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Ubba, Ubbe, Hubba: der Wikingerführer, den man fast nur aus zweiter Hand kennt

Geschichte & Funde Ubba, Ubbe, Hubba: der Wikingerführer, den man fast nur aus zweiter Hand kennt

Ubba (auch Ubbe, Hubba) gilt als Bruder Ivars des Knochenlosen und Halfdans und als Anführer des Großen Heidnischen Heeres. In den ältesten englischen Chroniken kommt sein Name nicht vor. Dieser Beitrag geht die Quellen nach Alter und Aussagekraft durch, trennt Gesichertes von Vermutung und Legende, erklärt, warum der Tod bei Cynwit 878 nur eine Gleichsetzung ist, stellt die Frage nach dem „dux der Friesen“ und sagt ehrlich, wo es einen Bezug zu Friesland gibt und wo keinen zum Rheinland.

Ein Name, viele Spuren, wenig Mensch

Von Ubba gibt es keine Münze, keine Runeninschrift, keinen Grabfund und kein Gedicht, das zu seinen Lebzeiten entstand. Wir haben Namen in Texten, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach seiner Zeit geschrieben wurden. Das ist bei den Wikingeranführern des 9. Jahrhunderts nichts Ungewöhnliches, aber bei ihm besonders extrem. Wer ihn porträtieren will, schreibt zwangsläufig über die Quellen mehr als über den Mann.

Der Name begegnet in mehreren Formen. Die Forschung schreibt meist Ubba, die altnordische Form wäre Ubbi, im Englischen steht in Abbos Text Hubba, später auch Ubbo und Ubbe. Geburtsjahr und Herkunft kennt niemand; wenn Nachschlagewerke „um 820 bis 830“ nennen, ist das eine Rückrechnung, kein Beleg. Als gesichert darf gelten, dass im 9. Jahrhundert ein Anführer dieses Namens im Umfeld des Großen Heeres genannt wurde. Alles Weitere hängt davon ab, welcher Quelle man glaubt.

Das Große Heidnische Heer ist der moderne Ausdruck für den Verband, den die Angelsächsische Chronik schlicht micel here, „großes Heer“, nennt. Er landete 865 in East Anglia und blieb dreizehn Jahre. Nach dem, was die Forschung heute annimmt, war er kein einheitliches Heer unter einem König, sondern ein Bündnis mehrerer Kriegerverbände aus Skandinavien, von den Britischen Inseln und aus dem Frankenreich. Den Gesamtverlauf erzählen die Beiträge zum Großen Heer und zu Ragnars Söhnen; hier geht es um den einen Mann, der in dieser Geschichte am schwersten zu fassen ist.

Die Quellenlage: wer schreibt wann

Zuerst das Negative. Die Angelsächsische Chronik, die für die Jahre 865 bis 878 die wichtigste Erzählung liefert, nennt Ubba in ihren ursprünglichen Einträgen nicht. Zu 878 spricht sie von einem namenlosen „Bruder Ivars und Halfdans“. Das schreibt sie so; ein zeitgenössischer Name steht nicht dabei. Der Forscher Stephen Lewis, dessen Aufsatz von 2016 ich in Auszügen las, zitiert dazu die Bemerkung von Patrick Wormald, die Formulierung „Inwæres Bruder und Halfdans“ sei „gewiss eine seltsame Wendung“.

Die Namen kommen später und aus drei verschiedenen Richtungen.

Erstens die Heiligenlegende. Abbo von Fleury, ein Gelehrter aus Westfrankreich, schrieb seine Passio Sancti Eadmundi, die Leidensgeschichte des ostanglischen Königs Edmund, zwischen 985 und 987 als Gast im Kloster Ramsey. Es ist die früheste Quelle, die „Hubba“ nennt. Abbo gibt an, die Geschichte stamme von Erzbischof Dunstan, der sie als junger Mann von Edmunds Waffenträger gehört haben wolle; das berichtet Lewis, ich konnte Abbos Latein nicht selbst nachprüfen. Kurz danach schrieb Ælfric von Eynsham eine altenglische Fassung, der Oxford einen Kursauszug mit dem Originaltext widmet; ich habe die Zeilen mit Hubba dort gelesen. Um das Jahr 1000 nennt auch Byrhtferths Leben des heiligen Oswald „Huba und Hinuuar“ als Anführer, so Lewis.

