Wenn die Welt untergeht, kommt ein Schiff über die Flut, gebaut aus den ungeschnittenen Nägeln der Toten. So erzählt es Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert, und er hängt eine merkwürdig praktische Mahnung daran: Wer einen Menschen mit ungeschnittenen Nägeln sterben lässt, liefert Baustoff für das Schiff des Weltendes. Das ältere Lied Völuspá nennt Naglfar nur in einem Halbvers, und schon dort stellen sich Fragen: Wer steuert, der Riese Hrymr oder Loki? Woher kommt das Schiff? Und bedeutet der Name überhaupt „Nagelschiff“? Dieser Beitrag legt die Stellen nebeneinander, sortiert die Forschung zur Etymologie und vergleicht das Mythenschiff mit den Schiffen, die tatsächlich in wikingerzeitlichen Gräbern lagen, mit ihren Tausenden eisernen Nieten.
Naglfar, altnordisch auch Naglfari, ist in der nordischen Mythologie das Schiff, das bei Ragnarök die Feinde der Götter zur letzten Schlacht trägt. Ragnarök (wörtlich etwa „Schicksal der Götter“) ist das Weltende der eddischen Überlieferung: Götter und Riesen kämpfen gegeneinander, die meisten fallen, die Erde versinkt im Meer und taucht danach neu auf. Naglfar ist darin ein Nebendarsteller, aber kein anderes Schiff der Mythologie hat ein so verstörendes Baumaterial.
Unsere Kenntnis stützt sich auf sehr wenige Stellen. Das Lied Völuspá („Weissagung der Seherin“), überliefert vor allem im Codex Regius aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, erwähnt das Schiff mit zwei Wörtern: „Naglfar losnar“, Naglfar wird los. Alles Weitere, der Stoff aus Totennägeln, die Mahnung an die Lebenden und der Riese Hrymr als Steuermann, steht in der Gylfaginning, dem ersten erzählenden Teil der Prosa-Edda von Snorri Sturluson, entstanden um 1220. Dazu kommen ein weiterer Satz der Gylfaginning und ein Eintrag in einer Namensliste. Wer über Naglfar schreibt, schreibt also im Wesentlichen über Snorri und über eine einzige Strophe.
In der Völuspá beschreibt die Seherin den Weltuntergang in rascher Folge von Bildern. In der gängigen Zählung nach der Ausgabe von Gustav Neckel sind es die Strophen 50 und 51; Karl Simrock zählt in seiner Übersetzung von 1851 eine Strophe weniger, bei ihm stehen sie als 49 und 50. Strophe 50 beginnt mit „Hrýmr ekr austan, hefiz lind fyrir“: Hrymr kommt (wörtlich „fährt“) von Osten und hebt den Schild, eigentlich den Lindenholzschild, vor sich. Die Weltschlange Jörmungandr windet sich im Riesenzorn, sie peitscht die Wellen, ein Adler schreit und zerreißt Leichen. Dann der Halbvers „Naglfar losnar“.
Die folgende Strophe 51 setzt neu ein: „Kióll ferr austan“, ein Kiel, also ein Schiff, fährt von Osten. „Muspells Leute“ kommen über das Meer, „en Loki stýrir“, und Loki steuert. Mit ihnen ziehen „die Söhne des Ungeheuers“ (fífl, ein Wort für Riesen und Unholde), alle mit dem Wolf, und „der Bruder des Býleiptr“, eine umschreibende Bezeichnung für Loki selbst. Muspell steht für Feuer und Süden, bei Snorri die Feuerwelt Muspelheim des Surtr.
Schon an dieser Stelle zeigt sich ein Problem, das alle späteren Deutungen beschäftigt. Die Völuspá sagt nicht ausdrücklich, dass der Kiel aus Strophe 51 Naglfar ist. Sie sagt auch nicht, dass Hrymr auf Naglfar steht. Hrymr „fährt“ (aka, oft vom Fahren mit dem Wagen gebraucht), Naglfar „wird los“, ohne dass jemand an Bord genannt wird, und Loki steuert ein Schiff mit Muspells Leuten. Ob das drei Ansichten derselben Szene sind oder zwei Schiffe und ein Riese, der zu Fuß oder zu Wagen kommt, lässt der Text offen.
