Bajuwaren, das klingt nach einem Stamm, der um 500 aus Böhmen kam und im heutigen Bayern blieb. Die Quellen tragen dieses Bild nicht: Der Name taucht 551 bei Jordanes zum ersten Mal auf, die Gruppe formte sich im 6. Jahrhundert zwischen Donau und Alpen unter ostgotischem, fränkischem und langobardischem Einfluss, und ihr Herzogsgeschlecht, die Agilolfinger, verlor 788 sein Amt an Karl den Großen. Dieser Beitrag geht die Zeugnisse der Reihe nach durch, trennt Beleg von Deutung und Legende von Befund und sagt offen, was ich im Wortlaut gesehen habe und was nur über Zusammenfassungen.
Die Fachwelt schreibt meist „Baiern“ oder „Baiuvarii“. „Bajuwaren“ ist die populäre Form, die in Ausstellungen und Büchern lebt; die deutsche Wikipedia nennt sie historisch nicht korrekt. Das „y“ in „Bayern“ geht nach der Darstellung, der ich folge, auf König Ludwig I. zurück; die Sprachwissenschaft unterscheidet bis heute das Volk und die Mundart („Baiern“, „bairisch“) vom politischen Gebilde („Bayern“).
Gemeint ist die Bevölkerung des frühmittelalterlichen Herzogtums zwischen Lech im Westen, Donau im Norden und den Alpen im Süden, dazu das Gebiet entlang von Inn und Salzach, in Teilen des heutigen Österreichs und Südtirols. Das Gebiet deckt sich nicht mit dem heutigen Freistaat: Franken und Schwaben, also der alemannisch und fränkisch geprägte Westen und Norden des Freistaats, gehören nicht dazu. Die Alemannen sind eine eigene Gruppe, siehe Alemannen.
Wer die Bajuwaren nicht sind: Sie sind nicht die keltischen Boier (dazu der Abschnitt über Legenden und der Beitrag Boier), nicht einfach die Markomannen (Markomannen), und sie sind kein Stamm mit einer einzigen, gesicherten Herkunft. Die Forschung versteht sie als Gruppe, die sich in einem Zeitraum von wenigen Generationen im Land selbst bildete. Wie viele Menschen von außen kamen und wie viele schon da waren, lässt sich nicht eindeutig belegen.
Von den Baiern selbst gibt es aus der Frühzeit keinen Text. Alles, was wir bis etwa 600 wissen, stammt von auswärtigen Autoren, und es ist wenig.
Jordanes schrieb 551, vermutlich in Konstantinopel, die Getica. Er nennt in einer Beschreibung des Suebenlandes im Osten die „Baibari“ (die Handschriften schwanken zwischen Baibaros, Baiobaros und Baioarios); das ist die älteste Erwähnung, die sich im Text auf die Baiern beziehen lässt. Das Zitat steht unten.
Die Fränkische Völkertafel (um 520, nach der englischen Wikipedia) verbindet die Baiern mit Burgundern, Thüringern und Langobarden, nicht mit den Alemannen. Venantius Fortunatus, ein aus Italien stammender, in Gallien wirkender Dichter, reiste 565 über die Alpen und nennt in seiner Dichtung ein Land „Baivaria“ und einen „Baiovarius“, der den Weg versperren könnte (Wendung: neque te Baiovarius obstat); die Verse stehen im vierten Buch seiner Martinsvita (Werktitel zu prüfen). Daraus liest man eine frühe Verortung am Lech; mehr als ein Hinweis ist das nicht.
Schweigen gehört zum Befund: Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin von Eugippius (um 511), die den Raum Noricum beschreibt, erwähnt die Baiern nicht; auch ein Brief Theudeberts I. an Kaiser Justinian (534) führt sie nach der englischen Wikipedia nicht auf.