Zweitens nordenglische Texte. Die Historia de sancto Cuthberto (Geschichte vom heiligen Cuthbert, wohl 10. oder 11. Jahrhundert) enthält den Satz Nam Ubba dux Fresciorum cum magno Danorum exercitu in regnum eius uenit, „denn Ubba, Anführer der Friesen, kam mit einem großen Heer der Dänen in sein Reich“. Die Annales Lindisfarnenses et Dunelmenses vom frühen 12. Jahrhundert wiederholen den „dux Fresonum“. Beides nach Lewis. Das Wort dux bedeutet Heerführer oder Herzog, Frescii oder Fresones sind die Friesen.

Drittens die Chronistik des 12. Jahrhunderts. Die Annals of St Neots (frühes 12. Jahrhundert, die Datierung schwankt; ein Annalenwerk, das mit dem Kloster St Neots in Verbindung gebracht wird) bringen Hubba und Hingwar mit einem „Lodbrok“ in Verbindung, dessen Töchter das Rabenbanner gewebt haben sollen. Geffrei Gaimar, ein anglonormannischer Dichter, setzt in seiner Estoire des Engleis (um 1140) den Tod bei Cynwit mit Ubbe gleich. Die spätere englische Geschichtsschreibung übernahm das und baute es aus.

Die skandinavischen Quellen schweigen weitgehend. Nach Wikipedia nennt Ragnars saga loðbrókar keinen Sohn Ubba; die Ragnarssona þáttr (um 1300) führt Ubba an zweiter Stelle nach Ivar auf, ohne dass er dort etwas tut. Saxo Grammaticus kennt nach derselben Quelle einen „Ubbe“, Sohn Ragnars, der sich gegen den Vater auflehnt, ohne jede Verbindung nach England. Das alles ist jünger als die Ereignisse um 300 bis 450 Jahre. Zur Gattung: Isländersagas.

Faustregel: Je weiter ein Text von 878 entfernt ist, desto genauer weiß er Bescheid. Das ist Erzählbedürfnis, kein besseres Wissen.

Chronologie: was sich sagen lässt

Was die Chronik allgemein berichtet, ist gut bezeugt. Wo Ubba hineinpasst, ist Deutung.

865: Das Große Heer landet in East Anglia, wird mit Pferden versorgt und zieht nach Norden. Die Chronik nennt keinen Anführer. Der englische Chronist Æthelweard (10. Jahrhundert) führt „Inwær“, also Ivar, als Kopf der Unternehmung an. Lewis schließt sich Frank Stenton an, der Ivar für den ursprünglichen Anführer hält. Ubba kommt in diesen frühen Texten nicht vor.

866/867: York fällt. In Northumbrien tobt ein Thronstreit zwischen Osberht und Ælla; beide Könige fallen beim Versuch, die Stadt zurückzuerobern. Hier setzen die nordenglischen Texte Ubba ein: Nach der Historia de sancto Cuthberto kam er am Palmsonntag nach York und schlug die Northumbrier; die Lindisfarne-Annalen sagen, er habe „fast das gesamte Volk der Northumbrier“ erschlagen. Lewis hält die Cuthbert-Stelle im Kern für glaubwürdig und schließt daraus: Ubba kam wohl im Frühjahr 867, nicht schon 865, mit einem eigenen Verband von „Dänen“.

867 bis 869: Das Heer liegt in Nottingham und kehrt nach York zurück. Gaimar erwähnt Ubba in Nottingham; wie belastbar das ist, bleibt offen (Gaimar ist ein Dichter des 12. Jahrhunderts).

