Wikinger Blog / Mythos-Check
Aus dem Wissensarchiv

Ragnarök auf Netflix im Faktencheck: ein Thor namens Magne, Riesen mit Fabrik und ein Weltende im Kopf

Geschichte & Funde Ragnarök auf Netflix im Faktencheck: ein Thor namens Magne, Riesen mit Fabrik und ein Weltende im Kopf

Ein Schüler zieht in eine norwegische Fabrikstadt, bekommt Kräfte, die er nicht versteht, und merkt, dass die reichste Familie am Ort aus Riesen besteht, die den Fjord vergiften. So beginnt die Netflix-Serie „Ragnarök“, die von 2020 bis 2023 in drei Staffeln lief. Sie leiht sich Namen, Figuren und Motive aus der nordischen Mythologie und baut daraus ein Jugenddrama über Umweltzerstörung. Dieser Beitrag prüft, was davon tatsächlich in der Edda steht, was die Serie bewusst verdreht und wo sie Dinge erfindet, die in keiner Quelle vorkommen. Vorsicht: Der Text verrät das Ende aller drei Staffeln.

Die Serie in Zahlen: wer sie gemacht hat und wann sie lief

„Ragnarök“ (im Original Ragnarok) ist eine norwegischsprachige Fantasy-Serie, die Netflix in Auftrag gegeben hat. Die Idee stammt von dem Dänen Adam Price, der zuvor mit der Politserie „Borgen“ bekannt geworden war. Produziert hat die dänische Firma SAM Productions. Dass eine Serie über die norwegische Götterwelt aus Dänemark kommt, ist kein Detail am Rand: Die norwegische Zeitung VG warf ihr in einer Kritik unter anderem vor, dass kaum jemand den westnorwegischen Dialekt spreche, den man in dieser Gegend erwarten würde.

Staffel 1 erschien am 31. Januar 2020, Staffel 2 am 27. Mai 2021, Staffel 3 am 24. August 2023. Jede Staffel hat sechs Folgen, insgesamt sind es also 18. Die dritte wurde im November 2021 als letzte angekündigt. Die Hauptrolle des Magne Seier spielt David Stakston, seinen jüngeren Halbbruder Laurits spielt Jonas Strand Gravli. Gedreht wurde vor allem in Odda in der Region Hardanger in Westnorwegen; laut dem regionalen Filmbüro gehören auch der Gletscher Folgefonna und die Umgebung des Hardangerfjords zu den Drehorten.

In der Serie heißt die Stadt Edda. Der Name klingt fast wie Odda und ist zugleich der Titel der beiden mittelalterlichen Bücher, aus denen wir die meisten nordischen Mythen kennen: die Liedersammlung des Codex Regius, einer isländischen Handschrift um 1270, und das Dichterlehrbuch, das Snorri Sturluson um 1220 schrieb. Mehr dazu im Beitrag zur Edda.

Kurz zur Handlung, soweit sie für den Vergleich nötig ist. In Staffel 1 zieht Magne mit Mutter und Halbbruder Laurits nach Edda, bekommt nach der Berührung einer alten Frau ungeahnte Kräfte und deckt auf, dass die Firma Jutul Industries Giftmüll verklappt. In Staffel 2 sammeln sich die wiedergeborenen Götter und schmieden den Hammer. Staffel 3 steuert auf den Endkampf zu, der dann ganz anders ausfällt als erwartet.

Odda, Edda und die Riesen von Jutul Industries

Der Drehort passt zum Thema. Odda ist eine alte Industriestadt am Ende des Sørfjords. Ab 1908 wurde dort mit Wasserkraft Calciumcarbid erzeugt, später lief der Betrieb als Odda Smelteverk und produzierte bis 2002 unter anderem Kalkstickstoff, ein Düngemittel. Das norwegische Lexikon Store norske leksikon nennt die Stilllegung 2002 und den Konkurs 2003. Eine Fabrik, ein Fjord und ein Gletscher in Sichtweite liefern das Umweltthema gleich mit.