Ein Detail aus Strophe 50 verdient Aufmerksamkeit, weil es später in der Namensdiskussion eine Rolle spielt: Unmittelbar vor „Naglfar losnar“ zerreißt der Adler die Toten, im Altnordischen steht dort eine Form von nár, „Leiche“. Simrock übersetzt die Zeile mit „Leichen zerreißt er“. Ob der Dichter mit dem Gleichklang von nár und Naglfar spielte, lässt sich nicht beweisen. Bemerkt hat man es.
Snorri lässt in der Gylfaginning die Figur Hár („der Hohe“) dem fragenden König Gangleri das Weltende erklären. Die Kapitelzählung schwankt: Viele Übersetzungen zählen 51, Bruce Lincoln zitiert die Stelle als Kapitel 55. Der Ablauf ist klar: Die Erde und die Berge beben, Bäume reißen aus dem Boden, „alle Fesseln und Bande brechen und reißen“. Der Fenriswolf kommt frei. Das Meer überflutet das Land, weil die Midgardschlange sich im Riesenzorn wälzt und an Land drängt. Dann heißt es: „Þá verðr ok þat, at Naglfar losnar, skip þat, er svá heitir“, dann geschieht auch dies, dass Naglfar los wird, das Schiff, das so heißt.
Es folgt die Erklärung, die das Schiff berühmt gemacht hat: „Þat er gert af nöglum dauðra manna“, es ist aus den Nägeln toter Menschen gemacht. Und gleich darauf die Mahnung, sinngemäß: Deshalb sei es der Warnung wert, dass jemand, der mit ungeschnittenen Nägeln stirbt, viel Baustoff zu diesem Schiff beiträgt, von dem Götter und Menschen wünschten, es werde spät fertig. Danach kehrt Snorri zur Handlung zurück: In dieser Meeresflut treibe Naglfar, und „Hrymr heitir jötunn, er stýrir Naglfari“, Hrymr heißt der Riese, der Naglfar steuert.
Wenig später versammeln sich die Feinde der Götter auf dem Feld Vígríðr, das nach Snorri hundert Rasten (eine alte Wegstrecke) in jede Richtung misst. Dort sind Loki und Hrymr, mit Hrymr kommen „alle Reifriesen“ (hrímþursar), Loki folgen „alle Leute der Hel“. Die Söhne Muspells bilden eine eigene, leuchtende Schar; sie reiten über die Brücke Bifröst, die unter ihnen bricht. Snorri hat damit die Rollen sauber verteilt: Das Schiff gehört zu Hrymr und den Riesen, Loki führt die Toten der Hel, die Muspellssöhne kommen geritten.
Eine zweite Stelle der Gylfaginning ergänzt das Bild. Im Gespräch über das zauberkräftige Schiff Skíðblaðnir, das dem Gott Freyr gehört und sich wie ein Tuch zusammenfalten lässt, sagt Hár: Skíðblaðnir sei das beste Schiff und mit der größten Kunstfertigkeit gemacht, „en Naglfar er mest skip. Þat á Múspell“, Naglfar aber sei das größte Schiff, und es gehöre Muspell. (Mehr zu Freyrs Schiff unter Kleinode der Edda.) Hier gehört das Schiff Muspell, im Ragnarök-Kapitel steuert es Hrymr, und die Muspellssöhne reiten. Ganz widerspruchsfrei ist also auch Snorri nicht.
In vielen Nacherzählungen steuert Loki Naglfar, in anderen Hrymr. Beides lässt sich auf die Quellen zurückführen, aber keine Quelle sagt beides zugleich. Die Völuspá nennt Loki als Steuermann eines Kiels mit Muspells Leuten. Snorri nennt Hrymr als Steuermann von Naglfar. Er zitiert die Völuspá-Strophen in seinem Ragnarök-Kapitel sogar, löst den Widerspruch aber nicht auf, sondern ordnet stillschweigend neu.
Für diese Neuordnung gibt es zwei mögliche Erklärungen, und beide sind Vermutung. Snorri könnte die Strophen so verstanden haben, dass Hrymr und Naglfar in Strophe 50 zusammengehören, weil sie in derselben Strophe stehen, und der Kiel in Strophe 51 ein zweites Schiff ist. Oder er kannte eine andere Überlieferung, die heute verloren ist. Welche Fassungen und welches mündliche Wissen Snorri im Einzelnen nutzte, lässt sich nicht eindeutig belegen.