869/870: Das Heer überwintert in Thetford in East Anglia. König Edmund fällt, die Chronik datiert es zu 870, wohl war es Spätjahr 869. Der Chronik-Text nennt in der älteren Fassung keine Täter. Die jüngere Handschrift F (12. Jahrhundert) nennt Ingware und Ubba, laut Wikipedia. Abbo nennt nur Hinguar und lässt Hubba in Northumbrien zurück (siehe unten).

870 bis 874: Reading, London, das Winterlager in Torksey und schließlich Repton. Ivar verschwindet aus den englischen Quellen. Æthelweard sagt, er sei im selben Jahr wie Edmund gestorben; ob er mit dem Dubliner König Ímar gleichzusetzen ist, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Ubba fehlt in den Chronikberichten über die Kämpfe von 871. Dort erscheinen die „Könige“ Bagsecg und Halfdan.

874: Das Heer teilt sich. Halfdan geht nach Northumbrien, Guthrum mit zwei weiteren Anführern nach Cambridge. Mehr zu dieser Teilung bei Halfdan Ragnarsson und Guthrum.

875 bis 878: Wareham, Exeter, ein von den Heeren gebrochener Vertrag mit Alfred; im Januar 878 überfällt Guthrum Chippenham, ein namenloser Bruder Ivars und Halfdans fällt in Devon, im Mai besiegt Alfred Guthrum bei Edington.

Zwischen etwa 869 und 878 ist Ubba in den englischen Texten also unsichtbar. Entweder verließ er England, oder die Quellen führen ihn nicht, oder er steht unter anderem Namen da. Genau hier setzen die Gleichsetzungen an.

Abbo und Edmund: was in der Passio wirklich steht

In populären Darstellungen gilt Ubba als Mörder König Edmunds. Das stimmt nach Abbo nicht. In der Passio sind es Hinguar und sein Heer; Hubba taucht in der Landung auf und bleibt dann in Northumbrien. So steht es auch bei Ælfric, dessen altenglischen Text ich im Original gelesen habe. Die entscheidenden Sätze lauten in eigener Übersetzung:

„Auf jener Flotte waren die obersten Anführer, Hinguar und Hubba, vom Teufel zusammengeschweißt, und sie gingen im Land der Northumbrier an Land … Da wandte sich Hinguar mit seinen Schiffen nach Osten, und Hubba blieb im Land der Northumbrier zurück, nachdem er den Sieg mit Grausamkeit errungen hatte.“Ælfric von Eynsham, Leben des heiligen Edmund (um 990er-Jahre, folgt Abbos Passio), altenglischer Text, Zeilen 149 und 152 nach der Zählung der Oxforder Kursunterlage; Originaltext selbst gelesen, die Zeilen stehen nicht unmittelbar nebeneinander, dazwischen ausgelassen; deutsche Fassung eigene Übersetzung aus der gemeinfreien Vorlage

Es ist die älteste erzählende Stelle zu Hubba, und seine Rolle bleibt klein: Mitanführer der Flotte, grausam, und er bleibt zurück. Ob Hubba damit Northumbrien als Statthalter hielt oder nur erklärt wird, warum er beim Martyrium fehlt, sagt der Text nicht. Abbo nennt selbst eine Kette (Dunstan, Waffenträger, Augenzeuge). Lewis zitiert Wormald, der solche Überlieferung für „von ziemlich hoher Ordnung“ hielt, und erwähnt zugleich, dass andere an Byrhtferths Verlässlichkeit zweifeln.

Späteren Legenden war das zu wenig. Die Liber de infantia sancti Eadmundi (12. Jahrhundert) verbindet erstmals Lodbroks Söhne Ivar, Ubba und Björn mit Edmunds Tod, die Chronik-Handschrift F nennt Ubba als einen der Täter, und in der Ragnarssona þáttr sind es nach Wikipedia „Yngvar und Husto“, uneheliche Brüder Ivars, die Edmund quälen. Zwischen Hubba und „Husto“ liegt vermutlich nur eine verschliffene Namensform. Auch Legenden um englische Klöster, etwa die der Äbtissin Æbbe von Coldingham, ziehen Ubba heran; sie sind spät. Archäologisch belegt ist von allen Klosterzerstörungen nach Wikipedia einzig die Beschädigung von St Wystan in Repton; für Medeshamstede (Peterborough) nennen die Chronik-Handschrift E und Hugh Candidus um 1160 Ivar und Ubba als Zerstörer, was sich nicht bestätigen lässt.