Auch der Familienname der Bösewichte ist gut gewählt. Jutul ist ein norwegisches Wort aus Volksüberlieferung und Ortsnamen für einen Riesen und geht auf das altnordische jǫtunn zurück, Mehrzahl jǫtnar, eingedeutscht Jötnar. Die Riesen der Mythen bilden eine eigene Welt, oft Jötunheim genannt, und stehen den Göttern als ältere, wilde Macht gegenüber; aus dem Leib des Urriesen Ymir bauen die Götter nach Snorri die Welt. Die Serie übersetzt diesen Gegensatz in Geld und Einfluss. In der Edda sind die Riesen allerdings weder Umweltsünder noch durchweg böse. Odins Mutter Bestla ist eine Riesentochter, und Thor selbst hat mit einer Riesin einen Sohn. Genau hier steckt der merkwürdigste Namenswitz der Serie.

Magne ist nicht Thor, sondern trägt den Namen seines Sohnes

Die Hauptfigur heißt Magne, die norwegische Form des altnordischen Namens Magni. In den Quellen ist Magni aber gerade nicht Thor, sondern Thors Sohn. Der Beitrag zu Magni und Modi listet jede Stelle auf. Die wichtigste steht bei Snorri in der Skáldskaparmál, dem Teil seiner Edda über die Dichtersprache. Thor hat den Steinriesen Hrungnir erschlagen, liegt aber unter dessen Bein eingeklemmt, und keiner der Götter kann ihn befreien. Da kommt Magni, erst drei Nächte alt, hebt das Bein weg und meint, er hätte den Riesen mit der Faust erledigt, wäre er nur früher gekommen. Seine Mutter ist nach Snorri die Riesin Járnsaxa.

Die zweite wichtige Stelle betrifft das Weltende. Nach dem Eddalied Vafþrúðnismál überleben Magni und sein Bruder Móði den Untergang der Götter und erhalten den Hammer ihres Vaters. Ein Junge namens Magne, der zu Thor wird und den Hammer schwingt, ist also eine kleine Verschiebung mit Ansage: Die Serie gibt ihrem Helden den Namen des Erben, nicht des Gottes. Eine Erklärung der Macher zu dieser Namenswahl ist mir nicht bekannt.

Noch eigenartiger wird es bei Saxa. Die deutsche Wikipedia führt die Tochter der Jutul-Familie als Gegenstück zu Járnsaxa, also ausgerechnet zu Magnis Mutter. In der Serie haben Magne und Saxa am Ende von Staffel 2 eine Affäre, und in Staffel 3 spielt eine Dreiecksgeschichte zwischen Saxa, Magne und seiner Freundin Signy. Wer die Mythen kennt, sieht hier Thors Verbindung mit einer Riesin, aus der Magni hervorgeht, auf eine Teenagerbeziehung übertragen. Auch Magnes Nachname ist sprechend: Seier heißt auf Norwegisch „Sieg“.

Die Jutul-Familie: Vidar, Ran und Fjor in den Quellen

Die Namen der Riesenfamilie stammen teilweise aus der Edda, sind aber gegen den Strich gebürstet. Am deutlichsten bei Vidar. In den Quellen ist Víðarr kein Riese, sondern ein Gott, Sohn Odins und der Riesin Gríðr, von Snorri der „schweigsame Ase“ genannt. Beim Weltende rächt er seinen Vater, indem er dem Fenriswolf den Kiefer aufreißt, und gehört zu den Überlebenden; siehe Vidar und Vali. In der Serie ist Vidar Riesenpatriarch und Firmenchef und stirbt schon in Staffel 2 durch Magnes Hand.

Ran ist in der Serie Vidars Frau und zugleich Schulleiterin. In den Quellen ist Rán eine Meeresgestalt, die Frau des Ägir, die mit ihrem Netz Ertrunkene fängt. Ägir wird in einigen Texten zu den Riesen gerechnet; insofern liegt Ran als Riesin nicht völlig daneben. Eine eigene Rolle bei Ragnarök hat Rán in den Quellen nicht. Dass die Serien-Ran mit einem Bogen tötet, ist eine Erfindung.

Für den Sohn Fjor ist mir keine eindeutige Vorlage in den Quellen bekannt; Wortanklänge zu deuten wäre Spekulation. Die Serie macht ihn zum zerrissenen Erben zwischen seiner Liebe zur Mitschülerin Gry und der Familie.