Später kommen Texte aus fränkischer und bairischer Feder. Fredegar (Chronik, 7. Jahrhundert) erzählt vom Bulgarenmord in Baiern (siehe Chronologie), Jonas von Bobbio (um 640) setzt Boier und Baiern gleich. Paulus Diaconus schreibt die Historia Langobardorum zwischen 790 und 799 und berichtet über Garibalds Töchter und Enkel. Die Annales regni Francorum halten Tassilos Sturz fest, nach 788 in einer überarbeiteten, den Karolingern günstigen Fassung. Aus Bayern selbst stammen die Heiligenviten des Freisinger Bischofs Arbeo (Vita Haimhrammi, Vita Corbiniani), die Salzburger Quellen (Notitia Arnonis 788/90, Breves Notitiae nach 798, Gesta sancti Hrodberti um 798, Conversio Bagoariorum et Carantanorum) und die Lex Baiuvariorum.
„Regio illa Suavorum ab oriente Baibaros habet, ab occidente Francos, a meridie Burgundzones, a septentrione Thuringos.“
„Jenes Land der Sueben hat im Osten die Baibari, im Westen die Franken, im Süden die Burgunder, im Norden die Thüringer.“Jordanes, Getica 280 (Kap. 55), um 551, gemeinfrei. Lateinischer Text nach der Edition in den Monumenta Germaniae Historica (Auctores antiquissimi 5,1). Den Satz sah ich nur als Zitat in einem Blogbeitrag (Mainzer Beobachter, 2. September 2025); die Gutenberg-Fassung der Mierow-Übersetzung ließ sich nicht bis Kapitel 55 abrufen, ein Abgleich mit Mommsen steht aus. Die deutsche Übersetzung stammt von mir.
Ethnogenese heißt: Eine Gruppe bildet ein gemeinsames Selbstverständnis und einen Namen. Es geht nicht um Abstammung im Sinne einer Blutlinie, sondern um die Frage, wann Menschen begannen, sich als „Baiern“ zu verstehen und so genannt zu werden. Der Forschungsstand lässt sich in drei Schichten sortieren, und ich benenne bei jeder, worauf sie sich stützt.
Die ältere Vorstellung, ein Volk sei aus Böhmen in ein leeres Land gewandert („Landnahme“), gilt unter den Fachleuten als überholt. Hubert Fehr und Irmtraut Heitmeier, die Herausgeber des Sammelbandes „Die Anfänge Bayerns“ (2012, nach einer Tagung 2010), nennen das 1988 in einer Landesausstellung verbreitete Bild vom aus Böhmen eingewanderten „Traditionskern“ überholt; die Frühgeschichte sei „offener denn je“. Der Rezensent Stephan Freund (2013) hält fest, dass die romanische Bevölkerung weitgehend blieb und sich mit Zugewanderten mischte. Das Zeitfenster der Namensbildung ist das 6. Jahrhundert, die Bühne ein Raum, der von Römern, Ostgoten, Franken und Langobarden berührt wurde.
Herwig Wolfram beschreibt die Baiern als Mischgruppe aus Zuwanderern nach Rätien, Provinzialen, Herulern, Alemannen, Thüringern und Langobarden, entstanden aus politisch-militärischer Notwendigkeit, als die Zentralmacht in Italien nicht mehr zugriff („Findelkinder der Völkerwanderung“, in der Wiedergabe von Roland Steinacher 2018). Stefan Esders und Jörg Jarnut sehen dagegen die Franken als Organisatoren eines bairischen Dukats, der die spätantike Militärordnung Rätiens fortführte; gemeinsame Aufgaben, ein gemeinsames Recht, das römische Christentum und die Bindung an die Herzogsfamilie hätten die Identität getragen, abgegrenzt gegen Slawen und Awaren. Ludwig Rübekeil deutet „Baiovarii“ nicht als Herkunftsnamen, sondern als Bezeichnung aus einer militärischen Wurzel, möglicherweise von außen vergeben.