Macht und Kriegführung: was man über den Anführer Ubba sagen kann

Wenig, und auch das nur über den Rahmen. Ein Heerführer des 9. Jahrhunderts war kein König mit Hofstaat, sondern jemand, der Gefolgsleute durch Beute, Verträge und Ruf bei sich hielt. Das Große Heer lebte in Winterlagern, die an Flüssen lagen: York 866/67, Nottingham 867/68, Thetford 869/70, Reading 870/71, London 871/72, Torksey 872/73, Repton 873/74. Im Sommer zog man los, im Winter ließ man sich Pferde und Silber bringen. In Torksey und Repton hat die Archäologie diese Lager im Boden gefunden; mehr dazu im Beitrag Das Große Heer.

Was Ubba innerhalb dieses Gefüges war, sagen die Quellen unterschiedlich: Anführer eines eigenen Verbands (Cuthbert-Text), Mit-Anführer Ivars (Abbo), in der Hierarchie nicht erkennbar (Chronik). Die Bezeichnung „dux“, nicht „rex“, fällt auf: Die Chronik nennt von den Anführern 871 nur Bagsecg und Halfdan „Könige“, und Ubba ist beide Male nicht dabei. Ob das eine tatsächlich niedrigere Stellung spiegelt, ist eine plausible Annahme, mehr nicht.

Der einzige Kampf, den man mit Ubba verbindet, ist Cynwit (gleich unten): Landung mit 23 Schiffen, Angriff auf eine Festung, die man für schlecht versorgt hielt, Ausfall der Belagerten im Morgengrauen, so erzählt es Asser. Zum Schiffbau siehe die Langschiffe.

Was gesichert ist

  • Die Angelsächsische Chronik meldet zu 878, ein Bruder Ivars und Halfdans sei mit 23 Schiffen in Devon gewesen und dort mit 840 Mann gefallen; sie nennt ihn nicht beim Namen.
  • Abbos Passio Sancti Eadmundi (985 bis 987) ist die früheste Quelle, die „Hubba“ nennt; sie lässt ihn in Northumbrien zurück, als Hinguar nach East Anglia segelt.
  • Nordenglische Texte (Cuthbert-Tradition, Lindisfarne-Annalen) nennen Ubba „dux der Friesen“ und verbinden ihn mit dem Fall Northumbriens um 867.
  • Asser (um 893) beschreibt den Kampf bei Cynuit: Ein Heer kam aus Dyfed, die Belagerten fielen im Morgengrauen aus, der Anführer blieb auf dem Platz.
  • Die Gleichsetzung des Gefallenen von 878 mit Ubba erscheint erst bei Gaimar um 1140.

Cynwit 878: ein namenloser Bruder und ein Hügel

Die Lage im Winter 877/78 war für Wessex düster. Guthrum hatte Chippenham überrumpelt, König Alfred hielt sich in den Mooren von Somerset auf. In diese Lage fällt ein Nebenkriegsschauplatz im Südwesten. Die Chronik sagt in der englischen Übertragung von 1915, die ich las: Im Winter sei „der Bruder Inwars und Halfdenes“ in Wessex, in Devonshire, gewesen, mit dreiundzwanzig Schiffen, und dort sei er erschlagen worden, mit 840 seiner Männer; dazu sei das Banner erbeutet worden, das man „Rabe“ nenne.

