Kein Gott der nordischen Mythologie hat eine so kurze und zugleich so folgenreiche Rolle wie Höðr. Er tut im Grunde eine einzige Sache: Er schießt oder wirft den Mistelzweig, an dem sein Bruder Balder stirbt. Damit beginnt der Abstieg der Götterwelt. Snorri Sturluson nennt ihn blind und stark und schreibt, die Götter wünschten, sie müssten ihn nie erwähnen. Ein Bruder, der eine Nacht alt ist, rächt die Tat; nach dem Weltende kehrt Höðr gemeinsam mit Balder zurück. Bei Saxo Grammaticus dagegen heißt er Hotherus, sieht ausgezeichnet, spielt Harfe und erschlägt Balderus mit einem Schwert aus Rivalität um eine Frau. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, prüft, was in welchem Text steht, und kennzeichnet die Deutungen als das, was sie sind.
Höðr, altnordisch Hǫðr, eingedeutscht meist Hödur oder Hödr, gehört zu den Asen, dem Göttergeschlecht um Odin. Snorri macht ihn zum Sohn Odins und Bruder Balders; die Eddalieder setzen diese Verwandtschaft eher voraus, als dass sie sie aussprechen. Kult, Heiligtümer oder Ortsnamen, die sicher auf ihn zurückgehen, sind mir nicht bekannt. Höðr existiert für uns fast nur in einer Erzählung: dem Tod Balders.
Diese Erzählung kennen wir in zwei Fassungen: einer isländischen in den Eddaliedern und bei Snorri, wo Höðr ein blinder Gott ist, der ohne böse Absicht tötet, und einer dänischen bei Saxo Grammaticus, wo er als menschlicher Königssohn seinen Gegner bewusst niederstreckt. Beide Bilder verdienen Ernst, und man sollte sie nicht zu einer Geschichte verrühren.
Die Lieder-Edda ist eine Sammlung von Götter- und Heldenliedern, vor allem im Codex Regius um 1270 überliefert; die Prosa-Edda ist ein Lehrbuch der Dichtkunst, das Snorri Sturluson um 1220–1230 verfasste. Mehr dazu im Beitrag zur Edda.
Der Name wird allgemein mit altnordisch hǫð „Kampf, Krieg“ verbunden, urgermanisch *haþuz; verwandt sind althochdeutsch hadu- wie in Hadubrand, dem Sohn im Hildebrandslied, und altenglisch heaðu-. So sehen es Jan de Vries und Vladimir Orel in ihren etymologischen Wörterbüchern. Ein Gott namens „Kampf“, der bei Snorri blind am Rand steht: Ob der Name ein älteres, kriegerisches Bild bewahrt oder nur ein gängiges Namenselement aufnimmt, lässt sich nicht eindeutig belegen.
Die Zeugnisse lassen sich an einer Hand abzählen:
Dazu kommen Splitter in der Skaldendichtung und eine Notiz im dänischen Chronicon Lethrense. Archäologische Belege, die sich sicher auf Höðr beziehen lassen, sind mir nicht bekannt.
In der Schau der Seherin der Völuspá taucht Balder als „blutiger Gott“ auf, altnordisch blóðgum tívur, bei Simrock „dem blühenden Opfer“, und daneben eine Pflanze: „stóð of vaxinn […] mjór ok mjök fagr mistilteinn“, da stand gewachsen, schlank und sehr schön, der Mistelzweig. In der folgenden Strophe wird aus diesem Gewächs eine Waffe: „Varð af þeim meiði […] Höðr nam skjóta“, aus jenem Baum wurde, was Höðr schoss. Das Verb skjóta kann „schießen“ wie „schleudern“ bedeuten; ein Bogen wird nicht genannt.
