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Norsemen im Faktencheck: Was hinter den Gags über Sklaven, Thing, Opfer und Badetage steckt

Geschichte & Funde Norsemen im Faktencheck: Was hinter den Gags über Sklaven, Thing, Opfer und Badetage steckt

Ein Häuptling, der seine Raubzüge wie Quartalsziele bespricht, ein Sklave, der lieber Sklave bleibt, und ein römischer Schauspieler, der einem norwegischen Dorf Kultur beibringen will: „Norsemen“, im Original „Vikingane“, lebt vom Zusammenprall zwischen Wikingerklischee und moderner Gesprächskultur. Die Serie will keine Geschichtsstunde sein. Trotzdem steckt in vielen Witzen ein wahrer Kern, und an anderen Stellen dreht sie die Geschichte bewusst auf links. Dieser Beitrag nimmt die wiederkehrenden Gags beim Wort und legt daneben, was Rechtsbücher, Augenzeugenberichte, Sagas und Ausgrabungen tatsächlich hergeben – mit dem gebotenen Ernst, aber ohne den Spaß zu verderben.

Eine Comedy aus Norwegen, zweimal gedreht

„Vikingane“, wörtlich „Die Wikinger“, ist eine norwegische Comedyserie, die Jon Iver Helgaker und Jonas Torgersen geschrieben und auch selbst inszeniert haben. Produziert hat sie die Firma Viafilm für den öffentlich-rechtlichen Sender NRK. Die erste Staffel lief im Herbst 2016 auf NRK1, die zweite im Herbst 2017, die dritte im Frühjahr 2020. Jede Staffel hat sechs Folgen von etwa einer halben Stunde, zusammen also 18. Die dritte Staffel ist ein Prequel: Sie erzählt die Vorgeschichte der ersten und wird deshalb gelegentlich als „Staffel 0“ bezeichnet. Eine vierte Staffel kam nicht zustande.

Die Besonderheit liegt in der Produktion: Jede Szene wurde zweimal gedreht, auf Norwegisch und auf Englisch, mit denselben Darstellern. Die englische Fassung lief ab 2017 international bei Netflix als „Norsemen“. Der skandinavische Akzent ist also kein Synchronfehler, sondern Absicht.

Gedreht wurde in Avaldsnes auf der Insel Karmøy in Rogaland. Der Ort gilt als alter Machtsitz am „Nordweg“, der Seestraße, die dem Land den Namen gegeben haben soll; dort fanden Archäologen reiche Gräber, und spätere Sagas verbinden ihn mit Harald Schönhaar. Die Kulisse steht also auf echtem wikingerzeitlichem Boden.

Im Zentrum steht das fiktive Dorf Norheim. Häuptling Olav kehrt in der ersten Folge von einem Raubzug zurück und bringt den römischen Sklaven Rufus mit. Sein Bruder Orm, feige und künstlerisch ambitioniert, wartet auf seine Chance; Arvid ist der erfahrene Krieger, der lieber Bauer wäre, Frøya die Schildmaid, Kark der Sklave mit wenig Freiheitsdrang, Jarl Varg der gefürchtete Oberherr. Der Witz liegt im Tonfall: Brutale Dinge werden in der Sprache von Teamsitzungen und Mitarbeitergesprächen besprochen. „The Guardian“ nannte das „Monty Python trifft Game of Thrones“.

Norheim um 790: Zeit und Ort

Die Serie spielt um das Jahr 790. Das ist nicht beliebig gewählt, sondern ziemlich genau der Moment, in dem die Wikingerzeit nach gängiger Zählung beginnt. Die bekannteste Wegmarke ist der Überfall auf das Kloster Lindisfarne im Jahr 793. Noch etwas früher, in den Jahren um 789, berichtet die Angelsächsische Chronik von drei Schiffen, die bei Portland an der Südküste Englands landeten; ihre Besatzung erschlug den königlichen Vogt, der sie zum Königshof bringen wollte. Einige Handschriften der Chronik nennen als Herkunft der Männer „Hæreðaland“, was meist als Hordaland gedeutet wird, die Landschaft nördlich von Rogaland. Ob das schon in der ursprünglichen Fassung stand oder später ergänzt wurde, ist nicht sicher.