Laurits als Loki: Halbbruder, Halbriese, Unruhestifter

Laurits ist die vielleicht gelungenste Übertragung der Serie. Er ist Magnes Halbbruder, sein leiblicher Vater ist Vidar, der Riesenpatriarch. Er gehört zu beiden Lagern und zu keinem ganz, lügt, provoziert und wechselt die Seiten. In Staffel 3 hilft er erst den Riesen, an den Hammer zu kommen, und dann den Göttern, ihn zurückzuholen.

Das passt in Grundzügen zu Loki. Sein Vater Fárbauti ist nach Snorri ein Riese, trotzdem lebt Loki unter den Asen und ist nach dem Eddalied Lokasenna Odins Blutsbruder. Er hilft den Göttern aus Notlagen, die er oft selbst verursacht hat, und steht beim Weltende auf der Seite der Feinde. Die Grausamkeit des mythischen Loki, der Baldrs Tod einfädelt und dafür gefesselt wird (siehe Lokis Strafe), hat Laurits nicht.

Ein Detail wirkt zunächst wie reine Erfindung: Laurits bringt gewissermaßen ein Ungeheuer zur Welt. Tatsächlich kennen die Quellen einen Loki, der selbst gebiert. Nach Snorri wird er in Gestalt einer Stute trächtig und bringt Odins achtbeiniges Pferd Sleipnir zur Welt. Und im Eddalied Hyndluljóð heißt es, Loki habe ein halb verbranntes Herz einer Frau gegessen, sei davon schwanger geworden, und von dort stammten alle Unholdinnen auf der Erde. Jörmungandr gehört allerdings nicht zu diesen Geburten.

Jörmungandr als Bandwurm: Was die Quellen über die Schlange sagen

Nach Snorris Gylfaginning hat Loki mit der Riesin Angrboða drei Kinder: den Wolf Fenrir, die Schlange Jörmungandr und Hel, die Herrin des Totenreichs. Die Götter ahnen, dass von diesen Kindern Unheil ausgeht. Odin wirft die Schlange ins Meer, wo sie so groß wird, dass sie die ganze bewohnte Welt umschlingt und sich in den eigenen Schwanz beißt. Daher der zweite Name: Midgardschlange, nach Midgard, der Welt der Menschen. Mehr dazu steht im Beitrag zu Jörmungandr.

Die Serie macht daraus etwas Eigenes. In Staffel 2 wird Laurits im Krankenhaus ein riesiger Bandwurm entfernt. Er behält das Tier wie ein Haustier und lässt es am Ende der Staffel in den Fjord; in Staffel 3 heißt es „Little O“ und ist deutlich gewachsen. Das Prinzip stimmt sogar mit Snorri überein: Ein kleines Wesen kommt ins Wasser und wächst dort zum Ungeheuer. Nur wirft in der Edda Odin die Schlange ins Meer, nicht ihr Vater.

Ein zweites Motiv übernimmt die Serie ziemlich genau. In Staffel 3 erzählt Magne, er habe einen „großen Fisch“ an Land gezogen und wieder verloren; der Hammer verschwindet im tiefen Fjord, bis die Schlange ihn auswürgt. Das erinnert an Thors Fischzug. Im Eddalied Hymiskviða und bei Snorri fährt Thor mit dem Riesen Hymir aufs Meer, ködert mit einem Ochsenkopf und zieht die Midgardschlange an die Oberfläche; bei Snorri kappt der verängstigte Riese die Leine, bevor Thor zuschlagen kann. Die Szene ist so alt, dass sie auf Bildsteinen der Wikingerzeit erscheint, etwa auf dem Stein von Altuna in Schweden. Bei Ragnarök töten Thor und die Schlange sich dann gegenseitig.

Wo bleibt Fenrir?

Wer die Edda kennt, vermisst in der Serie den Wolf. Fenrir ist das zweite Kind Lokis und Angrboðas und für das Weltende mindestens so wichtig wie die Schlange. Die Götter ziehen ihn auf, fesseln ihn mit einer Zauberkette, und Týr verliert dabei seine Hand. Bei Ragnarök reißt er sich los und verschlingt Odin. Erst Vidar tötet ihn.