Unmittelbar danach kommt der Rächer. „Baldrs bróðir var […] sá nam Óðins sonr einnættr vega“: Balders Bruder war bald geboren, dieser Sohn Odins kämpfte einnächtig. Einnættr heißt „eine Nacht alt“, nicht „einen Tag alt“, wie man es gelegentlich liest. Er wäscht die Hände nicht und kämmt das Haar nicht, bis er Balders Widersacher auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Den Namen Váli nennt die Völuspá an dieser Stelle nicht, und auch Höðr wird in diesem Satz nicht genannt, sondern umschrieben: Baldrs andskoti, „Balders Gegner“. Dann der Schlussvers: Frigg weint in Fensalir, ihrer Halle, um das Leid Walhalls.
Karl Simrocks gemeinfreie Übertragung (zuerst 1851) klammert die Rache als Vorgriff ein:
Von der Mistel kam, so dauchte mich
Häßlicher Harm, da Hödur schoß.
(Baldurs Bruder war kaum geboren,
Als einnächtig Odhins Erbe zum Kampf ging.
Die Hände nicht wusch er, das Haar nicht kämmt' er,
Eh er zum Bühle trug Baldurs Tödter.)
Doch Frigg beklagte in Fensal dort
Walhalls Verlust: wißt ihr was das bedeutet?Völuspá, nach Neckel/Kuhn Str. 32–33, bei Simrock Str. 37; Übersetzung Karl Simrock, „Die Edda“ (Ausgabe Cotta 1878, Projekt Gutenberg), Wortlaut zeilenweise über ein Abrufwerkzeug gelesen; Zeichensetzung kann im Einzelnen abweichen
Bemerkenswert ist, was fehlt: keine Blindheit, kein Loki als Anstifter, keine Eide. Ob Höðr töten wollte, sagt das Lied nicht. Das „wider Willen“ steht erst bei Snorri.
In den Baldrs draumar reitet Odin hinab zu einer toten Seherin, weckt sie mit Totenzauber und fragt sie aus; der Beitrag zu Balders Tod erzählt den Ritt ausführlich. Für Höðr sind drei Antworten entscheidend. Auf die Frage, wer Balder töten werde, nennt sie ihn: „Höðr berr hávan hróðrbaðm þinig, hann mun Baldri at bana verða“, Höðr trägt den hohen Ruhmesbaum dorthin, er wird Balders Töter werden. Auf die Frage, wer Höðr dafür strafen werde, antwortet sie: „Rindr berr Vála í vestrsölum“, Rind gebiert Váli in den Westsälen; dieser Sohn Odins werde einnächtig kämpfen, die Hand nicht waschen und das Haupt nicht kämmen, bis er Balders Gegner zum Scheiterhaufen bringt.
Das Lied spricht von einem „Ruhmesbaum“, nicht ausdrücklich von einer Mistel; gemeint ist wohl der Zweig, aber es steht nicht da. Von Blindheit ist auch hier keine Rede. Die Zählung schwankt: Auf heimskringla.no ist die Frage nach dem Töter Strophe 8, die Antwort Strophe 9 und Vális Geburt Strophe 11; andere Ausgaben verschieben um eine Strophe.
Erst Snorri gibt Höðr ein Gesicht, und es ist ein merkwürdig verschlossenes. In der Gylfaginning, Kapitel 28, heißt es knapp: „Hann er blindr. Ærit er hann sterkr, en vilja mundu goðin, at þenna ás þyrfti eigi at nefna.“ Er ist blind. Er ist sehr stark, aber die Götter wünschten wohl, man müsste diesen Asen nicht nennen; denn das Werk seiner Hände werde lange im Gedächtnis von Göttern und Menschen bleiben. Kein Wohnsitz, keine Gattin, kein Attribut: Wo Snorri bei anderen Asen eine Halle oder Zuständigkeit nennt, nennt er bei Höðr eine Schuld, die noch gar nicht erzählt ist.
Die Tat selbst steht in Kapitel 49. Frigg hat allen Dingen den Eid abgenommen, Balder zu schonen, und die Götter machen ein Spiel daraus, auf ihn zu werfen und zu schießen. Loki erfährt in Frauengestalt von Frigg, dass westlich von Walhall ein Trieb wächst, Mistelzweig genannt, der ihr zu jung zum Schwören erschien. Er reißt ihn aus und geht zur Versammlung.