Wenn Olav in der Serie einen Seeweg nach Westen kennt, steckt darin ein echter Gedanke: Um 790 war die Westfahrt über die Nordsee neu und lohnend. Die Karte, um die sich alles dreht, ist Erfindung. Gezeichnete Seekarten sind aus der Wikingerzeit nicht überliefert; man navigierte nach Küsten, Sonne, Wind, Vögeln und mündlich weitergegebenem Wissen.

Auch das Kriegsziel am Ende der zweiten Staffel verdient einen Blick. Dort zieht das Dorf nach England, um sich dort niederzulassen. Für die 790er Jahre ist das zu früh. Die frühen Fahrten waren Plünderungszüge mit Rückkehr. Dauerhafte skandinavische Ansiedlung in England beginnt nach der Ankunft des sogenannten Großen Heeres 865, die ersten Landverteilungen nennt die Chronik für 876. Zwischen Norheims Auswanderung und der historischen Landnahme liegen also gut achtzig Jahre.

Häuptling, Jarl und die Frage, wer das Sagen hat

In „Norsemen“ wechselt die Macht im Dorf, wie in Seifenopern die Ehepartner, und über allen thront Jarl Varg. Diese Pyramide ist grob nicht falsch. Norwegen war um 790 kein Königreich, sondern ein Flickenteppich von Herrschaften mächtiger Familien. Ein jarl war ein hochrangiger Herr mit eigenem Machtgebiet; wie die Lade-Jarle im Trøndelag zeigen, konnten Jarle mächtiger sein als manche Könige.

Was die Serie nicht trifft, ist die Mechanik der Macht. Ein Häuptling, altnordisch etwa hǫfðingi, hatte kein Amt, das nach seinem Tod neu besetzt wurde. Macht hing an Besitz, Verwandtschaft, Freigebigkeit und an der Zahl der Gefolgsleute. Mord an einem Rivalen kam vor, löste aber Rachepflichten der Verwandten aus und machte den Täter selten einfach zum Nachfolger.

Spätere Quellen lassen Könige auf großen Thingversammlungen „annehmen“; Snorri Sturluson erzählt im 13. Jahrhundert so von Hákon dem Guten. Wie ein Dorfhäuptling um 790 zu seiner Stellung kam, dazu gibt es keine zeitgenössische Quelle. Das lässt sich nicht eindeutig belegen, und genau in diese Lücke setzt die Serie ihre Intrigen.

Das Thing: Abstimmung mit Waffenklang

Zu den wiederkehrenden Motiven gehören Dorfversammlungen, die über Dinge abstimmen, die man besser nicht abstimmt, und ein Gesetzessprecher, der in der zweiten Staffel zwei Hauptfiguren zu Sklaven erklärt. Das Vorbild ist das Thing, die Versammlung der freien Männer, auf der Streit verhandelt und Recht gesprochen wurde. Das Wort lebt im norwegischen Storting und im isländischen Alþingi fort.

Abstimmungen mit Handzeichen und ausgezählter Mehrheit sind für die Wikingerzeit kaum zu fassen. Spätere Quellen nennen das vápnatak, das Waffenschlagen, mit dem die Versammelten zustimmten; das Wort steckt im englischen wapentake. Entscheidungen fielen eher durch die Zustimmung der Mächtigen und lauten Beifall. Eine brüllend zustimmende Dorfversammlung ist also gar nicht so weit weg von den Quellen.

Der Gesetzessprecher, altnordisch lǫgsǫgumaðr, ist vor allem eine isländische Einrichtung des Allthings, das nach der Überlieferung um 930 begründet wurde. Die großen norwegischen Thinge wie das Gulathing, zu dessen Bereich Rogaland gehörte, kennen wir erst aus Rechtsbüchern des 12. und 13. Jahrhunderts. Ein amtlicher Gesetzessprecher in einem Dorf von 790 ist eine Rückprojektion. Mehr dazu im Beitrag über das Recht der Wikinger.