Asser, der Hofgelehrte Alfreds aus Wales, schreibt um 893 ausführlicher. Er bringt das Heer aus dem Land Dyfed im äußersten Südwesten von Wales, wo es überwintert habe, nach Devon, vor die Festung Cynuit (Cynwit). Die Belagerten fielen im Morgengrauen überraschend aus, und der Anführer „wurde mit zwölfhundert anderen elend abgeschnitten“. Die Zahl weicht von der Chronik (840) ab. Æthelweard (10. Jahrhundert) nennt dazu nach einer Wiedergabe, die ich nur über eine Sekundärseite sah, dreißig Schiffe und den „Bruder Halfdans und des Tyrannen Inwær“; er nennt als Sieger Odda, den Ealdorman von Devon. Drei Texte, drei Zahlen: 23 Schiffe, 30 Schiffe, 840 oder 1200 Tote.

Wo lag Cynuit? Am häufigsten genannt wird Countisbury an der Nordküste Devons. Der English Place-Name Society hält Plummers Gleichsetzung für „wahrscheinlich richtig“; andere schlagen Kenwith Castle bei Bideford, Cannington bei Combwich am Parrett oder die Burghügelsiedlung bei Beaford vor. Der Heimatforscher Clifford argumentierte im Jahrbuch der Somerset-Gesellschaft für Cannington, weil Asser einen wasserlosen Gipfel beschreibe. Entschieden ist die Frage nicht.

Und der Name? Geffrei Gaimar nennt den gefallenen Anführer um 1140 „Ubbe“ und lässt ihn unter einem Hügel namens Ubbelawe („Ubbas Hügel“) begraben. Der Chronist John Brompton (14. Jahrhundert) kennt die Form „Ubbalowe“ in Devon, William Camden (um 1600) „Hubbaboro, tumulus Hubbae“; John Aubrey (gestorben 1697) vermerkt „Hubba's Low“. Das ist eine Kette von Texten, die einander kennen, deshalb ist das Ortsnamen-Argument schwach. Lewis hält es für möglich, dass Gaimar aus der Edmund-Legende kurzschloss: dort ein Ubba, hier ein Bruder Ivars, also derselbe. Gaimar war zudem Romandichter. Ein sicherer Beleg fehlt.

Für den Leser heißt das: Ubba fiel 878 in Devon ist eine mögliche, aber nur seit dem 12. Jahrhundert bezeugte Gleichsetzung. Die Chronik, Asser und Æthelweard kennen den Namen nicht. Dass der Mann Halfdans und Ivars Bruder genannt wird, bedeutet im Übrigen nur, dass der Chronist ihn über diese beiden einordnete.

Der Rabe Reafan: Banner, Magie und ihre Überlieferung

Zum Gefecht gehört das Banner. Die Chronik nennt es in der Übertragung, die ich las, ein Banner „das sie Rabe nennen“. Sie sagt nicht, es habe magische Kräfte gehabt. Das ergänzen später die Annals of St Neots: Drei Töchter Lodbroks hätten es gewebt und in einer einzigen Mittagsstunde fertiggestellt, illud uexillum tex'u'erunt et totum parauerunt illud uno meridiano tempore (so der lateinische Wortlaut, den ich in einem Wikipedia-Zitat sah). Habe das Heer gesiegt, sei in der Mitte ein lebendiger Rabe mit den Flügeln geflattert; sei der Ausgang eine Niederlage, habe er still gehangen. In einer englischen Asser-Ausgabe von 1848 (Giles) steht ein ähnlicher Zusatz mit den „drei Schwestern Hingwars und Hubbas“; ich sah ihn nur in einem Zitat. Ob dieser Absatz zum ursprünglichen Asser gehört oder aus den St-Neots-Annalen eingeschoben wurde, konnte ich nicht klären; er ist ausdrücklich zu prüfen.

Wichtig ist das Muster: Dieselbe Idee, ein Rabenbanner, das Sieg oder Niederlage vorhersagt, findet sich im Encomium Emmae für Knuts Heer bei Ashingdon 1016 und in der Orkneyinga saga für Sigurd den Dicken, der es 1014 bei Clontarf trug. Das Rabenmotiv verweist auf Odin und Hugin und Munin, als gemeinsame Kriegsflagge aller Skandinavier ist es nach der Forschung aber nicht bezeugt (siehe Rabe im Norden). Der Name Reafan ist also nicht mit Hubba verbunden, sondern mit einem Banner, das über die Jahrhunderte zu einer Sagenfigur wurde.