In den Inhaltsangaben, Kritiken und Lexikonartikeln, die ich auswerten konnte, kommt Fenrir als Figur nicht vor; MovieWeb hielt das nach Staffel 2 ausdrücklich fest. Die Serie habe ich nicht Bild für Bild geprüft, eine kurze Anspielung kann ich also nicht ausschließen. Als Handlungsfigur spielt der Wolf keine Rolle, und damit fehlt auch Vidars mythische Aufgabe.

Mjölnir: vom Vorschlaghammer zur Schmiede im Keller

Thors Hammer ist das bekannteste Requisit der nordischen Mythen, und die Serie lässt sich Zeit damit. In Staffel 1 wirft Magne im Zorn den Vorschlaghammer seines toten Vaters in einen Sturm; er landet weit entfernt und zertrümmert ausgerechnet die Windschutzscheibe von Vidars Wagen. Erst in Staffel 2 schmieden die Götter Mjölnir, und zwar nachts im ewigen Feuer im Keller von Jutul Industries. Laut einer Episodenkritik hat der Hammer danach nur einen kurzen Stummel als Stiel.

Der kurze Stiel ist das Detail, das am genauesten zu den Quellen passt, ob nun beabsichtigt oder nicht. Nach Snorri schmieden zwei Zwergenbrüder den Hammer, Brokkr und der Schmied, der in vielen Ausgaben Sindri, in der maßgeblichen modernen Edition Eitri heißt. Loki hat seinen Kopf darauf verwettet, dass die beiden keine besseren Schätze herstellen können als andere Zwerge, und stört die Arbeit als Fliege. Er sticht Brokkr ins Augenlid, der Blasebalg setzt kurz aus, und deshalb wird der Stiel des Hammers etwas zu kurz. Die ganze Geschichte steht im Beitrag zu Sindri und Brokkr.

Auch der Raub des Hammers hat ein Vorbild. In Staffel 3 bringen die Jutuls Mjölnir an sich. Im Eddalied Þrymskviða stiehlt der Riese Þrymr den Hammer und will ihn nur gegen die Göttin Freyja als Braut zurückgeben. Thor holt ihn sich schließlich zurück, verkleidet als Braut. Die Serie erzählt eine ganz andere Geschichte, doch das Grundmotiv, dass Riesen den Hammer stehlen und die Götter ohne ihn hilflos sind, ist alt. Mehr zum Hammer und zu den Amuletten der Wikingerzeit steht unter Thorshammer.

Wotan, Wenche und die übrigen Götter

Odin heißt in der Serie Wotan Wagner. „Wotan“ ist die deutsche Namensform, die vor allem durch Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ bekannt wurde, dessen letzter Teil „Götterdämmerung“ heißt. Eine Erklärung der Macher kenne ich nicht, aber der Bezug liegt auf der Hand. Dabei heißt ragna rǫk eigentlich „Schicksal der Mächte“; die „Dämmerung“ ist eine spätere Deutung.

Die alte Wenche, die Magnes Kräfte weckt, entspricht einer Völva, einer Seherin; passend, denn die Völuspá ist selbst die Rede einer Seherin. Iman Reza ist Freyja, der Mechaniker Harry ist Týr. In Staffel 3 kommen Jens als Baldr und Kiwi als Heimdall hinzu.

Gerade Baldrs Tod zeigt, wie frei die Serie mit den Vorlagen umgeht. In der Edda ist Baldr gegen fast alles gefeit. Loki findet heraus, dass nur der Mistelzweig keinen Eid geleistet hat, und drückt ihn dem blinden Gott Höðr in die Hand, der ihn auf Baldr schleudert. In der Serie trifft Jens bei der Abschlussfeier ein Pfeil, abgeschossen von einem Kind, das als Hod bezeichnet wird. Loki als Drahtzieher fehlt; statt eines Mordes steht ein Unfall am Anfang des Endes.