Wer Hrymr ist, bleibt ohnehin blass. Außer in diesen beiden Zusammenhängen tritt er nicht auf. Der Name wird meist mit Wörtern für Gebrechlichkeit oder Altersschwäche zusammengebracht, aber auch diese Deutung ist nicht gesichert. Bei Snorri führt er die Reifriesen an (mehr unter Riesen); Lokis Rolle beim Weltende behandelt der Beitrag über Loki.
Für Naglfar selbst ergibt sich ein nüchterner Befund: Ein Steuermann wird nur in Snorris Prosa genannt, und dort ist es Hrymr. Dass Loki Naglfar steuert, ist eine verbreitete moderne Zusammenführung, die den Kiel aus Strophe 51 mit Naglfar aus Strophe 50 gleichsetzt. Möglich, aber Deutung.
Ein weiterer Punkt verwirrt Leser, die mehrere Übersetzungen nebeneinander legen. In der Ausgabe von Neckel heißt es in beiden Strophen „austan“, von Osten. Henry Adams Bellows übersetzt 1923 Strophe 51 aber mit „O’er the sea from the north there sails a ship / With the people of Hel“, also von Norden und mit den Leuten der Hel statt Muspells. Lee M. Hollander lässt das Schiff in seiner Übersetzung von 1928 ebenfalls aus dem Norden kommen, und auch bei ihm sind es Scharen aus der Hel.
Solche Abweichungen sind keine Lesarten, die man in der Handschrift nachschlagen könnte, sondern Eingriffe von Herausgebern und Übersetzern. Der Gedanke dahinter: Hel, das Totenreich, liegt in der Vorstellung der Edda im Norden und unten, Muspell im Süden. Wer den Text glättet, verschiebt Himmelsrichtung und Volk; die Handschrift bietet diese Glättung nicht. Für die Frage nach Naglfar folgt daraus, dass Aussagen wie „Naglfar kommt aus dem Norden aus dem Reich der Hel“ auf einer emendierten, also verbesserten Textfassung beruhen. Mehr zum Totenreich findet sich in den Beiträgen über Hel und Helheim.
Hrym fährt von Osten und hebt den Schild, Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe.
Der Wurm schlägt die Flut, der Adler facht, Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.Völuspá, Str. 49 in Simrocks Zählung (Neckel: Str. 50), Übersetzung Karl Simrock, Die Edda (1851, hier nach der Ausgabe bei Projekt Gutenberg); Wortlaut in zwei Teilen über ein Abrufwerkzeug gelesen, Zeilenumbrüche innerhalb der Teile nicht geprüft
Auf den ersten Blick ist der Name durchsichtig. Altnordisch nagl heißt „Finger- oder Zehennagel“, far bedeutet „Fahrt, Fahrzeug, Schiff“. Naglfar wäre dann das „Nagelschiff“, und Snorris Erklärung mit den Nägeln der Toten läge auf der Hand. Gerade das macht misstrauisch.
Der schwedische Sprachwissenschaftler Adolf Noreen schlug Ende des 19. Jahrhunderts vor, das erste Glied gehöre nicht zu nagl, sondern zu einer Wortfamilie für „Leiche, Tod“, zu der altnordisch nár, gotisch naus „Toter“ und griechisch nékys „Leiche“ gehören. Naglfar wäre ursprünglich das „Totenschiff“ gewesen, und die Nägel wären eine nachträgliche Erklärung, eine Volksetymologie: Man verstand einen unverständlich gewordenen Namen neu und erfand eine Geschichte dazu. Jan de Vries hat diese Deutung in seiner „Altgermanischen Religionsgeschichte“ übernommen. Rudolf Simek schreibt in seinem Lexikon der germanischen Mythologie, die Deutung als „Nagelschiff“ sei sicher eine Volksetymologie, und stellt das Totenschiff als wahrscheinlicher hin.
Die Gegenposition ist ebenso gut begründet. Sigmund Feist (1909) und Albert Morley Sturtevant (1951) wandten sprachliche Bedenken ein; Sturtevant wies darauf hin, dass nár in Zusammensetzungen als ná- erscheint, nicht als nagl-. Der Religionshistoriker Bruce Lincoln folgte ihm 1977 in einem Aufsatz über die Behandlung von Haaren und Nägeln bei den Indogermanen und schrieb, es gebe keinerlei Grund zu bestreiten, dass nagl- hier seine gewöhnliche Bedeutung „Nagel“ habe.
