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Das Trinkhorn: neun Hörner in Hochdorf, Beschläge in Birka, ein Horn voller Meer – und was davon belegt ist

Geschichte & Funde Das Trinkhorn: neun Hörner in Hochdorf, Beschläge in Birka, ein Horn voller Meer – und was davon belegt ist

Kaum ein Gegenstand steht so sehr für das Bild vom nordischen Gelage wie das Trinkhorn. Tatsächlich reicht seine Geschichte weit vor die Wikingerzeit zurück: Ein Keltenfürst nahm um 530 v. Chr. neun Hörner mit ins Grab, angelsächsische Könige ließen Auerochsenhörner mit vergoldetem Silber fassen, und in Birka lagen im 10. Jahrhundert zwei silberbeschlagene Hörner in einem Grab. Zugleich tranken die Menschen des Nordens aus Holzschalen, Glasbechern und Keramik. Dieser Beitrag ordnet die Funde, liest nach, was Sagas und Edda über Bragafull, Minni und Sumbel berichten, folgt Thor zu seinem verlorenen Trinkwettkampf und endet mit einem nüchternen Blick darauf, worauf man bei einem Horn als Trinkgefäß heute achten sollte.

Ein Gefäß ohne Standfuß

Ein Trinkhorn ist zunächst schlicht das Horn eines Rindes, Auerochsen oder einer Ziege, ausgehöhlt, gereinigt und an der Mündung oft mit einem Metallring gefasst. Horn besteht aus Keratin, dem Eiweiß von Haaren und Nägeln, und sitzt im Tier als Hülle über einem Knochenzapfen; ohne ihn bleibt eine hohle, gebogene Röhre.

Aus dieser Form folgt eine Eigenheit, die in fast jeder Beschreibung von Gelagen mitschwingt: Ein Horn lässt sich nicht abstellen, solange es gefüllt ist. Man hält es, reicht es weiter oder leert es. Spätere Stücke bekamen deshalb Ständer oder Metallfüße. Ein Horn, das von Hand zu Hand geht, macht das Trinken zur gemeinsamen Handlung.

Weil Horn ein organischer Stoff ist, zerfällt es im Boden meist. Was die Archäologie findet, sind daher vor allem die Metallteile: Mündungsbeschläge, Endbeschläge an der Spitze, oft als Tierkopf gestaltet, und kleine Zierbleche. Das National Museum of Scotland formuliert es knapp: Von frühmittelalterlichen Trinkhörnern sind fast nur die Beschläge erhalten. Ein schlichtes Horn ohne Metallfassung hinterlässt oft gar keine Spur, und jede Aussage über die Verbreitung steht auf schmaler Grundlage.

Auerochse, Rind und Ziege: woher die Hörner kamen

Die prächtigsten Hörner stammen vom Auerochsen, dem wilden Stammvater des Hausrinds, der in Mitteleuropa im Lauf des Mittelalters selten wurde und 1627 in Polen ausstarb. Seine Hörner waren deutlich größer als die der Hausrinder und dienten deshalb als Prestigegefäß. Schon Caesar beschreibt im „Gallischen Krieg“ (Buch 6, Kapitel 28) die Hörner des Ur, die bei den Germanen eifrig gesammelt würden: „Haec studiose conquisita ab labris argento circumcludunt atque in amplissimis epulis pro poculis utuntur“ – sie fassen die Hörner am Rand mit Silber und benutzen sie bei den prächtigsten Festmählern als Becher. Caesar schrieb aus römischer Sicht und kannte das Land östlich des Rheins nur aus wenigen Feldzügen und aus Berichten; seine Notiz passt aber auffallend gut zu den späteren Funden.

Für die Wikingerzeit gehen viele Forscher davon aus, dass die meisten Hörner von Hausrindern kamen und damit kleiner waren. Die englischsprachige Überblicksliteratur nennt für solche Hörner Fassungsvermögen von oft weniger als einem halben Liter. Auch Ziegenhörner sind belegt. Nach irischen Rechtstexten des 8. Jahrhunderts mussten große Auerochsenhörner nach Britannien und Irland eingeführt werden – das große Horn war Handelsware und Statussymbol.