„Dux der Friesen“: wer war Ubba, woher kam er?

Der Titel dux Fresciorum öffnet eine Spur, die man kaum übersehen kann. Im 9. Jahrhundert vergaben Karolinger Küstengebiete in Friesland an dänische Anführer, damit diese die Küsten vor ihresgleichen schützten. Heriold erhielt 841 Walcheren, Rorik um 850 einen Teil Frieslands; so melden es nach Wikipedia die Annales Bertiniani und Fuldenses. Dass ein Verband mit friesischer Basis nach England ging, ist deshalb nicht abwegig.

Aber was heißt „dux der Friesen“? Drei Lesarten stehen zur Wahl.

Er war Friese. Diese Lesung ist die einfachste und die am wenigsten gestützte. Lewis zitiert Bremmer (1981), nach dem Ubba selbst kein Friese gewesen sein könne; seine Männer könnten sich in Friesland einen Namen gemacht haben.

Er führte Wikinger aus Friesland. Das ist die häufigste Annahme: Ubba als Anführer eines Verbands, der in Friesland lag und von dort kam. Die Historia de sancto Cuthberto nennt in einem späteren Satz außerdem „Ubba, dux der Friesen, und Healfdene, König der Dänen“ und spricht von „Scaldingi“. Ob dieses Wort „Leute von der Schelde“ bedeutet (so Steenstrup, Lappenberg, Storm, Woolf) oder von Skjöldungar/Scyldingas, dem dänischen Königsgeschlecht des Beowulf, ableiten ist (Plummer, Stevenson, Collingwood und andere), ist Gegenstand einer eigenen Debatte. Lewis neigt der Scheldelesung zu.

Er ist ein Mann, den die Frankenquellen anders nennen. Hier liegt Lewis' Vorschlag in der Saga-Book-Ausgabe 40 (2016): Ubba könnte der Wikinger Rodulf (Rodolf) sein, der 873 in Nordfriesland fiel, als er von den Friesen Tribut verlangte; die Fuldaer Annalen berichten das ausführlich, nach den Bertiner Annalen starb er mit mindestens 500 Gefolgsleuten, und die Xantener Annalen kommentieren seinen Tod unfreundlich, obwohl er getauft war. Die Argumente: Rodulf fehlt in den fränkischen Quellen zwischen 865 und 871, als Ubba in England auftaucht, und taucht 872 in Friesland wieder auf, nachdem Ubba aus den englischen Texten verschwunden ist. Der Name Ubbi lasse sich als Kurzform von Úlfr verstehen, der seinerseits Kurzform von Hróðúlfr sei; die Knýtlinga saga sage, Úlfr sei „Ubbi genannt“ worden; die Roskilder Chronik führe „Ulf“ und „Ubbi“ als Brüder auf. Lewis nennt sein Ergebnis selbst vorsichtig: ein Indizienbeweis, der strafrechtlich nicht genüge, zivilrechtlich eventuell. Er räumt ein, der Roskilder Kleriker könne beide als verschiedene Personen gemeint haben, dann falle die Gleichsetzung.

Die Hypothese ist ein Erklärungsversuch für eine Lücke, kein Fund; ich kenne Lewis' Aufsatz nur in einer Zusammenfassung.