Die Frage ist nicht entschieden. Für „Totenschiff“ spricht, dass es inhaltlich passt und die Nagelgeschichte sehr nach nachträglicher Erklärung klingt. Gegen „Totenschiff“ spricht, dass die lautliche Herleitung nicht glatt aufgeht. Eine dritte Überlegung findet sich in populären Darstellungen und auch auf dieser Seite im Beitrag über Ragnarök: Neben nagl („Fingernagel“) gibt es nagli („Nagel, Stift“ aus Metall oder Holz). Ein „Nagelschiff“ könnte demnach einfach ein genageltes Schiff sein. Diese Idee ist anschaulich, in der Fachliteratur, die ich einsehen konnte, aber nicht als ausgearbeitete Etymologie vertreten. Sie bleibt eine Möglichkeit, keine Erklärung.
Lincoln stellt außerdem Snorris Mahnung neben einen Abschnitt aus dem Vīdēvdād, einem Text der zoroastrischen Überlieferung im Avestischen. Dort wird gewarnt, dass aus achtlos weggeworfenen Haaren und Nägeln schädliche Wesen entstehen. Lincoln hält den Abschnitt über die Nägel für einen jüngeren Zusatz, die Grundformel aber für alt. Daraus schließt er, dass die Vorstellung, falsch beseitigte Haare und Nägel bedrohten die Ordnung der Welt, bis in eine gemeinsame indogermanische Vorzeit zurückreichen könnte.
Das Bild des Nagelschiffs selbst hält Lincoln für eine eigene germanische Ausprägung. Für die Behauptung, der Glaube an ein Nagelschiff sei in ganz Skandinavien gut bezeugt, verweist er auf Axel Olriks Buch über Ragnarök (deutsche Ausgabe 1922) und auf einen Aufsatz von Kaarle Krohn aus dem Jahr 1912. Konkrete Volksüberlieferungen aus Skandinavien nennt er im Aufsatz selbst nicht; seine Beispiele für Nagelbräuche aus jüngerer Zeit stammen aus deutschen Sammlungen des 19. Jahrhunderts. Ob das eigenständige Überlieferung ist oder ein Nachklang gelehrter Edda-Lektüre, lässt sich nicht eindeutig belegen; der Weg von einem Brauch des 19. Jahrhunderts zurück in die Wikingerzeit ist weit.
Jacob Grimm las das Motiv in seiner „Deutschen Mythologie“ anders: Das Schiff aus so winzigem Material zeige vor allem, wie lange es bis zum Weltende dauern wird. Snorri dagegen legt den Ton auf den Aufschub: Je weniger Nägel ins Schiff gehen, desto später ist es fertig. Beide Lesarten sind Deutungen eines einzigen Satzes.
Wer im Register einer Edda-Ausgabe nachschlägt, stößt auf einen zweiten Träger fast desselben Namens. In der Gylfaginning erzählt Snorri von der Riesin Nótt, der personifizierten Nacht, die nacheinander drei Männer hat. Der erste heißt Naglfari, mit ihm hat sie einen Sohn namens Auðr. Mit dem Schiff hat diese Gestalt nach allem, was der Text sagt, nichts zu tun. Simek vermutet, Snorri habe den Namen erfunden; warum, ist unklar.
Hinzu kommt, dass die Handschriften der Prosa-Edda das Schiff selbst teils Naglfar, teils Naglfari nennen. In den Namenslisten, den sogenannten þulur am Ende der Skáldskaparmál, dem dichtungskundlichen Teil der Prosa-Edda, erscheint Naglfari unter den Wörtern für „Schiff“. Diese Listen sind wahrscheinlich ein späterer Zusatz zu Snorris Werk und stehen nicht in allen Handschriften. Sie zeigen nur, dass der Name Dichtern als Wort für „Schiff“ zur Verfügung stand.
Gibt es Naglfar außerhalb der Bücher? Gelegentlich wird der Runenstein von Tullstorp in Schonen genannt, in der Runendatenbank als DR 271 geführt und um das Jahr 1000 datiert. Die Inschrift ist unspektakulär: Kleppir (oder Glippir) und Ása errichteten diese Denkmäler zum Gedenken an Ulfr. Spektakulär ist das Bild. Es zeigt ein Schiff mit Tierköpfen an beiden Enden, das keinem bekannten Wikingerschiff gleicht, und daneben ein großes vierbeiniges Tier mit Mähne und spitzen Ohren.