Dort steht Höðr außen am Ring der Männer, „denn er war blind“. Loki fragt ihn, warum er nicht mitschieße. Höðr antwortet, er sehe nicht, wo Balder stehe, und habe auch keine Waffe. Loki sagt, er solle es wie die anderen machen und Balder Ehre erweisen; er werde ihm zeigen, wohin. Höðr nimmt den Mistelzweig und schießt „at tilvísun Loka“, nach Lokis Anweisung. Der Zweig durchbohrt Balder, er fällt tot zu Boden. Snorri nennt das das größte Unglück, das Götter und Menschen je traf.
Danach wird der Täter nicht bestraft. Die Götter wollen Rache, aber der Ort ist eine heilige Freistätte, ein griðastaðr, an dem kein Blut vergossen werden darf. Es folgen Hermóðrs Ritt zu Hel, die Verbrennung auf dem Schiff Hringhorni, auf dem auch Nanna ihr Ende findet, und die Weltträne. Höðr verschwindet aus der Erzählung. Wie er stirbt, erzählt Snorri in der Gylfaginning nicht.
Snorris Fassung verteilt die Schuld auf zwei Personen. Höðr führt den Schuss aus, Loki plant ihn. Das Altnordische kennt dafür eigene Wörter: handbani ist, durch wessen Hand jemand stirbt, ráðbani, auf wessen Plan hin. Snorri gebraucht sie für Balders Tod nicht; dass seine Erzählung dieses Muster abbildet, ist eine moderne Beobachtung.
Wie alt Lokis Rolle ist, ist umstritten. In der Völuspá und in den Baldrs draumar kommt Loki als Anstifter nicht vor; die Völuspá zeigt ihn erst danach gefesselt. Das einzige Lied, in dem Loki selbst sich die Schuld zuschreibt, ist die Lokasenna: In Strophe 28 prahlt er gegenüber Frigg, er sei schuld daran, dass sie Balder nicht mehr heimreiten sehe. Höðr erwähnt er dabei nicht. Ob Snorri hier ältere Überlieferung bewahrt oder selbst ausgestaltet hat, lässt sich nicht entscheiden.
Der Religionshistoriker Jens Peter Schjødt hat 1981 auf einen Punkt hingewiesen, den man leicht übersieht: In Snorris Fassung wissen nur Frigg und Loki, dass die Mistel nicht geschworen hat. Jeder sehende Gott hätte denselben Zweig ebenso arglos werfen können. Die Blindheit macht Höðr also nicht erst ahnungslos, sie macht ihn lenkbar. Loki braucht jemanden, der nicht sieht, wohin er zielt, und der deshalb auf eine Hand angewiesen ist, die ihn führt.
Warum muss ein neuer Sohn geboren werden, damit Balder gerächt wird? Eine verbreitete Antwort verweist auf die Regeln der Fehde: Wer einen Verwandten tötet, kann von der eigenen Sippe kaum getötet werden, ohne dass sie erneut eigenes Blut vergießt. John Lindow hat in einer Studie über Mord und Rache unter den Göttern (1997) beschrieben, wie dieses Dilemma die Erzählung prägt.
Die Lösung ist ein Kind, das nur für diesen Zweck gezeugt wird. Váli, Odins Sohn mit Rindr, die Snorri zu den Göttinnen zählt und Saxo zur Tochter eines Ruthenerkönigs macht, ist einnächtig, als er Höðr tötet. Er hat keine eigene Geschichte: Er kommt zur Welt und rächt. Snorri stellt ihn in Kapitel 30 der Gylfaginning nur kurz vor: kühn in Kämpfen und ein sehr glücklicher Schütze, mjök happskeytr. Die Rache selbst erzählt Snorri dort nicht aus. Mehr zu Váli und seinem Bruder Víðarr steht im Beitrag Vidar und Vali.