Was die Böhmen-Hypothese stützen sollte, ist vor allem Keramik. Die Ware vom Typ Friedenhain-Přešťovice, benannt nach Gräberfeldern bei Straubing und in Südböhmen, verbanden Christlein und Fischer (1980) mit einer Zuwanderung aus Böhmen. Jochen Haberstroh (2019) hält dagegen: Der Typ ist methodisch unscharf abgegrenzt, wurde außerhalb der römischen Provinzen vom späten 3. bis in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts hergestellt und taugt nicht als Leitfossil für ein Einwanderungsmodell; Kritik kam auch von Fehr und Heitmeier. Fischer hat die Ausgangsthese 2018 bekräftigt. Auf der Grundlage des Gräberfeldes von Altenerding vermuten Hans Losert und Andrej Pleterski (2003), dass die Gründergemeinschaft den Status von foederati oder dediticii (römische Hilfstruppen und Unterworfene) gehabt haben könnte, dass der Name womöglich von einem Schreiber in einer ostgotischen oder fränkischen Kanzlei gewählt wurde und dass dabei fortgesetzte Zuwanderung aus Böhmen mitspielen könnte.
Johann Kaspar Zeuß sah im 19. Jahrhundert in den Baiern die Nachfahren der Markomannen, die ins romanisierte Land vorstießen. Karl Bosl nannte die Wanderung 1971 eine Legende, Walter Goffart (2010) braucht keine einzelne große Einwanderung. Stefanie Hamann (2018) erwägt, dass keltischstämmige Gruppen in Noricum und Rätien blieben und der gemischten Bevölkerung den Namen gaben (Einzelposition, nur aus einer Zusammenfassung bekannt).
Der Name ist ein zusammengesetztes Wort. Das erste Glied Baio- wird meist auf die keltischen Boier zurückgeführt, die im Namen Boiohaemum („Böhmen“) fortleben, den Velleius Paterculus, Strabon und Tacitus in verschiedenen Formen überliefern. Das zweite Glied -varii geht auf ein germanisches Wort für „Bewohner“ oder „Verteidiger“ zurück; ob die ganze Bevölkerung oder nur ein Heeresverband gemeint war, ist strittig. Die Deutung „Männer aus Boiohaemum“, also „Männer aus Böhmen“, ist ein Vorschlag, den die Ausstellung von 1988 populär machte; Rübekeil und andere halten ihn für nicht zwingend, und die englische Wikipedia merkt an, dass das Wort haim im bairischen Namen nicht erscheint. Eine Entscheidung geben die Quellen nicht her.
Mit dem Ende der römischen Verwaltung in Rätien und Noricum ändert sich die Lage. Odoaker holt 488 Teile der Romanen nach Italien; Theoderich regiert den Raum als Ostgotenkönig (493 bis 526); als die Ostgoten unter Druck geraten, treten sie 536 ihre Rechte nördlich der Alpen an die Franken ab (nach der deutschen Wikipedia). Die fränkischen Könige Theuderich I. (gestorben 534) und Theudebert I. (gestorben 548) üben Einfluss aus der Ferne aus. Wie viel Macht sie konkret hatten, lässt sich nicht sagen. Mehr bei den Norikern und den Ostgoten.
Der erste bairische Herzog, den die Quellen nennen, ist Garibald I. Gregor von Tours kennt ihn; dass ein Frankenkönig ihn als dux einsetzte, ist die gängige Darstellung; wer und wann, wird verschieden berichtet. Die einen nennen Chlothar I. nach dem Tod Theudeberts (548), eine andere Darstellung Theudebald im Jahr 548. Auch wen Garibald heiratete, ist unterschiedlich überliefert: Nach der deutschen Wikipedia war es um 555 Waldrada, die Witwe Theudebalds, die zuvor mit Chlothar I. verheiratet gewesen war; die englische Zusammenfassung spricht von der Witwe Theudeberts. Das passt nicht zusammen, und ich entscheide es nicht. Sein Sitz lag in Augsburg oder Regensburg (Diesenberger, 2018). Seine Tochter Theudelinde wurde 589 Königin der Langobarden, erst als Frau Autharis, dann Agilulfs, und sicherte so die Verbindung nach Italien. Dass die Familie die Herzöge der Baiern stellte, kann nicht länger als sicher gelten: Kägler stellt die Annahme in Frage, die bairischen Herzöge seien seit der Mitte des 6. Jahrhunderts stets Agilolfinger gewesen.