Hochdorf: neun Hörner über dem Toten

Das älteste Ensemble in diesem Überblick stammt aus der späten Hallstattzeit, der frühen Eisenzeit Mitteleuropas. Im Grabhügel von Hochdorf an der Enz, nordwestlich von Stuttgart, wurde 1978/79 die unberaubte Grabkammer eines Mannes freigelegt, der um 530 v. Chr. bestattet wurde. Neben ihm standen unter anderem ein importierter Bronzekessel mit Resten von Met und ein vierrädriger Wagen. Mehr zu diesem und vergleichbaren Gräbern steht in unserem Beitrag über keltische Fürstengräber.

Das Landesmuseum Württemberg beschreibt: In der Grabkammer befanden sich neun Trinkhörner. Acht waren aus Auerochsenhörnern gefertigt und mit Goldblechen verziert, das neunte und größte besteht aus Eisen, misst 123 Zentimeter und fasste 5,5 Liter. Es hing direkt über dem Kopf des Toten. Das Museum deutet die Anordnung so, dass das größte Horn dem Grabherrn zugedacht war und seinen Rang beim Gelage auch im Tod zeigte.

Hochdorf zeigt zwei Züge, die die ganze Geschichte des Trinkhorns begleiten: Neun Hörner meinen eine Runde von Trinkenden, und das größere Horn aus anderem Material markiert den Rang des Gastgebers. Ob die Hörner je bei Gelagen benutzt oder für das Grab gefertigt wurden, lässt sich nicht sicher sagen.

Gallehus: zwei Goldhörner als Sonderfall

Die berühmtesten Hörner Skandinaviens sind zugleich die untypischsten. Bei Gallehus im südlichen Jütland fand man 1639 und 1734 zwei Hörner aus Gold und Elektrum, jedes mehrere Kilogramm schwer, mit figürlichen Ringen und auf dem kürzeren Horn einer Runeninschrift. Datiert werden sie um 400 n. Chr. 1802 stahl der Goldschmied Niels Heidenreich beide aus der königlichen Kunstkammer in Kopenhagen und schmolz sie ein; heute kennt man sie nur aus Zeichnungen und Beschreibungen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Ob die Goldhörner zum Trinken gedacht waren, ist offen. Das zuerst gefundene Horn wurde nach dem Fund zu einem Trinkhorn umgearbeitet, was über die ursprüngliche Funktion nichts aussagt. Manche Forscher denken an Blashörner oder Weihegaben. Gallehus zeigt vor allem, wie hoch man die Hornform als Zeichen schätzte. Die ganze Geschichte von Fund, Diebstahl und Deutung erzählt unser Beitrag über die Goldhörner von Gallehus.

Taplow und Sutton Hoo: Hörner, Glas und Holzbecher in angelsächsischen Königsgräbern

In England bezeugen zwei Grabfunde den Höhepunkt des Prunkhorns. Im Grabhügel von Taplow in Buckinghamshire, 1883 ausgegraben und meist um 600 oder in das frühe 7. Jahrhundert datiert, lag ein Paar Trinkhörner aus Auerochsenhorn mit vergoldeten Silberbeschlägen. Das British Museum nennt eine Länge von 44,5 Zentimetern und datiert die Beschläge ins 6. Jahrhundert; die Enden laufen in Vogelköpfe aus. Ein weiteres, noch größeres Horn aus Taplow ist nur durch seine originalen Beschläge erhalten, die das Museum auf einem modernen Gipshorn montiert hat. Daneben fand man in Taplow vier gläserne Rüsselbecher, auf Englisch claw beakers: Becher, auf deren Wand hohle, rüsselartige Glasschlaufen aufgesetzt sind.

Im Schiffsgrab von Sutton Hoo, Hügel 1, 1939 freigelegt und meist mit König Rædwald von East Anglia (gestorben um 624) in Verbindung gebracht, lag ebenfalls ein Paar Auerochsenhörner mit vergoldeten Mündungsbeschlägen. Bemerkenswert ist, was daneben stand: eine Reihe von Bechern aus Ahornholz, deren Randbeschläge denen der Hörner gleichen. Der Tote erhielt also ein ganzes Trinkservice. Mehr zu diesem Grab bietet unser Beitrag über Sutton Hoo.