Dass Váli Höðr tötet, steht also in drei Formen: als Umschreibung in der Völuspá („bringt Balders Gegner auf den Scheiterhaufen“), als Prophezeiung in den Baldrs draumar und als Kenning bei Snorri, der Váli unter anderem „Feind und Töter Höðrs“ nennt. Eine ausgeführte Szene mit Waffe und Hergang gibt es in keiner isländischen Quelle.
Eine Kenning ist eine dichterische Umschreibung, etwa „Ross des Meeres“ für ein Schiff. In den Skáldskaparmál stellt Snorri solche Umschreibungen als Handwerkszeug für Dichter zusammen. Für Höðr nennt er sechs: der blinde Ase (blindi áss), Balders Töter (Baldrs bani), Schleuderer oder Schütze der Mistel (skjótandi mistilteins), Odins Sohn, Hels Gefährte (Heljar sinni) und Vális Feind (Vála dólgr).
„Hels Gefährte“ setzt voraus, dass Höðr nach seinem Tod im Totenreich weilt, „Vális Feind“ die Rache, die Snorri nirgends erzählt. Er wusste offenbar mehr, als er ausbreitete. Allerdings ist keine dieser Kenningar in erhaltener Skaldendichtung belegt. Wir wissen also nicht, ob Dichter sie wirklich benutzten oder ob Snorri sie aus seiner Kenntnis der Geschichte selbst bildete.
Umgekehrt taucht der Name Höðr in der Skaldik in einem ganz anderen Zusammenhang auf: in Kriegerkenningar wie „Höðr der Brünne“ oder „Höðr des Kampfes“. Dort steht der Göttername für einen Krieger schlechthin. Manche Forscher sehen darin einen Hinweis, dass Dichter einen kämpferischen Höðr kannten, der eher Saxos Hotherus glich als Snorris blindem Asen. Andere halten dagegen, dass Götternamen in Kenningar ohnehin locker und austauschbar verwendet wurden. Beides ist vertretbar; ein Beweis ist keines.
Die überraschendste Wendung steht am Ende der Völuspá. Nach dem Weltbrand von Ragnarök taucht eine neue, grüne Erde aus dem Meer auf, und die Seherin sieht: „Munu ósánir akrar vaxa, böls mun alls batna, Baldr mun koma; búa þeir Höðr ok Baldr Hrofts sigtoftir.“ Ungesät werden die Äcker wachsen, alles Übel wird besser, Balder wird kommen; Höðr und Balder bewohnen Hropts Siegesstätten. Hroptr ist ein Beiname Odins.
Snorri schmückt das in Kapitel 53 der Gylfaginning aus: Balder und Höðr kommen von Hel, setzen sich zu den überlebenden Göttern und sprechen über alte Dinge. Von Groll ist keine Rede. Der Beitrag Nach Ragnarök beschreibt diese neue Welt ausführlicher.
Nicht alle Quellen stimmen hier überein. Im Vafþrúðnismál zählt der Riese Vafþrúðnir die Götter der neuen Welt auf: Víðarr und Váli, dazu Thors Söhne Móði und Magni. Balder und Höðr fehlen. Ob das Lied sie nicht kannte oder ausließ, ist offen; ebenso, ob ihre Rückkehr alt ist oder von christlichen Bildern der Versöhnung berührt wurde. Eine Briefmarke, die das Store norske leksikon erwähnt, zeigt Balder, der den blinden Höðr führt, als Bild der Versöhnung. Das ist eine moderne Lesart.
Saxo Grammaticus behandelt die alten Götter als Menschen mit Zauberkräften, die sich für Götter ausgeben ließen; diese Methode heißt Euhemerismus, nach dem griechischen Autor Euhemeros. Hotherus ist bei ihm ein Sterblicher: Sohn des Königs Hodbroddus, aufgezogen von König Gevarus. Er übertrifft alle im Schwimmen und Bogenschießen und spielt so meisterhaft, dass er die Gemüter der Menschen lenken kann. Gevarus' Tochter Nanna liebt ihn.