Ragnarök in den Quellen: was die Edda tatsächlich erzählt

Für das Weltende in den Quellen gibt es im Kern drei Texte; ausführlicher steht es unter Ragnarök. Die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, ist im Codex Regius und in einer Handschrift des frühen 14. Jahrhunderts überliefert; ihre Entstehungszeit ist umstritten, oft wird an die Zeit um 1000 gedacht. Das Lied Vafþrúðnismál, ein Wissenswettstreit zwischen Odin und einem Riesen, nennt die Überlebenden. Snorri fügt um 1220 in der Gylfaginning beides zu einer Erzählung und ergänzt manches.

Die Völuspá beginnt das Ende mit einem Zerfall der Ordnung unter den Menschen. In Strophe 45 heißt es Bræðr munu berjask ok at bönum verðask: Brüder werden einander bekämpfen und zu Mördern werden. Das passt gut zu einer Serie, in der zwei Halbbrüder auf verschiedenen Seiten stehen. Odin zieht gegen den Wolf und fällt, sein Sohn Víðarr rächt ihn. Thor kämpft gegen die Schlange und tötet sie. In Strophe 56 heißt es dann, gengr fet níu Fjörgynjar burr: Der Sohn der Fjörgyn, also Thor, geht neun Schritte, bevor er am Gift der Schlange stirbt. Freyr fällt gegen den Feuerriesen Surtr, der danach die Welt in Brand setzt. In Strophe 57 versinkt die Erde im Meer, und die Sterne fallen vom Himmel.

Snorri ergänzt: Týr und der Hund Garmr töten sich gegenseitig, ebenso Heimdall und Loki, und vorher kommt ein dreifacher Winter ohne Sommer, der Fimbulwinter. Beide Hauptquellen enden nicht im Nichts. Eine neue Erde steigt grün aus dem Meer, einige Götter überleben (siehe Nach Ragnarök). Für die Serie ist die Strophe über Thors Söhne wichtig. Bei Karl Simrock (1851) lautet sie:

Widar und Wali walten des Heiligtums,
Wenn Suturs Lohe losch.
Modi und Magni sollen Miölnir schwingen
Und zu Ende kämpfen den Krieg.Vafþrúðnismál, Strophe 51, in der Übersetzung von Karl Simrock (Die Edda, 1851); Wortlaut über ein Abrufwerkzeug aus der Digitalfassung bei Projekt Gutenberg gelesen, Schreibung „Suturs“ wie dort (in der Strophe davor steht „Surturs“); altnordisch: Víðarr ok Váli byggja vé goða, þá er sloknar Surta logi, Móði ok Magni skulu Mjöllni hafa Vingnis at vígþroti

Simrock übersetzt frei. Wörtlich heißt die zweite Hälfte etwa: „Móði und Magni sollen Mjölnir haben, wenn Vingnir im Kampf erschöpft ist.“ Wer mit Vingnir gemeint ist, ist umstritten. Oft wird darin ein Beiname Thors gesehen; dann meinte die Stelle seinen Tod im Endkampf. Für die Serie bedeutet das: Ein Magni, der Mjölnir trägt, gehört in den Quellen in die Zeit nach Thor, nicht an seine Stelle.

Das Finale: ein Ragnarök im Kopf

Nach fünf Folgen Vorbereitung verweigert die Serie in Staffel 3 zunächst den großen Kampf. An einem Hafen stehen sich Götter und Riesen gegenüber, Magne wirft den Hammer weg und bittet alle, die Waffen niederzulegen. Die Riesen akzeptieren einen Frieden, Fjor tritt zurück, Saxa wird Chefin von Jutul Industries und trifft sich mit Umweltschützern. Das ist das Gegenteil dessen, was die Völuspá beschreibt: Dort ist das Ende vorherbestimmt, und niemand kann es abwenden, auch Odin nicht.

Die letzte Folge, „Ragnarok“, holt den Kampf doch nach. Bei der Abschlussfeier wird Jens von einem Pfeil getroffen, nur Magne scheint es zu bemerken. Es folgt eine Schlacht, unterlegt mit Bildern aus einem Thor-Comic, den Magne gezeichnet hat. Thor tötet die Schlange, wird gebissen, geht neun Schritte und stirbt; in der Wirklichkeit kniet Magne an dieser Stelle vor Signy nieder. Die neun Schritte sind eine der wenigen Stellen, an denen die Serie eine Quelle wörtlich nimmt.