Mit Tassilo I. (591 bis 610) tritt ein Sohn Garibalds auf, den Childebert II. als rex eingesetzt haben soll. Sein Sohn Garibald II. unterlag den Slawen bei Aguntum (Lienz), wie Paulus Diaconus (IV,39) schreibt. Wer von diesen Herzögen historisch fassbar ist und in welcher Reihenfolge, gilt als unsicher; die deutsche Wikipedia führt frühere Herzöge namens Theodo (508 bis 565) ausdrücklich als wohl legendär.
Über die Zeit von etwa 610 bis 680 wissen wir wenig; die Herrscher dieser Zeit sind aus Rückschlüssen und vereinzelten fränkischen Erwähnungen erschlossen. Fredegar erzählt von einem Massaker: Der Frankenkönig Dagobert I. habe Bulgaren, die vor den Awaren flohen und zunächst Land erhielten, in einer Nacht niedermachen lassen; nach der englischen Wikipedia überlebten von 9.000 nur 700. Eine Studie ordnet den „bairischen Bulgarenmord“ in die Jahre 631/632 ein. Die Rolle der bairischen Herzöge ist daraus nicht ersichtlich.
Mit Theodo II. (um 680 bis 717, in der älteren Zählung auch Theodo V.) wird die Lage besser belegt. Er regiert das Herzogtum nach der deutschen Wikipedia fast wie ein unabhängiger Fürst. 715 (andere Darstellungen: 716) reist er nach Rom und verhandelt mit Papst Gregor II. über eine bairische Kirchenorganisation. Er teilt das Land unter seine Söhne Theudebert, Theudebald, Tassilo und Grimoald, mit Sitzen in Salzburg, Regensburg, Passau und Freising (die Zuordnung von Tassilo II. zu Passau ist unsicher). 725 setzt der fränkische Hausmeier Karl Martell Hugbert ein (Herzog von 724 bis 736).
Odilo, aus einer Nebenlinie der Agilolfinger (nach der deutschen Wikipedia Sohn Gotfrids aus dem alemannischen Zweig; ungeprüft), folgt 736. Er ordnet 739 gemeinsam mit Bonifatius die Bistümer Regensburg, Freising, Passau und Salzburg, behält aber das Kirchenregiment im Land. Als Karl Martell 741 stirbt, flieht seine Tochter Hiltrud zu Odilo, und beide heiraten; die genaue Abfolge von Heirat, Flucht und Geburt Tassilos ist in der Darstellung, die ich las, nicht eindeutig. 743 verliert Odilo eine Schlacht am Lech bei Epfach gegen Karlmann und Pippin; 744 bestätigt er im Frieden die fränkische Oberhoheit, behält aber das Herzogtum. Er stirbt am 18. Januar 748.
Nach Odilos Tod entführen Grifo, Halbbruder Pippins, und Graf Swidger Witwe und Sohn. Pippin siegt 749 und setzt den noch minderjährigen Tassilo ein (die Wikipedia nennt ihn siebenjährig, gibt aber „um 741“ als Geburtsjahr an; beides passt nur ungefähr). Zunächst führt Hiltrud die Vormundschaft, nach 754 Pippin. Mit 757 beginnt die eigene Herrschaft; in diesem Jahr leistet Tassilo in Compiègne Pippin und dessen Söhnen den Eid, den die fränkische Seite als Vasallenschaft las. Hier beginnen die Fragen, denn die Reichsannalen schildern 763, Tassilo habe ein fränkisches Heer in Aquitanien verlassen. Diese Darstellung entstand erst um 790 und wird, etwa von Matthias Becher („Eid und Herrschaft“, 1993), angezweifelt. 764 heiratete er Liutperga (auch Liutberga), die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius; 774 eroberte Karl das Langobardenreich, und Tassilo verlor seinen wichtigsten Rückhalt. Er gründete 777 Kremsmünster, unterwarf 772 die Karantanen (siehe Karantanen) und ließ seinen Sohn Theodo in Rom taufen.