Wer sich für das Trinkhorn interessiert, sollte auch das Glashorn kennen. Spätrömische Glasbläser stellten Hörner aus Glas her, und germanische Werkstätten der Völkerwanderungszeit ahmten sie nach. Das British Museum besitzt etwa ein olivgrünes merowingisches Glashorn des 5. Jahrhunderts aus Bingerbrück am Rhein und ein blaues Glashorn aus dem langobardischen Italien. Die Hornform war so begehrt, dass man sie in Glas nachbildete.

Wikingerzeit: Beschläge in Birka und Becher auf dem Tisch

Aus der Wikingerzeit, grob 790 bis 1066, gibt es keine vollständig erhaltenen Prunkhörner in der Art von Taplow. Die Belege sind Beschläge, und sie sind über einen weiten Raum verteilt. Eine Zusammenstellung silberner, durchbrochen gearbeiteter Hornränder reicht von Dänemark (Mammen, Tjele) über Thumby-Bienebek in Schleswig-Holstein und Ralswiek auf Rügen bis ins Gebiet der Rus; die meisten Stücke gehören ins 10. Jahrhundert.

Eines der klarsten Beispiele liegt in Birka, dem Handelsplatz im Mälarsee. Im Kammergrab Bj 523, das der jüngeren Birka-Phase nach 900 angehört, lagen zwei Hörner mit Silberbeschlägen. Der Ausgräber Holger Arbman hat das Grab 1940 im großen Birka-Katalog veröffentlicht. Wie in Taplow und Sutton Hoo erscheint das Horn hier als Paar; ob das Gast und Gastgeber meint, bleibt Deutung.

Ebenso wichtig ist, was in denselben Gräbern sonst stand. Birka hat zahlreiche Glasgefäße geliefert, darunter Becher aus dem Rheinland mit Fadenauflagen und spitz zulaufende Trichterbecher, die wie das Horn nicht stehen können und vermutlich bei Festen ausgetrunken wurden. Dazu kommen Holzschalen, Kannen und Keramik. In Gräbern und Siedlungen ist das schlichte Trinkgefäß aus Holz oder Ton, das im Boden schnell verschwindet, sicher häufiger gewesen, als die Funde zeigen. Ein Gelage im 10. Jahrhundert hatte also gemischtes Geschirr, und das Horn war wohl das Gefäß für besondere Momente. Was in diesen Gefäßen war, behandeln unsere Beiträge über Met, Bier bei den Wikingern und die Ernährung der Wikinger.

Was gesichert ist

  • Im Grab von Hochdorf (um 530 v. Chr.) lagen neun Trinkhörner: acht aus Auerochsenhorn mit Goldblechen, eines aus Eisen von 123 cm Länge und 5,5 Litern Fassungsvermögen (Landesmuseum Württemberg).
  • Caesar beschreibt im „Gallischen Krieg“ 6,28 silbergefasste Urhörner als Becher bei germanischen Festmählern.
  • Taplow (6./frühes 7. Jh.) und Sutton Hoo, Hügel 1 (frühes 7. Jh.), enthielten je ein Paar Auerochsenhörner mit vergoldeten Silberbeschlägen; in Sutton Hoo standen dazu Ahornholzbecher, in Taplow vier gläserne Rüsselbecher.
  • In Birka, Grab Bj 523 (10. Jh.), lagen zwei Hörner mit Silberbeschlägen; daneben sind aus Birka viele Glasbecher bekannt.
  • Die Goldhörner von Gallehus (um 400) wurden 1802 gestohlen und eingeschmolzen; ihre ursprüngliche Funktion ist umstritten.
  • Viele wikingerzeitliche Bilder zeigen eine Frau, die ein Horn reicht; in der Edda reicht Sigrdrífa Sigurd ein Horn voll Met.