Manche lesen die Szene als Ragnarök: das Tier als Fenrir, das Schiff als Naglfar. Ebenso gut lässt sich das Tier als Bild zum Namen des Toten verstehen, denn Ulfr heißt „Wolf“. Eine Beischrift, die das Bild erklärt, gibt es nicht. Die Deutung als Naglfar ist eine interessante Hypothese, mehr nicht. Ein sicherer bildlicher Beleg für Naglfar aus der Wikingerzeit ist mir nicht bekannt.
Naglfar ist ein Schiff der Toten. Die Wikingerzeit kannte Schiffe für Tote ganz real, und es liegt nahe, beide nebeneinanderzustellen, solange man sie nicht verwechselt. Schiffsgräber sind archäologisch gut belegt; einen Überblick gibt der Beitrag über die Bootsbestattung.
Das Oseberg-Schiff im Vestfold wurde nach der Jahrringdatierung der Grabkammer im Jahr 834 in einem Hügel beigesetzt, mit zwei Frauen und reicher Ausstattung. Das Gokstad-Schiff, ebenfalls im Vestfold, kam um 900 bis 905 unter die Erde, ein rund 23 Meter langes, seetüchtiges Fahrzeug mit einem Mann in einer hölzernen Grabkammer. Beide Schiffe sind in Klinkerbauweise gebaut: Die Planken überlappen sich wie Dachziegel und werden mit eisernen Nieten verbunden. Ein großes Schiff brauchte Tausende solcher Niete. Mehr zur Technik steht im Beitrag über den Schiffbau der Wikinger und über die Langschiffe.
In Ladby auf Fünen ist das Holz des Schiffes vergangen. Erhalten sind der Abdruck im Boden und das Eisen: Das Wikingermuseum Ladby spricht von über 2.000 Nägeln und Bolzen, die den Rumpf zusammenhielten, dazu Anker und Ankerkette am Bug. Das Schiff war etwa 22 Meter lang und rund drei Meter breit, die Bestattung wird um 925 angesetzt. Im Grab lagen elf Pferde und mehrere Hunde.
Diese Gegenüberstellung ist reizvoll: Ein Totenschiff, das aus Nägeln besteht, und echte Totenschiffe, von denen am Ende nur die Nägel übrig bleiben. Sie ist aber eine moderne Beobachtung. Keine Quelle verbindet Naglfar mit Schiffsbestattungen, und kein Grabfund lässt sich als Hinweis auf die Vorstellung von Naglfar deuten. Das Mythenschiff bringt die Toten nicht ins Jenseits, sondern aus dem Jenseits zurück in die Welt, zum Kampf gegen die Götter. Der Gegensatz zu Baldrs Bestattungsschiff Hringhorni, auf dem der tote Gott verbrannt wird, ist in der Mythologie selbst deutlicher als jede Verbindung zu archäologischen Funden.
Snorris Satz wird oft so wiedergegeben, als beschreibe er einen Bestattungsbrauch der Wikingerzeit: Man habe den Toten die Nägel geschnitten, um Ragnarök hinauszuzögern. Das steht so nicht im Text. Snorri formuliert eine Warnung, keinen Bericht über eine Praxis. Er sagt, es sei der Warnung wert, dass ein Toter mit ungeschnittenen Nägeln Baustoff liefere. Ob jemand diese Warnung je befolgt hat, sagt er nicht.
Archäologisch ist ein solcher Brauch nicht nachweisbar, und das liegt in der Natur der Sache. Nägel sind in den meisten Gräbern nicht erhalten, in Brandgräbern ohnehin nicht, und selbst bei gut erhaltenen Körpern ließe sich kaum feststellen, ob die Nägel kurz vor oder nach dem Tod geschnitten wurden.
Auch die Herkunft des Satzes ist offen. Snorri schrieb als Christ rund zweihundert Jahre nach der Bekehrung Islands. Die Mahnung kann eine alte Volksüberzeugung wiedergeben, die er aufgriff. Sie kann ebenso eine Erläuterung sein, die er selbst aus dem Namen Naglfar herausgesponnen hat. Was sich über den Umgang mit Verstorbenen tatsächlich sagen lässt, behandeln die Beiträge über die Totenehrung und über die Wiedergänger, die Draugar.