787 degradierte Karl Tassilo zum Lehnsmann. 788 folgte in Ingelheim der Prozess: Die Reichsannalen beginnen den Bericht mit der Notiz, Karl habe in der genannten Pfalz Ingelheim eine Synode versammelt („Tunc domnus rex Carolus congregans synodum ad iamdictam villam Ingilenhaim“; ich sah nur den Anfang des Satzes). Das Urteil lautete zunächst auf Tod, dann auf Gnade und Kloster (Jumièges). Der Annalist macht Tassilo und Liutperga für Kämpfe mit den Awaren verantwortlich; die Forschung diskutiert außerdem die Verbindung zu den Langobarden und Karls Wunsch, ein Aufmarschgebiet für den Awarenfeldzug zu sichern. Beweise fehlen, die Annalen geben die Sicht der Sieger wieder. 794 musste Tassilo auf der Reichssynode von Frankfurt Reue bekennen und auf das Herzogtum verzichten. Er starb um 796; Ort und Datum sind unsicher, eine Grabinschrift in Lorsch nennt den 11. Dezember (überliefert über die Kremsmünster-Annalen und Georg Helwich, 1615). Das Stammesherzogtum war damit zu Ende. Ob das auch das Ende der Baiern als Gruppe war, ist eine andere Frage; der Name und die Mundart blieben.
Die Lex Baiuvariorum (Recht der Baiern) ist das älteste Rechtsbuch des Herzogtums und umfasst 23 Titel: Kirche und Klerus (Titel 1), der Herzog (2), die Adelsfamilien (3), Freie, Freigelassene und Unfreie (4 bis 6), danach Straf- und Privatrecht von Diebstahl und Brandstiftung bis zu Zeugen, Hunden, Habichten, Bienen und Schweinen. Die Hauptmasse sind festgelegte Geldbußen. Neben den Agilolfingern nennt Titel 3 fünf weitere Geschlechter: Huosi, Trozza (auch Drozza), Fagana, Hahilinga und Anniona. Sie könnten die Führungsschichten ehemaliger Gruppen gewesen sein; das ist eine Deutung. Romanen erhielten laut der deutschen Wikipedia kein eigenes Recht; das spricht für weitgehende Eingliederung, und lateinisch-romanische Personennamen blieben bis ins 8. Jahrhundert häufig.
Die Datierung ist umstritten. Genannt werden das 6. bis 8. Jahrhundert. Die verbreitete Ansicht verbindet die Aufzeichnung mit Abt Eberswind von Niederaltaich um 741/743 und Herzog Odilo (um 748); die englische Wikipedia rechnet aus der Abhängigkeit von der Lex Alamannorum und dem Aufstand von 743, die Fassung liege zwischen 743 und 749. Dass König Dagobert dem Buch die Endform gegeben habe, wird bezweifelt; als Entstehungsorte gelten Niederaltaich, St. Emmeram in Regensburg oder Freising. Teile stimmen mit der alamannischen Lex und mit dem westgotischen Recht Eurichs überein (zum Vergleich der Beitrag Germanische Stammesrechte); die englische Wikipedia nennt außerdem eine Nähe zum Thüringerrecht, was ich nicht geprüft habe. Die älteste Handschrift stammt von etwa 800 (Ingolstädter Handschrift), und das Buch soll bis 1180 gegolten haben. Eigene Schlussfolgerung: Als unveränderter Niederschlag eines „alten Volksrechts“ lässt sich das Buch nicht lesen, denn es enthält Fremdmaterial und wurde in einem christlichen Herzogtum aufgeschrieben.