Die Frau mit dem Horn: Bildsteine und Walkürenanhänger

Das Horn erscheint in der wikingerzeitlichen Bildkunst auffallend oft in einer bestimmten Szene: Eine Frau in langem, schleppendem Gewand, das Haar zu einem Knoten gebunden, hält einem Ankommenden ein Horn entgegen. Auf den gotländischen Bildsteinen begrüßt sie einen Reiter, auf dem Stein Tjängvide I sitzt dieser Reiter auf einem achtbeinigen Pferd, das die meisten Forscher als Odins Sleipnir lesen. Die Szene wird häufig als Ankunft eines Toten in Walhall gedeutet, es gibt aber Gegenlesungen, etwa Sigurd auf seinem Pferd Grani oder ein Lebender, der empfangen wird. Sicher ist nur das Bildmotiv selbst.

Dieselbe Frauengestalt findet sich auf kleinen Anhängern aus Silber oder Bronze, die in Skandinavien in größerer Zahl gefunden wurden, unter anderem auf Björkö, der Insel von Birka, und auf Öland. Sie werden meist als Walküren bezeichnet, also als jene Schildjungfrauen, die nach der Überlieferung die Gefallenen auswählen und ihnen in Walhall das Trinken reichen. Das British Museum sieht in diesen Bildern eine Bestätigung der literarischen Walküre als Gastgeberin. Ob jeder dieser Anhänger tatsächlich eine Walküre meint oder manchmal eine Göttin, eine Hausherrin oder eine Heldin wie Brynhild, lässt sich nicht für jedes Stück entscheiden.

Ein Gegenbeispiel schärft den Blick: Die 2012 auf Fünen gefundene Figur von Hårby, 3,4 Zentimeter hoch, aus vergoldetem Silber und dreidimensional gearbeitet, trägt kein Horn, sondern ein aufrechtes Schwert und einen Rundschild. Auch sie wird meist als Walküre gedeutet, Alternativen sind eine Schildmaid oder Freyja. Das Horn ist also kein sicheres Erkennungszeichen einer Walküre.

In der Lieder-Edda gibt es eine passende Szene. Im Lied „Sigrdrífumál“ weckt Sigurd eine schlafende Walküre, Sigrdrífa, die oft mit Brynhild gleichgesetzt wird. Nach der Prosa reicht sie ihm ein Horn voll Met als Erinnerungstrank und lehrt ihn dann Runen. Horn, Frau und Erinnerung treten hier zusammen auf. Mehr dazu in den Beiträgen über Sigurd und Brynhild.

Full, Bragafull und Minni: Trinken nach Regeln

Die ausführlichste Beschreibung eines heidnischen Opferfestes mit Trinkritual stammt aus der „Hákonar saga góða“, der Saga über Hákon den Guten in Snorri Sturlusons „Heimskringla“, um 1230 und rund drei Jahrhunderte nach den Ereignissen geschrieben. Snorri beschreibt, wie beim Opferfest die Becher über dem Feuer getragen wurden. Der Gastgeber segnete den Trank. Der erste „full“ (ein feierlich geweihter Becher oder Trunk) galt Odin, für Sieg und Macht des Königs, danach folgten die Becher für Njörðr und Freyr, „til árs ok friðar“, für ein gutes Jahr und Frieden. Viele tranken anschließend den Bragafull. Zuletzt trank man auf die verstorbenen Verwandten, und diese Trünke hießen „minni“, Gedächtnis. In der englischen Übersetzung von Samuel Laing ist das Kapitel 16, „About Sacrifices“; die Zählung schwankt je nach Ausgabe.

Snorri spricht vom „full“, nicht ausdrücklich vom Horn. Das Gefäß kann ein Horn oder ein Becher gewesen sein. Erst in der folgenden Szene, beim Opferfest in Hlaðir bei Trondheim, wird es konkret: König Hákon, christlich erzogen, muss am Fest teilnehmen. Jarl Sigurd von Hlaðir trinkt ihm den Odinsbecher zu, Hákon schlägt das Kreuzzeichen darüber, und als die Bauern murren, erklärt Sigurd, der König habe das Zeichen von Thors Hammer gemacht. Die Szene ist literarisch gestaltet, verknüpft aber deutlich Trinken und Loyalität. Unser Beitrag über Blót und Sumbel heute stellt diese Quelle ausführlicher vor.