Seit dem 19. Jahrhundert ist Naglfar ein Motiv für Illustratoren. Der Zeichner Louis Moe etwa widmete dem Schiff in seinem Bildzyklus „Ragnarok“ (1929) ein eigenes Blatt. Solche Bilder geben dem Schiff Gestalt, Mannschaft und Stimmung, die in den Quellen nicht beschrieben sind.
In der Musik trägt eine schwedische Band den Namen: Naglfar, 1992 in Umeå gegründet, zunächst unter dem Namen Uninterred, ist eine Melodic-Black-Metal-Gruppe, deren erstes Album „Vittra“ 1995 erschien.
Auch Spiele und Romane haben das Schiff aufgenommen. In „The Witcher 3: Wild Hunt“ (2015) ist Naglfar das Schiff, mit dem die Wilde Jagd zwischen den Welten reist, eine freie Umdeutung ohne Ragnarök. In der Erweiterung „Legion“ von „World of Warcraft“ (2016) kommt das Schiff in einem Dungeon vor, in dem die Spieler gegen eine Herrin der Toten namens Helya kämpfen. Rick Riordan machte in seinem Jugendbuch „The Ship of the Dead“ (2017, deutsch „Das Schiff der Toten“) die Fahrt von Naglfar zum Kern der Handlung. Das sind Neuschöpfungen, keine Quellen.
Liest man Snorris Kapitel als Ganzes, fällt auf, wie sehr Naglfar in eine Reihe von Lösungen gehört. Erst brechen alle Fesseln, dann kommt der Fenriswolf frei, dann steigt das Meer, dann wird Naglfar los. Das Schiff ist, wie Wolf und Loki, etwas Gebundenes, das am Ende freikommt. Ob es vorher vertäut, eingefroren oder im Bau gedacht war, sagt kein Text. Die Bildlogik ist trotzdem deutlich: Die Welt der Götter hält ihre Gegner in Fesseln, und Ragnarök beginnt, wenn diese Fesseln nicht mehr halten.
Dazu passt die Mahnung. Wer einem Toten die Nägel schneidet, hilft nach Snorri, das Ende hinauszuschieben, und Götter und Menschen wünschen beide, dass das Schiff spät fertig werde. Die Warnung macht aus dem Weltende eine Sache, an der jeder Mensch einen winzigen Anteil hat. Vermutlich verdankt Naglfar dieser Wendung ins Alltägliche seine Bekanntheit. Was danach kommt, die neue Erde und die Rückkehr einiger Götter, beschreibt der Beitrag Nach Ragnarök; was davor kommt, der lange Winter, steht unter Fimbulwinter.
Was ist Naglfar? Ein Schiff der nordischen Mythologie, das bei Ragnarök freikommt und die Feinde der Götter zur letzten Schlacht trägt. Nach Snorri ist es aus den Nägeln der Toten gebaut und das größte aller Schiffe.
Wer steuert Naglfar? Nach Snorris Gylfaginning der Riese Hrymr. Die Völuspá nennt Loki als Steuermann eines Schiffs mit Muspells Leuten, sagt aber nicht, dass dieses Schiff Naglfar ist.
Warum soll man Toten die Nägel schneiden? Snorri warnt, wer mit ungeschnittenen Nägeln sterbe, liefere Baustoff für Naglfar, das Götter und Menschen möglichst spät fertig sehen wollen. Ob es diesen Brauch tatsächlich gab, ist nicht belegt.
Was bedeutet der Name Naglfar? Wörtlich naheliegend ist „Nagelschiff“. Ein Teil der Forschung, darunter de Vries und Simek, hält das für eine Volksetymologie und deutet den Namen als „Totenschiff“; andere, etwa Lincoln, verteidigen die Bedeutung „Nagel“.
Gibt es archäologische Funde zu Naglfar? Nein. Schiffsgräber wie Oseberg, Gokstad und Ladby belegen echte Bestattungen in Schiffen, haben aber keinen nachweisbaren Bezug zu Naglfar. Das Schiffsbild von Tullstorp als Naglfar zu lesen, ist eine Hypothese.

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