Die Reihenfolge der Brüder und die Sagas

Wer in einer Serie oder einem Roman Ubba als jüngeren Bruder Ivars erlebt, hat eine Reihenfolge vor Augen, die in den Quellen bestenfalls spät auftaucht. Die Chronik sagt „Bruder Ivars und Halfdans“ ohne Altersrangfolge. Die Ragnarssona þáttr (um 1300) nennt vier Söhne Ragnars und Aslaugs: Ivar, Ubba, Hvitserk und Sigurd, und beschreibt Ivar als den ältesten und klügsten; Ubba hat dort keine Handlung, er wird nur aufgezählt. Das berichtet die Wikipedia-Darstellung des Textes, den Wortlaut habe ich nicht gesehen. In Ragnars saga loðbrókar fehlt Ubba nach der Zusammenfassung ganz; dort stehen Ivar, Björn, Hvitserk, Ragnvald und Sigurd Schlangenauge. Saxo macht aus Ubbe einen aufständischen Sohn Ragnars und nennt ihn zwischen Ivar und den übrigen. Zu Ragnar Lodbrok und Björn Eisenseite gibt es eigene Beiträge.

Man kann es nüchtern zusammenstellen. Gesichert ist, dass Ivar und Halfdan Brüder genannt werden (Chronik 878) und Quellen des 10. bis 12. Jahrhunderts Ubba mit Ivar verbinden. Plausibel ist, dass Ubba mit beiden verwandt oder verschworen war. Nicht belegt ist, dass alle Söhne eines Ragnar waren; Ragnar selbst ist als historische Person umstritten.

Regionaler Bezug: Friesland, die Nordsee und das Rheinland

Friesland: Hier gibt es einen Bezug in den Quellen, aber einen unsicheren. Der Titel „dux der Friesen“ in den nordenglischen Texten ist das einzige zeitnahe Argument, und er ist selbst zwei Jahrhunderte jünger als 867. Die Deutung von „Scaldingi“ als „Scheldeleute“ würde nach Walcheren weisen, die Gleichsetzung mit Rodulf nach Nordfriesland. Beides sind Forschungsmeinungen. Mehr zu Friesen und Dorestad.

Nordsee: Die Fahrt der 23 Schiffe von Dyfed nach Devon zeigt, wie das Heer die See als Straße nutzte; das ist Rahmen, kein Hubba-Beleg. Zu den Fahrten nach England siehe Englandfahrer und Wikinger in England.

Rheinland und Aachen: Kein belegter Bezug. Das Große Heer zog 879 von der Themse nach Gent und plünderte im Winter 881/82 Aachen, Köln, Bonn, Prüm und Trier; die Beiträge Das Große Heer auf dem Kontinent und Wikinger in Aachen geben die Quellen wieder. Ubba kommt in keiner dieser Quellen vor. Wenn er mit Rodulf gleichzusetzen wäre, wäre er 873 gefallen, lange vor Aachen. Die Behauptung, „Ubba habe das Rheinland heimgesucht“, ist deshalb nicht zu halten.

Nachleben: Hügel, Stein, Ortsnamen und Bildschirm

Hubba's Low. Das Wort low bedeutet in der Mundart „Grabhügel“. Der Hügel soll Ubbelawe oder Hubba's Low geheißen haben. Wo, ist umstritten: Brompton sagt nur „in Devon“, Clifford (Somerset) schlägt einen Rundhügel bei Stert vor und räumt selbst ein, er habe keinen Beleg gefunden, dass er je „Hubbalowe“ hieß. Westcote spottete im 17. Jahrhundert, so viele Orte in Devon beanspruchten die Schlacht, wie Griechenland die Geburt Homers.

Der Hubbastone in Appledore. Am Ufer der Torridge bei Appledore steht heute ein etwa 2,5 Tonnen schwerer Granitblock, der Hubbastone. Nach dem Bericht der North Devon Gazette wurde er aus Lundy-Granit als Millenniumsprojekt gestaltet, mit Langschiffen, Kriegern und dem Rabenbanner. Eine Gedenktafel am „Bloody Corner“ nennt den Ort, an dem „König Hubba der Däne“ begraben liegen soll. Das ist lokale Überlieferung. Ein Befund dazu, weder Grab noch Schlacht, wird in dem Bericht nicht genannt; die Ortsnamen Bloody Corner und Bonehill werden als Hinweis angeführt, ohne dass ihre Herkunft belegt wäre. Das Gedenken ist echt, ein Grab ist nicht belegt.