Ein Urteil aus der Serie trifft dagegen einen Kern: Arvid wird in der zweiten Staffel für vogelfrei erklärt. Die Ächtung, isländisch skóggangr, „Waldgang“, war die schwerste Strafe, die das nordische Recht kannte. Wer geächtet war, verlor jeden Rechtsschutz; jeder durfte ihn töten, und wer ihm half, machte sich strafbar. Gefängnisse gab es nicht. Ein Gemeinwesen ohne Polizei setzte sein Recht durch, indem es den Täter aus der Gemeinschaft hinausstellte.

Holmgang: ein Duell um Hof und Ehefrau

In der ersten Staffel gewinnt Arvid in einem Zweikampf den Hof eines anderen Mannes und gleich dessen Ehefrau dazu. Der Gag funktioniert, weil das Ganze wie ein gewöhnlicher Rechtsvorgang behandelt wird. Der Zweikampf hat ein historisches Vorbild: den Holmgang, das geregelte Duell, benannt nach dem hólmr, der kleinen Insel, auf der man ursprünglich kämpfte. Die Sagas schildern feste Regeln: ein abgestecktes Feld, eine Zahl von Schilden, die man nacheinander verbrauchen durfte, ein Lösegeld für den Verlierer, der blutete.

Auch das Motiv, per Duell Hof und Frau eines anderen zu fordern, ist in den Sagas verbreitet. Meist ist es ein Berserker, der einen Bauern zum Holmgang zwingt und dann von einem Helden erschlagen wird; die Egils saga und die Grettis saga erzählen solche Fälle. Diese Texte entstanden im 13. Jahrhundert in Island und zeichnen den Forderer als Unrechtstäter. Die Serie macht aus dem Schurken einen normalen Nachbarn – darin liegt der Witz. In Island soll der Holmgang um 1006 verboten worden sein.

Træl: Sklaverei ist kein Randthema

Kaum ein Thema behandelt „Norsemen“ so ausdauernd wie die Sklaverei. Rufus besteht darauf, für seine Arbeit Lohn und Mitsprache zu bekommen, und wird darüber belehrt, dass Sklaven weder das eine noch das andere zustehe. Kark wiederum wurde freigelassen, kam mit der Freiheit nicht zurecht und kehrte freiwillig in die Unfreiheit zurück. In der zweiten Staffel werden sogar Orm und Rufus gefangen genommen und per Urteil zu Sklaven erklärt. Das klingt nach überzogener Satire. In der Sache ist es die unbequemste Wahrheit, die die Serie über die Wikingerzeit erzählt.

Unfreie hießen altnordisch þræll, die Frau ambátt. Sie waren rechtlich Besitz: Die späteren Rechtsbücher Norwegens und Islands regeln ihren Kauf, ihre Vererbung und die Buße für einen erschlagenen Sklaven, die an den Eigentümer ging. Wie viele Unfreie es gab, weiß niemand. Der Beitrag über Sklaverei bei den Wikingern geht die Quellen einzeln durch.

Ein literarisches Bild dieser Ordnung liefert die Rígsþula, ein Eddalied aus einer Handschrift des 14. Jahrhunderts. Der Gott Ríg zeugt darin die drei Stände: den Knecht Þræll, den freien Bauern Karl und den Edlen Jarl. Þræll ist dunkelhäutig, krumm und grobknochig, er schleppt Reisig, und seine Kinder tragen Namen wie „Klotz“ oder „Stinker“; sie misten Felder, hüten Ziegen und stechen Torf. Wann das Lied entstand, ist umstritten. Es zeigt die Verachtung einer Oberschicht für die Unfreien. Die Serie dreht das um: Ihre Sklaven sind oft die vernünftigsten Figuren im Dorf.

Karks Rückkehr in die Unfreiheit hat einen ernsten Hintergrund. Freigelassene, leysingjar, blieben nach den norwegischen Rechtsbüchern ihrem früheren Herrn verpflichtet; nach dem Gulathingsrecht musste ein Freigelassener ein „Freiheitsbier“ ausrichten, um seinen Stand zu festigen. Wer ohne Land und Verwandte freikam, stand wirtschaftlich auf dünnem Eis. Belegt ist ein Fall wie Karks nicht; die Unfreien selbst kommen in den Quellen fast nie zu Wort.