Balderus, Sohn des Othinus, sieht Nanna beim Baden und will den Rivalen beseitigen. Hotherus verirrt sich im Nebel zu Waldjungfrauen, die das Kriegsglück lenken. Sie warnen ihn, Balderus sei ein Halbgott, heimlich aus himmlischem Samen gezeugt; Oliver Elton übersetzt „a demigod, sprung secretly from celestial seed“. Gevarus weiß Rat: Gegen Eisen sei Balderus gefeit, doch der Waldgeist Mimingus, im Latein ein satyrus, besitze ein Schwert, das ihn töten könne, dazu einen Armreif, der Reichtum mehrt. Hotherus lauert ihm viele Nächte auf, überwältigt ihn und erhält beides als Lösegeld. Die Waffe ist hier also ein Schwert, keine Pflanze; warum Schwerter in der Sagenliteratur so oft eigene Schicksale tragen, erklärt der Beitrag zum Wikingerschwert.
Nanna weist Balderus ab: Ein Gott könne keine Sterbliche heiraten. In einer Seeschlacht kämpfen Othinus, Thor und die übrigen Götter für Balderus; Thor zerschmettert jeden Schild, bis Hotherus den Schaft seiner Keule durchhaut. Die Götter fliehen, Hotherus heiratet Nanna. Später siegt Balderus zu Lande, doch Trugbilder in Nannas Gestalt zehren ihn aus, bis er sich fahren lassen muss. Hotherus wird König der Dänen und Schweden, unterliegt aber und zieht sich lebensmüde in die Einsamkeit zurück.
Dort zeigen ihm die Waldjungfrauen, dass Balderus seine Kraft aus einer Speise bezieht, in die drei Frauen Gift aus dem Maul dreier Schlangen mischen. Als Lautenspieler verkleidet gelangt Hotherus ins Lager, erhält zwar nicht die Speise, wohl aber einen Gürtel, der den Sieg verbürgt. Auf dem Rückweg stößt er Balderus das Schwert in die Seite. Im Traum erscheint dem Verwundeten Proserpina, Saxos lateinischer Name für die Herrin der Toten, und drei Tage später stirbt er.
Die Rache folgt dem Muster der Edda. Ein Finne namens Rostiophus weissagt Othinus, Rinda, die Tochter des Ruthenerkönigs, werde den Rächer gebären. Othinus wirbt in mehreren Verkleidungen um sie und bemächtigt sich ihrer zuletzt durch List und Gewalt. Ihr Sohn Bous zieht gegen Hotherus, der seinen Tod ahnt und seinen Sohn Roricus als Erben bestimmt. Hotherus fällt, Bous stirbt am Tag darauf an seinen Wunden. Von einem Kind, das eine Nacht alt ist, steht bei Saxo nichts.
Bei Snorri ein blinder Gott, eine Pflanze, ein gelenkter Schuss, ein Rächer von einer Nacht; bei Saxo ein sehender Held, ein Zauberschwert, ein Liebeskrieg über Jahre, ein erwachsener Rächer. Gemeinsam bleibt das Gerüst: Balder stirbt durch Höðr, Odin zeugt mit Rind einen Rächer, der Höðr tötet.
Welche Fassung den älteren Mythos bewahrt, ist lange umstritten gewesen. Die meisten neueren Darstellungen sehen in Saxos Erzählung eher eine Umformung, die er in seine Königsreihe einpasste. Daneben steht das lateinische Chronicon Lethrense, die Chronik von Lejre aus dem späten 12. Jahrhundert: Nach den Angaben, die mir vorliegen, tötet dort Both, ein Sohn des Othen, den Hother in der Schlacht. Den Text habe ich nicht im Original gelesen; er deutet aber auf eine dänische Überlieferung, die nicht bloß auf Saxo zurückgeht.
Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Beide Fassungen schrieben Christen des 12. und 13. Jahrhunderts nieder, und keine ist ein unmittelbarer Blick in die vorchristliche Religion.
