: Thor = Donner, Freyja = Liebe, Tyr = Krieg. So ordentlich war es nie. Odin ist Kriegsgott und Dichtergott und Zauberer und Totengott; Freyja hat mit Liebe, mit dem Tod (sie wählt die Hälfte der Gefallenen) und mit dem Zauber zu tun. Die Götter der Edda sind widersprüchliche, vielschichtige Gestalten, keine Abteilungsleiter.
Sehen Sie diese Seite als Landkarte. Für die großen Geschichten gehen Sie zu Odin, Thor und Loki, dem Gott am Rand – jenem listigen Grenzgänger, der weder ganz Ase noch ganz Riese ist, der die Götter mal rettet und mal in den Untergang treibt. Für die Wanen zu Freyr und Njörðr, für die Göttinnen in den Göttinnen-Hub, für die festländischen Wurzeln zur germanischen Religion. Und wenn Sie das große Ganze suchen, wartet der Pantheon-Artikel.
Bei Glanz & Gravur begegnen uns diese Götter täglich als Motive – auf Schieferplatten, Windlichtern und Runensets. Uns ist wichtig, sie ehrlich zu zeigen: als das, was die Quellen hergeben, und nicht als Fantasy-Kitsch. Wer ein Göttermotiv wählt, wählt eine Geschichte mit; und diese Geschichten sind reicher, widersprüchlicher und älter als jede Serie. Denn die alten Götter des Nordens sind stark genug, dass sie die Erfindung gar nicht nötig haben.

Odin · Thor · Loki · Freyr – Gott der Fruchtbarkeit · Das nordische Pantheon · Nordische Goettinnen · Wodan, Donar & Ziu.
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