Der Bragafull, auch bragarfull, war nach den Sagas der Becher, über dem man Gelübde ablegte. In der „Ynglinga saga“ (Kapitel 36 nach gängiger Zählung) beschreibt Snorri das Erbmahl, altnordisch „erfi“: Der Erbe saß auf der Stufe vor dem Hochsitz seines toten Vaters, bis der Bragafull hereingetragen wurde, stand dann auf, legte ein Gelübde ab, leerte den Becher und nahm erst danach den Hochsitz ein. Ob der Name vom Gott Bragi kommt oder von „bragr“, dem Besten, ist umstritten; mehr dazu im Beitrag über Bragi.

Die Minni-Trünke überlebten die Bekehrung. In der „Óláfs saga Tryggvasonar“ der „Heimskringla“ richtet der Dänenkönig Sven das Erbmahl für seinen Vater Harald aus. Den Jomswikingern reicht man die größten Hörner mit dem stärksten Trank; nach dem Erbbecher auf den Vater trinkt man auf Christus und dann auf das Gedächtnis des heiligen Michael. Im deutschsprachigen Raum lebte der Brauch als „Minnetrinken“ fort, am bekanntesten als Johannisminne, der am 27. Dezember gesegnete Wein.

Sumbel: das Gelage als Ordnung der Halle

Das altnordische Wort „sumbl“, altenglisch „symbel“, bezeichnet ein feierliches Trinkgelage. Es ist kein Opferfest im engeren Sinn, sondern ein Fest in der Halle, bei dem Rang, Gastfreundschaft und Worte zählen. Im altenglischen „Beowulf“ trägt Königin Wealhtheow den Becher durch die Halle, reicht ihn zuerst ihrem Gemahl Hrothgar, dann den Gefolgsleuten und schließlich dem fremden Helden. In der Edda ist die „Lokasenna“ ein solches Gelage, das aus dem Ruder läuft: Loki stört das Fest bei Ægir und beschimpft die Götter der Reihe nach. Sif reicht ihm zur Versöhnung Met in einem kristallenen Kelch, nicht in einem Horn. Auch in der „Hymiskviða“ zerschlägt Thor einen Kelch auf dem Kopf des Riesen Hymir. Die Lieder kennen also beide Gefäße. Mehr dazu steht im Beitrag über Ægirs Gelage.

Das heute verbreitete Sumbel in festen Runden geht auf moderne Deutungen zurück, vor allem auf Paul Bauschatz (1970er/80er Jahre). Die mittelalterlichen Texte kennen Trinksprüche, Gelübde und Streit am Becher, aber keine einheitliche Liturgie.

Daneben steht die Warnung. Die „Hávamál“, eine Spruchsammlung der Lieder-Edda, Odin in den Mund gelegt, mahnen mehrfach zur Mäßigung: Bier sei nicht so gut für die Menschen, wie man sage, denn je mehr einer trinke, desto weniger wisse er von seinem eigenen Verstand. Eine Strophe rät, das Gefäß nicht festzuhalten, sondern weiterzureichen und Met mit Maß zu trinken – ein Hinweis darauf, dass der Trank in der Runde wanderte. Eine Auswahl solcher Strophen bietet der Beitrag über Sprüche aus den Hávamál.

Die Isländersagas des 13. Jahrhunderts machen das Horn gern zum Ort der Gefahr. In der „Egils saga“ reicht der Gastgeber Bárðr dem jungen Egill Skallagrímsson vergifteten Trank; Egill ritzt Runen in das Horn, färbt sie mit seinem Blut, und das Horn zerspringt. Das ist Literatur, kein Bericht über echte Runenpraxis, aber es zeigt, wie eng Vertrauen und Verrat am selben Gefäß hängen.

Thor bei Útgarða-Loki: das Horn, das ins Meer reicht

Die bekannteste Hornszene der nordischen Mythologie erzählt Snorri Sturluson in der „Gylfaginning“, dem ersten Teil seiner Prosa-Edda, um 1220. Thor reist mit Loki und dem Knecht Þjálfi nach Útgarðr, in die Burg des Riesenkönigs Útgarða-Loki. Dort muss jeder der Gäste eine Kunst vorführen. Thor wählt das Trinken. Der Riese lässt das Horn bringen, aus dem seine Hofleute zu trinken pflegen. In der Übersetzung von Karl Simrock lautet die Stelle:

„Bald darauf kam der Mundschenk mit dem Horn und gab es dem Thor in die Hand. Da sprach Utgardloki: Aus diesem Horn scheint uns wohl getrunken, wenn es auf Einen Trunk leer wird; Einige trinken es auf den zweiten aus, aber Keiner ist ein so schlechter Trinker, der es nicht in dreien leerte. Thor sah sich das Horn an: es schien ihm nicht zu groß, obwohl ziemlich lang; er war aber auch sehr durstig.“

Snorri Sturluson, Gylfaginning 46, übersetzt von Karl Simrock, Die Edda (19. Jh.), gemeinfrei; gelesen in der Ausgabe bei Projekt Gutenberg-DE

Thor trinkt dreimal mit aller Kraft, und das Horn ist danach kaum leerer. Erst am nächsten Morgen, im Abschnitt 47, erklärt Útgarða-Loki den Betrug: Das andere Ende des Horns lag im Meer, das Thor nicht sehen konnte, und wenn er an die Küste komme, werde er sehen, wie weit es gesunken sei – „das nennt man nun Ebbe“. So erklärt Snorri die Gezeiten. Die Gegner der anderen Wettkämpfe waren ebenso verkleidete Naturmächte: Logi, das Feuer, aß schneller als Loki, Hugi, der Gedanke, lief schneller als Þjálfi, und die alte Elli, gegen die Thor ringt, ist das Alter. Die ganze Geschichte erzählt der Beitrag über Utgard-Loki.

Die Szene setzt voraus, dass man ein Horn bei Hofe in wenigen Zügen austrinkt, statt es abzustellen. Ob Snorri dabei an reale Hörner seiner Zeit dachte, lässt sich nicht belegen; die Pointe wirkt aber nur, wenn das Publikum lange Hörner kannte.

Was am Bild vom hornschwenkenden Wikinger nicht stimmt

Das Bild vom Wikinger mit dem Horn in der Faust prägten vor allem Gemälde, Opernbühnen und Romane des 19. Jahrhunderts. Dass Hörner benutzt wurden, ist belegt; fraglich ist ihr Anteil am Alltag.

Mythos-Check

  • „Wikinger tranken immer aus Hörnern.“ Nicht belegt. Hörner sind archäologisch vor allem durch Beschläge aus reicheren Gräbern bekannt. Daneben standen Holzschalen, Becher aus Glas und Keramik; in den Eddaliedern trinken Götter auch aus Kelchen.
  • „Das Trinkhorn ist eine Erfindung der Wikinger.“ Falsch. Hörner sind in Hochdorf um 530 v. Chr. belegt, Caesar beschreibt sie im 1. Jahrhundert v. Chr., und die großen angelsächsischen Hornpaare sind älter als die Wikingerzeit.
  • „Die Goldhörner von Gallehus waren Trinkhörner.“ Unsicher. Die Funktion ist umstritten; auch Blashörner oder Weihegaben werden erwogen.
  • „Wikinger tranken aus den Schädeln ihrer Feinde.“ Kein Beleg. Die Vorstellung geht auf eine missverstandene Kenning für Trinkhörner in einer Übersetzung des 17. Jahrhunderts zurück, siehe unseren Beitrag zum Schädelbecher-Mythos und zu Skål.
  • „Jede Frau mit Horn auf einem Anhänger ist eine Walküre.“ Eine verbreitete, aber nicht beweisbare Deutung. Göttinnen, Heldinnen oder eine Hausherrin, die den Gast begrüßt, kommen ebenso in Betracht.
  • „Hörner wurden auch als Helmschmuck getragen.“ Für wikingerzeitliche Kampfhelme gibt es keinen Beleg. Der Hörnerhelm ist ein Bild des 19. Jahrhunderts; ältere Hörnerhelme aus der Bronzezeit haben mit den Wikingern nichts zu tun.

Ein Horn als Trinkgefäß heute: Pflege und Lebensmittelsicherheit

Horn ist ein Naturmaterial, das Wasser aufnimmt, sich bei Hitze verformen kann und in jeder Partie etwas anders ausfällt. Die folgenden Hinweise sind allgemein und ersetzen nicht die Angaben des Herstellers, der als Einziger sagen kann, wie ein bestimmtes Horn behandelt wurde.