Alles in diesem Abschnitt sind Thesen der Forschung, keine Befunde.
Die christliche These. Der norwegische Philologe Sophus Bugge vertrat ab 1881 in seinen Studien zur Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen die Ansicht, die Balder-Erzählung sei in wesentlichen Zügen von christlichen Legenden geprägt. Balder erinnere an Christus, und Höðr habe Züge des blinden Longinus erhalten, jenes römischen Soldaten, der der Legende nach Jesus am Kreuz mit der Lanze durchstach, nachdem man ihm die Richtung gewiesen hatte. Schon zeitgenössische Rezensenten folgten ihm nur teilweise. Die Blindheit des Longinus ist in der Legende erst nach dem 10. Jahrhundert greifbar, für Snorri also verfügbar. Weil die Blindheit nur bei ihm steht, bleibt die These für seine Fassung bedenkenswert; als Erklärung des ganzen Mythos gilt sie heute nicht mehr.
Die Werkzeug-These. Viele neuere Darstellungen lesen die Blindheit erzählerisch: Ein Blinder braucht eine führende Hand, die Schuld wandert vom Täter zum Plan. Maria Kallestrup Laursen nennt ihn in einer dänischen Studie von 2008 eher ein Werkzeug des Schicksals als einen Schicksalsgott. Sharon Choe hat 2021 in der Zeitschrift Mirator die Blindheit Höðrs als Behinderung untersucht und mit den Machtverhältnissen im Island des 13. Jahrhunderts in Beziehung gesetzt; ihren Aufsatz kenne ich nur aus der Zusammenfassung.
Die vergleichende These. Der französische Religionswissenschaftler Georges Dumézil stellte Höðr in eine indoeuropäische Reihe und verglich ihn mit Bhaga, einem blinden Gott des vedischen Indien, sowie mit dem blinden König Dhṛtarāṣṭra im Epos Mahābhārata. Solche Strukturvergleiche sind anregend, aber kaum zu prüfen.
Opfer und Ritual. Die Völuspá nennt Balder blóðgum tívur, den „blutigen Gott“, und Simrock machte daraus „das blühende Opfer“. Manche Forscher lesen Balders Tod daher als Spiegel eines rituellen Opfers, in dem Höðr der Opfernde wäre, den seine Blindheit von Schuld entlastet. Für ein solches Ritual gibt es keinen direkten Beleg. Ältere naturmythologische Deutungen des 19. Jahrhunderts, die in Balder das Licht oder den Sommer und in Höðr Dunkelheit oder Winter sahen, gelten heute als überholt; die Quellen bieten dafür keinen Anhalt.
War Höðr böse? In den isländischen Quellen nicht: Snorri lässt ihn ahnungslos nach Lokis Anweisung handeln. Bei Saxo tötet Hotherus bewusst einen Rivalen, ist aber der Held, auf dessen Seite die Waldjungfrauen stehen.
Wer hat Höðr getötet? In der Edda Váli, der Sohn Odins und Rinds, als er eine Nacht alt war. Bei Saxo erschlägt ihn Bous, ebenfalls ein Sohn Othins und Rindas, in einer Schlacht; Bous stirbt am Tag darauf an seinen Wunden.
Warum ist Höðr blind? Das sagt keine Quelle. Belegt ist die Blindheit nur bei Snorri. Ob sie alt ist oder von Snorri betont wurde, ob sie aus christlichen Legenden stammt oder vor allem erzählerisch nötig ist, damit Loki ihn führen kann, ist eine Frage der Deutung.
Kehrt Höðr nach Ragnarök zurück? Laut Völuspá und Snorri ja: Höðr und Balder wohnen gemeinsam in der neuen Welt. Das Vafþrúðnismál nennt die beiden unter den Überlebenden dagegen nicht.
Wie spricht man den Namen aus? Das ð klingt wie das th im englischen „this“. Im Deutschen sind Hödur, Hödr und Höder üblich.

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