Der Name Kark hat übrigens ein Vorbild: Die Königssagas kennen einen Sklaven Þormóðr karkr, der 995 seinen Herrn, Jarl Hákon, erschlagen haben soll. Ob die Macher daran dachten, ist mir nicht bekannt.

Was gesichert ist

  • Die Serie wurde von Jon Iver Helgaker und Jonas Torgersen geschrieben und inszeniert, in drei Staffeln von 2016 bis 2020, jede Szene auf Norwegisch und Englisch.
  • Ihr Zeitrahmen um 790 fällt mit den ersten belegten Überfällen auf England zusammen: Portland um 789 und Lindisfarne 793.
  • Unfreie (þrælar) waren fester Teil der wikingerzeitlichen Gesellschaft; spätere Rechtsbücher behandeln sie als Besitz.
  • Kämme gehören zu den häufigsten Funden der Wikingerzeit, dazu kommen Ohrlöffel und Pinzetten aus Bronze.
  • Das Thing war die zentrale Versammlung für Recht und Streitbeilegung; Ächtung war die schwerste Strafe.
  • Opfer von Tieren sind archäologisch gut belegt; Menschenopfer berichten vor allem christliche Autoren und Ibn Fadlan, ihr Umfang ist umstritten.

Rufus: ein römischer Schauspieler im Jahr 790?

Rufus ist die Figur, an der die Serie am meisten Spaß hat, und die historisch am wenigsten passt. Ein gebildeter Römer, Schauspieler von Beruf, der in einem norwegischen Dorf ein Theater gründen, Kunst fördern und die Barbaren zivilisieren will. In der dritten Staffel erfahren wir, dass Olav ihn bei einem Überfall auf ein englisches Kloster erbeutet hat.

Zunächst das Plausible. Klöster waren tatsächlich die ersten Ziele, und in ihnen lebten Menschen, die Latein konnten. Über Lindisfarne berichten spätere englische Chronisten, die Angreifer hätten nicht nur Schätze geraubt, sondern auch Mönche verschleppt. Ein lateinkundiger Gefangener in Norwegen um 790 ist also denkbar. Auch Menschen aus dem Süden Europas gerieten im Lauf der Wikingerzeit in den nordischen Sklavenhandel.

Unpassend ist der Rest. Das Weströmische Reich war seit 476 Geschichte; Rom stand um 790 unter den Päpsten und im Schatten Karls des Großen, der dort im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt wurde. Das antike Theater mit Bühne und Schauspielerberuf war seit dem 6. Jahrhundert erloschen; es gab Spielleute und Gaukler, aber keine Theaterkultur, wie Rufus sie verkörpert. Seine Haltung ist ohnehin modern: Er spricht wie ein Kulturmanager. Der Anachronismus ist gewollt, Rufus steht für das heutige Publikum, das mit seiner Vorstellung von Zivilisation in ein Wikingerdorf fällt.

Raubzüge als Geschäftsmodell

Raubzüge werden in „Norsemen“ wie Dienstreisen behandelt. Man plant sie, freut sich darauf und bespricht hinterher, ob die Ausbeute gestimmt hat. Gewalt ist Routine, Plündern ein Handwerk, und wer wie Arvid lieber zu Hause bliebe, muss sich erklären. Hier liegt die Serie näher an den Quellen, als man denkt. Für viele Männer der skandinavischen Oberschicht und ihr Gefolge war die Fahrt, altnordisch víking, eine Erwerbsquelle. Runensteine des 10. und 11. Jahrhunderts erinnern stolz an Männer, die weit nach Gold gefahren waren oder in England Danegeld empfangen hatten.