Dann folgt die Wendung, die viele Zuschauer verärgert hat. Magnes Mutter erzählt, dass er nach dem Tod seines Vaters die Diagnose paranoide Schizophrenie erhalten habe. Die Schlacht war seine Vorstellung. Regisseur Mogens Hagedorn erklärte laut Looper, Magnes Fantasie beruhe auf realen Ereignissen, die er in nordische Mythologie umdeute. Wie weit das für die ganze Serie gilt, bleibt offen; Looper verweist auf frühere Szenen, die als Einbildung schwer zu erklären sind, etwa die, in der Vidar das Herz eines Rentiers isst.

In der letzten Szene stößt Magne mit Signy, Laurits und den anderen auf den Abschluss an, und nur er sieht die tote Isolde am Tisch sitzen. Die Rezeption war gespalten: The Review Geek nannte die letzten beiden Folgen äußerst enttäuschend, das Portal Leisurebyte sprach von einem würdigen Abschluss. Für einen Faktencheck zählt etwas anderes: Die Serie behandelt die Mythen am Ende als Erzählung eines Menschen über sein eigenes Leben, nicht als Weltgeschichte.

Klima statt Kosmos: was die Serie umdeutet

Der größte Eingriff der Serie ist ihre Deutung des Weltendes. In „Ragnarök“ droht der Untergang durch Menschen und Riesen, die die Natur zerstören. Isolde beobachtet einen schrumpfenden Gletscher, im Wasser finden sich Schwermetalle wie Cadmium, und Laurits sagt in einer Rede sinngemäß, dass ausgerechnet die Reichen am wenigsten unter dem Klimawandel leiden werden. Der Kampf gegen die Riesen ist damit auch ein Kampf gegen eine Firma. Die Zeitschrift Wired beschrieb die Serie entsprechend als Klimafiktion.

Die Quellen kennen nichts davon. Das Ende kommt in der Völuspá nicht, weil jemand die Natur ausbeutet, sondern weil die Ordnung zerfällt, Eide gebrochen werden und das Schicksal es so bestimmt. Moralisch ist die Völuspá durchaus: Sie nennt Eidbrecher und Mörder, die in einem Strom waten müssen. Aber die Riesen sind dort keine Täter im Sinn einer Schuld, sondern die Mächte des Chaos, die am Rand der Welt warten. Der Fimbulwinter ist kein Folgeschaden menschlichen Handelns, sondern ein Vorzeichen.

Trotzdem ist die Übertragung nicht willkürlich. Die Mythen erzählen von einer Welt, die aus einem getöteten Riesen gebaut wurde und ihre Ordnung gegen Kälte, Feuer und Meer behaupten muss. Wer heute über Gletscherschmelze und vergiftete Fjorde spricht, findet darin starke Bilder. Man sollte nur auseinanderhalten: Die Bilder sind alt, die Deutung ist neu. Und während die Serie ihre Helden über Frieden verhandeln lässt, ist das Ende in den Quellen unabwendbar.

Was gesichert ist

  • „Ragnarök“ ist eine norwegischsprachige Netflix-Serie nach einer Idee von Adam Price, produziert von der dänischen SAM Productions.
  • Drei Staffeln mit je sechs Folgen erschienen am 31. Januar 2020, 27. Mai 2021 und 24. August 2023; die dritte war als letzte angekündigt.
  • Hauptdrehort ist die Industriestadt Odda in Hardanger, die in der Serie Edda heißt.
  • In den Quellen ist Magni Thors Sohn mit der Riesin Járnsaxa; nach Vafþrúðnismál 51 erbt er mit Móði den Hammer nach dem Weltende.
  • Víðarr ist in der Edda ein Gott und Odins Sohn, der Fenrir tötet und Ragnarök überlebt; die Serie macht ihn zum Riesen.
  • Jörmungandr ist nach Snorri ein Kind Lokis und Angrboðas; Odin wirft die Schlange ins Meer. Den Bandwurm erfindet die Serie.
  • Den Hammer schmieden nach Snorri die Zwerge Brokkr und Sindri (oder Eitri); der Stiel gerät zu kurz, weil Loki stört.