Rechtlicher Rahmen. In der Europäischen Union gilt für alle Gegenstände, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, die Verordnung (EG) Nr. 1935/2004. Ihr Artikel 3 verlangt, dass solche Materialien bei üblicher und vorhersehbarer Verwendung keine Bestandteile in Mengen an Lebensmittel abgeben, die die Gesundheit gefährden, die Zusammensetzung unvertretbar verändern oder Geruch und Geschmack beeinträchtigen. Für Horn selbst ist mir keine eigene EU-Einzelregelung bekannt, wie es sie etwa für Kunststoffe oder Keramik gibt; es gelten die allgemeinen Anforderungen. Viele Trinkhörner sind innen beschichtet. Wer ein Horn kauft, darf fragen, ob und womit, und ob der Hersteller es ausdrücklich für den Lebensmittelkontakt vorsieht.

Beschichtung und Temperatur. Manche Hersteller kleiden Hörner mit Bienenwachs aus, andere mit einer als lebensmittelecht ausgewiesenen Kunstharzbeschichtung. Bienenwachs schmilzt nach Angaben der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bei etwa 62 Grad Celsius. Ein so ausgekleidetes Horn eignet sich deshalb nicht für heiße Getränke und lässt sich auch nicht heiß spülen. Ein Hersteller mit Kunstharzauskleidung hält warme Getränke für unproblematisch, rät aber von fast kochenden ab, weil sich das Horn verziehen kann. Für Glühwein oder heißen Met ist ein Becher aus Ton, Steinzeug oder Glas die einfachere Wahl; auch unsere Manufaktur in Alsdorf graviert nordische Motive auf Tonbecher, die genau dafür gedacht sind.

Reinigung. Die Herstellerhinweise, die ich gelesen habe, sind sich einig: von Hand mit lauwarmem Wasser, mildem Spülmittel und weicher Bürste spülen, das Horn nicht in Wasser einweichen und auf keinen Fall in die Spülmaschine geben. Danach mit der Öffnung nach unten vollständig trocknen lassen. Unbehandeltes Horn nimmt Feuchtigkeit auf und kann riechen; ein Horn mit Schimmel im Inneren gehört nicht mehr an den Mund.

Aufbewahrung. Trocken, nicht in praller Sonne und nicht direkt an der Heizung lagern, damit das Material nicht ausbleicht oder reißt. Getränke nicht über Stunden im Horn stehen lassen, sondern nach dem Trinken ausspülen. Ein reines Dekorationshorn sollte nicht nachträglich als Trinkgefäß dienen.

Häufige Fragen

Seit wann gibt es Trinkhörner? Sicher belegt sind sie in Mitteleuropa seit der Eisenzeit, etwa im Grab von Hochdorf um 530 v. Chr. Caesar beschreibt silbergefasste Urhörner bei den Germanen im 1. Jahrhundert v. Chr.

Aus welchem Tier stammten die Hörner? Die großen Prunkhörner aus Hochdorf, Taplow und Sutton Hoo stammen vom Auerochsen. In der Wikingerzeit waren nach heutigem Stand die meisten Hörner von Hausrindern, daneben gab es Ziegenhörner.

Was ist ein Bragafull? Ein feierlicher Becher, über dem man bei Erbmahl, Opferfest oder Jul ein Gelübde ablegte. So beschreibt es Snorri Sturluson in der „Heimskringla“ im 13. Jahrhundert. Ob es ein Horn oder ein Becher war, sagt der Text nicht immer.

Was bedeutet Minni? „Gedächtnis“. So hießen die Trünke auf verstorbene Verwandte. Nach der Bekehrung tranken die Menschen das Minni auf Christus und Heilige; im deutschen Raum hielt sich das Minnetrinken, etwa als Johannisminne.

Darf man aus einem Trinkhorn heiße Getränke trinken? Das hängt von Beschichtung und Hersteller ab. Bienenwachs schmilzt bei etwa 62 °C; auch ohne Wachs kann sich Horn bei großer Hitze verformen. Für heiße Getränke sind Ton, Steinzeug oder Glas unkomplizierter.

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