Die Beute bestand aus Silber, Gold, Kirchengerät, Vieh, Lebensmitteln und Menschen. Gerade der Menschenraub war ein Hauptgeschäft. Die irischen Annalen von Ulster melden für 871 die Rückkehr der Dubliner Wikinger mit einer großen Zahl von Gefangenen aus Britannien, „Angeln, Briten und Pikten“. Viele Verschleppte wurden weiterverkauft, über Dublin, Haithabu oder die osteuropäischen Flüsse bis in die islamische Welt. Wer bei „Norsemen“ über Sklavenwitze lacht, lacht über einen realen Wirtschaftszweig.

Was die Serie verkürzt, ist die Breite dieser Gesellschaft. Die meisten Menschen im Norden fuhren nie auf Raubzug, sondern lebten als Bauern, Fischer und Handwerker, wie der Beitrag über den Alltag der Wikinger zeigt. Arvid, der lieber Kohl anbauen würde, ist vermutlich die realistischste Figur des Ensembles.

Blut für die Götter: Opfer zwischen Gag und Quelle

Opfer gehören in „Norsemen“ zum Dorfleben wie der Abwasch. Man bringt sie mit der Routine einer Wartungsarbeit dar, diskutiert die Technik und nimmt Fehlschläge achselzuckend hin. Die Serie bedient damit ein Bild, das sehr alt ist, und dieses Bild stammt fast vollständig von Außenstehenden.

Das altnordische Wort für Opfer ist blót. Nach den Sagas bestand es vor allem aus geschlachteten Tieren, deren Blut man versprengte und deren Fleisch man gemeinsam verzehrte. Archäologisch sind Tieropfer gut belegt; auf Frösön in Jämtland fanden Ausgräber unter dem Kirchenchor die Reste einer Birke, umgeben von Knochen von Bären, Elchen, Schweinen und anderen Tieren. Ein Opfer war meist ein Fest, kein Blutbad. Mehr dazu unter germanische Opfer.

Die Menschenopfer, die das populäre Bild prägen, kommen vor allem aus zwei christlichen Texten. Thietmar von Merseburg schrieb um 1015, im dänischen Lejre seien früher alle neun Jahre im Januar 99 Menschen geopfert worden und ebenso viele Pferde, Hunde und Hähne. Adam von Bremen beschrieb um 1075 den Tempel von Uppsala und ein Fest, das ebenfalls alle neun Jahre stattfinde:

„Das Opfer aber ist von dieser Art: Von allem Lebendigen, das männlich ist, werden neun Häupter dargebracht; mit ihrem Blut die Götter zu versöhnen, ist Brauch. Die Leiber aber werden in dem Hain aufgehängt, der dem Tempel am nächsten liegt. […] Dort hängen auch Hunde und Pferde zusammen mit Menschen.“

Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum IV,27 (um 1075); eigene Übersetzung aus dem Lateinischen nach dem bei Anders Hultgård zitierten Wortlaut

Beide Autoren waren nie an dem Ort, den sie beschreiben. Adam beruft sich auf einen Christen, der 72 Körper gesehen haben will, Thietmar legt seine Angaben in die Zeit vor 934, und beide hatten als Geistliche ein Interesse daran, das Heidentum grausam zu zeichnen. Der Religionshistoriker Anders Hultgård hält Kultplatz, heiligen Hain, Gaben aus dem ganzen Land und die Rolle des Herrschers für glaubwürdig, die Menschenopfer dagegen für zweifelhaft. Mehr im Beitrag Adam von Bremen.

Ganz verschwinden die Menschenopfer damit nicht. Ibn Fadlan erlebte 922 an der Wolga die Bestattung eines Anführers der Rus und beschreibt, wie eine Sklavin mit dem Toten auf das Schiff gebracht, missbraucht und von einer alten Frau getötet wurde. Das Grab von Ballateare auf der Isle of Man, wo über einem Männergrab eine Frau mit schwerer Hiebverletzung am Schädel lag, wird ähnlich gedeutet. Die am besten belegten Opfer waren also häufig Unfreie – die Rechnung für die Opferwitze bezahlten historisch meist die Sklaven.