Mythos-Check

  • „Magne ist in der Mythologie Thor.“ Nein. Magni ist Thors Sohn. Die Serie gibt ihrem Thor den Namen des Erben.
  • „Vidar ist ein Riese.“ In den Quellen nicht. Víðarr ist ein Ase, Sohn Odins, und rächt seinen Vater an Fenrir. Seine Mutter Gríðr ist allerdings eine Riesin.
  • „Loki hat Jörmungandr selbst geboren.“ Nicht nach den Quellen. Die Schlange ist ein Kind Lokis mit Angrboða. Loki gebiert nach Snorri allerdings Sleipnir, und nach Hyndluljóð weitere Unholde.
  • „Die Riesen stehen für Umweltzerstörung.“ Das ist die Deutung der Serie. In der Edda sind die Riesen eine ältere, chaotische Macht, mit der die Götter verwandt und verschwägert sind, keine Verursacher eines Klimawandels.

Häufige Fragen

Wie viele Staffeln hat „Ragnarök“ auf Netflix? Drei, mit je sechs Folgen, erschienen 2020, 2021 und 2023. Netflix hat die dritte Staffel als letzte angekündigt; von Plänen für eine Fortsetzung ist mir nichts bekannt.

Wo wurde „Ragnarök“ gedreht? Vor allem in Odda in der westnorwegischen Region Hardanger, dazu in der Umgebung, unter anderem am Gletscher Folgefonna. Die fiktive Stadt Edda ist Odda nachempfunden.

Ist Magne in der nordischen Mythologie Thor? Nein. Magne ist die norwegische Form von Magni, und Magni ist in den Quellen Thors Sohn. Er überlebt nach Vafþrúðnismál das Weltende und erbt den Hammer.

Gibt es Fenrir in der Serie? Als Figur nach allem, was ich prüfen konnte, nicht. Damit fehlt auch Vidars mythische Aufgabe, den Wolf zu töten.

Ist die Serie eine gute Einführung in die nordische Mythologie? Sie weckt Neugier und übernimmt einzelne Motive treffend, etwa den kurzen Hammerstiel oder Thors neun Schritte. Für die Inhalte der Mythen taugt sie nicht, weil sie Namen und Rollen bewusst neu verteilt. Wer danach zu den Quellen greift, sollte die Völuspá und Snorris Gylfaginning lesen.

Weiterlesen auf dieser Seite

Zu den Figuren und Motiven der Serie: Ragnarök – der Untergang der Götter, Nach Ragnarök, Thor, Magni und Modi, Loki, Jörmungandr, Sindri und Brokkr und Thorshammer. Weitere Faktenchecks: Marvels Thor im Faktencheck und Wikinger-Filme.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert – Geschichte statt Drehbuch. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Ragnarök · Thor · Magni & Modi – Thors Söhne · Marvels Thor im Faktencheck · Wikinger-Filme und -Serien.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Mythos-Check

Alle Mythos-Check-Artikel →

Haben Wikinger wirklich aus Schädeln getrunken? Ein Mythos mit Geburtsdatum

Es ist eines der zählebigsten Bilder vom „wilden Wikinger“: der bärtige Krieger, der aus dem ausgehöhlten Schädel eines …

Weiterlesen →

Schwarze Sonne, Kolovrat und Swastika – Mythos und Missbrauch

Das Sonnenrad ist eines der ältesten Zeichen der Menschheit – rund um die Welt, seit der Steinzeit. Genau deshalb ist …

Weiterlesen →

Seiðr – die Magie der Völva: Freyja, Odin und die Seherin mit dem Stab

Seiðr ist die altnordische Ritualmagie, mit der eine Seherin – die Völva – in Trance Verborgenes erfuhr und ins …

Weiterlesen →

Svefnþorn – der Schlafdorn zwischen Edda, Saga und Zauberbuch

Der Svefnþorn, der „Schlafdorn“, ist das Werkzeug, mit dem Odin in der Überlieferung zur Völsungensage eine Walküre in …

Weiterlesen →