Das gängige Bild: heidnische Baiern, bekehrt von Rupert, Emmeram und Korbinian, geordnet von Bonifatius. Die jüngere Forschung zweifelt daran. Roman Deutinger nennt die Missionsberichte des 7. und 8. Jahrhunderts ein „master narrative“; die Baiern seien im 6. Jahrhundert schon christlich gewesen, strittig sei nur die Qualität. Christian Later deutet die Kreuznadeln von Aschheim als lokale christliche Ausprägung, Brigitte Haas-Gebhard das Gräberfeld von Unterhaching (um 500) als Zeugnis einer hochrangigen, wahrscheinlich christlichen Gruppe. Die arianische Form des Christentums verbreitete sich von den Goten auf Nachbargruppen; Spuren sieht die deutsche Wikipedia etwa in den bairischen Wochentagsnamen Ertag (Dienstag) und Pfinztag (Donnerstag), die auf Griechisches zurückgehen. Irisch-schottische Mönche wirkten ab 615, Namen wie Eustasius, Agilus und Emmeram stehen dafür. Konkrete heidnische Kulte der Baiern sind in den Quellen, die ich sah, nicht beschrieben; die Annahme, unter christlichem Vorzeichen hätten sich außerchristliche Traditionen erhalten, bleibt eine Vermutung. Zu den Göttern der Germanen allgemein siehe Wodan, Donar und Ziu, zur Mission Christianisierung der Germanen.
Emmeram kam nach Arbeo, seinem einzigen Biografen, unter Herzog Theodo nach Regensburg. Arbeo nennt den 22. September 652; andere Darstellungen setzen 685, 692 oder um 715. Nach Arbeo übernahm Emmeram die Schuld an der Schwangerschaft der Herzogstochter Uta und wurde von ihrem Bruder Lantpert bei Kleinhelfendorf getötet. Eine anthropologische Untersuchung der Gebeine fand Spuren schwerer Misshandlung, was einen historischen Kern stützt; das Motiv bleibt unklar. Rupert, Bischof von Worms, wirkte auf Bitten Theodos in Regensburg, Lorch und Salzburg, gründete dort St. Peter und 711/12 Nonnberg; die von mir gelesene Fassung nennt 696 bis 718, eine abweichende Datierung kam darin nicht vor, die Lebenszeit ist aber in der Literatur zu prüfen. Bischof Virgil überführte seine Gebeine in den neuen Dom (774 oder 784). Korbinian, nach der Vita Arbeos (rund 50 Jahre danach geschrieben), kam um 720 auf Wunsch Herzog Grimoalds nach Freising und geriet in Streit über dessen Ehe mit Pilitrud, der Witwe seines Bruders; er starb an einem 8. September zwischen 724 und 730. Die Episode mit dem Bären, der sein Gepäck trägt, ist spätere Zutat aus einer Überarbeitung des 10. Jahrhunderts; sie ist Legende.
Das meiste, was wir über die Lebenswelt wissen, stammt aus Gräbern. Reihengräberfelder sind Friedhöfe mit in Reihen angelegten Gräbern, wie sie im Frühmittelalter in Süddeutschland üblich waren. Nach 530 änderte sich in bairischen Gräbern die Beigabenpraxis: Frauen wurden mit Schmuck bestattet, Männern legte man schon ab dem 5. Jahrhundert Waffen ins Grab, ein Brauch, der im Altsiedelland der Germanen nicht üblich war (deutsche Wikipedia). Das größte frühmittelalterliche Gräberfeld Süddeutschlands ist Altenerding, 1965 beim Bau entdeckt, 1966 bis 1969 und 1973 von Walter Sage ausgegraben; die Belegung begann vor 450 (Projektseite der Universität Bamberg). Zu Straubing, Unterhaching und Aschheim habe ich keine Zahlen gesehen. Zur Frauentracht nennt eine Darstellung Bügelfibeln und Perlenketten; zu Waffentypen habe ich nichts Belastbares gelesen und beschreibe sie deshalb nicht.
Zur Siedlung: Die römerzeitlichen Befunde deuten laut der deutschen Wikipedia auf ein dünn besiedeltes Land; ab der Mitte des 6. Jahrhunderts beginnt eine „Gründerzeit“, die die Siedlungslandschaft neu prägt. Ortsnamen auf -ing (Hof einer Sippe), -heim und -hofen und romanische Namen wie Marzoll und Gnigl zeugen davon. In Kirchheim steht ein rekonstruierter Hof der Merowingerzeit (so die bairische Wikipedia). Auffällig sind künstlich verformte Schädel, vor allem bei Frauen; Hakenbeck (2011) argumentiert, diese Frauen seien im Tod als Einheimische behandelt worden.