Ehe, Scheidung und Begehren

Die Ehen in Norheim sind Zweckbündnisse: Orm wird in der dritten Staffel angewiesen, Frøya zu heiraten, und Liv plant ihre Partnerwahl wie eine Vermögensberaterin. Das passt gut zu den Quellen. Eine Ehe war ein Vertrag zwischen Familien, mit Brautpreis, mundr, und Mitgift, heimanfylgja. Das Wort für Hochzeit, brúðkaup, heißt wörtlich „Brautkauf“, auch wenn die Frau dadurch nicht zur Ware wurde.

Frauen hatten dabei mehr Spielraum, als das Klischee vermuten lässt. Sie konnten Besitz halten und nach isländischem Recht und den Sagas aus bestimmten Gründen die Scheidung erklären; die Laxdæla saga erzählt mehrere Fälle. Dass Liv als berechnende Ehefrau gezeichnet wird, die ihre Lage kühl abwägt, ist ein Zerrspiegel echter weiblicher Handlungsmacht. Mehr dazu unter Frauen in der Wikingerzeit.

Frøya als kämpfende Schildmaid gehört zu den umstrittensten Bildern. Sagas und Saxo erzählen von Kriegerinnen, meist in legendären Zusammenhängen, und seit 2017 wird über das Grab Bj 581 in Birka gestritten, in dem eine Frau mit voller Kriegerausstattung lag. Der Beitrag über die Schildmaid stellt die Argumente zusammen.

Orm lebt seine Neigung zu Männern im Verborgenen. Über gleichgeschlechtliche Beziehungen wissen wir fast nur aus Beleidigungen: argr und ragr bezeichneten einen als unmännlich geltenden Mann und gehörten zu den schwersten Schmähungen; die isländischen Rechtsbücher erlauben, für einige solcher Vorwürfe zu töten. Ein Witz über Verdrängung ist da keine abwegige Lage.

Waschen, Kämmen, Ohren putzen

Wikingerparodien leben gern von der Vorstellung, die Nordleute seien schmutzig, verfilzt und stinkend gewesen. Hier widersprechen die Funde. Der Kamm gehört zu den häufigsten persönlichen Gegenständen der gesamten Wikingerzeit. In Haithabu, Birka und York fanden Archäologen Tausende Kämme und Kammteile aus Geweih und Knochen, oft in Futteralen, die man am Gürtel trug, manche verziert, manche mit Runen. Ihre Herstellung war eine eigene Spezialisierung, die der Beitrag über die Kammmacher beschreibt. Dazu kommen kleine Pflegebestecke aus Bronze: Ohrlöffel, Pinzetten und spitze Stäbchen, die man als Nagelreiniger oder Zahnstocher deutet.

Ein sprachlicher Hinweis steckt im Kalender: Der Samstag hieß altnordisch laugardagr, „Waschtag“, und heißt in Skandinavien bis heute lørdag oder lördag. Eine englische Chronik des 13. Jahrhunderts, die John of Wallingford zugeschrieben wird, klagt sogar, die Dänen hätten Engländerinnen betört, weil sie sich täglich kämmten, samstags badeten und oft die Kleider wechselten. Das ist eine späte, zugespitzte Quelle, aber sie stellt das Klischee auf den Kopf.

Und dann ist da Ibn Fadlan. Er nennt die Rus die schmutzigsten Geschöpfe Gottes, die sich weder nach dem Stuhlgang noch nach dem Beischlaf reinigten. Er beschreibt aber auch, wie sie sich jeden Morgen Gesicht und Kopf wuschen, alle nacheinander in derselben Schüssel, in die jeder auch schnäuzte und spuckte. Für einen muslimischen Gelehrten, dessen Religion fließendes Wasser vorschreibt, war das ein Gräuel, für die Rus offenbar Morgenpflege. Mehr im Beitrag über Hygiene bei den Wikingern.

Spaß an der Gewalt und warum der Ton funktioniert

Ein großer Teil der Komik von „Norsemen“ entsteht aus der Gelassenheit, mit der die Figuren über Gewalt sprechen. Mord und Verstümmelung werden beiläufig behandelt, Krieger freuen sich auf das nächste Gemetzel wie auf einen Betriebsausflug, und niemand hält das für bemerkenswert. Hat das einen historischen Kern?