Hubberston. Der Ort bei Milford Haven in Pembrokeshire wird gern auf Hubba zurückgeführt. Das trifft nach der Wikipedia-Seite nicht zu: Der Name ist normannisch-französisch, erstmals im 13. Jahrhundert als Hobertiston und Villa Huberti belegt, und bedeutet „Huberts Gehöft“. Einen „Ubbelade“ habe ich nirgends gefunden.

Neuzeit. Ubba wurde schon im 18. Jahrhundert Nebenfigur englischer Alfred-Dichtungen. Die Serie Vikings (ab 2013) lässt Ubbe auftreten, The Last Kingdom (Roman 2004, Serie ab 2015) ebenfalls, und auch Assassin's Creed Valhalla verwendet den Namen. Was dort geschieht, ist Erfindung.

Mythos-Check

  • „Ubba erschlug König Edmund.“ Abbos Passio und Ælfric nennen Hinguar; Hubba bleibt in Northumbrien zurück. Erst die Chronik-Handschrift F (12. Jahrhundert) und spätere Legenden nennen Ubba als Täter.
  • „Ubba starb 878 bei Cynwit.“ Die Chronik und Asser nennen keinen Namen. Die Gleichsetzung stammt aus dem 12. Jahrhundert (Gaimar) und ist nicht unabhängig bestätigt.
  • „Das Rabenbanner Reafan war verzaubert.“ Die Chronik erwähnt nur ein Banner namens Rabe; die Geschichte von den drei webenden Schwestern und dem flatternden Raben steht erst in den St-Neots-Annalen.
  • „Hubberston ist nach Hubba benannt.“ Der Name ist normannisch und bedeutet „Huberts Gehöft“.
  • „Ubba liegt unter dem Hubbastone.“ Der Stein ist ein modernes Denkmal; ein Grab ist nicht nachgewiesen.
  • „Ubba war Friese.“ Die Quellen nennen ihn „dux der Friesen“; das heißt nicht, dass er einer war.
  • „Ubba war Ragnars Sohn.“ Das behaupten St Neots, Saxo und die Ragnarssona þáttr; die Chronik schweigt.

Was offen bleibt

Offen sind die Identität des Gefallenen von Cynwit, Ubbas Herkunft und seine Rolle im Heer, und das bleibt so, solange kein neuer Text oder Fund auftaucht. Münzen und Lager, die archäologisch gesichert sind, gehören anderen Anführern, vor allem Halfdan. Dass er Ragnars Sohn war, dass er Edmund ermordete, dass er in Devon liegt: Jede dieser Geschichten stammt aus einer anderen Textschicht, und keine reicht bis zu ihm selbst zurück.

Häufige Fragen

Wer war Ubba? Ein Anführer im Großen Heidnischen Heer des 9. Jahrhunderts, der in späteren Quellen als Bruder Ivars und Halfdans gilt. Seine Herkunft ist unbekannt; die nordenglischen Texte nennen ihn „dux der Friesen“.

Starb Ubba 878 in Devon? Möglicherweise. Die Chronik meldet den Tod eines namenlosen Bruders Ivars und Halfdans bei Cynwit; der Name Ubba kommt erst um 1140 bei Gaimar vor. Sicher ist die Gleichsetzung nicht.

War Ubba an Edmunds Tod beteiligt? Nach Abbo und Ælfric nicht; dort handelt Hinguar, Hubba bleibt in Northumbrien. Spätere Legenden machen Ubba zum Mittäter.

War Ubba Friese oder Däne? Das ist offen. Der Titel „dux der Friesen“ spricht für eine Basis in Friesland; ob er aus Skandinavien stammte, selbst Friese war oder mit dem Wikinger Rodulf gleichzusetzen ist, bleibt Forschungsfrage.

Was ist Reafan? Das Rabenbanner, das nach den St-Neots-Annalen Töchter Lodbroks gewebt haben sollen und das bei Cynwit erbeutet wurde. Die Chronik erwähnt nur ein Banner namens „Rabe“.

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