Zur Genetik: Veeramah und Kollegen (PNAS 2018) sequenzierten Erbgut von etwa 40 Menschen aus bairischen Gräbern um 500, nach der Pressemitteilung aus Altenerding und Straubing. Die Männer waren genetisch einheitlich und mit Mittel- und Nordeuropäern verwandt, die Frauen mit verformten Schädeln dagegen vielfältiger und dem heutigen Südosteuropa ähnlich, teils mit zentralasiatischem Anteil. Große römische Heeresanteile fand die Studie nicht; keltische und römische Anteile brauchen nach den Autoren weitere Untersuchung. Meine Einordnung: Die Stichprobe ist klein, die Gräber stammen aus der Zeit vor dem Herzogtum, und die Daten sagen nichts darüber, wer sich „Baiuvarii“ nannte. Die Studie selbst habe ich nicht im Volltext gesehen.
Ein direkter Bezug der Baiern zu Aachen ist nicht belegt. Der Prozess gegen Tassilo fand 788 in Ingelheim statt, einer Pfalz in Rheinhessen, nicht in Aachen; Aachen kommt in den Quellen, die ich gesehen habe, in der Tassilo-Geschichte nicht als Verhandlungsort vor. Eine Verbindung liegt im Familiären: Tassilo war ein Vetter Karls des Großen, denn seine Mutter Hiltrud war eine Tochter Karl Martells, also eine Schwester von Karls Vater Pippin. Der Tassilokelch, ein vergoldeter Kupferkelch aus dem Stift Kremsmünster (Inschrift „TASSILO DVX FORTIS + LIVTPIRC VIRGA REGALIS“), war 2014 in Aachen zu sehen, das erste Mal seit 1946 außerhalb Österreichs (deutsche Wikipedia; die Ausstellung habe ich nicht eingeordnet). Über die Franken in der Region lesen Sie Franken, über das Rheinland Germanen im Rheinland und über die Schlacht, in der Alamannen und Franken aufeinandertrafen, Zülpich.
Die Boier-Legende ist die zähste: Jonas von Bobbio setzte um 640 Boier und Baiern gleich, der Gedanke prägte das Geschichtsbild bis ins frühe 19. Jahrhundert, Johannes Aventinus trug ihn in die Neuzeit. Der Namensanklang ist wahrscheinlich, eine Abstammung ist nicht belegt. Die Herkunftssage aus Armenien (Veit Arnpeck, 15. Jahrhundert) ist keine historische Quelle; die Stammessage des 12. Jahrhunderts hält Alheydis Plassmann für die Frühzeit für unbrauchbar. Zur heutigen Bayern-Identität habe ich nichts gelesen und treffe dazu keine Aussage. Zur Methode, Legenden zu prüfen, siehe Legendenkunde; zu den Kelten Kelten.
Die Herkunft. Wie viele Menschen zuwanderten, aus welchen Räumen und wann, ist nicht geklärt.
Der Name. Ob „Baiovarii“ „Männer aus Böhmen“, „Männer des Heeres“ oder etwas Drittes heißt, entscheiden die Quellen nicht.
Garibald. Wer ihn wann einsetzte und ob die frühen Herzöge Agilolfinger waren, ist strittig.
Die Lex. Datum, Ort und Verfasser sind offen.
Tassilos Sturz. Wie viel am Eidbruch von 763 und an den Awarenkontakten dran war, wissen wir nur aus der Sicht der Sieger.
Verwandte Beiträge: Alemannen, Franken, Langobarden, Thüringer, Markomannen, Boier, Quaden, Sachsen, Karantanen, Noriker, Juthungen, Ostgoten, Germanen im Rheinland und Zülpich.

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