Teilweise. Die nordische Dichtung feiert Kampf und Ruhm offen, Skaldenstrophen schwelgen in Raben und Wölfen, die sich an Gefallenen sättigen, und Ehre war eine Währung, die man mit Gewalt erwarb oder verteidigte. Zugleich war diese Gesellschaft sehr damit beschäftigt, Gewalt einzuhegen: mit Bußtarifen für jede Verletzung, Vergleichen vor dem Thing, Fristen und Zeugen. Die Sagas, die so gern von Fehden erzählen, handeln im Kern davon, wie schwer es war, sie zu beenden. Diese mühsame Seite zeigt die Serie kaum.

Der eigentliche Trick liegt woanders: Menschen des 8. Jahrhunderts reden wie Menschen des 21., mit Feedbackrunden und Selbstoptimierung. Dadurch wird sichtbar, wie fremd uns die Werte dieser Zeit sind und wie vertraut manche Schwächen bleiben. Eitelkeit, Neid und Feigheit gab es in Norheim sicher auch, nur nicht im Ton eines Abteilungsleiters.

Mythos-Check

  • „Auf dem Thing wurde demokratisch abgestimmt.“ Nur eingeschränkt. Mitreden durften nur freie Männer, Frauen und Unfreie nicht; Entscheidungen fielen eher durch Zustimmung der Mächtigen und Waffenschlagen als durch ausgezählte Mehrheiten.
  • „Wikinger waren ungewaschen.“ Falsch. Kämme, Ohrlöffel und der „Waschtag“ Samstag sprechen dagegen. Ibn Fadlans Ekel betrifft vor allem die gemeinsame Waschschüssel.
  • „Menschenopfer gehörten zum Alltag.“ Nicht belegbar. Gut bezeugt sind Tieropfer mit Festmahl; Menschenopfer berichten vor allem spätere christliche Autoren aus zweiter Hand, dazu Ibn Fadlans Bestattungsbericht.
  • „Jeder Wikinger fuhr auf Raubzug.“ Falsch. Die meisten Menschen im Norden lebten als Bauern, Fischer und Handwerker; „víking“ war eine Tätigkeit einer Minderheit.
  • „Ein römischer Schauspieler im Norwegen des Jahres 790 ist denkbar.“ Kaum. Das antike Theater war seit dem 6. Jahrhundert erloschen, Rom war keine Reichshauptstadt mehr. Lateinkundige Gefangene aus Klöstern gab es dagegen.
  • „Sklaverei war bei den Wikingern eine Nebensache.“ Falsch. Unfreie waren fester Teil der Gesellschaft, und Menschenraub war ein Hauptgeschäft vieler Fahrten.

Häufige Fragen

Ist „Norsemen“ historisch korrekt? Nein, und das will die Serie auch nicht sein. Sie übertreibt und verdreht absichtlich. Viele Gags bauen aber auf echten Elementen auf: Sklaverei, Holmgang, Ächtung, Opferfeste, Raubzüge und arrangierte Ehen sind historisch belegt, wenn auch anders, als die Serie sie zeigt.

Warum sprechen die Wikinger in der Netflix-Fassung Englisch? Weil jede Szene zweimal gedreht wurde, einmal auf Norwegisch für NRK und einmal auf Englisch für das internationale Publikum. Es handelt sich nicht um eine Synchronisation.

Gab es wirklich Sklaven wie Kark und Rufus? Unfreie gab es in großer Zahl, viele davon auf Raubzügen verschleppt. Ein freiwillig zurückgekehrter Freigelassener wie Kark ist als Einzelfall nicht belegt, aber angesichts der Abhängigkeit Freigelassener nicht abwegig. Ein römischer Schauspieler wie Rufus ist ein bewusster Anachronismus.

In welcher Zeit spielt die Serie? Um das Jahr 790, also am Beginn der Wikingerzeit, kurz vor dem Überfall auf Lindisfarne 793. Die Ansiedlung in England am Ende der zweiten Staffel kommt historisch rund achtzig Jahre zu früh.

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